Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigten zum 2. Sonntag der Osterzeit Lesejahr B

1. Glauben und Unglauben

  • Das Gegenteil von Glauben ist natürlich Unglauben. Aber damit ist nicht viel gesagt. „Sei nicht ungläubig, sondern gläubig", ist ein Satz an Thomas, den Apostel gesprochen. Von dort her klingt der Satz herüber und die Frage, was eigentlich den Unterschied zwischen Glauben und Unglauben ausmacht - und ob das überhaupt von Interesse ist.
  • Daher mein erster Punkt. Den Glauben macht im Unterschied zum Unglauben die Gabe, im Vertrauen auf Gott nicht kleinkariert und ängstlich zu sein. Der Unglaube dagegen braucht die Absicherung nach allen Seiten und wagt sich danach trotzdem nicht vor die Tür, weil ihm nichts und niemand Halt gibt.
  • Es ist durchaus möglich, dass die alte Überlieferung stimmt, nach der die Christen in Südindien sich auf Thomas als Gründer ihrer Kirche berufen. Damit wäre zumindest ziemlich deutlich, was passiert ist, als Thomas sich hat sagen lassen, „sei nicht ungläubig sondern gläubig". Er lässt sich auf ein Abenteuer ein, bei dem er nicht ängstlich fragt, was für ihn dabei herausspringt. Vielmehr bedeutet an Jesus Christus, den Auferstandenen, zu glauben, sich zu den Menschen senden zu lassen. Und sei es bis nach Indien.

2. Glauben und Zweifel

  • Das Gegenteil zum Glauben ist hingegen nicht der Zweifel. Fast würde ich sagen, es ist eher der Unglauben, der zu ängstlich ist, den Zweifel auszuhalten und Fragen zu stellen.
  • Das ist mein zweiter Punkt. Sosehr im Blick auf Thomas gesagt wird: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben", so wenig wird damit ein Glauben ohne jeden Zweifel gepriesen. Denn ein Glauben ohne das Dabei-gewesen-Sein unterdrückt nicht den fragenden Zweifel, sondern lässt sich auf Beziehung ein. Aus einer gelebten Beziehung heraus vertrauen wir, das gilt für die Beziehung zu geliebten Menschen ebenso wie für den Glauben an Gott. Es gab Menschen, die haben die Wunder Jesu mit eigenen Augen gesehen und haben es trotzdem nicht geschafft, sich auf Gott einzulassen. Sie haben lieber ihre alten Gewissheiten gepflegt.
    Christlicher Glaube hingegen steht in Bezug auf den konkreten Zweifel. Thomas möchte an dem Auferstandenen die Wunden der Kreuzigung sehen.
  • Auferstehung als Wunschvorstellung, den Himmel als Schlaraffenland, Jesus als abgehobenes Idealwesen, Glauben ohne Risiko und abgehoben von den Realitäten dieser Welt - wer so etwas von dir fordert, dem solltest du zu Recht mit Zweifel begegnen. Glauben in der Begegnung mit den Geschundenen und Geschlagen, ein Glaube, der die Behinderten und Kranken als Gast aufnimmt um ihnen zu dienen, das ist ein Thomas-Glaube.

3. Glaube und Kirche

  • Ein dritter Punkt. Ein solcher Glaube braucht Gemeinschaft. Das Johannesevangelium wählt zwei Begegnungen aus, um zu zeigen, wie einzelne Menschen sich an Ostern verhalten. Letzte Woche wurde am Ostersonntag im Evangelium von Maria Magdalena berichtet; heute ist es Thomas. Aber dazwischen wird, der ältesten Überlieferung folgend, von der Erscheinung des Auferstandenen vor „den Zwölf" berichtet (die nach dem Abgang des Judas nur 11 sind, aber weiter alle zwölf Stämme, das ganze Volk Israel repräsentieren).
  • Johannes schildert das so, dass sie zusammen sind und - wie wir hier - miteinander am Sonntag Gottesdienst feiern. Denn es ist - wie ich finde - erwiesenermaßen - falsch, wenn immer gesagt wird, man könne auch ohne Kirche glauben. Ja, am Ende muss ich mich selbst entscheiden und selbst es wagen. Aber diese Gemeinschaft hier und die Liturgie des Gottesdienstes ist notwendig, wenn mein Glaube mehr als ein beliebiges Gefühl sein soll. Hier, in der Sprache der Liturgie und der Bibel hat von Anfang an die individuelle Erfahrung von Glauben genauso wie von Zweifel ihre Form und ihr Korrektiv gefunden. Alles andere endet irgendwann in der Beliebigkeit der wechselnden Gefühle.
  • In jeder Feier der Hl. Messe feiern Christen Ostern mit Blick auf das Kreuz und wissen, dass das Brot gebrochen wird im Blick auf die Gebrochenheit des Gekreuzigten. Darin sind die gebrochenen Menschen, die Opfer von Gewalt, Umweltzerstörung und Ausbeutung gegenwärtig. Wo das fehlt, sind Zweifel angesagt. Aber wenn es wirklich ein Teil des Glaubens ist, dann ist die Aufforderungen Jesu sehr konkret: Die Wunden zu berühren, keine Berührungsängste gegenüber Behinderten oder Obdachlosen zu haben. Glauben bedeutet vielmehr, sie zu berühren und in ihnen den Auferstandenen zu entdecken: „Mein Herr und mein Gott". Amen.