Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum Hochfest der Gottesmutter - Neujahr 2010 (Numeri)

1. Januar 2010 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

1. Der aaronitische Segen

  • Die erste Lesung des heutigen Festes stammt aus dem Buch Numeri. Am Hochfest der Gottesmutter Maria zu Beginn des neuen Kalenderjahres, wird die Beauftragung der Priester des Alten Bundes als Lesung verkündet. Die Söhne Aarons, die Priester am Heiligtum des Bundes, werden von Gott selbst beauftragt, diesen Segen zu sprechen. Im orthodoxen jüdischen Gottesdienst ist dieser Segen bis heute dem Priester, dem Kohanim, vorbehalten. Auch in den evangelischen Landeskirchen sollen (eigentlich) nur ordinierte Pfarrerinnen und Pfarrer diesen Segen sprechen.
  • Und dieser exklusive Text steht am Hochfest Mariens. Das ist kein Zufall. Es lohnt sich dem nachzugehen. Denn Segen ist etwas Reales, nicht nur irgendein Spruch. Im Segnen geschieht etwas. Wie das Ja-Wort bei der Ehe, wie die Zusage in einem Vertrag wird durch den gesprochenen Segen eine reale Beziehung geschaffen.
  • Wer einen Segen spendet, bindet sich. Eine Mutter oder ein Vater, die ihr Kind segnen, bestätigen die Zusage an ihr Kind, dass sie für sie da sind, es bewahren und beschützen. Im Segen binden sie sich mit ihrem eigenen Leben an das Leben und Wohlergehen ihres Kindes. Sie wollen ihrem Kind das Leben auf dieser Erde ermöglichen.

2. Gott segnet

  • Wenn Gott segnet, bindet er sich und erneuert den Bund. Wie jeder Segen ist der Segen Gottes die Zusage, das Leben zu bewahren. Gott bindet sich an den Menschen. Das ist ganz und gar nicht selbstverständlich, dass der ewige, souveräne Gott sich an den Menschen bindet. Und doch ist genau das das Herz des ganzen Glaubens der Bibel.
  • Im Segen Gottes wird die ganze Beziehung Gottes zu seinem Volk zusammengefasst. All das, was die Bibel bezeugt, ist darin im Kern enthalten: Gott nimmt uns Menschen an als seine geliebten Kinder. Er, der uns geschaffen hat, will uns im Leben bewahren. Er bietet uns seinen Bund an.
  • Deswegen wird in Israel dieser Segen den Priestern, des Söhnen Aarons, vorbehalten. Es ist von Gott her die Aufgabe der Priester, den Segen zu sprechen, den Gott selbst zusagt. Sie können und tun das nie in eigener Vollmacht oder eigener Kraft. Sie können das nicht, weil sie besonders tadellos oder besonders mächtig sind, sondern einzig und allein, weil Gott sie beauftragt hat. Wer den Segen empfängt, den der Priester im Auftrag Gottes spendet, empfängt den Segen Gottes. Gott selbst will unser Leben bewahren. Gott selbst schafft uns Raum und gibt uns Perspektive.

3. Maria

  • Wir bekennen und feiern Maria als Gottesmutter. Durch ihr Ja-Wort an den Engel der Verkündigung, nimmt sie stellvertretend für die Menschheit Gott an, der in unserer Mitte Mensch werden wollte. Maria hat in dem Menschen Jesus von Nazareth Gott selbst geboren. So wurde sie selbst zum Segen Gottes für uns Menschen. Durch die Geburt des göttlichen Kindes schafft Gott Raum zum Leben und erneuert den Bund mit seinem Volk.
  • Maria aber ist das Urbild der Kirche. Dieses Mädchen aus Israel ist das Urbild der Gemeinschaft der Getauften. Wie Maria es durch ihr Ja-Wort möglich gemacht hat, dass Gott in dieser Welt geboren wird, so ist es unsere gemeinsame Sendung als Christen, "Gottesgebärer" zu werden: Durch uns als Kirche will Gott in jeder Zeit unter uns Menschen sein. Wir mögen, wie Maria, fragen "Wie soll das möglich sein?". Die Antwort des Engels gilt auch uns: Es ist die Kraft Gottes, die in uns und durch uns wirken will.
  • Deswegen sind wir ein priesterliches Volk. Jeder von uns wurde in der Taufe auch mit dem heiligen Öl gesalbt zum Zeichen dafür, dass wir Anteil haben am Priestertum Jesu und an der priesterlichen Sendung der Kirche: Gottes Segen zu vermitteln. Wie wir als Kirche und als einzelne Getaufte unser Ja-Wort sprechen und wie wir den Glauben leben ist daher nicht belanglos. Wir können und sollen ein Segen sein in und für diese Welt und für alle Menschen aus allen Völkern. Wir sind, wie es Paulus im Brief an die Christen in Galatien formuliert, nicht Knechte, sondern Kinder und Erben Gottes. Seinen Kindern hat Gott seinen Segen anvertraut. Dass auch in der Kirche geweihte Priester - wie in Israel die Nachkommen Aarons - den besonderen Segen sprechen, bringt nur sichtbar und hörbar zum Ausdruck, was mit Maria unsere gemeinsame Sendung ist: Ein Segen zu sein. Amen.