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Apokalyptiker sind Optimisten

IHS - Jesuiten
Vortrag bei: Signale & Szenarien - Management-Symposion Interlaken 22.-24.Mai 2003

1. Wenn es um Aussagen über die Gesellschaft und den Menschen geht, liegt dem immer ein Werturteil zu Grunde. Bei Zukunftsaussagen ist dies sogar der entscheidende Faktor
Historiker sind schlauer als Zukunftsforscher. Denn hinterher ist man immer schlauer. Aber auch bei Historikern reicht es nicht, einfach zu beschreiben "was war". Zuvor steht immer die Entscheidung, was wichtig ist und unter welcher Rücksicht es betrachtet wird. Das ist schon so, wenn zwei Menschen ein und das selbe Ereignis, an dem beide beteiligt waren, berichten. Achten Sie darauf, wie viel Streitgespräche in einer Partnerschaft darum gehen "wie es war". Es ist auch nicht so, dass der eine Recht hat und der/die andere nicht. Die Sache ist komplizierter.
Wenn es um Zukunftsszenarien geht, ist die Frage, welchen Standpunkt ich habe, sogar der entscheidende Faktor. Jeder, der Ihnen etwas anderes erzählt, verdient Ihr Misstrauen.
Die meisten "Klassiker" der zeitgenössischen Szenarien beziehen sich auf Zukunftstechnologien. Nur scheinbar geht es dabei um "objektive" Perspektiven, die mit "objektiven" Methoden aus der Gegenwart und Vergangenheit hochgerechnet werden. In Wirklichkeit geschieht nichts anderes, als dass Menschen von dem, was sie machen (Technik) und was sie für herausragend halten (positiv oder negativ) erwarten, dass das die Zukunft bestimmt.
Auch Trendscouter können ihren Job nur machen, wenn sie das, was sie als den kommenden Trend ausmachen, selber letztlich hipp finden. Denn von einem unabhängigen Standpunkt aus, völlig "objektiv" messen zu können, welches Teil in dem großen gesellschaftlichen Mobile sich nach oben bewegt und welches nach unten, das kann niemand. Nur wenn der Zug mit großer Geschwindigkeit und Masse bereits in eine Richtung fährt, ist es leicht zu sehen, dass er nicht so schnell zu stoppen ist. Wo ein Zug neu losfährt - das zu erkennen ist das wirklich spannende Ziel der Beschäftigung mit Zukunfts-Szenarien. Denn dazu muss man die Signale lesen können, die gesellschaftliche Trends anzeigen.

2. Die klassische Fassung von Zukunftsszenarien ist die Apokalypse - die Offenbarung.
Es gehört nicht viel dazu festzustellen, dass genuin christliche Zukunftsforschung ihre Probleme hat. In den Kirchen ist es hierzulande heute weit verbreiteter, sich mit der Vergangenheit - gern verklärend - zu beschäftigen - als mit der Zukunft. Und in der Tat hat man auf den ersten Blick dabei die Bibel auf seiner Seite: Denn zu großen Teilen ist die jüdisch-christliche Bibel ein Buch der Erinnerung. Gläubige Menschen erinnern sich, was Gott getan hat, und erzählen sich die Geschichten aus Zeiten und Vorzeiten. Auffällig ist das in der evangelikalen oder gar fundamentalistischen Variante derzeit in den USA, wo das "Zeugnis" über eigne Glaubenserfahrung umschlägt in den Wahn berufen zu sein (George W. Bush).
Der Irrtum liegt darin zu meinen, dass dies in der Bibel vergangenheitsorientiert gemeint sei. Gerade die späteren Teile des Alten Testamentes und eigentlich das gesamte Neue Testament sind vehement zukunftsorientiert. Schon die Erinnerung an die Vergangenheit ist nicht nostalgisch gemeint, sondern dient der Selbstvergewisserung, Ermutigung und Orientierung. Restlos aber sind andere Schriften der Bibel zukunftsorientiert: All das, was man zur Apokalyptik zählt.
Das Wort ist griechisch und bedeutet: Enthüllung, Offenbarung dessen, was schon begonnen hat und sich durchsetzen wird. Liest man die entsprechenden Stellen in der Bibel, dann findet man Zukunftsbeschreibungen. Diese sind zumeist in einer so komplexen Symbolsprache verfasst, dass sie Uneingeweihten nur rätselhaft vorkommen mag. Es ist eine Geheimsprache, in der diese Schriften verfasst sind. Ein Buch voller Bildern und Zahlenmystik ist das letzte Buch der Bibel, die Apokalypse. Die verhüllende Sprache jedoch hat eine eindeutige Ursache: Es ist ein Schutz. Nur die sollen verstehen können, worum es geht, die mit der ganzen Bibel vertraut sind und denen die Gebete aus dem Gottesdienst bekannt sind. Mit dieser Verklausulierung haben sich die Christen vor sehr realer Bespitzelung und Verfolgung geschützt.
Damit sind wir beim Kern christlicher Apokalyptik. Die hat etwas zum Inhalt, das Verfolgung auf sich zieht. Die Christen des Neuen Testaments (und vor ihnen die jüdische Apokalyptik) hat eine Zukunftserwartung, die denen gefährlich werden konnte, die die politische und wirtschaftliche Macht haben. Gerade weil die Anhänger dieser Lehre diese nicht als theoretische Spekulation verstanden, sondern ihre Lebensgestaltung danach ausrichteten, war es eine akute Bedrohung des Mainstreams, an dessen Ungestörtheit die anderen ein Interesse hatten.
Studiert man die Riten des römischen Staatskultes und liest anschließend das Buch der Offenbarung, dann fällt einem auf, dass da in literarischer Form die Entmachtung des Kaisers propagiert wird. Haben die Römer durchgesetzt, dass dem Kaiser "Kyrie eleison!" zugerufen wird, dann propagieren die Christen ihren Jesus als Gegenherrscher, wenn sie es ihm zurufen. Das ist ungemein gefährlich, weil mit der Autorität des Kaisers die Legitimität des gesamten Herrschafts- und Wirtschaftssystems steht und fällt. Das Lukasevangelium lässt Maria einen Psalm singen, in dem es heißt:
"Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen." (Lk 1,52f).
Die Apokalyptik schreibt diesen Ansatz ins Kosmische fort. An was man heutzutage denkt, wenn man Apokalypse hört und was zum Grundrepertoire vieler Hollywood-Filme gehört, ist nur der erste Teil: Gott stürzt die Mächtigen vom Thron, er stürzt die gesamten Verhältnisse um, Berge werden eingeebnet und Fixsterne vom Himmel geholt. Der zweite Teil ist das eigentliche Ziel der Aussage: Die Niedrigen werden erhöht und die Hungernden mit Gaben beschenkt. Apokalyptiker sind Optimisten. Sie glauben an den Erfolg ihrer Sache.
Als das aufgeschrieben wurde, war das nicht naiv-spirituell gemeint, sondern drückte sehr konkret eine Zukunftsvision aus. Diese beginnt bei einer Gegenwartsanalyse die sagt: Die bestehenden Verhältnisse sind ungerecht. Sie schaffen Armut und Ohnmacht. Sie widersprechen dem, was Gott ist und will: Gerechtigkeit. Nun aber, so die Schlussfolgerung, ist Gott treu. Er wird also denen Recht geben, die auf seine Gerechtigkeit vertrauen. Das Unrecht wird nicht die Übermacht behalten. Der Glaube an die Auferstehung des Gekreuzigten wurde so unmittelbar zur festen Erwartung, dass mit dem Kreuz auch die anderen Unrechtsverhältnisse überwunden werden. Darauf stellte sich die junge Christengemeinde ein. Danach gestalteten sie ihr Zusammenleben, das prägte ihr Verhältnis zum Staat und ihr Konsumverhalten.

3. Struktur apokalyptischer Zukunftsszenarien
In soziologischer Sicht erwarte ich nicht für die nächsten Monate oder Jahre das Ende der Welt. Aber ich finde in der Apokalyptik ein wichtiges Strukturmodell dafür, wie Zukunft sich entwickeln kann, wenn bestimmte Faktoren gegeben sind. Technische Entwicklung ist ein zentrales Element von gesellschaftlicher Entwicklung. Wofür hingegen die Technik eingesetzt werden wird, muss mit anderen Mitteln erforscht werden.
Eine apokalyptische Dynamik kann dort entstehen, wo Verhältnisse nicht stimmen und konkrete Menschen Leidtragende dieser Unstimmigkeit sind. Unzufriedenheit kann Macht entfalten. Erlittenes Unrecht und erzwungene Ohnmacht können dem herrschenden Recht gefährlich werden.
Aus der Erfahrung von Unrecht wird dann eine apokalyptische Bewegung, wenn Menschen in größerer Zahl und in wachsenden Kommunikationszusammenhängen der Überzeugung sind, dass das Unrecht, das sie erleiden, nicht das letzte Wort behalten wird. Es wird nicht immer die große kosmische Umwälzung sein, in der alle Sterne vom Himmel gefegt werden, aber es reicht schon, wenn einzelne Himmelskörper ins Wanken geraten.
Unsere westlichen Gesellschaften sind tief von der jüdisch-christlichen Tradition geprägt, denn sie basieren auf dem Versprechen von Gerechtigkeit. Recht das es nicht schafft, Gerechtigkeit erfahrbar zu machen, wird es schwer haben in einer Kultur, die die Erinnerung an die Verheißung einer besseren Welt internalisiert hat. Die Vision des vergehenden Unrechts und des sich durchsetzenden Rechts gehört zum gehüteten Mythenbestand der Aufklärung und wird in Hollywood unermüdlich reproduziert. Der Kulturvergleich erst macht deutlich, wie sehr dieses Denken in historischen Kontinuitäten ein, wenn ich das Spezifikum der westlichen Kultur ist.

4. Konkretisierung
Ich komme aus einer Stadt, in der innert der letzten zwei Jahre an die 20.000 hochqualifizierte Arbeitsplätze, zumeist im Finanzdienstleistungsbereich, abgebaut wurden. Seit letztem Jahr ist dies nach meiner Erfahrung das Gesprächsthema Nummer eins; der Golfkrieg war nur eine Unterbrechung. Bei vier bis sechs Millionen Arbeitslosen in Deutschland mögen die vielleicht ein- bis zweihunderttausend Hochqualifizierten, die dazu gekommen sind, marginal sein. Für das gesellschaftliche Bewusstsein von Arbeitslosigkeit sind sie es nicht.

Weswegen jedoch die Arbeitslosigkeit von vor zwei Jahren nicht die selbe ist wie heute, liegt nicht daran, dass die Statistik sich geändert hätte. Ob Leute aufgrund von Arbeitslosigkeit in Armut geraten, ist für die Betroffenen zwar schlimm, dürfte aber noch keine gravierenden gesellschaftlichen und politischen Folgen haben. Aber dass es heute Leute erwischt, die nach geltenden Maßstäben "alles richtig gemacht haben", kann viel verändern. Das Weltbild einer ganzen Generation von Leistungs- und Entscheidungsträgern könnte ins Rutschen kommen.
Denn bisher wurde letztlich der Arbeitslose selbst für verantwortlich erklärt - und wurde diese Sicht von den Betroffenen vielfach geteilt. Arbeitslos ist, wer schlecht ausgebildet, alt, krank Ausländer oder aus Ostdeutschland ist. Die Fitten hatten nichts zu befürchten. Wenn heute ein 36jähriger Banker mit Musterkarriere entlassen wird, dann wird vielleicht noch er selbst darüber grübeln, was er falsch gemacht hat. Seine Kollegen aber, die noch einen Job haben, sehen das schon anders. Der Fixstern Marktwirtschaft hat für die Helden des Frankfurter Bankenviertels an Leuchtkraft verloren.


In der Zukunftsforschung kann es Zukunft nur im Plural als „Zukünfte" geben (Opaschewski, 21). Manches wird sehr heftig auf uns zukommen, manches schleichend. Ich bin mir auch nicht sicher, in welche Richtung die neue Erfahrung in ein neues Denken einmünden wird. Deswegen komme ich gar nicht darum herum, mich zu entscheiden, welcher Richtung ich die größere Kraft zutraue. Zukunftswissenschaft basiert auf Wertüberzeugungen. Ich sehe momentan Ansatzpunkte dafür, dass wir es nicht mit einer saisonalen Konsumzurückhaltung zu tun haben. Vielmehr fragen sich immer mehr Leute in den wirtschaftlichen Zentren, wofür sie sich achtzig Stunden die Woche einsetzen, wenn das System nicht mehr so funktioniert, wie in den prägenden 90er Jahren. Ich treffe immer mehr Menschen, die sich dem Zwang entziehen, einem globalen, abstrakten System dienen zu wollen - in ihrer Arbeit wie in ihrem Konsum. Weder in den Statistiken noch unter jungen Leuten, die ich kenne, finde ich einen Rückgang an Leistungsbereitschaft. Im Gegenteil. Es leisten sich aber mehr Leute die Freiheit, selbst entscheiden zu wollen, wofür sie etwas leisten.

Die Ideenanreger für die Zukunft sind - und werden es verstärkt sein! - die Menschen, die sich Freiräume geschaffen haben gegen den in der Gegenwart vorherrschenden Trend. Es sind die Menschen, die die Widersprüche in der Gegenwart wahrnehmen und den Schmerz an sich heranlassen. Noch fehlen die großen zündenden Ideen. Vielleicht werden es auch nur viele kleinere Ideen sein, die zündeln.

Sie müssen sich auf die Zukunft einstellen. Hören sie aufmerksam auf die Leute in ihrer Umgebung und nehmen sie wach war, was sich verschiebt. In Ihrem Verantwortungsbereich können sie Ihre Kraft darauf verwenden, systemfremde Trends zu unterdrücken. Zukunftsmenschen sind aber immer Außenseiter. Es liegt an Ihnen, welchen Raum sie diesen Außenseitern lassen. Sie müssen mit Umsturz rechnen. Sollte er kommen, sind sie gut dran, wenn sie sich nicht zu sehr an die Vergangenheit und ihre vergangenen Positionen binden.

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