http://www.Martin-Loewenstein.de
 
Der Skandal der verweigerten Gemeinschaft
Von Martin Löwenstein SJ, Frankfurt (Mai 2003)
leicht gekürzt veröffentlicht in Frankfurter Alllgemeine Zeitung, 28.5.2003, S. 10

Die Fähigkeit der Deutschen zur Prinzipiendebatte ist bemerkenswert. Stille Pragmatik ist unser Ding nicht, es muss "im Prinzip" geklärt werden. So nimmt es nicht Wunder, wenn sich im Vorfeld des Ersten Ökumenischen Kirchentages die Stimmen derer mehren, die eine für Berlin zu erwartende Unbekümmertheit im Umgang mit konfessionellen Grenzen dazu nutzen wollen, prinzipielle Bastionen zu schleifen: Unterschiede zwischen evangelischem Abendmahl und katholischer Eucharistie dürften nun endlich nicht mehr kirchentrennend wirken. Die Chancen auf breiten Applaus beim Kirchentag stehen nicht schlecht. Ob man für Abendmahlsgemeinschaft sei, hat in etwa die Funktion der Frage, ob man für Frieden sei. Die differenzierende Nachfrage, wie dieser zu erreichen und langfristig zu sichern seien, stößt dann ebenso auf Unwillen wie die Nachfrage, wie Abendmahlsgemeinschaft zu erreichen sei, ohne dass Wesentliches verlorenen geht - Wesentliches, das auch die meisten katholischen Befürworter einer Gemeinschaft nicht würden missen wollen.

Die Enzyklika "Ecclesia de Eucharistia" Papst Johannes Paul II. vom 17. April 2003 hat in Deutschland (und auch nur hier) die Eucharistielehre auf die Titelseiten der Zeitungen gebracht. Mancher hat von dem Schreiben eine katholische Kehrtwende erwartet oder zumindest eine Relativierung der Position. Die päpstliche Enzyklika aber hat an der traditionellen katholischen Lehre nichts geändert - und das ist gut so. Denn hätte der Papst irgend einen der verschiedenen in der katholischen Theologie derzeit diskutierten neueren Ansätze aufgegriffen, dann hätte dies das gesamte Gewicht des Lehramtes für eine dieser Positionen bedeutet. Wiederholt hingegen das Lehramt nur alte Positionen, greift es in die Diskussion viel weniger ein und lässt daher der Diskussion mehr Spielraum. Wegen dieser Eigenart päpstlicher Lehrschreiben ist es nicht unbedingt konservativ, wenn dort alt hergebrachte Formulierungen wiederholt werden.

Statt sich auf die Seite einer der neuen Theologien zu schlagen, ist das beeindruckende und neue der Enzyklika des Papstes ein sehr persönlich gehaltener Versuch, den Zugang zum Sakrament erfahrungsmäßig nachvollziehbar zu machen. Und hier, bei der Erfahrung, liegt nun auch ein wesentlicher Unterschied zwischen evangelischer und katholischer Kirche in Deutschland. Denn natürlich gibt es evangelische Christen, für deren Glauben das Abendmahl wichtig und wertvoll ist. Man muss aber nüchtern feststellen, dass in Deutschland jeden Sonntag mindestens acht Mal so viele Katholiken die Messe feiern wie Protestanten das Abendmahl. Auch für das Selbstverständnis jener Katholiken, die nur selten oder nie die Kirche von innen sehen, ist die Messe zentral, während evangelischerseits das Abendmahl auch heute noch vielerorts wie ein gelegentlich praktiziertes Anhängsel an den Predigtgottesdienst wirkt.

Die Katholiken haben an dem Punkt mehr zu verlieren. Deswegen tut die katholische Kirche gut daran, die tiefe Verbindung von kirchlicher Identität und Praxis der Eucharistie in der Messe zu bewahren und zu fördern. Wie heute de facto die Unterschiede zwischen Reformierten und Lutheranern in den unierten Landeskirchen ignoriert werden, kann kein Vorbild sein. Das führt unweigerlich zu einer Abendmahlsgemeinschaft, die es der Phantasie des Einzelnen oder der Wortgewalt des Predigers überlässt, was denn da nun beim Abendmahl gefeiert werde.

Genau dem aber widersteht die katholische Lehre. Für sie ist der Empfang des Abendmahles nicht primär persönliche Frömmigkeitsübung, sondern ein Akt, in dem durch die Gabe Jesu Christi (das Opfer) und das Empfangen des Leibes Christi (die Kommunion) die Kirche dargestellt und verwirklicht wird. Deswegen hält die katholische Lehre an der Verbindung von geistlichem Amt in der linearen Nachfolge der Apostel einerseits und der Gemeinschaft im Abendmahl andererseits fest, weil sie darin das "Geben", die Gegenwart des Opfers gewährleistet sieht. Das Heilige und die Unverfügbarkeit der Eucharistie in der Tradition der Apostel ist in der Messe spürbar. Deswegen feiern ca. 16% der Katholiken sonntags die Messe und nur ca. 2% Evangelische das Abendmahl.

Vielleicht steht hinter der evangelischen Forderung nach Abendmahlsgemeinschaft mehr praktische Unsicherheit im Umgang mit dem eigen Abendmahl, als man sich einzugestehen bereit ist. Die katholische Kirche zieht es in solchen Situationen immer vor, an den Prinzipien festzuhalten. Die Kirchengeschichte zeigt, dass bei solcher Festigkeit in der Lehre die Katholiken erstaunlich flexibel in der Praxis sind. Die alte römische Weisheit hat zwar nicht dogmatischen Stellenwert, hat aber nicht selten den Katholiken den Umgang mit Dogmen erleichtert: "Was man nicht prinzipiell tut, kann man prinzipiell tun!" Weh den Teutonen, die alles nur prinzipiell tun können. An den Prinzipien wird der Kirchentag in Berlin nicht viel ändern. Praktisch schon.

Veröffentlicht nur im Internet vorbehaltlich einer Überarbeitung
Anregungen und Kritik bitte an Martin.Loewenstein@Jesuiten.org