Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel 1999

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15. August 1999 - St. Barbara, Krakau

1. Fest

  • Die Hochfeste im Kirchenjahr sind nicht gedacht als Plan zu Belehrung des christlichen Volkes. Sie sind zuallererst Feste. Wir feiern unseren Glauben mit Liedern und Gebeten im Gottesdienst und hoffentlich nicht zu selten auch mit gutem Essen und gutem Wein zu Hause. Aber das Fest, das wir feiern, rührt immer aus dem Inhalt des Glaubens. Daher ist das Feiern des Kirchenjahres immer auch eine Aneignung des Glaubens der Kirche. Im Laufe meines Lebens wachse ich so in das hinein, was die Gemeinschaft der Kirche glaubt - und lerne so im Feiern selbst zu glauben.
  • Es gibt Feste die sich direkt aus dem Geschehen der Heiligen Schrift ableiten. Wir nennen sie die Herrenfeste. Und es gibt Feste, die sich aus der Erfahrung und dem Leben ergeben. Die Heiligenfeste gehören dazu. Mir ist es wichtig, dass das heutige Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel zur zweiten Gruppe gehört: Wir feiern heute die Erfahrung und das Leben der Kirche.
  • Dass dieses Leben in der Heiligen Schrift gründet, veranschaulicht wunderbar der Marienaltar von Veith Stoss in der Mariacki-Kirche nebenan: Der Tod Mariens im Kreis der Apostel ist das Thema. Aber dieses Geschehen gründet in der Wurzel Jesse, dem Alten Testament, auf der das ganze Altarbild aufruht, und das Geschehen erhebt sich zur Aufnahme Mariens in den Himmel und ihrer Krönung. Eingerahmt ist dieses Bild in die vielen Einzelheiten, die uns die Hl. Schrift über Maria im Leben Jesu berichtet.

2. Feiern

  • Was also ist so feiernswert heute, dass es ein Hochfest dafür gibt? Die Kirche benennt das Fest ganz eigentümlich: Hochfest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. "Wir verkünden, erklären und definieren es als ein von Gott offenbartes Dogma, dass die unbefleckte, allzeit jungfräuliche Gottesmutter Maria nach Ablauf ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde" - so wörtlich Papst Pius XII im Jahr 1950. Leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel: das feiert die Kirche. Sie hält an diesem widersinnigen, widersprüchlichen, anfechtbaren und belächelten Bild fest: Nicht nur mit der Seele, sondern leiblich wurde Maria in den Himmel aufgenommen. Das feiern wir als Fest der Kirche. Darin sehen wir einen Grund zum loben und danken - reichlich starker Stoff.
  • Ich bin der Kirche sehr dankbar, dass sie darauf verzichtet, den Glauben „handsamer" zu machen, und sich lieber dem Spott und Unverständnis aussetzt, als im Glatt-Gleichgültigen zu landen, dem niemand mehr widerspricht, das aber auch niemand mehr feiern will.
  • Denn Aufnahme will ich feiern. Aufnahme nicht in einem abstrakten, abgehobenen Sinn, nach dem irgendwie eine Seele mit Gott vereinigt wird, sondern Aufnahme in dem konkreten und leiblichen Sinn, in dem mein Leben und das Leben unserer Kirche leiblich, sinnlich, verschroben und liebenswert ist. Wir feiern als Kirche in Maria, unserem Urbild, was uns unwiderruflich verheißen ist, wenn wir wie die Apostel auf dem Altarbild in der Kosiele Mariacki uns mit unserem Leben um Maria versammeln.

3. Verheißung und Urbild

  • Die Verheißung heißt Aufnahme. Das mag herzliche, wohltuende Aufnahme sein. Das mag manchmal auch sein wie die Notaufnahme im Krankenhaus, in letzter Sekunde. Aber es bleibt eine Aufnahme, ein Aufgenommen-Sein. Wir brauchen das nur gegen die vielen Erfahrungen von Zurückgewiesen-Werden zu stellen, um zu verstehen, was es bedeutet, dass uns im Letzten bei Gott Aufnahme verheißen ist und dass die Aufnahme ihren Anfang genommen hat - in Maria und in der Feier der Kirche. Leibliche Aufnahme das bedeutet: Meinem ganzen Leib, meiner ganzen Geschichte, unserer ganzen Geschichte, mit Leib und Seele, mit Narben und Wunden - all dem, was wir sind und geworden sind, ist Aufnahme verheißen. Gegen die vielen Türen, vor der Nase zugeschlagen; gegen die viele Einsamkeit, in den Ecken am Bahnhof und im Park; gegen die viele Vertreibung, weil nur zählt was ethnisch rein ist - gegen all dieses Nicht-Aufgenommen-Werden setzt Gott die Aufnahme. Wenn das kein Grund zum Feiern ist?
  • Maria ist nicht nur deswegen Urbild der Kirche, weil an ihr die Verheißung in der le(i)bhaftesten Weise bereits begonnen hat. Sie ist auch Urbild, weil an ihr deutlich wird, dass Verheißung immer mit Bereitschaft zusammenhängt. Ohne das Wort der Bereitschaft, mit dem ich mich auf Gott und Gottes Pläne einlasse, muss jede Verheißung verdorren. Die Verheißungen Gottes sind freier Ausdruck seiner Liebe und daher können sie nur in freier Erwiderung dieser Liebe wirksam werden.
  • Nicht zufällig werden wir durch das Evangelium vom Besuch Marias bei Elisabeth auf genau das Thema gestoßen, das am genauesten den Ort trifft, an dem unsere Bereitschaft sich ausdrücken muss: an der Gastfreundschaft. Es ist eine alte christliche Überzeugung, dass Gastfreundschaft Gottesdienst ist: Bereitschaft für das Kommen Gottes, vergleichbar der Gastlichkeit mit der Abraham drei Fremde aufnimmt und so eine Vorahnung des dreifaltigen Gottes erfährt. Wie einen Gast hat auch Maria den Engel der Verkündigung aufgenommen. Unsere Bereitschaft kann sich somit nur darin ausdrücken, dass wir die Menschen aufnehmen, die an unsere Tür klopfen, die an unserem Wegrand liegen, die von der erfolgsgewohnten Welt vergessen wird. Wem das nicht klar ist, der lese das Weltgericht im 25. Kapitel bei Matthäus nach: Was wir dem Geringsten getan haben, das haben wir Ihm getan.
  • Das ist das Fest, das wir feiern: Dass die Bereitschaft zur Aufnahme des Gastes unter dem Zeichen der Verheißung steht: dass Gott dieses Leben nicht verfallen lässt, sondern uns mit Leib und Seele aufnimmt. Dass wir im bereitwillig aufgenommenen Gast selbst bereits aufgenommen sind in die Verheißung. Dass mit Maria alle berufen sind, mit Leib und Seele zur Aufnahme in die Herrlichkeit des Himmels.