Keine Herrschaft ist wie die unseres Gottes
von Martin Löwenstein SJ
(veröffentlicht in Entschluß, Wien 3/99) |
Die Dreifaltigkeit Gottes ist das Fragezeichen hinter jeder menschlicher Herrschaft. Das Geheimnis der Trinität widerspricht dem
Versuch, Herrschaft des Menschen über den Menschen göttlich zu legitimieren. Denn Gott herrscht dreifaltig.
- Zwei Fragen sind politisch interessant. Wie sollen wir Gerechtigkeit üben? Und: Wie sollen Staat und Gesellschaft verfasst sein? --
Zur ersten Frage ist die Heilige Schrift sehr konkret. Gerechtigkeit ist die Hauptforderung Gottes an sein Volk, wie es auch die
Hauptforderung der Vernunft an jeden Menschen ist. Der besondere Beitrag der jüdisch-christlichen Tradition ist dabei, dass die
Gerechtigkeit in erster Linie die Armen und Schwachen schützen soll. Jeder, der die Heilige Schrift gelesen hat und die
Verkündigung der Kirche kennt, sollte um diese Forderung wissen. Überraschender aber ist die zweite Frage. Ob der Glaube etwas
zu sagen hat zur Frage der Verfassung von Staat und Gesellschaft? Zu verschieden sind doch die Verfassungen, die in den
Jahrtausenden der Geschichte Gottes mit seinem Volk durchlebt und oftmals durchlitten wurden. Verschiedeneste Spielarten der
Monarchie vom heidnischen Herrscher Kaiser Augustus über die christlichen Kaiser und Könige, Diktaturen und Tyranneien, bis hin
zu sehr verschiedenen Formen der Demokratie hat die Kirche in ihrer zweitausendjährigen Geschichte erlebt. Manchesmal war die
Kirche von diesen Staaten verfolgt, manchesmal haben Christen oder hat die ganze Kirche eine Herrschaftsform gestützt oder gar
maßgeblich mitgeprägt. Wie kann da der Glaube an den dreieinen Gottes etwas zu sagen haben zur Frage der Verfassung des
Gemeinwesens?
- Welche religiöse oder philosophische Vorstellung in einer Gesellschaft vorherrschend ist, hat nachweislich einen engen
Zusammenhang mit der politischen Sphäre. Denn ob ein bestimmtes System der Regierung, eine gesellschaftliche und politische
Verfassung für die Menschen plausibel ist, hing zu allen Zeiten nicht nur mit dem Menschenbild, sondern auch mit dem
metaphysischen Überzeugungen und dem Gottesbild zusammen. Das kann man sehr gut dann erkennen, wenn sich Herrscher auf
Gott berufen, ihre Herrschaft mit der Herrschaft Gottes vergleichen, um sich vor ihrem Volk zu legitimieren. Der Kult, den die
Staaten betreiben, um Herrschaft auszudrücken, ist daher nicht zufällig mit vielen religiösen Versatzstücken gestaltet. In
Kontinentaleuropa ist dies heute auf den ersten Blick weniger ausgeprägt. Je stärker aber eine Herrschaft auf Einheit bedacht ist,
insbesondere in den großen technokratischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts, desto stärker inszeniert sie sich mit pseudoreligiösen
Feiern. Aber auch die USA, eine moderne westliche Demokratie kennt ausgeprägte Formen der Zivilreligion, in der der Staat sich
selbst feiert und legitimiert. Die islamistisch geprägten Diktaturen sind vielleicht das augenfälligste Phänomen der Gegenwart, dass
sich Herrschende mit der Autorität Gottes umhüllen: Gott ist einer und nur ein Gesetz und nur eine Meinung darf daher im Staate
herrschen. -- lässt sich auch der christliche Glaube auf diese Weise politisieren?
- In der jüngeren deutschen Vergangenheit haben wir ein gutes Beispiel, wie Christen darum gerungen haben, ihren Glauben und die
Frage der politischen Verfassung zueinander in Beziehung zu setzen. Viele Katholiken standen der Weimarer Demokratie ablehnend
gegenüber, vor allem auf dem Hintergrund der „nationalen Schande" (wie man es empfand) des Versailler Vertrages. Sie hatten den
Traum, dass das alte Heilige Römische Reich Deutscher Nationen wieder erstehen könnte(1). Entspricht nicht dem Gedanken des
Reiches, der einen Herrschaft und der Sendung für alle Völker, das Reich Christi? Lassen sich nicht mit dem neuen „Dritten" Reich
die Gedanken des alten christlichen Reiches verbinden? Offenbar war für viele Christen die „Weimarer Schwatzbude" und eine
liberale Demokratie weniger plausibel als die Vorstellung eines einheitlichen Reiches mit einem starken Führer. Manche Theologen
haben bis in die ersten Jahre des Nationalsozialismus das Dritte Reich durch den Rückgriff auf das Reich im sogenannten christlichen
Mittelalter überhöht und legitimiert. Diese „Reichstheologie" hat ein auffälliges Charakteristikum: Sie hat im Letzten kein
Verständnis für Gottes Dreifaltigkeit. Sie vereinfacht Gott zu dem Monarchen, der das All und die Geschichte beherrscht. Der Sohn
ist dann letztlich nur ausführendes Organ des Vaters. Der Heilige Geist hat in diesem Gottesbild so Recht keinen Platz mehr.
Versuche, den Nationalsozialismus in Analogie zur Dreifaltigkeit Gottes zu formulieren, lesen sich heute wie damals als peinliche
Entgleisung(2)
- Solche Versuche, den Glauben und die Fragen der politischen Verfassung in Übereinstimmung zu bringen, hat es schon früh in der
Kirche gegeben. Und schon damals ging es bald um die Frage: Hat nicht die Trinität Gottes ganz unmittelbare Bedeutung für die
Bewertung des Staates. -- In den ersten drei Jahrhunderten stellte sich das Problem für die Kirche wenig. Denn die Kirche selbst
verstand sich als ein politisches Gemeinwesen, gegen den Staat. Sie ist die politische Form, in der das Reich Gottes in Jesus Christus
begonnen hat. Diese Behauptung, so unvermittelt wie sie hier steht, ist kaum erträglich. Ist nicht die Kirche in ihrer konkreten
Gestalt vom Reich Gottes mehr als verschieden? Und ist nicht der Glaube zuerst eine sehr persönliche, ja intime Sache zwischen mir
und Gott, in der Jesus Christus mehr oder weniger hilfreich sein mag? Die Heilige Schrift spricht von der Kirche, der Gemeinschaft
der in Christus Getauften, in auffällig vielen politischen, genauerhin staatsrechtlichen Begriffen. Der Name „Kirche" selbst -
griechisch: „ekklesia" - ist bereits der Sphäre des Politischen entnommen. Die ekklesia ist die Versammlung der Bürger in der
griechischen polis, dem Stadtstaat der Griechen.
- Wenn Jesus das „Reich Gottes" verkündet, dann verkündet er ein neues politisches Reich. „Das Reich Gottes ist nahe" (Mk 1,14),
ist die Zusammenfassung seiner Botschaft. Selbst das Wort „Evangelium", Frohe Botschaft oder Heilsbotschaft, hatte in der Antike
einen politischen Sinn. Es ist die öffentlich ausgerufene Botschaft von der Thronbesteigung eines neuen Herrschers. Ein neues Reich
beginnt, wenn ein neuer Herrscher den Thron besteigt. Nein, eigentlich beginnt das neue Reich, wenn die Thronbesteigung
verkündet wird, wie auch heute ein Gesetz erst Gültigkeit erlangt, wenn es veröffentlicht wurde. So verkündet das Evangelium das
Ende der alten Herrschaft, aller irdischen Herrscher. Es beginnt die neue Herrschaft Gottes und Christus ist - in den Worten der
Christen der ersten Jahrhunderte - der neue Imperator.
- Diese neue Herrschaft ist öffentlich verkündet und hat damit in einem politischen Sinne tatsächlich begonnen. Jesus hat nicht einen
verschworenen Haufen religiös Begeisterter begründet. Er hat öffentlich gesprochen (Joh 18,20). Die Machthaber seiner Zeit haben
das sehr genau verstanden. Jesus wurde gekreuzigt, weil er König war: „König der Juden" gab die Tafel über dem Kreuz als
Hinrichtungsgrund an. Und auch die frühe Kirche wurde von den römischen Caesaren aus genau diesem Grund verfolgt: weil die
Christen einen anderen König verehrten und sich daher weigern mussten, dem göttlichen Kaiser zu huldigen. Allerdings steht der
Anspruch der Christen „Christus ist der Herr" in augenfälligem Gegensatz dazu, dass sich das Reich dieses neuen Herrschers in der
Welt (noch) nicht durchgesetzt hat. Sein „Reich ist nicht von dieser Welt" (Joh 18,36). Dennoch hat sein Reich in dieser Welt
begonnen, indem es verkündet wird. Weil Stephanus öffentlich bekannte, dass er den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen sah
(Apg 7,56) wurde er gesteinigt(3). Das ist Stellung der Kirche nach dem Neuen Testament: Sie verkündet öffentlich das Reich des
neuen Herrschers Christus in einer Welt, in der die alten Reiche, die alten Machthaber noch nicht entthront sind. Die Kirche der
Märtyrer hatte also nicht das Problem, den Staat zu legitimieren. Sie wurde von ihm verfolgt.
- Als aber im 4. Jahrhundert das Ende der Verfolgung gekommen war und Kaiser Konstantin sich als Hüter der Kirche verstand,
wurde zum ersten Mal versucht, Herrschaft politisch-theologisch zu legitimieren(4). Der Theologe Eusebius feierte damals die
Durchsetzung des Glaubens an den Einen Gott statt an die vielen Götter als Werk des Einen Herrschers, der dadurch den Frieden
gebracht habe. Dem Monotheismus Gottes entspreche auf harmonische Weise die Ein-Herrschaft des Kaisers. Dagegen
argumentierten aber große Theologen wie Gregor von Nazianz und vor allem der Heilige Augustinus: Dieser Friede sei ein blutiger
Friede, der nur mit Waffengewalt geschaffen werden konnte. Daher sei diese Einheit des Reiches nicht mit der Herrschaft Gottes zu
vergleichen. Natürlich habe der alte Vielgötterglaube mit seinen nationalen Streitigkeit den Frieden verhindert. Aber Gott sei nicht
einfache Einheit, die alles erdrückt. Gott ist in sich bereits Vielfalt in der Gemeinschaft der drei göttlichen Personen. Weil Gott
Einheit und dennoch Vielheit ist, kann kein Ein-Herrscher mit Gott verglichen werden. Keine Herrschaft des Kaiser kann daher mit
Gott verglichen werden.
- Die Dreifaltigkeit Gottes ist das Fragezeichen hinter jeder menschlicher Herrschaft. Denn Gottes Herrschaft ist ganz anders. Solange
wir uns dieser Andersheit der göttlichen Herrschaft gegenüber menschlicher Herrschaft bewußt bleiben, bleibt die Erwartung des
Anderen im Menschen lebendig. Gottes Vorbild bleibt unverfügbar. Der Christ ist aufgefordert, sich um Gerechtigkeit zu mühen,
und Gerechtigkeit setzt politische Ordnung und Verfassung voraus. Ein trinitarischer Glaube wird aber immer einen Vorbehalt gegen
jede politische Verfassung haben. Der dreifaltige Gott taugt nicht zur Legitimierung von Herrschaft. Der Glaube ist dadurch aber
nicht unpolitisch, denn er zieht der politischen Verfassung Schranken. Durch die (1) Eigenheit der Herrschaft Gottes, durch die (2)
Öffentlichkeit der Thronbesteigung Christi und (3) durch das Warten der Christen auf die Vollendung des Reiches Gottes. Darin
sind drei Schranken gesetzt, die in Grenzsituationen den Christen zum Einspruch auffordern. Hier sind Schmerzgrenzen des für den
Glauben Erträglichen markiert: (1) Jede menschliche Herrschaft, die sich zum Gott über den Menschen aufspielt, jede Diktatur und
jede Monarchie, in der die Herrschaft und die Herrschenden sich im Kult verehren lassen machen den Christen zum Märtyrer (zu
deutsch: Zeugen) dafür, dass nur einer herrscht: Gott. (2) Aber auch jedes Verschweigen von Herrschaft, jede Auflösung der realen
Machtverhältnisse in anonymen Beziehungen und Marktkräfte ist für den Christen unerträglich. Denn Christus hat öffentlich den
Thron bestiegen, wie wir im Evangelium verkünden. Gott ist öffentlich, offenbar geworden und fordert damit auch zur Öffentlichkeit
heraus. Jede menschliche Herrschaft muss sich diesem Herrschaftsanspruch des offenbar gewordenen Gottes stellen. Für die Christen
kann es keinen Rückzug in das Private geben. (3) Und schließlich wird es für den christlichen Glauben unerträglich, wenn diese Welt
sich abschließt gegenüber der Offenheit Gottes und der Vollendung seines Reiches. Wer verkündet, das Reich Gottes auf Erden
schaffen zu wollen, leugnet die Gottheit Christi, dessen Reich hier beginnt, aber „nicht von dieser Welt" ist. Die menschliche
Geschichte ist erst abgeschlossen, wenn die ganze Schöpfung hineingenommen ist in das Leben des dreieinen Gottes.
zurück zum Anfang
1. Breuning, Klaus: Die Vision des Reiches. Deutscher Katholizismus zwischen Demokratie und Diktatur (1929-1934). München: Max
Hueber Verlag 1969.
2. Der bedeutende Staatsrechtler Carl Schmitt (Staat, Bewegung, Volk. Die Dreigliederung der politischen Einheit. Hamburg:
Hanseatische Verlagsanstalt 1934, Seite 21) hat sogar die Formulierung des Konzils von Chalcedon bemüht, um die „Vielheit in
Einheit" des Nationalsozialismus in Analogie zur Dreifaltigkeit Gottes darzustellen: „Die organisatorischen Grundlinien aber sind mit
dem Dreiklang Staat, Bewegung, Volk gegeben und gehen folgerichtig dahin, dass Staat, Bewegung, Volk unterschieden, aber nicht
getrennt, verbunden, aber nicht verschmolzen sind."
3. Denn vom Menschensohn hatte der Prophet Daniel geweissagt: „Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle
Völker, Nationen und Sprachen müssen ihm dienen. Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht
niemals unter." (Dan 7,14).
4. Vergleiche dazu den Aufsatz „Der Monotheismus als politisches Problem" (1935 erstmals erschienen) von Erik Peterson (in:
Theologische Traktate. Ausgewählte Schriften Band 1. Mit einer Einleitung von Barbara Nichtweiß unter Mitarbeit von Ferdinand
Hahn. Würzburg: Echter 1994. S. 23-81). Anregungen aus dem Werk von Peterson verdankt sich dieser Artikel.
zurück zum Anfang
Veröffentlicht nur im Internet vorbehaltlich einer Überarbeitung
Anregungen und Kritik bitte an Martin.Loewenstein@Jesuiten.org