Predigt zur Beerdigung (Tobit 4) IHS - Jesuiten
Lesung: Tobit 4,3.6-9.14.18-19b 14,11b
Evangelium: Joh 6,37.39-40
Lesung - Predigt - Orationen - Fürbitten - alternative Predigt
Predigttext: Tobit ließ seinen Sohn Tobias rufen und sagte: Mein Sohn, wenn ich gestorben bin, begrab mich! Lass deine Mutter nicht im Stich, sondern halte sie in Ehren, solange sie lebt. Tu, was sie erfreut, und mach ihr keinen Kummer! Denn wenn du dich an die Wahrheit hältst, wirst du bei allem, was du tust, erfolgreich sein. Allen, die gerecht handeln, hilf aus Barmherzigkeit mit dem, was du hast. Sei nicht kleinlich, wenn du Gutes tust. Wende deinen Blick niemals ab, wenn du einen Armen siehst, dann wird auch Gott seinen Blick nicht von dir abwenden. Hast du viel, so gib reichlich von dem, was du besitzt; hast du wenig, dann zögere nicht, auch mit dem Wenigen Gutes zu tun. Auf diese Weise wirst du dir einen kostbaren Schatz für die Zeit der Not ansammeln. Wenn einer für dich gearbeitet hat, dann enthalt ihm seinen Lohn nicht vor bis zum nächsten Tag, sondern zahl ihn sofort aus! Wenn du Gott auf diese Weise dienst, wird man auch dir deinen Lohn auszahlen. Gib acht auf dich bei allem, was du tust, mein Sohn, und zeig durch dein Benehmen, dass du gut erzogen bist. Was dir selbst verhasst ist, das mute auch einem anderen nicht zu! Such nur bei Verständigen Rat; einen brauchbaren Ratschlag verachte nicht! Preise Gott, den Herrn, zu jeder Zeit; bitte ihn, dass dein Weg geradeaus führt und dass alles, was du tust und planst, ein gutes Ende nimmt. Denn kein Volk ist Herr seiner Pläne, sondern der Herr selbst gibt alles Gute. Als Tobit das gesagt hatte, verstarb er auf seinem Lager. Er war hundertachtundfünfzig Jahre alt geworden, und Tobias begrub ihn in Ehren.

Lieber Herr Maier, liebe Schwestern und Brüder.

Wenn jemand in einem so hohen Alter von bald 94 Jahren stirbt, dann ist es beeindruckend, sich vorzustellen, welche Dimensionen von Geschichte dieses Leben umfasst. Für mich ist Leben vielleicht das, was ich heute erfahre, erlebe. Angesichts des Lebens von Paul Maier wird deutlich, dass Leben aus der Tiefe der Zeit kommt, um über die Gegenwart hinaus in die Zukunft zu reichen.

Paul Maier hat darum wohl gewusst. Seine Enkelin hat vor zwei Jahren, damals zehnjährig, zu seinem 92. Geburtstag einen Aufsatz geschrieben: "Mein Großvater".

Was der alte Mann das kleine Kind gelehrt hat, ist, das Leben nicht selbstverständlich als Gegenwart zu nehmen. Zu viel hatte er erlebt. Zu oft hatte er erfahren, dass das Leben auch Untergang, Not und Vertreibung bedeuten kann. Und doch hatte er die Kraft neu anzufangen. Und doch hatte er einen Blick für das Schöne und Liebenswerte. Gerade, wenn ich weiß, dass vieles nicht selbstverständlich ist, bekomme ich einen Blick für die Freude der Gegenwart.

Was er erlebt hat, hat sich in seinem Gesicht eingeschrieben. Die strengen Falten ebenso wie die Fähigkeit, lustig mit den Augen zu blitzen. Sie haben mir, Herr Maier, Ihren Vater mit dem Satz zitiert: Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Mir hat dieser Satz sehr zu denken gegeben. Denn er zeigt einen Menschen, der das ganze Leben mit den Augen Gottes zu sehen versteht. Für den Gott nicht irgendwo hinter der Geschichte auf den Menschen wartet, sondern die Nähe wie die Ferne zu Gott sich mitten in unserem Leben abspielt.

Es ist eine große Versuchung, in der Vergangenheit hängen zu bleiben. Gewesenes in der Erinnerung zu verklären. Das, was heute geschieht, Schweres wie Schönes, nicht mehr wahrzunehmen. Dass ein Mann von so hohem Alter mit so viel Interesse an der Gegenwart gelebt hat, dass er bis zuletzt nicht an sein Zimmer gebunden war, sondern herumgehen konnte, gar mit dem Fahrrad fahren konnte, am Leben der Gemeinde teilnehmen konnte, ist ein unendlich großes Geschenk des Herrn.

Und doch ist es gerade dieser Mann, dessen lebloser Leichnam jetzt hier im Sarg liegt. Was immer gewesen sein mag. Hier wird klar, dass es vorbei ist; nichts ist selbstverständlicher und berechtigter als Trauer.

Ich habe lange darüber nachgedacht, welchen Text aus der Heiligen Schrift, ich in dieser Situation seinem Sohn und vielleicht auch seiner Enkelin mitgeben kann. Wir haben vorhin aus dem Buch Tobit die Rede des alten Tobit an seinen Sohn Tobias gehört. Darin spricht sich die Weisheit eines Lebens aus, das durch die Verbundenheit mit dem lebendigen Gott geprägt ist. Der alte Tobit wusste, dass ein Leben aus Gott bedeutet: Das Gute, das ich habe, weiterzuschenken. Ob es viel ist, oder ob es wenig ist. Ich darf es weiterschenken. Dass ein Leben aus Gott bedeutet: Mich selbst und die anderen hochzuachten. Nicht Zynismus, nicht Geringschätzung.

Paul Maier hat versucht, sein Leben an andere, besonders an seine Enkelin weiterzuschenken. Dazu will uns auch der alte Tobit Mut machen: Diene Gott in Wahrheit und tu, was ihm wohlgefällt! Leg deinen Kindern die Verpflichtung auf, Gerechtigkeit zu tun und Almosen zu geben, Gottes zu gedenken und seinen Namen allezeit zu preisen in Wahrheit und aus ihrer ganzen Kraft.

Das ist ein Leben, das über diese Zeit hinaus Wert und Bestand hat bei Gott; ein Leben, das, mitten unter uns in der Geschichte anfängt und doch nie verlorengeht. Amen.

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