Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 29. Sonntag im Lesejahr A 2008 (Matthäus)

Zurück zur Übersicht von: 29. Sonntag Lesejahr A

19. Oktober 2008 - Universitätsgottesdienst St. Antonius, Frankfurt

1. Was dem Kaiser gehört

  • Dann gebt halt "dem Kaiser, was dem Kaiser gehört". Jesus ruft das den Heuchlern aller Couleur entgegen. All denjenigen, die fragen "Ist es erlaubt...", stellt Jesus die Gegenfrage: Welche Münze habt ihr in der Tasche, welches Essen habt ihr auf dem Tisch, welche Götter verehrt ihr, während ihr anderen vorwerft, von der reinen Lehre abzuweichen?
  • Die Heuchelei hat nicht eine Gruppe für sich gepachtet. Jeder von uns - zumal ich, wenn ich hier predige - sollte sich klar darüber sein, wie dünn die Scheidewand ist, die von der Heuchelei trennt. Ja, selbst die, die in größter Liberalität über niemanden urteilen und sich daher frei dünken von aller Heuchelei, selbst solche allseits toleranten Leute könnten sich fragen, ob nicht auch sie genau dem selben Mechanismus verfallen wie die frommen Heuchler, die kirchlichen Heuchler, die anti-kirchlichen Heuchler, die Öko-Heuchler, die Abendländische-Werte-Heuchler und was es noch geben mag. Selbst die ganz Toleranten und Liberalen müssen sich fragen, ob sie sich nicht fein die Hände auf Kosten anderer reinwaschen, denen sie es überlassen, Position zu beziehen und Missstände zu verändern.
  • Sie wollten Jesus eine Falle stellen. Wörtlich "dass er mit seinen Worten sich in einer Schlinge verfängt". Dass aus den Worten das harte Kreuz würde, war ihn dabei klar. Dafür schickten sie, ihrer Sache sicher, die Jungpharisäer vor und die Anhänger des Königs Herodes gleich mit. Hätte Jesus das Steuernzahlen an den Kaiser abgelehnt, wäre die Anklage perfekt. Hätte er Steuern an die Besatzungsmacht befürwortet, wäre das ein erstklassiger Propagandaerfolg der Pharisäer. Aber für solche Ränkespiele wollte Jesus seine Sendung nicht drangeben. Erst wo es zum Punkt kommt: "Bist du der Messias, der Sohn Gottes?" (Mt 26,63), wird Jesus nicht ausweichen. Denn dazu ist er Mensch geworden, dass sich im Sohn der Vater offenbart.

2. Ohne Polemik

  • Keiner will aktuell uns ans Kreuz schlagen. Daher können wir uns ruhig und ohne Polemik die Frage stellen: "Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?" Denn diese Frage ist zeitlos. Das Kaiserreich war ein von Unrecht durchsetztes System. Die Steuermünze zeigte den göttlichen Tiberius Augustus und die Göttin Concordia. Aber die Concordia des Reiches beruht auf einem Sklavensystem und Unterdrückung fremder Völker. Wer Steuern zahlt, unterstützt das System.
  • Wir leben nicht in einer Diktatur. Aber wir sollten uns auch nicht vormachen, dass es gerecht zuginge in unserer Welt, unserer Politik, unserem Wirtschaftssystem, den Clubs und Vereinen, in denen wir sind, ja nicht zuletzt in unserer Kirche. Wir mühen uns, gerecht zu sein, aber doch sind wir allenthalben verstrickt in Unrecht. Es gibt vielleicht kein besseres System, das auch den Praxistest besteht, als repräsentative Demokratie und Marktwirtschaft. Aber die Fehlleistungen sind dennoch da. Auf globaler Ebene sind Millionen Menschen Opfer; aber auch in unserem unmittelbaren Umfeld blenden wir leicht aus, in wie viel Ungerechtigkeiten wir verstrickt sind.
  • Steuern an den Kaiser ist Tribut an das System, in das wir verwoben sind. Diesen Tribut zu entrichten kommen wir zumeist nicht umhin. Es kostet innere Kraft, sich das einzugestehen, ohne daran zu verzweifeln. Ich kann fragen, wofür eine Bank das Kapital verwendet, bevor ich es dort anlege. Ganz verhindern, dass mein Sparbuch korrupte Unternehmen finanziert, kann ich nicht. Ich kann fragen, was meine Krankenversicherung zum Schutz vor Abtreibungen tut. Ganz ohne Versicherung aber komm ich nicht aus. Ich kann kritisch sein, wofür die Wissenschaft missbraucht wird, die ich da studiere. Ganz ausschließen kann ich nicht, dass die Ergebnisse zum Schaden anderer eingesetzt werden. Ich kann mir genauer anschauen, mit welchen Freunden ich zusammen bin. Aber den Club der makellosen Heiligen werde ich nicht finden - und ich bezweifle, dass darin Platz für mich wäre.

3. Was Gott gehört

  • Sich Gott anvertrauen, ist die einzige Antwort, die ich Ihnen geben kann. Jahrhunderte protestantischer und oftmals orthodoxer Auslegung des heutigen Evangeliums haben sich damit beschäftigt, "was dem Kaiser gehört". Die Antwort war (von Calvin bis zur Nazizeit - und in Russland bis heute) meist staatstreu. Jesus aber betont den anderen Punkt: Wir gehören Gott. Und im Unterschied zum Kaiser unterjocht uns Gott nicht und zwingt uns keine Steuer ab. In seinem Sohn zeigt er uns vielmehr: Es ist an uns, ob wir zu Gott gehören wollen. Der Glaube ist nur in Freiheit möglich. Gott hat uns geschaffen; die ganze Schöpfung gehört Gott. Aber Gott lässt uns die Freiheit zu entscheiden, ihm zu geben "was Gott gehört".
  • Ich gehöre Gott. Wenn ich das Evangelium glaube, dann bedeutet das: Ich kann darauf vertrauen, dass ich mehr Glück und mehr Freiheit gewinne, wenn ich eben das zum Zentrum meines Lebens mache. Ich gehöre nicht meiner Bank und nicht meinem Staat und ich gehöre keinem Menschen, sondern Gott. Darauf kann ich vertrauen. Aus der Versklavung an Gott (sic!) entsteht die größte Freiheit. Die beste Zeit, die ich investiere, ist die Zeit des Gebets und des Gottes-Dienstes. Vertraut zu werden mit Gottes 'Charakter', mit der Eigentümlichkeit seiner Liebe, mit Gottes Bereitschaft zum Einsatz, mit seiner Hingabe. Das exemplarisch zu sehen, schenkt Gott die Berufung zum Bettelmönch. Er - oder sie - gibt alles Eigentum auf - und damit fallen sie durch die Maschen der Steuerpflicht und in die guten Hände Gottes.
  • Wir haben den Gottesdienst begonnen mit dem Schuldbekenntnis. Und gleich werden wir im Lied um Gottes Geist bitten (Pfingstsequenz zur Gabenbereitung). Ganz wird uns das nicht vor der Heuchelei bewahren. Aber es ist der richtige Weg. Der Heilige Geist ist Gottes Gegenwart in den Menschen, die sich Gott anvertrauen wollen. In dem Maße, in dem ich mich diesem Vertrauen öffne, kann ich sehen, was ich tun kann, wenn ich in einer Welt lebe, die nicht perfekt ist. Und weil die Freiheit zum ehrlich gemeinten Schuldbekenntnis zu diesem Glauben gehört, muss ich nicht Energie vergeuden auf die Illusion selbst perfekt zu sein. Die Frucht dieses Glaubens ist daher die entspannte Freude. Amen.