Die vier Lübecker Märtyrer und die Ökumene

von Martin Löwenstein SJ, Röm.-Katholischer Pfarrer am Kleinen Michel, Hamburg
Herbst 2011 in „Ökumene Aktuell“, Zeitschrift der ACK Hamburg

Mit den Lübecker Märtyrern zeigt Gott uns den einzigen Weg, auf dem die Ökumene in Deutschland Zukunft hat. Zumindest ist dies meine Überzeugung. Kurz: Ohne Märtyrer keine lebendige Zukunft der Ökumene. Diese These ist begründungsbedürftig.

Märtyrer sind Christen, die aus dem Glauben leben; sie geben damit Zeugnis für Christus. Nimmt man den ursprünglichen Wortsinn des biblischen Wortes "Märtyrer", dann sind sie "Zeugen". Nicht immer müssen sie dafür ihr Leben lassen. Nie bringen sie anderen Gewalt oder Tod, sonst wäre es kein Zeugnis für Christus. Die Abschiedsbriefe der vier Lübecker geben ein berührendes Zeugnis von dem Vertrauen, das Gott ihnen geschenkt hat, als es galt, Zeugnis abzulegen. Die vier Namen verbinden sich dabei mit vielen Namen von Christinnen und Christen, die in Deutschland und den besetzten Ländern Europas im Widerstand und in den Konzentrationslagern gemeinsam ihren Glauben gelebt und bezeugt haben.

Die beiden Gottesdienst zum Gedenken und zur Seligsprechung der Lübecker Märtyrer waren berührende Erlebnisse der Gemeinschaft von Lutheranern und Katholiken. Daher ist es schade, sollte davon wenig in den Gemeinden erlebt worden sein. Mein Eindruck war, dass im Vorfeld in den Gemeinden der nordelbischen Kirche das Ereignis nicht sehr bekannt war; selbst auf den Webseiten der Lübecker Gemeinden war noch kurz zuvor keine Information darüber zu finden. Das verweist vielleicht auf ein grundsätzliches Problem: Die Ökumene wird nicht wachsen und sich vertiefen, wenn es bei Gremien und Konsenspapieren bleibt, das dort Erreichte aber nicht im Glaubensleben der Gemeinden Widerhall findet.

Die Ökumene braucht Märtyrer heißt also heute: Wir brauchen gelebten, lebendigen, in der Heiligen Schrift verwurzelten und mutigen Glauben in unseren Gemeinden. Die vier Geistlichen haben damals in Lübeck über das gastfreundliche Haus eines bekennenden und mutigen Christen zu einander gefunden. Dort haben sie zusammen um ihren Glauben gerungen, haben sich zum Widerstand gegen die Tyrannei gestärkt und mit einander gebetet. So sind sie einander und für viele Menschen in Lübeck zu "Märtyrern", zu echten "Zeugen" für Christus geworden.

Beide in Deutschland, die lutherische und die römisch-katholische Kirche, sind in der Krise. Der Weg, den uns Gott durch die vier Lübecker zeigt, ist für mich eindeutig. Ökumene kann nur weiter gehen, wenn Menschen in unseren Gemeinden - und damit meine ich nicht primär die Hauptamtlichen - sich in ihrem Glauben befruchten, um die Botschaft des Evangeliums ringen und den Glaubensreichtum ihrer Kirchen mit einander teilen. Der kleinste gemeinsame Nenner führt nicht weiter. Das Glaubenszeugnis schon.