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Die Ikone von Andrei Rubljow als Weg zur Dreifaltigkeit

IHS - Jesuiten
Firmkurs KHG - Wochenende 17./18. Januar 2009

Die Bibel ist das Buch, das Zeugnis davon gibt, dass Gott sich in unserer Welt zu erkennen gibt. Gott teilt nicht einfach nur etwas mit - Gesetze und Regeln zur Rechtleitung des Menschen -, sondern gibt in erster Linie sich selbst zu erkennen. Gott zeigt sich.

Insofern Gott von allem, was geschaffen ist, grundsätzlich verschieden ist, können wir ihn mit unseren irdischen Augen nur verhüllt sehen. Aber genau davon zeugt die Hl. Schrift, die Erfahrung Israels und der Christen, dass mitten in der Welt Gott erfahren werden kann und wir Gott begegnen können. Das bedeutet, Gott will sich uns zeigen. Gott will Beziehung, ja einen Bund mit den Menschen. Zu glauben bedeutet, aus dieser Beziehung und aus einer wachsender Vertrautheit mit Gott zu leben. Diese Vertrautheit wächst durch das Schauen und das Tun.

Gott gibt sich zu erkennen im Antlitz jedes Menschen, Mann und Frau, denn als Abbild Gottes werden wir von ihm geschaffen. Gott gibt sich dem Volk Israel zu erkennen auf dem Weg durch die Wüste. Gott gibt sich zu erkennen in dem menschgewordenen Wort, Jesus Christus. Und Gottes Wesen, Gegenwart und Wirken sehen wir im Heiligen Geist. Hier ist Schauen und Tun besonders eins, denn der Heilige Geist ist Gottes Kraft in uns, wir erkennen ihn und handeln aus dieser Kraft, die Gott selbst ist.

 

Besuch bei Abraham

Das Buch Genesis berichtet von einer Erscheinung ganz eigener Art. Im 18. Kapitel heißt es, JHWH sei dem Abraham erschienen. Auf diese Ankündigung folgt die Erzählung, von drei Männern, die um die Mittagszeit am Zelt Abrahams vorbeikommen. Es herrscht Hitze. Gastfreundschaft ist mehr als Höflichkeit. Sie kann das Überleben sichern. In dieser Situation sind die drei Männer die Bedürftigen. Sie zeigen sich angewiesen auf Hilfe. Und all das wurde eingeführt als Gottesbegegnung! So stellt das Alte Testament dar, wie Gott sich offenbart: Der Ewige und Allmächtige hat in seiner Freiheit sich den Menschen zugewandt und zeigt sich - als bedürftige Liebe. Es gibt nur einen Gott. Dieser hat die Welt geschaffen und "schafft" sie immerfort - und nimmt sich gleichzeitig zurück, indem er die Schöpfung dem Menschen und dessen Freiheit anvertraut. Dieser eine, einzige und selbe Gott gibt sich zu erkennen, um "seinen Namen" (sich selbst, wie er ist) durch Menschen allen Menschen bekannt zu machen. In der Begegnung mit Abraham unter den Eichen von Mamre zeigt sich Gott als der Bedürftige. Deswegen kann auch Jesus im Weltgericht (Mt 25) aus der Weise, wie wir den Bedürftigen begegnen, das Kriterium der Nähe zu Gott machen. Deswegen kann ich mindestens so sehr wie in der verehrenden Kniebeuge vor der Ikone vor einem Bettler in die Knie gehen und mit der Gabe, die ich ihm gebe, auch Gott ehren, der sich mir im Bettler offenbart.

In der jüdischen Tradition werden die drei Besucher als JHWH in Begleitung zweier Engel gesehen. Die christliche Tradition hat schon früh in den drei Besuchern, die im Alten Testament eine Offenbarung Gottes mit sich bringen, einen Hinweis darauf gesehen, dass sich der eine Gott in drei "Manifestationen" zu erkennen gibt: Immer das eine Wesen Gottes, der Liebe ist. Aber die Erzählung berichtet nur von "drei Männern" und davon, dass sich in dem Besuch JHWH offenbart.

Abraham bietet den dreien etwas Wasser und einen Bissen Brot an - und bedient sie anschließend mit allem, was ihm zur Verfügung steht. Die Erzählung berichtet weiter, dass aus dieser Begegnung ein Segen für Sara und Abraham wird - ihnen wird der Sohn Isaak verheißen und damit der Enkel Jakob-Israel, der Stammvater des Volkes Israel. Mit diesem Volk schließt Gott seinen Bund, diesem Volk schenkt Gott seine Gebote, die es dem Volk ermöglichen, in Gerechtigkeit und Freiheit zu leben, damit die Barmherzigkeit Gottes so vor allen Völkern sichtbar wird. Als Kind aus diesem Volk ist Jesus von Nazareth geboren. In ihm erkennen und glauben Christen den Gesalbten Gottes ("Christos", "Messias") in welchem Gott seinen Namen endgültig und unüberbietbar offenbar macht. Der Gott, der unter den Menschen gegenwärtig wird, bei uns zu Gast ist, ja, sich den Händen der Menschen ausliefert, obwohl diese ihn ans Kreuz schlagen.

Erzählt wird von dem Besuch dreier Männer. Aber diese einfache Erzählung öffnet den Blick für die ganze Geschichte des Heils, das Gott unter den Menschen wirkt.

Die Ikone als Ort der Gottesbegegnung

Wir Menschen dürfen uns kein Bild von Gott machen, um uns eigenmächtig Gott verfügbar zu machen. Die Erfahrung der ersten Christen, der Jünger Jesu Christi, ist aber, dass Gott von sich aus ein Bild von sich schenkt: sein wahres "Abbild" in dem Menschen Jesus Christus. Aber auch das ist schon im Glauben Israels grundgelegt, dass Gott den Menschen überhaupt nach seinem Abbild geschaffen hat, als Wesen der Liebe in Freiheit fähig. In dem einen Menschen Jesus von Nazareth hat Gott die Gestalt eines Menschen angenommen. So hat Gott selbst uns ein Bild von sich geschenkt, das den einen Menschen Jesus zeigt und auf jeden Menschen verweist, besonders auf die, in denen sich Gottes Gegenwart in der Kirche öffentlich zeigt, den Heiligen. Darauf nehmen die Christen besonders in der byzantinischen Tradition Bezug. Betende Menschen stellen das Wirken des Geistes Gottes in Ikonen dar. Das Malen einer Ikone ist betende Gottesbegegnung und auch das Betrachten und Verehren einer Ikone ist betende Begegnung mit dem einen Gott, den allein wir anbeten.

Der Mönch Rubljow hat in einem Kloster unweit von Moskau um 1425 eine Ikone gemalt, die vielen als die schönste der orthodoxen Tradition gilt. Sie stellt die Szene aus Genesis 18 dar. Drei Personen sitzen an einem Tisch; die Flügel stellen sie als Boten (Engel) Gottes dar. Der Tisch ist perspektivisch verzerrt und damit zum Betenden geöffnet. Damit ist der Betrachter eingeladen, zu dem Tisch hinzu zu treten und an der Gemeinschaft der drei teilzuhaben. Das Viereck vorne am Tisch symbolisiert die ganze Welt (vier Himmelsrichtung, vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer). Mit dem Beter ist die ganze Welt eingeladen, an der Gemeinschaft teilzuhaben.

Und es ist eine Gemeinschaft. Die drei sind eingezeichnet in einen unsichtbaren Kreis. Ihr Blick geht von einem zum anderen. Es ist ein aufmerksamer, ja liebevoller Blick. Der Kreis der Blicke führt zu der Kelchschale auf dem Tisch, der dem Beter dargeboten wird. Die Umrisse des Kelches wiederholt sich in der Anordnung der beiden äußeren Figuren. Wie der Kelch in der Mitte so wird auch durch den "großen Kelch" dem Betenden eine Speise angeboten. Die dritte Figur selbst ist in der Mitte dieses angedeuteten Kelches. All das verweist auf den einen (Symbol: Kreis) Gott, der in sich Liebe ist und den Menschen einlädt, in diese Liebe einzutreten. Der Kelch verweist konkret auf die Feier der Eucharistie. In ihr schenkt sich Gott ganz handfest in Christi Leib - und gibt sich in die Hand der Menschen, um bei uns zu Gast zu sein. Dir Kraft in diesem Geschehen ist Gott selbst. Gott selbst ist die Verbindung der Liebe, die die drei an dem Tisch und jeden, der an den Tisch hinzutritt, verbindet. Diese wirkvolle Gegenwart Gottes ist der eine Gott in der "Person" des Heiligen Geistes. Person bedeutet dabei nicht "Individuum", sondern lebendiges Gegenüber, zu dem ich in Beziehung treten und "Du" sagen kann.

Ikone der Dreifaltigkeit

Es wird immer wieder gesagt, die Dreifaltigkeitsikone stelle die Dreifaltigkeit dar. Das ist so einfachhin gesagt falsch. Sie stellt erst einmal nur die drei Gäste bei Abraham dar. Aber für den Beter wird das Dargestellte zur Offenbarung eines Größeren; das Gebet der Betrachtung dieser Ikone führt den betenden Menschen ein in das Geheimnis des einen Gottes, der gegenwärtig ist in den drei "Personen".

All dies wird in der Ikone nicht dargestellt. Aber sie führt uns im Gebet in dieses Glaubens-Geheimnis (mysterion) hinein. Der mittlere Engel hilft uns den Vater erkennen, der auf den Kelch als Ziel der Menschwerdung weisend zum linken blickt, wie der Vater den Geist sendet. So blickt der linke zum rechten Engel, der an den Sohn erinnert, der die Sendung der Hingabe annimmt und daher auf den Kelch blickt, der uns dargereicht wird.

Dadurch kann eine neue Bewegung des Gebetes angestoßen werden, in der wir den Sohn in dem mittleren Engel sehen. Der Baum darüber erinnert an den Baum des Lebens im Paradies, zu dem uns Christus führt durch den Baum des Kreuzes. Und natürlich verortet der Baum natürlich zunächst die Szene bei den Eichen von Mamre nach Genesis 18. Der Berg über dem rechten Engel weist hin auf den Berg, den bevorzugten Ort der Offenbarung (10 Gebote, Bergpredigt), und damit auf das Wirken des Hl. Geistes verweisen kann. Das Haus über dem linken Engel geht eindeutig über die Abrahams-Szene hinaus. Das Haus erinnert daran, dass Jesus gesagt hat, er gehe uns voraus zum Vater. Im Haus des Vaters gibt es viele Wohnungen und Christus will uns eine Wohnung bereiten.

Das Haus erinnert aber auch an ein Gleichnis Jesu, das zur Bewegung der Ikone passt, in der Gott uns einlädt hinzu zu treten zu seiner Gegenwart. Das Gleichnis stellt uns den barmherzigen Vater vor. Der jüngere Sohn hatte sich von ihm abgewandt und sich das Erbe auszahlen lassen, als sei der Vater für ihn schon gestorben. Als nun der Sohn zerknirscht zurückkommt und nichts mehr erwartet als einen Knechtsposten, verlässt der Vater das Haus, läuft dem Sohn entgegen, nimmt ihn wieder auf und lädt ihn ein, das freudige Fest der Versöhnung zu feiern. Diese bedingungslose Barmherzigkeit des Vaters erzürnt den älteren Sohn, der immer treu beim Vater geblieben ist. Er ist auf dem Feld, als er von der Barmherzigkeit des Vaters erfährt. Sein Herz verhärtet sich und er will nicht mitfeiern. Auch ihm geht der Vater entgegen: Er verlässt das Haus, um ihm entgegen zu gehen, damit alle teilnehmen am Leben des dreifaltigen Gottes.

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