Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 31. Sonntag im Lesejahr A 2002 (Matthäus)

Hinweis: Die Hochschulgottesdienste im Frankfurter Dom zeichnen sich jeweils dadurch aus, dass sie mit einem besonderen musikalischen Programm verbunden sind. Das ist der Hintergrund, warum wir auch die durch Jagdhornbläser gestaltete Messe feiern. Der Benefizzweck ist dabei ein Projekt des studentischen Afrikachors für eine Schule in Kamerun.

1. Lasten für Hasan

  • Hasan habe ich am letzten Wochenende kennen gelernt. Vier lange Tage hat er mitgeholfen, ein großes Labyrinth an der Fachhochschule hier in Frankfurt aufzubauen. Da war viel Zeit, über alles mögliche zu reden. Weil kommenden Mittwoch der Ramadan beginnt, kamen wir auf das Thema Fasten. Hasan frug mich, wie das bei den Christen mit dem Fasten sei. Was ich ihm erzählen konnte hat ihn sichtlich interessiert, aber ich vermute, es hat ihn wenig beeindruckt. Ein kleiner Verzicht in der Fastenzeit vor Ostern, die Adventszeit schon lange nicht mehr als Fastenzeit, und kaum jemand, der an Aschermittwoch und Karfreitag das Kirchengebot achtet, auf ein sättigendes Essen zu verzichten.
    Auch einen nur durchschnittlich frommen Muslim kann das schwerlich beeindrucken.
  • Das Evangelium hält eine zornige Rede Jesu fest. Die Pharisäer, so Jesus, bürden den Leuten schwere Lasten auf. Die lange Liste ihrer Alltagsregeln ist von niemand zu halten. Nur ein permanent schlechtes Gewissen kommt mit ziemlicher Sicherheit dabei rum.
    Die Schriftgelehrten haben die Aufgabe, die Tradition der Bibel lebendig zu halten. Insofern sie das tun, soll man wohl auf sie hören. Aber ihr Verhalten, das so wenig den Ansprüchen genügt, treibt Jesus zum Zorn. Er mag nicht ertragen, dass die ersten Repräsentanten des Glaubens sich ganz an der Äußerlichkeit des Glaubens verlieren.
  • Jesus, damals in Jerusalem, spricht von den Pharisäern; wenn Matthäus diese Rede allerdings in sein Evangelium aufnimmt, dann tut er dies, weil er weiß, dass die Kritik Jesu auch für Christen gut passt. Deswegen ist es spannend herauszufinden, worin diese Aktualität besteht. Für uns wie für so manchen Christen vor uns. Hubertus ist einer davon.

2. Christlich leben

  • Zu Zeit eines Hubertus, im 8. Jahrhundert, gab es in der Kirche nicht wenige Regeln, gerade auch Fastenregeln. Die Älteren unter Ihnen kennen so manche dieser Kirchengebote noch aus eigenem Erleben. Auch heute ist das Evangelium aktuell, aber zumeist in eine andere Richtung. Denn man kann nun wirklich nicht sagen, dass heute eine große Zahl an Kirchengeboten die einfachen Christen lästig würde. Man kann offensichtlich heute sich ohne weiteres als Christ fühlen, versuchen anständig zu leben, ohne sich um religiöse Gebote zu kümmern
  • Das klingt so, als würde damit die Kritik Jesu an der Regelungswut der Pharisäer gut Frucht getragen haben. Aber ganz überzeugt bin ich nicht, dass Jesus unsere Form von Christsein als Ideal vor Augen stand. Worum es Jesus ging ist, dass der Bund mit Gott in Formen seinen Ausdruck findet, die helfen, im Glauben zu leben, und nicht als Last davon abzuhalten.
  • Das Reden und Tun fällt bei den Pharisäern auseinander, weil dieses Maß fehlte. Fasten ist kein Zweck an sich, sondern soll Hilfe sein, ganzheitlich den Glauben zu leben.

3. Hubertus

  • Hubertus ist eine nicht ganz unaktuelle Gestalt. Denn auf dem Taufschein war er Christ. Seine Präferenzen aber lagen ganz woanders. Bei der Jagd. Deswegen war es für ihn kein langes Zögern, als er eines Freitags die Einladung zur Rotwildjagd bekam. Ein passionierter Jäger, so meinte er, lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen. Dass dieser Freitag ein Karfreitag war, hatte er erfolgreich verdrängt.
  • Hat das Bedeutung? Zur Kirche kann man doch immer gehen - meint mancher. Aber es ist doch etwas offenbarend, wenn nicht einmal die höchsten Feste des Glaubens heilig sind. Ohne solche heilige Zeiten wird mir der Glaube selbst irgendwann schal werden.
    Worauf es ankommt, ist das "katholische Prinzip": Nicht das entweder-oder, sondern die immer neu zu gewinnende Balance zwischen beiden Polen: Innen und Außen, äußere Gestalt und gelebte innere Überzeugung. Auf alle stützenden Riten und Formen zu verzichten, ist genauso daneben, wie eine Religion, die nur noch Riten und Formen und Regeln gibt, dass aber der innere Glaube verloren gegangen ist.
  • Gerade die Katholische Kirche und katholische Christen müssen sich dieser Spannung stellen. Wir feiern und lieben die äußeren Formen. Wir haben und suchen Regeln, nach denen sich der Alltag strukturieren und christlich gestalten lässt. Wir nehmen ernst, dass wir als Menschen nie nur reine Innerlichkeit sind. Deswegen haben wir auch betont eine kirchliche Struktur und kirchliche Ämter. Aber all dies muss sich immer der deutlichen Kritik des Evangeliums stellen. Reine Äußerlichkeit ist es sicher nicht. Aber ein Glaube, der sich nicht ausdrückt, wird auch keinen Halt geben. Daher sollten wir uns gegenseitig stärken darin, das spannende Wagnis des Glaubens voranzutreiben. Amen.