4 Prinzipien ignatianischer Spiritualität

IHS  
Eine Einführung vom Vorbereitungswochenende Mai 2001
In der Vorbereitung der Wallfahrt nach Loyola hat uns P. Ludger Hillebrand eine Einführung in die Spiritualität des Ignatius von Loyola gegeben. Sehr wichtig sind dabei die Exerzitien. Ignatius hat eigene Wege entwickelt die Welt im Licht Gottes zu betrachten. Durch seine Art des Vorgehens haben viele Gläubige lernen können, wie sie in einer komplexen Welt christlich leben können. Mit vier Abschnitten skizziert er die ignatianische Methode.
1. Das "Gott in allem suchen"
2. Das Gebet der liebevollen Aufmerksamkeit
3. Die Schriftbetrachtung
4. Die Unterscheidung der Geister

1. Gott in allem suchen
Spiritualität zu beschreiben ist fast unmöglich. Musik muss man hören, um von ihr berührt zu werden. Das Kennenlernen und Analysieren von Notenblättern hilft gerade anfangs nicht viel weiter. Kochbücher lesen ist interessant, doch richtig auf den Geschmack kommt man erst beim Kochen selber. Ähnlich ist es bei den Methoden des Meditierens und Betens. Man kann über die Spiritualität reden, doch was wirklich dahinter steht, erfährt man erst durch das eigene Praktizieren. Wenn der eine oder die andere durch diese Artikel auf den Geschmack kommt etwas neues zu probieren, oder Bewährtes zu vertiefen, freut mich das.

Ignatius betonte immer wieder: Gott finde ich nicht nur im Gebet, sondern auch in der Arbeit. Das eine soll mit dem anderen verbunden sein. Die Arbeit mündet im Gebet, sie wird dort reflektiert und in die Beziehung zu Gott gebracht. Das Gebet motiviert mich zum Nachdenken, zum Danken und Loben. Es stärkt meine Fähigkeit zur Selbstkritik und zum feinfühligem Urteilen. Es öffnet mir Wege zur Integration all meiner Kräfte. Alles wird in seinem Zusammenhang mit Gott betrachtet. Im Blick auf Gott erhalte ich Impulse für meine Tätigkeiten.

"Der Mensch ist dazu geschaffen, Gott Unseren Herrn zu loben, ihn zu verehren und ihm zu dienen, und so seine Seele zu retten." Das ist nach Ignatius die grundsätzliche Richtung unseres Lebens. Wo ich versuche meine Dankbarkeit gegenüber Gott auszudrücken, mir Zeit für ihn nehme und mich für seine Botschaft engagiere, rette ich mich selbst. Der Dienst an Gott, am Nächsten und mir selbst sind eine untrennbare Einheit. Bewege ich mich auf Gott zu, erkenne ich gleichzeitig die Tiefe meines Lebens. Forsche ich nach dem Grund der Seele, finde ich zu Gott. Bin ich zu jemand freundlich, so helfe ich eine Atmosphäre zu schaffen, in der ich mich selbst wohl fühle.

Alles auf der Welt ist dazu geschaffen dem Menschen zu helfen zu seinem Lebensziel zu finden. Man soll das gebrauchen, was hilft, und das meiden, was vom Ziel wegführt. Gesundheit oder Krankheit, Reichtum oder Armut, ein langes oder kurzes Leben, all das ist nicht wesentlich und darf mit großer Gelassenheit betrachtet werden. Einzig wichtig ist das, was mich zum Ziel führt. Ansonsten sollen und dürfen wir gelassen sein. Das, was in uns das göttliche Leben unterdrückt, soll uns nicht binden.

Die Meditationen des Ignatius sind darauf ausgerichtet, dass wir liebevoll werden. In diesem Sinn betrachtete er die Schrift und das Leben:

Ich schaue , wie Gott in den Geschöpfen wohnt:
wie er den Elementen das Sein gibt
den Pflanzen das Wachstum,
den Tieren die Sinne und das Empfinden
den Menschen die Einsichten
Und ich betrachte alles in mir:
wir er mir Sein gibt
mir Wachstum gibt,
meine Sinne erweckt
und mir Einsichten verleiht.
Er macht aus mir einen Tempel, ein Bild seines Lebens.
(vgl.: Eph 2,22 ; 1 Kor 8,6 ; Gen 1,26)

Nach solchen plastischen Vorstellungen wiederholt sich bei Ignatius immer wieder die Aufforderung: Ich achte auf das, was sich in mir regt und spreche daraufhin zu Jesus wie zu einem Freund oder zu einem Herrn.

Die Liebe besteht aus der Kommunikation. Ich habe Teil am Leben des Anderen, seine Anliegen werden zu meinen, sein Glück zu meinem, sein Leid zu meinem. Mein Leid wird zum Leid Jesu, mein Glück zu seinem Glück, mein Leben zu seinem. Die Liebe besteht dabei weniger auf der Ebene der Worte, als auf der Ebene der Taten.

2. Das Gebet der liebevollen Aufmerksamkeit
Es tut gut, ein- oder zweimal am Tag, mittags oder abends zurückzublicken. Was war? Wie ging es mir? Wem verdanke ich all das Erlebte? Ignatius empfiehlt fünf Elemente für die tägliche Betrachtung des Lebens:

1. Gott für das Gute danken, das ich heute erfahren habe.
2. Bitte, alles ehrlich betrachten zu können, um Fehlern nicht auszuweichen.
3. Den Tag Stunde um Stunde mit seinen Licht -und Schattenseiten durchgehen.
4. Gott um Verzeihung für die Fehler bitten.
5. Sich mit Gottes Gnade vornehmen was ich in Zukunft
verbessern kann.

zu 1.: Es geht um das, was mein Leben bereichert, um das was mich weiterführt. Die Aufmerksamkeit wird zuerst immer auf das gelenkt, was mir an Gutem wiederfahren ist. Es geht nicht primär um meine Leistungen oder mein Fehlverhalten. Wie bei der Radtour betrachte ich rückblickend einzelne Abschnitte und freue mich über das, was mich weiter gebracht hat (z.B. aufmunternde Worte, Wegweiser, ... .). Es geht dabei nicht um ein bloßes intellektuelles Registrieren, sondern um das Aufgehen lassen der Gefühle angesichts der Tagesabschnitte. Das Ganze findet auch nicht nur im bloßen Nachsinnen oder Spüren, sondern im Gespräch mit Gott statt. Ich stelle mich in seinen größeren Horizont.

zu 2.: Sich selbst ehrlich betrachten zu können ist eine Gnade. Jesus sagt, dass wir den Splitter im Auge des anderen genau bemerken, während wir das eigene Brett (bzw. den Balken) vorm Kopf nicht registrieren (Mt 7,3). Die Psychologie redet von Verdrängungen und Abwehrmechanismen, die unseren Blick verstellen. Um zur Wahrheit über uns selbst zu finden, brauchen wir die Hilfe von Gott und von Menschen in unserer Nähe.

zu 3.: Wie genau war das, was ich erlebt habe? Wer hat was mit welcher Formulierung gesagt? Dieses genau zu formulieren ist eine gute Übung gegen die eigenen Tendenzen zur Oberflächlichkeit. Die Töne und Zwischentöne von Verstand, Gefühl und Gedächtnis sollen gehört werden, um den Klang des Lebens zu spüren. Wer selbst liebevoll und korrekt mich sich umgeht, wird auch Mitmenschen gegenüber Tiefe gewinnen.

zu 4.: Wer sich getragen weiß, kann sich zu seinen Fehlern bekennen. Wer mit jemand liebevoll verbunden ist, muss nicht bei jedem kleinen oder größerem Fehltritt Angst haben fallen gelassen zu werden. Es hilft nicht, eine lose Schraube am Rad zu verdrängen. Was nicht in Ordnung ist, muss in den Blick genommen werden. Es geht um Gottes Willen um die Heilung der menschlichen Beziehungen.

zu 5.: Ignatius war ein Praktiker. Schritt für Schritt wollte er ein Gefährte Jesu werden. Was kann ich nun tun, um meine Kondition beim Lernen zu fördern? Was kann ich heute tun, um von meinen Selbstzweifeln frei zu werden? Ignatius empfiehlt es jede kleine Änderung zu registrieren, um sich so der Dynamik des Lebens zu öffnen. Kleine überprüfbare Schritte motivieren. Muskeln bauen sich nur langsam auf. Verhaltensänderungen scheinen ebenso Zeit zu brauchen. Und hier wie in anderen Fällen auch: Ich brauche Weggefährten, Trainer, Tipps und Gottes Gnade. Niemand zieht sich selbst aus dem Sumpf. Die eigenen Anstrengungen vorausgesetzt, sind andere mit für mein Wachstum notwendig und auch verantwortlich. Heilungen der Bibel sind das Ergebnis des Sich-stark Machens für eine Lösung und der Begegnung mit Jesus.

3. Die Schriftbetrachtung
"Wer die Schrift nicht kennt, kennt Jesus nicht", das ist eine alte kirchliche Erkenntnis, formuliert vom Kirchenvater Hieronymos.

Auf dem Kranken-Zimmer, in dem sich Ignatius von seiner Verletzung erholte, gab es nur zwei Bücher: Die Bibel und das Leben Christi in der Fassung des Ludolph von Sachsen. Er war ganz davon ergriffen. Wir reden zu Gott, wenn wir beten, und hören ihn durch die Worte der Bibel. (DV 25) Der Zugang zur Schrift und auch allen anderen Betrachtungen soll möglichst ganzheitlich sein. Mit Verstand und Gefühl, Gedächtnis und Phantasie dürfen wir uns ansprechen lassen.

Bei den Exerzitien nehmen sich die TeilnehmerInnen insgesamt eine Stunde Zeit zur Betrachtung des Stoffes. Zur Vorbereitung gehört es, sich wesentliche Punkte des Textes vorher vor Augen zu führen, und den Text etwas aufzuarbeiten. Nach diesen "Aufwärmübungen" sollen Zeit und Ort für die Betrachtung am Abend vorher festgelegt werden. Dann noch einmal darüber zu schlafen, bevor man dem Text intensiv begegnet, schafft Tiefe.

Zum Einstieg soll man kurz verweilen und sich von Gott anschauen lassen. Man wählt die für sich passende Körperhaltung und lässt sich etwas Zeit zum ruhig werden. Nach der Bitte, dass Gott uns helfe unser Leben zu ordnen, soll der Text langsam und aufmerksam gelesen werden.

Soweit es geht, soll man sich die handelnden Personen und den Ort der jeweiligen Episode plastisch vorstellen. Zum Beispiel: Wie sah der barmherzige Samariter aus? War er froh über seine Geschäfte, freute er sich auf seine Familie? War er erschöpft? Wie ging es dem Verletzten? Blutete er? Lag er auf der Straße, oder sehr versteckt am Rand? usw.

Wenn mich eine Person oder Personengruppe besonders anspricht, oder ein Wort etwas bei mir auslöst, verweile ich dabei. Es kommt bei der Betrachtung nicht auf das Vielwissen, sondern auf das Spüren und Verkosten von innen her an. Es geht vorrangig um das auf der Zunge zergehen lassen und weniger um das Analysieren. Die persönlichen Anliegen, die mir in der Übung klar werden, sollen im Gebet ausgesprochen werden. Die eigentliche Betrachtung mündet im Gebet. Ich unterhalte mich mit Gott, Jesus oder Maria, um sie um Rat zu bitten, um sich anzuklagen, um Rat zu holen, oder was auch immer. Die Übung schließt dann mit einem festen Gebet wie dem Vater Unser.

Im Anschluss an die ¾ Stunde, wo der Text die verschiedenen Saiten unseres Wesens zum Klingen gebracht hat, geht es ungefähr eine ¼ Stunde um die Aufarbeitung. Was hat der Text in mir ausgelöst? Warum ging es mir schlecht als ich die Verleugnung des Petrus las? Wozu führt mich das Gleichnis vom verlorenen Sohn? Ergebnisse schriftlich festzuhalten ist hier manches Mal hilfreich und sinnvoll. Es geht um die inneren Bewegungen beim Lesen und darum im Alltag in Bewegung gebracht zu werden. (Phil 2,5) Ein bloßes intellektuelles Verstehen oder nette Gefühle allein sind Ignatius zu wenig. "Wer fühlt, was er sieht, tut, was er kann" , dieser Spruch von UNICEF Plakaten beschreibt exakt das, was Ignatius mit seiner Art der Schriftbetrachtung will.

Alles was dazu dient, einen Text mit dem eigenen Leben, Enttäuschungen und Träumen in Kontakt zu bringen darf genutzt werden. Das Nachspielen von Texten mit verschiedenen Rollenverteilungen, das Fortschreiben von Geschichten (was tat der, dem der Samariter geholfen hatte nach seiner Gesundung?) , das Karikieren von Texten (Liebe Deine Feinde? Welch ein Quatsch ! Nieder mit den Konkurenten !) , das Übersetzen in heutige Sprachformen, all das kann uns helfen, all unsere Sinne zu öffnen und zum Verstehen anzuregen.

4. Die Unterscheidung der Geister
Was ist gut und richtig? Wie reagiere ich angemessen und hilfreich? Nicht nur wir neuzeitlichen Menschen fragen in einer komplexen Welt nach Kriterien des Handelns. Auch Ignatius von Loyola beschäftigte die Frage: Wie kann ich geistvoll und liebevoll leben? Er fand fast niemand, der ihm den Weg weisen konnte und suchte so in seinem Inneren nach hilfreichen Regeln des Handelns. Welche Stimmen stammen von Gott und welche führen auf Ab-wege?

Wer diese grobe Unterscheidung treffen kann, wird mit weiteren Problemen konfrontiert: Was hat eine gut und schön scheinende Fassade und ist aber doch innen faul? Was schaut zwar unangenehm aus, ist aber doch gut und notwendig? Unter dem Stichwort "Unterscheidung der Geister" versuchen Jesuiten seit der Gründerzeit des 16. Jahrhunderts die Stimme Gottes zu erfassen.

Ignatius suchte nach den Bewegungen, die in uns wirken, die guten um sie zu fördern, die zerstörerischen, um ihnen widerstehen zu können. Er folgt der bildreichen Sprache des Mittelalters und beschreibt so die Kräfte in der Seele:

Die Bilder des guten und des bösen Feindes, die Bilder von Kampf und Krieg, die bei Ignatius anklingen, sind uns manchmal fremd. Es ist nicht einfach die inneren Geschehnisse in uns plastisch und treffend zu beschreiben. Aber es lohnt sich auf jeden Fall dem Guten Raum zu geben und dem Verkehrten auf die Schliche zu kommen.

Georg Mühlenbrock, ein Jesuit des letzten Jahrhunderts, sagte, dass es mehr auf die "gute Nase" und weniger auf das Gehirn ankommt, wenn man die Geister der Zeit unterscheiden will. Mit zehn Leitsätzen umschreibt er, was im allgemeinen auf die Herkunft vom Geist Gottes schließen lässt:

1. Wenn mir für ein Vorhaben gute Motive zur Verfügung stehen.
2. Wenn mir auch die nötige Zeit und Kraft dafür gegeben sind.
3. Wenn sich etwas gut einfügt in den Rahmen meiner anderen Aufgaben.
4. Wenn sich mir etwas "wie von selbst" nahelegt.
5. Wenn ich bei der Erwägung eines Vorhabens ein "gutes Gefühl" habe, auch wenn das Vorhaben schmerzlich und hart für mich ist.
6. Wenn die betreffende Sache auch ästhetisch schön und ansprechend ist. (Sich schön machen für Gott, wie die Freundin für den Freund).
7. Wenn ich mir gut vorstellen kann, dass auch Jesus so entscheiden und handeln würde.
8. Wenn ich mich bei dem Vorhaben "in guter Gesellschaft" befinde. (Vgl.: Leben der Heiligen)
9. Wenn ein Vorhaben in mir Glauben und Vertrauen hervorruft.
10. Wenn es der Liebe dient, sie ausdrückt und stärkt.

Gegen den Willen Gottes ist ein Vorhaben in der Regel wenn:

1. Etwas über meine Kräfte geht und mich permanent überlastet.
2. Wenn etwas nur mit äußerster Anstrengung, mit Gewalt und Krampf verwirklicht werden kann, mit Hast und Hektik verbunden ist und Ängste auslöst.
3. Was maßlos und verstiegen anmutet, aufsehenerregend und sensationell auf mich und andere wirkt.
4. Was ich nur mit dauerndem Widerwillen und Ekel tun kann.
5. Was sich ordinär, primitiv und unästhetisch gibt.
6. Was kleinlich, haarspalterisch und spinnig wirkt.
7. Was keine Bodenhaftung hat und nicht konkret werden kann (1Joh 4,1-4)
8. Was lieblos ist und sich für mich und andere destruktiv auswirkt.
9. Was nicht zu der Art und Handlungsweise Jesu passt, wie ich ihn kennen gelernt habe.
10. Was mir den Sinn für das Gebet und die Freude daran raubt.

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