Predigt zum Fest der hl. Familie (Lesejahr A) 2004

  • Ort: Universitätsgottesdienst St. Ignatius, Frankfurt
  • Datum: 26.12.2004
  • Bibelstelle: Kol - 03,12-21

1. Heile Familie
• Das deutsche Wort "heil" bedeutet "unversehrt" oder "vollständig". Die Heilige Familie ist keines von beiden. So feiern wir denn auch heute das Fest der Heiligen Familie, nicht das einer Heilen Familie. Denn diese Kleinfamilie war weder unversehrt noch vollständig.
• Das Fest der Heiligen Familie gehört zu den Neuerungen des 20. Jahrhunderts. Es wurde erst nach dem Ersten Weltkrieg eingeführt. Seit dem feiern wir es in der Kirche am Sonntag nach Weihnachten. Dem Fest stecken die Schrecken der letzten zwei Jahrhunderte in den Knochen. Die Industrialisierung der Wirtschaft und des Krieges hat nicht zuletzt die Familien hart getroffen. Die Familie war zwar nie die Heile Welt. In der Zeit der systematischen Vereinzelung aber könnte die Familie so etwas wie ein Lernort für Gemeinschaft sein.
• Das heutige Evangelium stellt klar, dass die Heilige Familie bereits das Schicksal Jesu teilt: Die Vertreibung nach Ägypten steht symbolisch für das Schicksal, das jede Familie und Gemeinschaft riskiert, die sich auf den Weg Jesu einlässt. Denn Jesu Weg führte ihn zu den Vertriebenen und Flüchtlingen.
Wir riskieren aber nicht nur das Schicksal Jesu, wir teilen auch seine Berufung: "Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen." Dies bezieht sich auf den Ruf der Befreiung Israels aus der Knechtschaft des Pharaos und den Weg durch die Wüste.

2. Heilige Familie
• "Heilig" ist etwas anderes als "heil", auch wenn die beiden Wörter eng verwandt sind. Heilig bedeutet nicht "unversehrt", sondern "Gott zugehörig". Heilig ist, was Gott zu seinem Eigentum angenommen hat. Heilig ist, wen Gott unter seinen Schutz genommen hat.
• Im Idealfall unserer Wünsche fallen "heil" und "heilig" zusammen. Wir bitten Gott darum, dass wir unversehrt bleiben mögen. Dies ist so legitim wie die Bitte Jesu im Garten Gethsemane, der Kelch möge an ihm vorüber gehen. Jesus aber fügt die Bitte aus dem Vater Unser daran an: "Dein Wille geschehe". Auf dem Weg Jesu ist die Heiligkeit wichtiger als die heile Unversehrtheit. Lieber einäugig oder mit nur einer Hand in das Reich Gottes als mit beiden Augen und beiden Händen die Gemeinschaft mit Gott verlieren (Mt 18,8).
• Die Rumpffamilie Jesu ist heilig, weil Gott sie als sein Eigentum angenommen hat. Joseph stellt Maria und das Kind unter Gottes Schutz, alle drei als Gottes Eigentum. Nicht dem König Herodes, sondern Gott ist diese Familie ausgeliefert. Diese Familie ist hineingetauft in die neue Gemeinschaft mit dem himmlischen Vater, die Jesus Christus schenkt.

3. Gottes Weg
• Die Heilige Familie nur als moralisches Beispiel ist eher platt. Als das Fest 1921 eingeführt wurde, stand sicher das moralische Vorbild im Vordergrund. Die heutigen Familie sollten sich ein Beispiel nehmen an der Familie, die man sich in Eintracht und Liebe verbunden in Nazareth vorstellte.
• Eine Familie mit diesem Schicksal taugt vielleicht wirklich auch als moralisches Vorbild. Ob es immer Eintracht und Liebe waren, sei dahingestellt. Ich bin mir aber sicher, dass Menschen die so stark von Gottes Führung geprägt waren wie Maria und Josef, auch in ihrem Verhalten ein Vorbild sind. Wichtiger aber als das Bild einer heilen Familie in Nazareth ist für mich, dass Jesus in eine Heilige Familie hinein geboren wurde, eine von Gott geführte Familie.
• Die Gemeinde in Kolossä spricht Paulus in der heutigen Lesung an: "Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen." Dieser Gruß gilt jeder kirchlichen Gemeinde. Denn heilig zu sein bedeutet zu aller erst, sich in die Gemeinschaft Gottes hinein nehmen zu lassen. Josef und Maria trauen den Boten Gottes. Darin sind sie Vorbild. An Pfingsten wird Maria mit den Aposteln das Kommen des Heiligen Geistes erwarten. Denn diese neue Familie, die Familie des Glaubens, garantiert uns kein heiles und unversehrtes Leben in unserer Geschichte. Aber sie bewahrt uns in dem, was das Heiligste und Wertvollste ist: Die Gemeinschaft mit Gott, dem Ursprung und Ziel allen Lebens. Amen.