Ignatius und die Gesellschaft Jesu
Die Folgen einer Kanonenkugel

IHS  
Eine Einführung vom Vorbereitungswochenende Mai 2001

Die katholische Ordensgemeinschaft der "Gesellschaft Jesu" (lat.: Societas Jesu , S.J.) mit heute weltweit einundzwanzig Tausend Mitgliedern, davon gut fünfhundert in Deutschland, mit über 100 universitären Einrichtungen weltweit, darunter 78 Universitäten und in Deutschland zwei wissenschaftlichen Hochschulen, die SJ mit Schulen, Exerzitienhäusern, Arbeitermissionen und Pfarreien in der großen Mehrheit der Länder dieser Erde .... verdankt ihre Existenz einer Kanonenkugel und der Stille nach dem Schuss.

1. Die Kanonenkugel von Pamplona

Der Schuss aus der Kanone fiel am 23. Mai 1521. Französische Truppen hatten Pamplona belagert und durchschossen das untere Bein eines dreißigjährigen Offiziers, der für den Vizekönig von Navarra die Zitadelle der Stadt bis zu letzt zu halten suchte. Der Name des Offiziers war Iñigo López de Oñaz y Loyola, ein baskischer Adeliger. Mit diesem Schuss war nicht nur die Moral der Verteidiger, sondern auch der Zukunftstraum des Herren Iñigo de Loyola zerplatzt. Weltgeschichte schrieb nur diese zweite Wirkung. Denn Iñigo hatte bis dahin nur den Traum, für die Ehre seines Königs und der Dame seines Herzens zu kämpfen. Dieser Traum war mit einem kaputten Bein zunichte gemacht. In den qualvollen Monaten auf dem Krankenbett entstanden andere Träume. Denn statt Ritterromanen, die er gerne hätte lesen wollen, gab es für Iñigo nur das "Leben Jesu" des Ludolf von Sachsen und ein dickes Buch mit Heiligenbiographien zu lesen. Letztere fesselten die Phantasie des Kranken, so dass er, kaum genesen, sich aufmachte, um Heldentaten für Gott zu vollbringen - so zumindest stellt er sich das damals vor.
Nur mühsam und in einem Jahr der Einsamkeit in der katalanischen Stadt Manresa lernte Iñigo, dass es etwas grundverschiedenes ist, Gott oder einem spanischen König zu dienen. Im Grunde genommen warf hier erst die Kanonenkugel von Pamplona den Offizier Iñigo aus der Bahn. Die Stille nach dem Schuss erst brachte die Verwandlung. Denn hier, in Manresa erst, wurde aus dem Offizier ein Pilger. So nennt er sich in seiner Autobiographie. Aus dem Ziel, Heldentaten zu vollbringen, wird das Ziel, "den Seelen zu helfen". Iñigo will die Erfahrungen, die er in der Umgebung der spanischen Mystik machte und aus der er sein Büchlein der "Geistlichen Übungen" schrieb, anderen weiter geben.

2. Kanonenkugeln in Jerusalem und Salamanca

Sein Ziel ist nun, nach Jerusalem zu gehen und dort als Pilger einfache Arbeiten zu verrichten und Seelsorge zu betreiben. Iñigo war ein gelernter Offizier und daran gewöhnt, Pläne zu machen und diese durchzuziehen - zumindest solange, bis die Kanonenkugel kommt. Diese erwischte ihn nun gleich noch zwei Mal. Zunächst in Jerusalem. Dort wurde er kurzer Hand wieder rausgeschmissen, weil die kirchliche Autorität keine Lust hatte, weitere fromme Pilger zu haben, die doch nur entführt und teuer wieder losgekauft werden müssten. Diese Erfahrung ist die zweite wichtige Weichenstellung nach der Kanonenkugel von Pamplona, weil Iñigo sich der Entscheidung der kirchlichen Autorität beugt. Er ändert seinen Plan und beschließt nach Spanien zurück zu kehren, um Theologie zu studieren. Nur so, das erkannte er, würde er die Möglichkeit haben, seinen Traum weiter zu verfolgen. Er will "den Seelen helfen" und das geht nur, wenn er über das Studium die kirchliche Anerkennung bekommt. Für einen Mittdreißigjährigen war das damals keine leichte Sache, denn zunächst musste er mit Halbwüchsigen zusammen die Schulbank drücken und Latein lernen, daran schloss sich das Studium der Philosophie und Theologie an.

Zwei Dinge wollte Iñigo dabei durchhalten. Zum einen radikale Armut im Lebensstil. Zum anderen die Gewohnheit, andere Menschen geistlich zu begleiten. Dabei aber wurde ihm erneut ein Strich durch die Rechnung gemacht. Die spanische Inquisition wollte dem Treiben - Iñigo hatte erstmalig auch gleichgesinnte Freunde um sich gesammelt - nicht untätig zusehen. Mehrfach wurde Iñigo verhört und auch inhaftiert. Die Entscheidung lautete, er dürfe nicht seelsorglich tätig sein, so lange er nicht fertig studiert habe.

Wieder änderte Iñigo seinen Plan und wechselte nach Paris, dem damaligen Zentrum der Wissenschaft, weil er nur dort die geistige Freiheit fand, sich durch wissenschaftliche Qualifikation unangreifbar zu machen für kleingeistige Inquisitoren. In Paris nannte er sich Ignatius, um das baskische "Iñigo" zu latinisieren. Das Scheitern an der Inquisition von Salamanca und Alcalá trieb den Basken und Untertan der spanischen Krone in das Zentrum der Wissenschaften. Wieder ein Scheitern, das Folgen haben sollte.

3. Die Kanonenkugel von Venedig

In Paris gelang es Ignatius während seiner Studienjahre, einen Kreis von Freunden um sich zu sammeln, denen er die "Geistlichen Übungen" gab und die sich für das Ideal begeisterten, als gut ausgebildete Priester in persönlich gelebter Armut die Kirche zu erneuern. Am 15. August 1534 - Ignatius ist 43 Jahre alt - treffen sich 7 Studenten der Pariser Universität, um in der Kirche auf dem Montmatre das Gelübde der Armut abzulegen und sich vorzunehmen, gemeinsam nach Jerusalem zu pilgern. Man sieht, der Plan des Iñigo lebte fort.

Ignatius hatte aber dazu gelernt. Er wusste, dass Pläne scheitern und dass er dadurch nicht weniger Gott diente, dass er auf dieses Scheitern reagierte. So verabredeten die Sieben aus Paris einen Plan B für den Fall, dass Plan A scheitern und es innerhalb eines Jahres nicht gelingen sollte, nach Jerusalem zu kommen. Ein Jahr haben sie in Venedig gewartet. Aber innerhalb des 16. Jahrhunderts war dies genau das einzige Jahr, in dem wegen des Krieges mit der Türkei die Überfahrt unmöglich war. Damit trat Plan B in Kraft. Die Gruppe der Sieben zog weiter nach Rom, um sich dem Papst für die Seelsorge zur Verfügung zu stellen.

Wenn zunächst Plan A und Plan B so gar nicht zusammen zu passen scheinen, dann trügt der Schein. Denn schon der Plan, in Jerusalem zu arbeiten, macht deutlich, dass diese sieben "Freunde im Herrn" nicht irgendwo regional begrenzt ihr Ideal leben wollten, sondern vom Zentrum her dachten. Von Jerusalem war das Evangelium ausgegangen und hier suchten sie die Nähe zum Ursprung. Daher war es konsequent, nach dem Scheitern dieses Planes nicht in Venedig zu bleiben, sondern dem die Hilfe anzubieten, der das Universale der Kirche zu sehen hatte: der Papst in Rom. Wir schreiben das Jahr 1537, Paul III. war Bischof von Rom, Heinrich VIII. hatte mit ihm gebrochen, nördlich der Alpen schwelte die Reformation und innerhalb der Kirche war das Niveau der Kleriker im Langzeittief. Dies erklärt, warum Paul III. das Angebot der Magistri von der Pariser Universität annahm.

4. Das Werden des Jesuitenordens

Mit einem hatten die Freunde aus Paris aber nicht gerechnet: Dass der Papst sie in kürzester Zeit in alle Windrichtungen zerstreuen würde. Nachdem er die Qualität der Arbeit sehen konnte, die hochqualifizierte Männer leisteten, die dennoch keine wohldotierten Posten haben wollten, sandte er sie mit Aufgaben in die Lande. Die ersten nach Siena, es folgten Parma, Piacenza und Neapel. Bald schon kamen Anforderungen aus Portugal, für die Arbeit in Indien und erstmalig auch Deutschland.

Damit war für die sieben "Freunde im Herrn" klar, dass sie sich eine Struktur geben mussten, wenn sie durch die geographische Zerstreuung nicht aufgelöst werden wollten. So entstand die "Gesellschaft Jesu" aus einem Freundeskreis von Pariser Studenten, die keinem anderen als ihrem Herrn Jesus dienen wollten und sich darin durch keine geographischen oder ethnischen Schranken beschneiden lassen wollten. 1540 reichten sie die erste Fassung ihrer Satzung beim Papst zur kirchlichen Genehmigung ein. In den nun folgenden fünfzehn Jahren wuchs unter der Leitung des Ignatius von Loyola der Freundeskreis zu einem Kreis von über 1000 Männern an, die - außer Australien - schon zu seiner Zeit auf allen Kontinenten der Erde tätig waren.

Der stürmische Aufstieg des Ordens zum wichtigsten Instrument der Reform der katholischen Kirche kann in allen wichtigen Punkten durch das Scheitern erklärt werden, das Ignatius auf seinem Lebensweg erlebt hat. Die Flexibilität, die Ignatius dabei gelernt hatte, versuchte er seinem Orden zu vermitteln. Im Zentrum stand die geistlicheErfahrung der Exerzitien, jener Geistlichen Übungen, in denen Ignatius versuchte Menschen darin Übung zu geben, das Evangelium zu lesen und es als Aufruf an sich selbst zu verstehen. Bis heute sind diese Exerzitien das wichtigste Bindeglied für die in zahllose Aufgaben zersplitterten Ordensmitglieder. Von diesem Zentrum und der Universalität der Sendung abgesehen, war Ignatius bereit, fast alles zur Disposition zu stellen, wenn die Umstände es erforderten. Von seinem Schreibtisch in Rom aus baute er einen Orden auf, der schnell die Bildungsmisere als eigentliche Quelle für den katastrophalen Zustand der Kirche erkannte. Daher begann Ignatius Schulen zu gründen, die erste in Messina auf Sizilien, dann in fast allen katholischen Ländern. Bis zur Mitte des 18. Jahrhundert gab es in Deutschland keine einzige größere katholische Stadt, die kein Jesuitenkolleg hatte und nicht wenige heutige Universitäten gehen historisch auf Jesuitenkollegien zurück.

Daneben waren die Exerzitien für Menschen aus allen Ständen das wichtigste Instrument zur Erneuerung der Kirche und sind es in gewisser Weise bis heute. Nach der Weise des Ignatius machen heute nicht nur Katholiken sondern auch viele Protestanten geistliche Übungen, um eine persönliche Christusbeziehung zu gewinnen und den Willen Gottes für das eigene Leben zu erforschen.

Für die Struktur und Leitung des Ordens selbst war es wohl entscheidend, dass Ignatius gelernt hatte, dass Scheitern und Fehlentscheidungen keine Katastrophen sind, wenn der Verantwortliche die innere Freiheit hat, von seinen alten Plänen Abschied zu nehmen. Daraus wurde eine völlig neuartige Organisationsstruktur. Durch historisch seit der Antike erstmalig wieder bestehende Kommunikationsmöglichkeiten schuf Ignatius einen Orden, der durch gleichzeitige Delegation und Zentralisierung flexibel und effektiv sein sollte. Mehr als 7.000 Briefe sind von ihm erhalten, aus denen man seinen Regierungsstil deutlich ablesen kann. So gab er oft den Männern, die er mit einem Auftrag aussandte, minuziöse Anweisungen, was er von ihnen erwarte und was sie zu tun hätten. Selbst über das Verhalten bei Tisch sind Anweisungen überliefert. Dann aber steht am Ende des Briefes: Und wenn ihr die Umstände anders vorfindet, dann handelt halt entsprechend anders.

Insofern Jesuiten diese Lehre ihres Gründers ernst nehmen, haben sie etwas von seinem universalen Geist gelernt: Kanonenkugeln, die uns die Pläne durchkreuzen, sollte man ernst nehmen. Anders ist auch in der Kirche Innovation nicht möglich, wenn hinzu die geistliche Erfahrung kommt, die Ignatius in der Stille nach dem Schuss auf seinem Krankenlager gemacht hat.

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Literatur:
Kiechle, Stefan; Maaß, Clemens (Hrsg.): Der Jesuitenorden heute. Mainz (Matthias-Grünewald-Verlag) 2000.
Ignatius von Loyola,: Briefe und Unterweisungen. Deutscher Werkausgabe Band I. Übersetzt von Peter Knauer. Würzburg (Echter) 1993.
Ders.: Gründungstexte der Gesellschaft Jesu. Deutscher Werkausgabe Band II. Übersetzt von Peter Knauer. Würzburg (Echter) 1998.
O'Malley, John W.: Die ersten Jesuiten. Deutsch von Klaus Mertes. Würzburg (Echter) 1995.