Ignatius von Loyola: Leben und geistliches Werk


von Klaus Mertes SJ und Georg Schmidt SJ

IHS  

Die Jugend des Ignatius

Inigo López de Onaz y Loyola wurde im Jahre 1491 als letztes von 11 Kindern einer alteingesessenen Adelsfamilie auf dem Landschloss Loyola bei Azpeitia im Baskenland geboren. Er wurde auf den Namen des Eneco von Ona, eines im Baskenland verehrten Benediktinerabtes, getauft. Seine Mutter starb bereits kurz nach seiner Geburt, und Magdalena von Araoz, die Frau seines ältesten Bruders, übernahm seine Erziehung.

Da die Familie nicht sehr vermögend war, musste Inigo frühzeitig das Elternhaus verlassen und sein eigenes Auskommen suchen. Als Page am Hof des Großschatzmeisters des Königs erhielt er eine standesgemäße Erziehung und lernte zugleich die Annehmlichkeiten des höfischen Lebens kennen. Er fand Gefallen am Fechten, Tanzen und Reiten und genoss seine amouröse Abenteuer; mehrfach stand er wegen Schlägereien und Ehrenhändeln vor Gericht. Sein Wunsch nach einer raschen soldatischen Karriere schien sich zu erfüllen, als er 1517 Offizier am Hofe des Vizekönigs von Navarra wurde. Seine erste große Bewährungsprobe kam, als 1521 die Truppen Franz I. von Frankreich ins Königreich Navarra einmarschierten und Pamplona belagerten. Der Feuerkopf Inigo überredete den Hauptmann der Zitadelle, der französischen Übermacht Widerstand zu leisten, obwohl die Stadt den Belagerern bereits die Tore geöffnet hatte.

Am Pfingstmontag 1521 wurde Ignatius im feindlichen Artilleriefeuer schwer verwundet: Eine Kanonenkugel zerschmetterte ihm das rechte Bein unterhalb des Knies und verletzte auch das linke. Selbstbeherrscht ertrug Ignatius die notwendigen komplizierten Operationen: Die Knochen seines verletzten Beines wuchsen nicht richtig zusammen, und wildes Fleisch wucherte.

Zuvor hatte der Verwundete aber noch eine Geste der Ritterlichkeit erlebt: Die Sieger hatten ihn aus Respekt vor seiner persönlichen Tapferkeit in einer Ehreneskorte ins väterliche Schloss transportiert. Auf dem Krankenlager musste der ehrgeizige Soldat aber bald erkennen, dass trotz aller barbarischen Heilprozeduren die angestrebte Karriere als Soldat beendet war. Zwischenzeitlich war der Gesundheitszustand des Ignatius so schlecht gewesen, dass man ihm bereits die Sterbesakramente gereicht hatte. Mit dem Fieber wich dann zwar die akute Lebensgefahr von ihm, aber seine bisheriges Lebenskonzept war von Grund auf erschüttert. Dann und wann träumte er noch davon, Heldentaten im Dienste eines Fürsten oder für die Dame seines Herzens zu vollbringen. Bald jedoch holte ihn die Realität wieder ein, so dass er in Zerstreuung und Unterhaltung seine Zuflucht nehmen wollte. Die damals modernen und von ihm geschätzten Ritterromane waren aber leider auf dem Schloss nicht aufzutreiben; es gab nur fromme Lektüre. So las er zunächst aus Langeweile, später mit wachsendem Interesse das "Leben Christi" des Kartäusers Ludolf von Sachsen und ein Buch mit Heiligenlegenden des Dominikaners Jacobus von Voragine. Die Heiligen, besonders Franziskus und Dominikus, begannen ihn zu faszinieren, und er dachte daran, wie es wäre, wenn er ihre aszetischen Heldentaten nachahmen könnte. Er träumte davon, barfuß nach Jerusalem zu pilgern und sich nur noch von Kräutern zu ernähren - und genoss die anhaltende innere Zufriedenheit und Freude, die er bei diesem Gedanken empfand.

Ignatius beginnt, hellhörig zu werden und seine Gedanken und Gefühle zu reflektieren. Er hält fest, was ihn froh und zufrieden, und was ihn unruhig und unausgeglichen stimmt. Dabei macht er eine Entdeckung, die für ihn zum Schlüsselerlebnis wird: Die Lektüre der Heiligenbücher hinterlässt bei ihm dauerhaft eine frohe, zufriedene Stimmung, während die Gedanken an die frühere soldatische und galante Vergangenheit ihm immer nur kurzfristig Freude verschaffen, ihn auf Dauer aber unzufrieden und traurig stimmen. Seine Entdeckung ist also eine doppelte: auf der einen Seite hat sie einen inhaltlichen Aspekt (Heiligen- statt Ritterleben), auf der anderen Seite den formalen, psychologischen Aspekt der eigenen Empfindungen und ihrer differenzierten Dynamik.

Diese Erfahrung auf dem Krankenlager führte zu den Grundideen des später verfassten Exerzitienbuches. Ignatius nennt hier die Reflexion auf das Phänomen, dass bestimmte Regungen im Menschen Gefühle von Trost oder Trostlosigkeit auslösen, "Unterscheidung der Geister". Durch die Entdeckung der seelischen Bewegungen in seinem Innern öffnet sich Ignatius schließlich für neue Lebenswerte und erkennt die Oberflächlichkeit seines bisherigen Lebens immer klarer. Ihm wird immer deutlicher bewusst, wie sehr er eine von Grund auf neue Sinnorientierung braucht.

Die erste Phase der Neuorientierung: Manresa

Ende Februar 1522 verläs Ignatius das elterliche Schloss, gerade einigermaßen zu Kräften gekommen. Zunächst begibt er sich zum baskischen Marienwallfahrtsort Aránzazu, wo er ein privates Keuschheitsgelübde ablegt. Von dort zieht er weiter zum Benediktinerkloster Nuestra Senora de Montserrat nordwestlich von Barcelona. Hier bereitet er sich drei Tage intensiv auf eine Generalbeichte vor, die er schließlich ablegt, wobei er zusätzlich eine Nacht lang Wache vor dem Gnadenbild der Muttergottes hält.

Danach zieht sich Ignatius nach Manresa unweit vom Montserrat zurück, wo er fast ein Jahr lang zeitweilig wie ein Einsiedler lebt und sich zunächst strengen Bußübungen unterzieht. Er fastet, geht barfuß, durchwacht die Nächte im Gebet, geißelt sich mehrmals am Tage. Das auffällige Verhalten des religiösen Extremisten weckt das Interesse der Menschen seiner Umgebung.

Trotz oder wegen seiner asketischen Anstrengungen leidet Ignatius unter wachsenden Stimmungsschwankungenzu, die ihn bis an den Rand des Selbstmords treiben. Er macht unerwartete, aber auch ambivalente visionäre Erfahrungen. Um seine wachsenden Schuldgefühle zu bewältigen, beichtet er häufig und empfindet doch keine seelische Erleichterung.

In Manresa muss Ignatius erfahren, dass er zwar seine alte Identität hinter sich gelassen hat, aber noch einen weiten Weg gehen muss, um zu einer neuen, menschlichen und spirituellen Einheit zu finden. Gerade in seinen großen asketischen Anstrengungen kreist er immer noch selbstbezogen um sein eigenes Heil.

Ein zweites einschneidendes Erlebnis löst die Wandlung des Ignatius vom introvertierten Asketen zum Apostel aus, der offen ist für den Mitmenschen und dessen geistliche wie menschliche Not. Mystische Erfahrungen am Ufer des Flusses Cardoner lassen ihn erkennen, es sei besser, Gott im Dienst am Mitmenschen zu suchen als in freiwilligen Leiden und Bußübungen. Sein späteres spirituelles Ideal, "Gott in allen Dingen suchen und finden", geht wohl auf die Cardonererfahrung zurück. Ignatius' Wende zum Apostolat zeigt sich darin, dass er nun seine schon früher geplante Pilgerfahrt ins Heilige Land antritt. Er will dort leben, wo auch Christus gelebt hat, um unter den Ungläubigen missionarisch zu wirken. Zu seiner großen Enttäuschung wird er aber von der kirchlichen Obrigkeit in Jerusalem ausgewiesen. Sie befürchtet wegen seines Missionsplanes zu Recht Schwierigkeiten mit den türkischen Behörden.

Ignatius kehrt nach Spanien zurück und entschließt sich, ein ordentliches Studium zu beginnen, um sein Ziel, "den Seelen zu helfen", besser verwirklichen zu können. Er paukt in Barcelona Latein und beschäftigt sich anschließend in Alcalá und Salamanca mit der Philosophie. Erstmals versucht er, Gleichgesinnte um sich zu sammeln und mit ihnen geistliche Gespräche zu führen. Der neue Gefährtenkreis erregt bald die Aufmerksamkeit der kirchlichen Behörden, da Ignatius und seine Mitstreiter ohne kirchliche Erlaubnis Katechismusunterricht geben, Regeln über Gewissenserforschung und Sünden aufstellen und eine Kleidung tragen, die der Klerikerkleidung ähnlich ist. 1527 wird ihnen durch das Urteil eines kirchlichen Gerichts in Alcalá verboten, ein einheitlich graues Gewand zu tragen; auch Unterricht in Glaubensfragen sollen sie für die nächsten drei Jahre nicht geben dürfen.

Die zweite Phase: Theologiestudium in Paris

Ignatius zieht die Konsequenzen aus dem Spruch des Inquisitionsgerichts und wandert für das Theologiestudium nach Paris, der damaligen Hochburg der Wissenschaft. Dort studiert er von 1528 bis 1535 und erwirbt den Magistergrad. Den Lebensunterhalt muss er sich größtenteils durch Bettelreisen erwerben, die ihn aus Paris heraus einmal sogar bis nach England führen.

In Paris gelingt es ihm nun auch nach einigen vergeblichen Versuchen erstmals, einen festen, dauerhaften Freundeskreis um sich zu versammeln, mit dem er seine Spiritualität teilen und seine Ideen verwirklichen kann. Es bildet sich der Kern der späteren Gesellschaft Jesu heraus. Am 15. August 1534, am Fest Mariä Himmelfahrt, legen sieben Studenten der Pariser Universität, darunter Ignatius, in der Dionysiuskapelle auf dem Montmartre, damals noch außerhalb der Stadt gelegen, die privaten Gelübde der Armut und Keuschheit ab und versprechen, innerhalb eines Jahres eine Pilgerfahrt ins Heilige Land zu unternehmen. Sollte der Plan scheitern, so wollen sie nach Rom reisen und sich dem Papst als Gruppe zur Verfügung stellen. An eine Ordensgründung denken sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Die Überfahrt erweist sich wegen der politischen Lage als unmöglich, und nach vielem Hin und Her reisen die sieben Gefährten, inzwischen auch zu Priestern geweiht (der Savoyarde Peter Faber, die Spanier Franz Xaver, Diego Laínez, Alfonso Salmerón, Nicolás Bobadilla, der Portugiese Simon Rodrigues und Ignatius selbst), nach Rom.

Kurz vor Rom, 1537, im Kirchlein von La Storta, hat Ignatius eine Vision, die er als gnadenhafte Bestätigung des Vorhabens der Gruppe deutet. Er sieht, wie Gott-Vater ihn dem kreuztragenden Christus beigesellt und hört dabei die Worte: "Ich werde euch in Rom gnädig sein. "Ignatius verspürt einen solchen "Trost" und eine solche "Umwandlung in der Seele", wie er es später im "Pilgerbericht" ausdrückt, dass er, der sonst so vorsichtig mit der Behandlung und Beurteilung von visionären Erlebnissen geworden ist, nicht an der Echtheit dieser Gotteserfahrung zweifelt.

Paul III. nimmt das Angebot der Pariser Studenten an und weist ihnen verschiedene Seelsorgsaufgaben zu. Schon bald erwirbt sich die Gruppe durch ihr selbstloses Engagement in Predigt, Beichte und Katechismusunterricht, durch ihre sittliche Integrität und ihren einfachen Lebensstil Achtung und Vertrauen unter der Bevölkerung.

Der Freundeskreis wird zum Orden

Aber bald schon ist der Zusammenhalt der Gruppe einer ernsten Belastung ausgesetzt. Der Papst will einige der Gefährten 1539 nach Siena senden. Nach langer, heftiger Diskussion über die Frage, ob die Gruppe sich auflösen oder ob sie zusammenbleiben und einen Orden gründen solle, entscheidet sie sich für die zweite Alternative und legt dem Papst ein Grundsatzprogramm vor. Es gibt erhebliche Widerstände in einflussreichen kirchlichen Kreisen gegen diesen Entwurf der Ordensstatuten. Die einen haben grundsätzliche Bedenken gegen jede Ordensneugründung und möchten sich ganz auf die Reform der bestehenden Orden beschränken. Andere betrachten die neuartige, konsequent apostolische Struktur und Zielsetzung des Ordens mit Skepsis, vor allem wegen der Abschaffung spezifischer Merkmale der traditionellen Orden wie des gemeinsamen Chorgebets, des einheitlichen Ordensgewands und des Vorrangs der Kontemplation vor dem Apostolat. Trotz der Widerstände bestätigt Paul III. am 27.9.1540 in der Bulle "Regimini Militantis Ecclesiae" die Grundkonzeption des neuen Ordens. Ignatius wird 1541 zum ersten Generaloberen gewählt. Von diesem Zeitpunkt an entfaltet er seine Aktivitäten sowohl weltweit als auch vor Ort, in Rom. So leitet er einige Maßnahmen gegen die akute soziale Not in Rom ein. Er gründet Häuser für ehemalige Prostituierte und gefährdete Jugendliche, für Waisen und Arme. Als Generaloberer lenkt er das immer weiter ausgreifende Apostolat des Ordens. In Juan de Polanco findet er dabei einen tüchtigen, sorgfältigen und selbständig arbeitenden Sekretär und Verwaltungsfachmann. So kann Ignatius trotz der immer quälenderen Gallenkoliken ein immenses Arbeitspensum bewältigen, wobei er sich nicht nur durch umsichtige Organisation und Planung, sondern auch durch kluge Menschenführung auszeichnet. Mehr als 7.000 Briefe sind von ihm erhalten, oft mehrfach minutiös bearbeitet und verbessert. Seine Hauptarbeit aber besteht in diesen Jahren darin, die "Konstitutionen", die Regel seines Ordens abzufassen.

Am 31.Juli 1556 stirbt Ignatius, mitten in der Arbeit, ohne einen Nachfolger ernannt oder sonstige letztwillige Verfügungen für den Orden getroffen zu haben. Der Ordensgründer ist persönlich immer mehr hinter seinem Werk in den Hintergrund getreten und hat durch seinen unermüdlichen Einsatz einen lebensfähigen, weltweit aktiven Orden geschaffen.

Ignatius ist es gelungen, in seiner Person die Spannung zwischen Aszese und Weltbejahung, innerlichem Gebet und aktivem, öffentlichem Engagement auszuhalten und fruchtbar werden zu lassen. Bei aller Weite der Ideen hatte er den Blick für die mühevollen Details der Durchführung. Er erwartete von den Ordensmitgliedern Gehorsam, und ließ dabei Raum für Eigeninitiative und eigenes Urteil. Er gab den verschiedenen Talenten und Temperamenten im Orden Gelegenheit zur Entfaltung und befähigte sie zum besseren Dienst an den Menschen. Seinem Orden hat er eine große Vielfalt von apostolischen Einsatzfeldern eröffnet und ihm mit den Exerzitien das wichtigste Instrument für das Apostolat hinterlassen.

mit freundlicher Genehmigung des Verfassers aus:
Mertes, Klaus; Schmidt, Georg: Der Jesuitenorden heute. Mainz (Matthias-Grünewald-Verlag) 1990.