Fastenpredigt: Der Friede des Lammes IHS - Jesuiten
3. Fastensonntag Hattersheim 1999
Lesung - Predigt - Orationen - Fürbitten - alternative Predigt
Hinweis: In einer Reihe von drei Fastenpredigten haben drei Gastprediger das "Agnus Dei" aus der Liturgie gedeutet. Die erste Predigt hat das biblische Bild vom Lamm entfaltet, die zweite hatte "Sünde der Welt" zum Thema. Die vorliegende Predigt schließt die Reihe ab. Die Predigt wird außerhalb der Hl. Messe am Abend gehalten.

Das Lamm Gottes

"Seht das Lamm Gottes" ist die Aufforderung des Täufers an Petrus und Johannes. Die ersten beiden Jünger folgen Jesus nach und bekennen: Wir haben den Messias gefunden. (Joh 1,35-42).
Die erste Fastenpredigt von Fr. Ignatius ist dem nachgegangen. Die ersten Jünger genauso wie die Leser der Apokalypse haben das Wort vom "Lamm Gottes" verstanden als die Ankündigung des Messias, als Ankündigung der Erfüllung der Hoffnung Israels. Der Messias kommt, und er kommt wie ein Lamm, nicht wie ein Löwe. Und der Messias ist dennoch siegreich, weil Gottes Königtum nicht löwengleich überwältigt, sondern sich überwältigen lässt - und dadurch siegt. Denn die Sünde wird nicht dadurch besiegt, dass Gott mit gleicher Münze zurückschlägt, dass ein Machtwort gesprochen und endlich einmal durchgesetzt wird, sondern dass am Kreuz und in der Auferstehung die Machtlosigkeit der Sünde erwiesen wird.
"Seht das Lamm Gottes" ist auch in jeder Hl. Messe die Aufforderung zur Gemeinschaft mit Christus Jesus.
Vor der Kommunion wird uns das Brot gezeigt, damit wir mit unserem Mund bekennen, was wir mit den Augen sehen: Dies ist das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.
Der Täufer Johannes hatte die Jünger zu Jesus geschickt. Dieser hatte sie eingeladen, mit ihm zu gehen: "Kommt und seht". Sie sind ihm gefolgt in das Haus, unter das Dach, wo Jesus wohnt. Daher ist das Gebet vor der Kommunion ganz genau ein Gebet im Anschluß an diesen Bericht aus dem Johannesevangelium: "Herr, ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach": Verbunden mit dem Bekenntnis des Hauptmanns von Kafarnaum: "Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund!" (Mt 8,8; Lk 7,7).
Bereis kurz zuvor aber haben wir schon drei mal Christus als Lamm Gottes angesprochen. Zweimal folgt diesem Ruf das "Erbarme dich unser!". Dies ist der Ruf, mit dem in der Antike der Kaiser angerufen wurde. Wir haben keinen König aus dem Einen und rufen zu ihm allein: "Herr, erbarme Dich unser!". Wir rufen das Lamm an um Erbarmen (vgl. Bar 3, 2) weil alle anderen Herren nur Löwen sind und Tod bringen.
Die dritte Anrufung des Lamm Gottes aber endet auf die Bitte: "Gib uns Deinen Frieden".

Die Bitte um Frieden

Wenn man darauf achtet, stellt man leicht fest, dass Frieden ein Grundwort ist, nicht nur in der Heiligen Schrift, wo es über 300 mal vorkommt, sondern auch in der Liturgie der Hl. Messe.
Schon die Eröffnung kann mit dem biblischen Gruß beginnen: "Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. " (2 Kor und öfters). Und jede Messe endet mit dem "Gehet hin in Frieden". Dazwischen kommt das Friedensmotiv im Gloria, im Hochgebet als Bitte um Frieden für die Kirche und unsere Zeit ("Ordne unsere Tage in Deinem Frieden", 1. Hochgebet), dort insbesondere auch um Bitte um Frieden für die Verstorbenen, dann aber ganz massiv vor der Kommunion: im Einschub vor dem Abschluß des Vater Unser, im eigentlichen Friedensgebet und eben als Abschluß der drei Anrufungen des Lamm Gottes.
Friede ist ein Grundwort der Hl. Schrift und der Liturgie. Es hat aber keinesfalls immer die gleiche Bedeutung, auch wenn natürlich ein innerer Zusammenhang besteht.
Seit der Verinnerlichung des Glaubens am Beginn der Neuzeit und in der Reformation wurde zu einem zentralen Friedensverständnis der "innere Friede".
Friede mit Gott ist ein Zustand der Seele, ausgeglichen und mit Gott vereinigt. Dieser mystische Friede der Seele gehört zum schönsten, was die Mystik formuliert hat. Dieses Verständnis von Frieden spielt in der Hl. Schrift aber nur am Rande eine Rolle.
Von dieser Innerlichkeit wollte die Aufklärung uns befreien. Nur eine Innerlichkeit sei erlaubt und nur ein Sinn der Religion abzugewinnen: der moralische. Wozu Religion, wenn Sie nicht dazu dient, den Menschen zur Tugend zu erziehen?
Ganz zweifellos gibt es in der Hl. Schrift des Alten wie des Neuen Testamentes die Ermahnung zum Frieden. Friedlichkeit als Grundhaltung.
Angesichts des Unfriedens in der Welt sollen sich die Christen nicht einreihen in die Reihe der Kriegstreiber und Rachedürstigen. Wir sollen nicht um unseren Vorteil bedacht über Leichen gehen. Der Limburger Anhang zum Gotteslob hat diesem Friedensmotiv ein ganzes Kapitel gewidmet (Liebe und Frieden). Soll sich nicht in der Friedfertigkeit unser Glaube erweisen? Dann laßt uns friedlich sein, ohne Waffen, ohne Hinterlist. Mit frommen und seichten Melodien, schunkelnd und wohlmeinend.
Aber: Wie paßt in dieses Bild das ganz andere Jesus-Wort "Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung." (Lk 12,51); "Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert." (Mt 10,34)?
Ganz offensichtlich ist der biblische und liturgische Friedensbegriff nicht einseitig ein moralischer Appell an die Wohlmeinenden, gesungen und gesummt von denen, die von ihrer eigenen Friedfertigkeit immer schon überzeugt sind.
Nein, der Friede der Hl. Schrift ist einem anderen und viel intensiverem Sinne politisch als jede Friedensstimmung bei Kerzenschein ahnen mag. Dieser "politische Friede" ist der Schlüssel"

Ein politisch-theologischer Friede

Zwei Fragen sind politisch interessant. Wie sollen wir Gerechtigkeit üben? Und: Wie sollen Staat und Gesellschaft verfasst sein? -- Zur ersten Frage ist die Heilige Schrift sehr konkret. Gerechtigkeit ist die Hauptforderung Gottes an sein Volk, wie es auch die Hauptforderung der Vernunft an jeden Menschen ist. Der besondere Beitrag der jüdisch-christlichen Tradition ist dabei, dass die Gerechtigkeit in erster Linie die Armen und Schwachen schützen soll. Jeder, der die Heilige Schrift gelesen hat und die Verkündigung der Kirche kennt, sollte um diese Forderung wissen.
Überraschender aber ist die zweite Frage. Ob der Glaube etwas zu sagen hat zur Frage der Verfassung von Staat und Gesellschaft? Zu verschieden sind doch die Verfassungen, die in den Jahrtausenden der Geschichte Gottes mit seinem Volk durchlebt und oftmals durchlitten wurden. Verschiedeneste Spielarten der Monarchie vom heidnischen Herrscher Kaiser Augustus über die christlichen Kaiser und Könige, Diktaturen und Tyranneien, bis hin zu sehr verschiedenen Formen der Demokratie hat die Kirche in ihrer zweitausendjährigen Geschichte erlebt. Manchesmal war die Kirche von diesen Staaten verfolgt, manchesmal haben Christen oder hat die ganze Kirche eine Herrschaftsform gestützt oder gar maßgeblich mitgeprägt.
Tatsächlich hat es eine für die ganze Kirche entscheidende Zeit gegeben, in der das Verhältnis der Kirche zur staatlichen Verfassung und zum Frieden radikal formuliert wurde.
Die ersten christlichen Jahrhunderte sind Jahrhunderte der Verfolgung. Es gab Zeiten relativer Ruhe; immer aber waren sich die Christen bewußt, dass sie im römischen Staat einen Gegner hatten. Das aber nicht deswegen, weil die Kirche wegen ihrer Friedfertigkeit verhaßt gewesen wäre. Was kommt den Machthabern mehr entgegen als Friedfertigkeit der Untertanen? Vielmehr haben die Christen Unfrieden gestiftet, weil sie die Legitimität der Herrscher angezweifelt haben.
Denn Die Kirche behauptet von sich selbst, eine politische Größe zu sein. Nicht von dieser Welt, aber in dieser Welt (Joh 18,36). Die Kirche ist die politische Form, in der das Reich Gottes in Jesus Christus begonnen hat.
Diese Behauptung, so unvermittelt wie sie hier steht, ist kaum erträglich. Ist nicht die Kirche in ihrer konkreten Gestalt vom Reich Gottes mehr als verschieden? Und ist nicht der Glaube zuerst eine sehr persönliche, ja intime Sache zwischen mir und Gott, in der Jesus Christus mehr oder weniger hilfreich sein mag? Die Heilige Schrift spricht von der Kirche, der Gemeinschaft der in Christus Getauften, in auffällig vielen politischen, genauerhin staatsrechtlichen Begriffen. Der Name "Kirche" selbst - griechisch: "ekklesia" - ist bereits der Sphäre des Politischen entnommen. Die ekklesia ist die Versammlung der Bürger in der griechischen polis, dem Stadtstaat der Griechen. Wenn Jesus das "Reich Gottes" verkündet, dann verkündet er ein neues politisches Reich. "Das Reich Gottes ist nahe" (Mk 1,14), ist die Zusammenfassung seiner Botschaft.
Selbst das Wort "Evangelium", Frohe Botschaft oder Heilsbotschaft, hatte in der Antike einen politischen Sinn. Es ist die öffentlich ausgerufene Botschaft von der Thronbesteigung eines neuen Herrschers. Ein neues Reich beginnt, wenn ein neuer Herrscher den Thron besteigt. Nein, eigentlich beginnt das neue Reich, wenn die Thronbesteigung verkündet wird, wie auch heute ein Gesetz erst Gültigkeit erlangt, wenn es veröffentlicht wurde.
So verkündet das Evangelium das Ende der alten Herrschaft, aller irdischen Herrscher. Es beginnt die neue Herrschaft Gottes und Christus ist - in den Worten der Christen der ersten Jahrhunderte - der neue Imperator.
Diese neue Herrschaft ist öffentlich verkündet und hat damit in einem politischen Sinne tatsächlich begonnen. Jesus hat nicht einen verschworenen Haufen religiös Begeisterter begründet. Er hat öffentlich gesprochen (Joh 18,20). Die Machthaber seiner Zeit haben das sehr genau verstanden. Jesus wurde gekreuzigt, weil er König war: "König der Juden" gab die Tafel über dem Kreuz als Hinrichtungsgrund an.
Und auch die frühe Kirche wurde von den römischen Caesaren aus genau diesem Grund verfolgt: weil die Christen einen anderen König verehrten und sich daher weigern mussten, dem göttlichen Kaiser zu huldigen. Allerdings steht der Anspruch der Christen "Christus ist der Herr" in augenfälligem Gegensatz dazu, dass sich das Reich dieses neuen Herrschers in der Welt (noch) nicht durchgesetzt hat. Sein "Reich ist nicht von dieser Welt" (Joh 18,36). Dennoch hat sein Reich in dieser Welt begonnen, indem es verkündet wird.
Weil Stephanus öffentlich bekannte, dass er den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen sah (Apg 7,56) wurde er gesteinigt. Das ist Stellung der Kirche nach dem Neuen Testament: Sie verkündet öffentlich das Reich des neuen Herrschers Christus in einer Welt, in der die alten Reiche, die alten Machthaber noch nicht entthront sind.
Als aber im 4. Jahrhundert das Ende der Verfolgung gekommen war und Kaiser Konstantin sich als Hüter der Kirche verstand, wurde zum ersten Mal versucht, Herrschaft politisch-theologisch zu legitimieren. Der Theologe Eusebius feierte damals die Durchsetzung des Glaubens an den Einen Gott statt an die vielen Götter als Werk des Einen Herrschers, der dadurch den Frieden gebracht habe. Die Herrschaft des Kaisers wurde mit der Herrschaft Gottes verglichen, der Friede schafft, dadurch dass er die Spaltung in die vielen Sprachen überwindet und ein reich des Friedens begründet.
Aus dieser Zeit stammt übrigens auch die Sicht des Kaisers Augustus, den wir noch heute in der Weihnachtsliturgie preisen, wenn behauptet wird, unter ihm, zur Zeit der Geburt Jesu, habe Friede geherrscht auf der ganzen Welt.
Dagegen regte sich schon damals prominenter Widerstand (Theologen wie Gregor von Nazianz und vor allem der Heilige Augustinus) Denn der Friede der Caesaren war ein blutiger Friede, der nur mit Waffengewalt geschaffen werden konnte. Daher war dieser Friede und diese Einheit des Reiches nicht mit der Herrschaft und dem Frieden Gottes zu vergleichen.

Der Christus-Friede

So müssen wir uns - gegen alle Soft-Versionen des Glaubens - wieder daran gewöhnen, dass das Evangelium zuerst und zuvorderst die Ausrufung einer Herrschaft ist. Der Friedensfürst ins Fürst. Das Reich hat einen König, Christus ist Imperator (wie die antike Kirche aufmüpfig gegen die Caesaren formuliert hat).
Dieser Herrschaftsanspruch über die ganze Welt, ja die ganze Schöpfung, ist öffentlich erhoben worden und lässt sich nicht wieder zurücknehmen. Denn diese Herrschaft hat begonnen über all jene, die die Staatsbürgerschaft des Himmelreiches in der Taufe empfangen haben.
Wir leben zwar noch in dieser Welt unter menschlichen Herrschern. Wir wissen aber, dass alle Herrscher ihre Macht über die Menschen mißbrauchen (Mk 10,42; Mt 20,25). Denn alle Herrschaft dieser Welt ist gezeichnet von der Sünde des ersten Menschen, von der Sünde des Menschen, durch die der Tod in die Welt gekommen ist (Röm 5,12). Daher ist unser Anrecht, unsere Staatsbürgerschaft im Reich Gottes das, was uns prägen soll.
Da wir immer zugleich Menschen in dieser Welt sind, geht die Grenze der beiden Reiche, die Grenze zwischen dem alten Menschen und dem neuen des Evangeliums mitten durch unser Leben hindurch. Daher ist das neue Leben in Christus für uns Aufforderung, den Frieden in dieser Welt zu beginnen, dort wo wir stehen und ihn wirken können.
Wenn wir aber nicht Frieden aus unserer eigenen moralischen Vollkommenheit schaffen wollen, sondern um den Frieden ringen "den die Welt nicht geben kann" (Joh 14,27), dann bedeutet dies immer zugleich auch Unfriede: Unfriede mit einer Welt die auf sich selbst vertraut, das Wissen um das richtende Schwert Christi.
Das Lamm Gottes ist der Titel Christi, des Menschensohnes.
Vom Menschensohn hatte der Prophet Daniel geweissagt: "Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen müssen ihm dienen. Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter." (Dan 7,14). Das ist unsere Stellung als Kirche: wir verkünden öffentlich das Reich des neuen Herrschers Christus in einer Welt, in der die alten Reiche, die alten Machthaber noch nicht entthront sind. Wir warten auf die Vollendung des Reiches Christi.
Er ist der Herrscher, der sich von allen irdischen Herrschern unterscheidet, da er das Lamm ist, das die Sünde am Kreuz getragen hat und darin von Gott zum Leben erweckt wurde. Die Herrschaft des Lammes ist Frieden.

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