Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 21. Sonntag im Lesejahr A 1999 (Matthäus)

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22. August 1999 - St. Cyriakus, Habitzheim

1. Der Weg

  • Die Tatsache, dass Petrus die Schlüssel des Himmelreiches gegeben werden, macht uns auf ein bedauerliches Faktum aufmerksam: Es gibt da ein Schloss vorm Himmelreich. Der Himmel steht uns nicht einfachhin offen. Man spaziert nicht wohlgelaunt und galant in den Himmel, ganz ohne weiteres.
  • In den großen Schwimmbädern gibt es riesige Rutschen. Ganz oben steigt man ein und saust nach unten. Ohne jede Chance zu verlangsamen oder auszusteigen. So kann man natürlich auch leben. Sich einfach auf die vorgefertigte Bahn setzen und lossausen. Nur darf man sich dann nicht darüber beschweren, dass man nicht mehr aussteigen kann. Im Schwimmbad landet man plantschend im Wasser. Im Leben landet man einfach nur ganz unten.
  • Deswegen gibt es die anderen, die nicht nach unten wollen. Sie kaufen sich eine ganz teure Bergsteigerausrüstung und machen sich auf den Weg, schwitzend vor Anstrengung. Mit aller Kraft arbeiten sie sich nach oben. Nur dass im Leben nicht einmal Zeit bleibt, eine schöne Aussicht von der Bergspitze aus zu genießen. Der Aufstieg wird lediglich immer härter, immer verbissener, immer einsamer und immer sinnloser. Ins Himmelreich kommt man so nicht.

2. Ausgeliefert

  • Der einzige Mensch, von dem die Heilige Schrift ausdrücklich sagt, dass er den Weg in den Himmel geschafft habe, ist der Verbrecher, der mit Jesus gekreuzigt wurde. Von ihm sagt Jesus: "Noch heute wirst Du mit mir im Himmel sein". So nahe am Himmel wie dieser ist kein Mensch je gewesen. Denn dieser Verbrecher war ganz nahe zu dem Gott, der sich ausliefert.
  • Der Weg in den Himmel führt über die Auslieferung. Nicht die Auslieferung an Mächte und Gewalten ist gemeint, die Auslieferung an die Rutschbahn in die Tiefe. Sondern die Auslieferung an den Menschen, den anderen. Wenn es gelingt den Zaun einzureißen, mit dem ich mich absperre bin ich auf dem richtigen Weg. Es ist Gottes großer Leichtsinn sich den Menschen auszuliefern - aus Liebe. Es hätte sich auch Gott zufrieden mit seiner Allmacht und Unendlichkeit in sich zurückziehen können - wenn ihn nicht seine Liebe dazu gedrängt hätte, sich an Menschen und ihre Geschichte auszuliefern: An Abraham und die Patriarchen, an Joseph und seine Brüder, an sein geliebtes Volk Israel, an Petrus, den Felsen seiner Kirche, an das Kreuz.
  • Ausliefern ist sich binden, ist etwas, was uns gemeinhin widerstrebt. Sich binden ist der Leichtsinn eines Vertrauens in den Menschen, gegen alle Erfahrung. Das schönste Bild, das wir für den Bund Gottes mit den Menschen haben, ist daher der Bund der Ehe, in dem sich zwei Menschen aneinander ausliefern und sich aneinander binden, und an deren Bund sich im Sakrament der Ehe Gott bindet.

3. Der Schlüssel zum Himmelreich

  • Das sind die Schlüssel zum Himmelreich. Die Auslieferung Gottes an den Menschen, dass er sich bindet an die Geschichte des Menschen. Was Petrus - Felsen der Kirche - auf Erden bindet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was Petrus, Felsen der Kirche, auf Erden löst, das wird auch im Himmel gelöst sein. An diesen Petrus, an diese Kirche, an diese allzumenschlichen Menschen bindet sich Gott und liefert sich uns aus - aus Liebe.
  • Für uns sind daher der Schlüssel zum Himmel die Sakramente, jene Zeichen des Heils, der Bindung und der Auslieferung, die Petrus, dem Felsen der Kirche, anvertraut wurden: Das Sakrament der Gemeinschaft im Bund, die Taufe. Das Sakrament der liebenden Auslieferung Gottes an den Menschen, im Brot des Leibes Christi, in dem sich Gott in unsere Hand legt. Das Sakrament der Verzeihung und des Neuanfangs, in dem ein von Menschen gesprochenes Wort auf Gottes Auftrag ruht.
  • Nicht Fleisch, nicht Blut haben es Petrus eingegeben, nicht seine eigene Geschichte oder Leistung. Er ist Beauftragter Gottes, wir, seine Kirche, sind Beauftragte und Vertraute Gottes. Dies könnte uns atemlos werden und die Stimme überschlagen lassen, wenn wir es uns ausdenken müßten. Da es uns aber geschenkt ist, dürfen wir dankbar sein. Amen.