Predigt zum 7. Sonntag der Osterzeit Lesejahr C 2007

  • Ort: Universitätsgottesdienst St. Ignatius Frankfurt/Main
  • Datum: 20. Mai 2007
  • Bibelstelle: Offb - 22,12-14.16-17.20

1. Anything goes

"Anything goes". Diese Hoffnung hält sich wacker. Für viele ist es ein Lebensgefühl. Für andere ist es das Motto, um sich größeren Herausforderungen zu stellen. Alle aber wissen, dass der Satz - in seiner Absolutheit - nicht stimmt. Er kann nur eine Richtung angeben für die, die es sich zutrauen. Dass "Anything goes" für den weitaus größeren Teil der Menschheit mehr nach Zynismus klingt denn nach Hoffnung, dürfte Faktum sein.

Was alles geht, wird von der Phantasie bestimmt. Dieser sind keine Grenzen gesetzt. In professionellen Bildern wird uns vor Augen geführt, was die Hoffnung ist: Gesundheit, Freude, Erfolg, Glück. In großformatigen Plakaten wird uns gezeigt, wie der ideale Körper aussieht, in immer neuen Geschichten wird uns bebildert, was wahre Liebe und echtes Glück bedeuten. Und in den Variationen zwischen Kitsch, Romanze und Schmuddel kann sich jeder (und jede) Anregung holen, wie aufregend und erfüllend Beziehungen sein können.

"Oversexed and underfucked". Diese treffende Diagnose habe ich in einem psychologischen Fachbuch gefunden; seit März gibt es das auch als Titel einer Rock-CD (von Dorrn). Der aus Deutschland stammende englische Spruch bringt die Situation auf den Punkt. Überall und zu jeder Tages- (und Nacht-)zeit wird gezeigt, wie heiß die Liebe sein kann. Heißer jedenfalls, als in den durchschnittlichen Schlafzimmern. Und so bleibt die heiße Phantasie im Reich der Träume und der wohltemperierte Alltag durchschnittlich wie eh und je. Das Sinnbild einer frustrierenden Kultur, in der angeblich alles geht, deren Realität aber immer dahinter zurück bleibt.

2. Hoffnung auf Erfüllung

Diese Kultur ist ein Bastard des biblischen Glaubens. Es ist kein Zufall, dass sie sich auf dem Boden des "christlichen Abendlandes" entwickelt hat, denn der christliche Glaube ist zu allererst Verheißung. Denen im Dunkeln wird das Licht verheißen, denen im Todesschatten das Leben, und allen Menschen, dass sie hier - in dieser Welt - Gottes Gegenwart erfahren können, der unter uns Mensch wurde, damit wir Anteil haben an Gottes Leben.

Und doch ist es ein illegitimes Kind: Die populäre Kultur der allgegenwärtigen Verheißungen und der Idealbilder aus der Traumfabrik verschweigt nämlich, was mit der Verheißung verbunden ist, und verfälscht, worin die Verheißung besteht. "Der Geist und die Braut sagen: Komm! Wer durstig ist, der komme." Die Verheißung ist das Kommen Gottes. Der Geist der Kirche ruft nach dem Bräutigam: Komm! Und er sagt sein Kommen zu: jeder, der den Ruf hört, kann kommen und trinken vom "Wasser des Lebens".

Die Sätze stammen aus dem Schluss der Offenbarung, die dem Seher Johannes zuteil wurde. Das Buch der Offenbarung ist wie kein anderes im Neuen Testament ein Buch, das sich immer wieder dem Verstehen öffnet und verschließt. Es ist keineswegs ein Zahlen- und Bilderrätsel, als das es häufig missbraucht wird, um dieses oder jenes Detail der Geschichte zu deuten. Es offenbart vielmehr die ganze Geschichte des Menschen vor Gott und vor Christus, dem Lamm. Es ruft dazu auf, Gott entgegenzugehen und benennt dabei auch die Gewaltsamkeit der Gottesfeindschaft, aber ebenso auch die Erfüllung der Hoffnung derer, die glauben.

3. Die Braut und das Lamm

Die Kirche ist nicht sexy. Als Kirche Jesu Christi kann sie das nicht sein. Denn das Kreuz taugt nur als Mode-accessoire, wenn man das Symbol seiner Bedeutung beraubt. Es taugt nur für das, was als Thema das ganze Buch der Offenbarung wie ein roter Faden durchzieht: zum Zeugnis der Zeugen des Lammes, zum Zeugnis für den, der sich aus Liebe dahin gab und von Gott auf den himmlischen Thron erhoben wurde.

Dennoch ist die Kirche attraktiv. Dies aber in einem besonderen Sinn. Das "Kommt!", das Christus ruft und das "Komm!", das wir ihm zurufen, drückt diesen Sinn aus, nicht, weil es nett anzuschauen ist, sondern weil es den ganzen Menschen meint. Christus ruft uns dazu, uns ganz hinzugeben. Jeder von uns muss sich entscheiden, ob ihm die radikale Liebe attraktiv genug ist, um sich rufen zu lassen. Auf jeden Fall aber gilt der Ruf nicht nur irgend einer Äußerlichkeit. Wenn Stephanus als Zeuge sein Leben hingibt, dann ist das der Extremfall. Aber der Fall macht überdeutlich, dass Stephanus in der Beziehung zu Gott so das Zentrum seines Lebens hat, dass es ihm durch die Anfeindung, ja durch die Steinigung nicht genommen werden kann. Er will sein Leben hingeben, weil er liebt.

Die Verheißung dieser Hingabe ist das volle Leben. Die Erfüllung geschieht in dem Augenblick, in dem ich mich der Verheißung hingebe. "Wer will, empfange umsonst das Wasser des Lebens." Wer im Job Karriere machen will, möge sich darum bemühen. Vielleicht klappt es. Wer beim andern Geschlecht besser ankommen will, kann versuchen, ob Training in der Muckibude dabei hilft. Beide sollten aufpassen, dass sie nicht Idealen nachlaufen, die andere für sie vorproduziert haben. Auf jeden Fall unterwerfen sie sich einem harten Diktat, das erhebliche Vorleistungen fordert und keinen Erfolg garantiert. Das Leben, das Gott verheißt, versteht hingegen nur, wer weiß, wie Liebe verwandelt. Die "Tore zum himmlischen Jerusalem" stehen offen, das "Wasser des Lebens" gibt es gratis. Es braucht nur das Wollen, dass wir einstimmen in den Ruf der Braut, die ruft "Komm!". Amen.