| Predigt zum ökumenischen Erstsemester-Gottesdienst Göttingen 2000 |
 |
| Sonntag, 15. Oktober 2000, khg Göttingen Universitätskirche, St. Nikolai |
| Lesung Ex 03,1-8a.13-15 |
| Lesung - Predigt - Orationen - Fürbitten - alternative Predigt |
| Predigttext: Der brennende Dornbusch: Exodus 3,1-8a.13-15: Mose weidete die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Eines
Tages trieb er das Vieh über die Steppe hinaus und kam zum Gottesberg Horeb. Dort erschien ihm der Engel des Herrn in einer Flamme, die aus einem Dornbusch
emporschlug. Er schaute hin: Da brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht. Mose sagte: Ich will dorthin gehen und mir die außergewöhnliche Erscheinung
ansehen. Warum verbrennt denn der Dornbusch nicht? Als der Herr sah, dass Mose näher kam, um sich das anzusehen, rief Gott ihm aus dem Dornbusch zu: Mose,
Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Der Herr sagte: Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. Dann fuhr er fort: Ich
bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. Der Herr
sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um
sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land (...). Da sagte Mose zu Gott: Gut, ich werde also zu den Israeliten
kommen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. Da werden sie mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich ihnen darauf sagen? Da antwortete
Gott dem Mose: Ich bin der "Ich-bin-da". Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der "Ich-bin-da" hat mich zu euch gesandt. Weiter sprach Gott zu Mose:
So sag zu den Israeliten: Jahwe, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name für immer,
und so wird man mich nennen in allen Generationen. |
1. Mose
- Die Biographie des Mose beginnt im Chaos. Mitten in den ethnischen Säuberungen in Ägypten geboren, wird er von seinen Leuten
als Säugling ausgesetzt, wird von Ägyptern gefunden, wird ausgerechnet einer Hebamme aus seinem eigenen Volk wieder
anvertraut, er versucht zu diesem Volk dazu zu gehören, und endet in einen Mord verwickelt. Aus diesem Chaos bleibt ihm nur die
Flucht.
- Der Zufall spielt ihm in die Hand. In der Fremde eröffnet sich ihm eine Chance. Eine gute Partie, eine Hochzeit, ein reicher
Schwiegervater, Einstieg in das Viehzuchtgeschäft. Jetzt scheint das Leben des Mose in geordneten Bahnen zu verlaufen. Er hat die
Sache im Griff.
- Da passiert ihm das mit dem Dornbusch. Es war leichtsinnig, näher hinzugehen, neugieriger Leichtsinn. Die Neugierde des Mose
aber ist verständlich. Da brennt ein Dornbusch - und verbrennt doch nicht. Der Dornbusch hat die Kraft zum Feuer ohne ein
Strohfeuer zu sein. Mose will sich das näher ansehen, denn die Standarderfahrung heißt: Kraft verbraucht sich, Feuer verglimmt.
Vielleicht erinnert sich Mose daran, vielleicht traut er der sicheren Laufbahn im Geschäft seines Schwiegervaters nicht so
vollkommen? Mose ist jung und rechnet damit, dass doch noch etwas Neues in seinem Leben passiert.
2. Gott der Väter, Gott des Leides
- In der Tat ist das Feuer im Dornbusch Zeichen für die Gegenwart von etwas Überraschendem. Der Text berichtet: Gott spricht aus
dem Dornbusch, aus dem Feuer, das brennt ohne sich zu verbrauchen.
Aber die Überraschung für Mose, der Schock ist groß: Der Gott, der da spricht, stellt sich heraus als der Gott seines Vaters, als der
Gott aus der Welt, aus der er weggegangen ist. Er hatte doch das alles verlassen, um neu anzufangen und stößt hier wieder nur auf
das Alte. Da verhüllt Mose sein Gesicht.
- Ein fremder Gott hätte Mose eher interessiert. Ein fremder Gott kann unvoreingenommen angeschaut werden. Er ist interessant,
weil er neu ist. Er tut auch nicht weh. Ich kann ihn wie eine seltene Blume bestaunen. Der Gott meiner Väter aber erinnert daran,
dass dieser Gott mir aufgezwungen wurde; oder daran, dass im Namen dieses Gottes Unheil geschehen ist durch Menschen, die
meine Vorfahren sind. Mose verhüllt sein Gesicht, weil er fürchtet, Gott anzuschauen!
- Wie recht tut Mose, sein Gesicht zu verhüllen, sich zu schützen. Denn Gott will etwas von ihm. Mose ist dem Chaos in Ägypten
entkommen, hat nun eine einigermaßen gesicherte Zukunft. Aber Gott konfrontiert ihn wieder mit dem Elend in der fast schon
vergessenen Heimat. "Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich
gehört. Ich kenne ihr Leid." Und Gott will, dass Mose sich ebenfalls davon anrühren lässt, dass er sich einspannen lässt, dass er sich
der Unsicherheit wieder aussetzt.
3. Der Name des Herrn
- So weit die Geschichte aus dem zweitem Buch Mose, dem Buch Exodus. Eine ganz andere Geschichte ist meine eigene. Wo ist
mein biographisches Chaos? Wo ist mein Versuch mein eigenes Leben zu gestalten? Und bricht in diese Linien, die ich mühsam
gezogen habe, ein Feuer ein, das mehr ist als momentane Begeisterung? Bleibt dies letztlich doch nur der Gott meiner Vorfahren,
mit dem ich nichts zu tun habe?
- Gott gibt dem Mose seinen Namen. Es heißt ausdrücklich, dass dies der Name ist "in allen Generationen". Jahwe ist der Name und
aus Ehrfurcht vor diesem Namen sprechen ihn gläubige Juden niemals aus, sondern sprechen immer nur von "der Herr".
Dieser hebräische Name "Jahwe" ist aber auch in sich dunkel. Eine Übersetzung ist kaum möglich. Es handelt sich um eine
Verbform, die sonst nicht existiert. Luther hat die Übersetzung versucht "Ich bin, der ich sein werde", und die Züricher Bibel
schreibt "Ich bin, der ich bin". Der Name Gottes ist dunkel, aber es ist ein helles Dunkel. Denn es wirft ein helles Licht darauf, dass
Gottes Name nicht festlegbar und nicht verfügbar ist. Er ist keine Zauberformel und keine ein für alle Mal betonierbare
Traditionsformel. Die Einheitsübersetzung, die wir gehört haben, nennt Gott den "Ich-bin-da". Gottes Name ist Gegenwart und
Zukunft, die nicht festgelegt sind - außer dem Einen, dass Gott gegenwärtig ist.
- Diese Gegenwart hat etwas Bedrohliches. Ich kann Gott nicht ausweichen oder zumindest nur um den Preis, dass ich systematisch
Wirklichkeit des Menschen ausklammere und diffamiere.
Die Gegenwart ist aber zugleich etwas überwältigend Positives: Nirgendwo ist menschliches Leben auf sich allein gestellt. Ob in der
Unterdrückung des Volkes in Ägypten, ob in der Einsamkeit auf dem Berg Horeb, ob in den Suchbewegungen meines eigenen
Lebens. Gott ist da, Gott ist in sich Zukunft, die gestaltet werden will. Diese Gegenwart ist eine Zukunft, die nicht verbraucht ist,
noch bevor sie angefangen hat. In der Litanei von der Gegenwart Gottes (Gotteslob Nr. 764) haben wir das Ringen um diese
Zukunft in all ihrer Dramatik durchdekliniert. Die Schlussfrage hies "Könntest du jemals Vertrauen enttäuschen?". Gottes Antwort
heißt: Ich bin der "Ich-bin-da".
Fürbitten
L: Gott, gegenwärtig und doch nicht festlegbar. Du lädst uns ein, dir zu vertrauen. So beten wir:
V: Für alle, die jetzt mit dem Studium beginnen, um einen guten Start nicht nur in das Studium, sondern auch in einen neuen Abschnitt
ihres Lebens. - Herr, unser Gott:
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
V: Für die Studenten, die auf der Suche nach ihrer Zukunft sind, um deine begleitende Gegenwart. - Herr, unser Gott:
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
V: Für die Eltern, Geschwister und Freunde derer, die von daheim weg gegangen sind, dass die Distanz, die dadurch entstanden ist,
hilft einander neu zu entdecken und zu verstehen. - Herr, unser Gott:
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
V: Für die Völker im Nahen Osten, um eine Chance für Frieden. - Herr, unser Gott:
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
V: Wir beten in den Anliegen, die jede und jeder Einzelne von uns hat (Gelegenheit eine Fürbitte zu äußern) - Herr, unser Gott:
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
L: Du Gott, bis der, der da ist und du bist unsere Zukunft. Du bist der Gott, der uns das Leben geschenkt hast, und willst, dass wir es in
Fülle haben. Von Jesus Christus haben wir gelernt, zu dir zu sprechen wie zu einem gutem Vater, wie zu einer liebenden Mutter.
Darum beten wir voll Vertrauen:
Vater Unser, im Himmel....
Veröffentlicht nur im Internet vorbehaltlich einer Überarbeitung
Anregungen und Kritik bitte an Martin.Loewenstein@Jesuiten.org