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Das österliche Gewand

von Martin Löwenstein SJ
(veröffentlicht in Geist und Leben, München 1998)

dass Äußerlichkeiten nichts wert seien, gehört zu dem, was heute allemal als selbstverständlich vorausgesetzt werden muss. dass hingegen, wer immer es kann, sich Äußerlichkeiten viel kosten lässt, steht dazu nur scheinbar im Widerspruch. Kleidung ist als äußere Hülle des Menschen Inbegriff von Äußerlichkeit, und nichts ändert sich so schnell wie die Mode, nach welcher sich zu kleiden hat, wer dazugehören will. So gelingt es das Rad der Konsumbewegung im Schwung zu halten, obwohl doch jeder weiß und sagt: dies seien doch alles nur Äußerlichkeiten.

Das religiöse Gefühl hat demgegenüber einen sehr waches Gespür für Äußerlichkeiten, zumindest so weit es in der Tradition der Schriften des Alten und Neuen Testaments steht. Das Symbol sagt mehr als lange abstrakte Reflexionen.

Die Texte der Passionsgeschichte sind einerseits die am meisten "historischen" im ganzen neuen Testament. Mit großer Sorgfalt werden Ort und Zeit verzeichnet. Aber darüber hinaus findet sich an diesem Objekt auch reiche Gelegenheit, die anderen drei Sinne der Hl. Schrift zu erforschen. Denn für den Christen enthält die Hl. Schrift neben dem wörtlichen Sinn immer auch dreifach einen geistlichen Sinn: den allegorischen Sinn, der die Schrift auf die Geheimnisse Christi und der Kirche hin deutet, den anagogischen, der die Bestimmung des Menschen und der Welt betrachtet, in Christus sich zu vollenden, und schließlich den tropologischen, der uns Anhalt gibt für unser Handeln.

Seit einiger Zeit hat mich ein Detail an den Texten der Passion interessiert, das nur im geistlichen Schriftsinn fruchtbar wird: Wer die Berichte von den letzten Tagen Jesu hört und auf dieses Detail achtet, der wird an vielen Stellen über das Gewand, speziell über das Gewand Jesu berichtet finden.

Am Sonntag vor der Kreuzigung zieht Jesus in Jerusalem ein, und die mit ihm einziehende feiernde Menge breitet ihre Kleider aus, damit Jesus auf dem Esel, dem Zeichen des Friedensfürsten, einziehen kann. In der Liturgie des Gründonnerstag berichtet das Johannesevangelium, pointiert an der Stelle, an der bei den synoptischen Evangelien vom letzten Abendmahl und der Einsetzung der Eucharistie gehandelt wird, von der Fußwaschung. Jesus legt dabei sein Oberkleid ab, um seinen Jüngern die Füße zu waschen.

Nach der Verhaftung und dem Verhör Jesu werden ihm zum ersten Mal die Kleider vom Leib gerissen. Die Soldaten entblößen Jesus, um ihm dann einen Soldatenrock umzuhängen und ihn so zu verspotten. Unter dem Kreuz, so wird uns berichtet, haben die Henker-Soldaten, ganz nach römischem Brauch und Recht, die Kleider des Gekreuzigten als ihre Beute unter sich aufgeteilt. Nackt hängt der Heiland am Kreuz.

Vom Ostermorgen schließlich, wird berichtet, dass der Auferstandene seine Gewänder im Grab zurückgelassen hat.


Was hat es mit dem Gewand auf sich? Wie ist mit diesen Details das Todesschicksal Jesu und die Osterbotschaft zu deuten?

Nach der Erzählung im Buch Genesis ist die erste unmittelbare Folge des Sündenfalls, dass der Mensch sich seiner Nacktheit bewußt wird. War der Mensch zuvor gleichsam durch die Vertrautheit und Nähe Gottes bekleidet, findet er sich jetzt nackt vor: unbekleidet, unbeschützt, ohne Status, ohne Gewißheit seiner Heimat und ohne Geborgenheit. Mit Feigenblättern muss er notdürftig seine Scham bedecken; der Ersatz für die verlorene Gewißheit der Gegenwart Gottes ist mit dem Tod der Tiere erkauft: mit den Fellen getöteter Tiere muss der nackte Mensch bekleidet werden. Nacktheit ist der Fluch für den Ungehorsam (Dtn 28,48) und der genaue Ausdruck für die Gottesferne, in der sich der Mensch bewegt. Im Buch Ijob findet sich das Bild der Nacktheit des Menschen immer wieder als Bild des verlorenen Menschen: nackt aus der Mutter Schoß hervorgegangen, werden wir nackt wieder ins Grab sinken. Aber auch das umgekehrte Motiv kehrt in der Heiligen Schrift wieder: Wenn der Geist der Verzückung über Saul kommt, dann zieht er seine Kleider aus (1 Sam 19,24), denn vor Gott und mit Gott ist der Mensch niemals nackt. Unübertroffen ist die Zärtlichkeit, mit der die Liebe Gottes den nackten Menschen, der "zappelnd in seinem Blut" geboren wird, bekleidet, so wie ein Liebender den Mantel über die Geliebte breitet (Ez 16,8).

Um das in der Bibel Gesagte und Gemeinte gut zu verstehen, müssen wir von unserem heutigen Verständnis von Kleidung weit abgehen. Auch wenn kaum jemand von uns darüber ausdrücklich reflektiert haben mag: seit der Renaissance gibt es in unserer Kultur ein Verständnis vom Menschen, das die Kleidung als ein "Äußerliches", "Uneigentliches" abwertet und dagegen den Körper in der Tradition der griechisch-römischen Antike als ursprüngliche Reinheit feiert. Als ein nahezu absurdes Beispiel dafür liefert Eckermann in der Schilderung des soeben gestorbenen Goethe; die Größe des Verblichenen kann er nicht anders schildern denn in einem Lobpreis auf die Vollkommenheit des Körpers. Mit der Realität des Leichnams eines Menschen von immerhin 82 Jahren hatte das sicher nichts zu tun. Die Freikörperkultur (die in den zwanziger Jahren in Deutschland zu den größten kulturellen Bewegungen gehörte) ist ein weiterer Ausdruck dieser Anthropologie. Im biblischen Verständnis ist Nacktheit hingegen Ausdruck des unvollständigen Menschen: der Arme, der Erniedrigte, der Ausgesetzte und ohne Stellung im Kosmos umherirrende Mensch ist nackt. Der vollständige Mensch trägt ein Kleid.


Im Markusevangelium findet sich ein Bild, mit dem wir diese Allegorie des Gewandes fortschreiben können: auf unsere Beziehung zu Jesu Kreuz und Auferstehung (auch wenn der Evangelist Markus diese Bildersprache kaum im Sinn gehabt haben dürfte, als er sein Evangelium niederschrieb).

In der Szene der nächtlichen Verhaftung Jesu wird von einem jungen Mann berichtet, der wohl zufällig dabeistand, vielleicht nur ein Schaulustiger, der sich eben einen Mantel übergeworfen hat, um zu sehen, was da vor sich geht (Mk 14,51f). Die Soldaten, die Jesus verhaften wollen, versuchen auch ihn zu ergreifen; sie bekommen aber nur sein Gewand zu fassen, er selbst flieht nackt. Die Nacktheit wirft ihn zurück in die Hilflosigkeit des ersten Menschen, der in seiner Schuld nackt vor Gott steht.

Der Mensch, der hier nackt flieht, ist vermutlich nur ein unbeteiligter Zuschauer gewesen. Jemand, der sich schnell etwas umgeworfen hat, um zuschauen zu können, was da vor sich geht. Er macht aber die Erfahrung, die jeder macht, der sich zu nah an das Schicksal Jesu heranwagt. Er wird in dieses Schicksal verstrickt. Vor dem leidenden Gerechten, dem Menschen des Ecce Homo, vor dem Kreuz kann man nicht unbeteiligt bleiben, hat man sich einmal zu nahe herangewagt.

Der Mensch, der nackt flieht, ist ein Bild für den Menschen, der sich nicht mehr verstecken kann vor seiner Situation, vor seiner Schuld und dem Kreuz, das er tragen muss: So wie Christus, unter die Verbrecher gezählt, nackt am Kreuz hängt.

Wer kann sich aussuchen, wo oder wie er das Kreuz Jesu am eigenen Leib spürt? Ob es unsere eigene Schuld ist, die auf uns zurückschlägt? Welche Schuld erleiden wir, verdient oder selbst schuldlos? Den Verlust von Heimat, von Orientierung, von Arbeit oder Sinn, die Erfahrung von Verrat, Treulosigkeit, ja von Gottverlassenheit sucht sich jedenfalls kein Mensch aus. Ebensowenig hat sich Jesus sein Kreuz ausgesucht. "Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir!", betet Jesus; aber er fügt an: "Nicht, was ich will, sondern was du willst soll geschehen" (Mk 14,36). Das Schicksal geschieht an Jesus, er will und sucht es so wenig wie irgend ein Mensch, der das verliert, was ihm Halt und Bedeutung gibt. Jesus werden die Kleider vom Leib gerissen, während er wehrlos und erschöpft auf die Hinrichtung wartet.

Dennoch will Jesus, der menschgewordene Gott, dieses Schicksal, denn es ist die Konsequenz seines Willens zum Menschsein unter Menschen. Das Johannesevangelium stellt diese Sicht in den Vordergrund: Am Gründonnerstag hat Jesus freiwillig das Gewand abgelegt, um seinen Jüngern die Füße zu waschen. "Zu dieser Stelle", schreibt der große Kirchenvater Origenes, "möchten wir denen einiges sagen, die nicht vom Wortlaut aus höher gehen und die nicht in geistiger Art die in diesen Worten uns vorgelegte Nahrung für die Seele erkennen wollen". Origenes deutet die Geste des abgelegten Gewandes als konsequenten Schritt des menschgewordenen Sohnes Gottes, der sich all dessen entäußert und entblößt, was er hat, um von ganz unten her uns Menschen mit zu Gott hinauf zu nehmen. Ganz entblößt, in seiner Gestalt als Knecht hat Gott seine Liebe uns Menschen ausgeliefert. Der König, den die Soldaten mit dem Krönungsmantel kleiden, ist ein Dienender. Darin ist die tiefste Wahrheit von Jesus dem Christus und des ganzen christlichen Glaubens angedeutet.

Am Kreuz werden Jesus die Kleider endgültig genommen. Die Auslieferung an die Macht des Todes, das Johannesevangelium ist in diesem Punkt überdeutlich, ist eine freie Tat Gottes. Daher siegt Christus am Kreuz, mitten in der Niederlage. Unter dem Kreuz aber verteilen die Soldaten die vier Teile des Gewandes Jesu unter sich und losen um das "von oben her" in einem durchgewebte Obergewand Jesu.

Diese Stelle ist nicht nur eine ausdrückliche Deutung von Psalm 21, also eine Deutung auf das Schicksal des unschuldig leidenden Gerechten hin. Cyprianus († 258) hat diese Stelle in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts auch auf die Kirche hin gedeutet. Der nackte Gott hinterlässt uns seine Gestalt, mit der er umkleidet war. Die vier Teile stehen für die vier Himmelsrichtungen der universalen Kirche. Das Obergewand, das so betont "von oben her" in einem Stück gewoben ward, darf hingegen nicht geteilt werden. Die Kirche ist berufen, die von Gott geschenkte Einheit zu wahren.

Als die Frauen am Ostermorgen zum Grab kommen, wird noch einmal von einem »jungen Mann« berichtet. Aber dieser junge Mann ist der Engel, der die Auferstehung verkündet: "Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. (...) Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat" (Mk 16,5). Dieser junge Mann ist mit einem »weißen Gewand« bekleidet, der Engel am Grab.

Vom weißen Gewand der Taufe hat unser »Weißer Sonntag« seinen Namen. Die neu Getauften tragen ein weißes Gewand. Sie sind nicht mehr nackt. Sie müssen sich auch nicht mehr auf Kosten anderer (mit Fellen getöteter Tiere) bekleiden. Gott schenkt uns in der Taufe neu seine Gegenwart; er "kleidet uns in Gewänder des Heils" (Jes 61,10). Dieses Gewand des Heils versteht Paulus konkret: in der Taufe werden wir mit Christus selbst neu bekleidet (Gal 3,27 und Röm 13,14). So nur können wir Christen, Christus-Menschen sein.

Wenn es uns gelingt, so aus dem Glauben zu leben, dass wir Zeugen für die Auferstehung sind, wenn wir nicht in unserer Nacktheit weglaufen, sondern uns von Gott neu bekleiden lassen, dann wird die Osterbotschaft für uns wahr, dann erfüllt sich, was in der Taufe begonnen hat. Die Christen sind berufen zur Einheit im Glauben; sie sind berufen, sich gleichsam mit Christus selbst zu bekleiden. Denn das sollte uns Christen auszeichnen: dass wir für die Wahrheit Gottes, die Wahrheit des Menschen, die Wahrheit des Glaubens einstehen, auch da, wo es uns, vielleicht nicht das Kreuz, aber doch Verachtung, Spott und Einsamkeit einbringt. Wir können das, wenn wir uns in den Glauben hüllen, dass Gottes Gegenwart und Liebe das einzige ist das zählt. Mit Paulus: "Wenn wir nämlich ihm gleich geworden sind in seinem Tod, dann werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt sein."

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