Alpha-Kurs – 3. Abend – Ausführlicher Text

Warum musste Jesus Christus sterben?

Der Glaube an Jesus Christus ist wie eine Brücke, die sich zwischen zwei Brückenpfeilern erstreckt. Der eine ist die Menschwerdung Gottes - Weihnachten -, der andere ist der Tod Jesu am Kreuz und dadurch die Überwindung des Todes -Karfreitag und Ostern -. In der Geschichte der Theologie drückt sich das in den beiden großen Strömungen aus: Die Inkarnationstheologie, die Lehre von der Menschwerdung Gottes, wurde vor allem in der Ostkirche in den Vordergrund gestellt. Die Kreuzestheologie hingegen hat im Westen mehr Gewicht bekommen, vor allem in den Kirchen der Reformation. Es sind aber nur zusammen beide Wege eine ganzheitliche Weise, darüber nachzudenken, was Jesus Christus für uns bedeutet. Beim zweiten Treffen haben wir darüber besprochen, was es bedeutet zu sagen: Jesus ist der Sohn Gottes, in ihm ist Gott Mensch geworden. Das war der eine Brückenpfeiler. Heute sprechen wir über den zweiten: Das Kreuz.

Das Kreuz

Viele Leute tragen heute ein Kreuz an ihren Ohrringen, Armbändern oder Halsketten. Wir sind an diesen Anblick so gewöhnt, dass uns das nicht schockiert. Schockieren würde uns vielleicht, wenn jemand mit einem Galgen oder einem Elektrischen Stuhl um den Hals herumlaufen würde. Dabei war das Kreuz früher genauso ein Instrument der Hinrichtung. Es stellte eine der grausamsten Formen der Hinrichtung dar, die die Menschheit je kannte. Im Jahre 315 n. Chr. wurde sie abgeschafft, weil selbst die Römer sie für zu unmenschlich hielten.

Dennoch ist das Kreuz seit jeher das Symbol der Christenheit gewesen. Die Evangelien beschäftigen sich ausführlich mit dem Tod Jesu. Ein Großteil des übrigen Neuen Testaments erläutert das, was am Kreuz geschah. Der wichtigste Teil des christlichen Gottesdienstes, das Abendmahl, konzentriert sich auf den am Kreuz gebrochenen Leib und das vergossene Blut Jesu Christi. Kirchengebäude sind oftmals in Kreuzform gebaut. Von seinem Besuch in Korinth berichtet der Apostel Paulus: »Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten« (l Kor 2,2). Die meisten berühmten Menschen, die Nationen geprägt und die Welt verändert haben, verdanken ihre Berühmtheit dem, was sie durch ihr Leben bewirkten, nicht ihrem Tod. Bei Jesus aber, der wie kein zweiter die Weltgeschichte verändert hat, steht der Tod stärker im Mittelpunkt des Gedenkens als sein Leben.

Warum diese starke Konzentration auf den Tod Jesu? Was macht den Unterschied zwischen dem Tod Jesu und dem Tod etwa eines Sokrates aus, eines Märtyrers oder eines Kriegshelden? Warum starb er? Was erreichte er damit? Was meint das Neue Testament mit der Aussage, dass er »für unsere Sünden« starb? Das sind einige der Fragen, mit denen ich mich in diesem Kapitel beschäftigen möchte.

Warum musste Jesus sterben?

Das Wort "müssen" steht in der Hl. Schrift (Lk 24,26). Warum musste Jesus sterben? Darauf kann man paradox antworten: Jesus musste sterben, weil er schuldig war. Und: Jesus musste sterben, weil er unschuldig war. Beides stimmt.

Zunächst einmal: Jesus musste sterben, weil er schuldig war. Es ist wichtig, das zu verstehen. Jesus wurde nicht zufällig hingerichtet. Die Schilderung des Prozesses Jesu in den Evangelien macht völlig nachvollziehbar, dass Jesus hingerichtet wurde, weil er schuldig war der Gotteslästerung.

Mit gutem Grund ist dies heute kein Hinrichtungsgrund - zumindest hierzulande. Für die antiken Gesellschaften und das alte Israel war, wie für manche sich "islamisch" nennenden Staaten heute, die Ehrfurcht vor Gott staatstragend. Für diejenigen, die in dem kleinen Israel damals das Sagen hatten, galt das zumal. Weil der römische Staat die Existenz Israels bedrohte, war es überlebenswichtig, dass man an dem einen Gott festhielt, der größer ist als alles Geschaffene; sein Name sei heilig. Deswegen war dem Hohen Rat alles gefährlich, was den Zusammenhalt des Volkes bedrohte und darum rät Kajaphas dem Hohen Rat: dass es besser sei, "wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht." (Joh 11,50). Deswegen drohte dem, der wie Jesus im Namen Gottes zu sprechen in Anspruch nahm, die Todesstrafe.

Auch nach römischen Recht war Jesus schuldig. Indem er sich Messias nennen lies, hat er sich angemaßt ein König zu sein. Das war Hochverrat gegen den Kaiser. Deswegen steht als Urteilsspruch über dem Kreuz "Jesus von Nazareth, König der Juden". Diese Tafel gab den juristischen Grund dafür an, warum Jesus sterben musste: Er war schuldig.

Zugleich aber war Jesus unschuldig. Er hat die Liebe gepredigt und hat das Reich Gottes verkündet. Er hat Kranke geheilt und die Menschen zu Gott geführt. Jesus war kein Verbrecher. Jesus musste sterben, weil die Gesetze der Welt so einen heiligen Menschen wie Jesus nicht vertragen. Er wird aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen und vor den Toren der Stadt gekreuzigt.

Jesus musste sterben, weil er als Unschuldiger schuldig im Sinne des Gesetzes war. Dadurch macht das Kreuz offenbar, dass menschliche Schuld nicht dort anfängt, wo jemand einen anderen tötet. Vielmehr liegt es an der Gottferne der Welt, dass Unschuldige für schuldig erklärt werden. So konnte sogar der Sohn Gottes gekreuzigt werden.

Wir alle sind Sünder

Manche Leute sagen: »Ich brauche das Christentum nicht.« Sie fügen dann oft noch hinzu: »Ich bin sehr zufrieden, mein Leben ist erfüllt. Ich versuche, freundlich zu sein und anständig zu leben.« Um zu verstehen, warum Jesus starb, müssen wir einen Schritt zurück machen und einen Blick auf das größte Problem werfen, mit dem sich die Menschen, und zwar alle, konfrontiert sehen.

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir alle zugeben, dass wir Dinge tun, von denen wir wissen, dass sie falsch sind. Paulus drückt dies folgendermaßen aus: »Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren« (Röm 3,23). Mit anderen Worten: Hinter den Maßstäben Gottes bleiben wir alle weit zurück. Wenn wir uns mit einem Bankräuber vergleichen oder einem Menschen, der Kinder missbraucht, dann kommen wir recht gut weg. Aber wenn wir uns mit Jesus Christus vergleichen, wird deutlich, wie ungenügend unser Leben ausfällt. Denn Jesus ist der "exemplarische Mensch". Der Glaube an Jesus Christus lässt uns real "in Gott" sein.

Jesus ist der exemplarische Mensch, der uns das am Kreuz bis ins Letzte vorgelebt hat, was Inhalt seiner Predigt war: Nächstenliebe und Gewaltverzicht. In Jesus zeigt Gott exemplarisch, wie er den Menschen erschaffen hat. Die Sünde des Adam ("des Menschen") bestand darin, dass er "sein wollte wie Gott" (Gen 3,5). Genauer: Er wollte so sein, wie er meinte dass Gott sei. Deswegen hat er sich für die Auflehnung entschieden und wollte unbedingt von dem Baum der Erkenntnis haben. Jesus aber zeigt uns, dass Gott nicht ein Gott ist, der "haben will", sondern ein Gott, der sich in Liebe hingibt.

Dadurch wird deutlich, dass Sünde nicht bei Mord und Totschlag anfängt. Vielmehr fängt Sünde dort an, wo wir um uns selber kreisen und uns vor allem die Frage bewegt: Wie können wir unseren eigenen Vorteil mehren. Das kann auf viele verschiedene Weisen geschehen. Nicht wenige Menschen kommen sich besonders gut vor, weil sie viel für andere Menschen tun. Das kann sein. Es kann aber auch sein, dass sie damit nur andere Menschen an sich binden wollen. Sie leben aus der Angst davor, einsam zu sein und machen sich doch nur einsamer, indem sie vor allem nur für sich haben wollen und nicht wirklich lieben können.

Die Folge der Sünde

Die Folge der Sünde ist denn auch immer Einsamkeit: Die Sünde macht einsam, weil ich keine Gemeinschaft mit anderen Menschen habe, wenn ich nur an mich selber denke. Die Sünde macht aber zutiefst einsam, weil ich durch jedes "Haben-Wollen" einen Stein auf die Mauer um mein Herz setze, mit der ich es gegen Gott verschließe. Ich bestrafe mich selbst durch die Sünde, weil Gottes Liebe mich nicht mehr erreicht. Paulus bringt das auf die Spitze, wenn er sagt: »Denn der Lohn der Sünde ist der Tod« (Röm 6,23). Und der Prophet Jesaja verkündete: »Seht ihr, die Hand des Herrn ist nicht zu kurz, um zu helfen, sein Ohr ist nicht schwerhörig, so dass er nicht hört. Nein, was zwischen euch und eurem Gott steht, das sind eure Vergehen; eure Sünden verdecken sein Gesicht, so dass er euch nicht hört« (Jes 59,1-2). Das Falsche, das wir tun, bewirkt dieses Getrenntsein von Gott, das wir so leicht Gott in die Schuhe schieben. Es ist also nicht so, dass uns Gott nachträglich für die Sünde bestraft. Vielmehr sind wir auf dem Weg von Gott weg und von unserem Lebensziel weg, wenn wir sündigen. Mit der Sünde verlieren wir von der Lebenskraft, die der Atem Gottes in uns ist. Wenn wir etwas tun, was wir jetzt unbedingt wollen, obwohl wir wissen, dass es nicht gut ist, dann kommt dieses Gefühl der Leere sehr schnell. Mir hat ein Mann erzählt, dass er immer wieder mit einer anderen Frau fremdgeht, obwohl er verheiratet ist. Er kann dann erst an nichts anderes denken, wenn er mit ihr zusammen ist, denkt er nichts anderes und danach fühlt er nur Leere. Das ist die Abwesenheit des Lebensatems Gottes in uns.

Die Heilung

Wenn wir den Blick nur auf schwere Schuld richten, dann fällt es den Meisten von uns leicht, zu sagen das beträfe uns nicht. Dabei gerät aber nicht nur aus dem Blick, wie oft wir anderen Menschen schaden, indem wir unseren Vorteil rausschlagen und die Wirklichkeit zu unseren Gunsten umzubiegen versuchen. Es gerät vor allem aus dem Blick, wie weit wir von dem entfernt sind, was Jesus im Johannesevangelium "Leben in Fülle" nennt. Leben in Fülle aber ist vor allem eines: Gemeinschaft. Dass und wie Gemeinschaft möglich wird mit Gott und den Menschen, ist deutlich in dem "neuen Bund", den Jesus stiftet, indem er sein Leben - sein Blut - schenkt.

Das Haben-Wollen ist (die) Wurzel der Sünde. Deswegen ist das Geben-Können die Heilung.

Allerdings muss dieses "Können" mehr sein als nur psychologisch. Es muss ein reales Können sein. Psychologisch machen die Ideologien das Geben-Können möglich. So kommt es zu Selbstmordattentätern und Nazis, die ihr Leben "für den Führer" geben. Psychologisch waren sie bereit ihr Leben zu geben. Aber wir wissen, dass sie sich oft erst betrinken mussten, um es zu tun. Das zeigt, dass dieses "Können" aufgesetzt war. Es kommt nicht aus dem Herzen. Es ist reine Aktivität. Das Geben-Können aber darf nicht zum Machen werden, sondern muss aus dem Empfangen kommen, damit der Mensch wirklich über sich selbst hinaussteigt und fähig wird zur Liebe: Eingehen in Gott und den Nächsten.

Wie bewirkt Gott durch das Kreuz die Heilung von der Sünde?



   

Teile des Textes sind entnommen aus:
Gumbel, Nicky: Fragen an das Leben. Der Alpha-Kurs.
Eine praktische Einführung in den christlichen Glauben.
(Edition Alpha 1999)