Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum Hochfest Mariä Empfängnis 2009

8. Dezember 2009 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria

1. Drei Hindernisse

  • Der innere Schweinehund, der äußere Druck und die sich aufdrängende Gelegenheit nagen an unserer Freiheit. Gäbe es diese drei nicht, dann wären wir im wirklichen Sinne frei, das Gute zu tun, das wir zutiefst wollen. Wir hätten die Chance, unser Leben zu entwerfen, so dass wir sagen könnten: Ja, so habe ich das gewollt. Die drei aber bringen uns immer wieder zu Fall.
    • Der innere Schweinehund ist vor allem die faule Gewohnheit wider bessere Einsicht. Um unser vermeintliches Gesicht nicht zu verlieren und um der kurzlebigen Bequemlichkeit willen stehen wir uns selbst im Weg.
    • Der äußere Druck kommt manchmal smart daher als Trend, der uns einlullt. Manchmal aber ist der Druck brutal in einer Gesellschaft, die den Ellenbogen zum wichtigsten Körperteil gemacht zu haben scheint.
    • Und schließlich ist da die sich aufdrängende Gelegenheit, die uns einflüstert, es sei doch so leicht, sich auf Kosten anderer einen Vorteil zu verschaffen. Dabei verschweigt die Einflüsterung die vollen Kosten: Dass es mich selbst meine Integrität und Würde kostet.
  • Alle drei nagen an unserer Freiheit, als ganze Menschen zu leben und das Gute zu tun, das wir wollen. Es ist eben dies die Erbsünde, die an uns nagt. Der unerlaubte Obstgenuss im Paradies-Garten ist das Symbol dafür, dass jeder Versuch, sich an die Stelle Gottes und damit über andere Menschen zu setzen, Folgen hat: solche Selbstermächtigung prägt sich mir selbst aber auch der Kultur und Gesellschaft ein, in der ich lebe. Die einzelne Übertretung der Freiheit des einen nagt so an der Freiheit der Nachkommen. Unheil nimmt seinen Lauf. Das lateinische Wort 'peccantum originalis', englisch 'original sin', betont den Ursprung; das deutsche Wort 'Erbsünde' betont die Folgen für andere.

2. Gegenstrategie Gottes

  • Da setzt die Gnade ein. Gott beginnt seine Gegenstrategie. Dem Menschen, der angefangen hat, ängstlich seine Position zu verteidigen, zeigt Gott seine Liebe. Gott beginnt eine Gegengeschichte zu stricken für den Menschen und mit den Menschen. Gott sucht Menschen, die er berufen kann, und findet Menschen, die er sendet: Abraham, Isaak, Jakob. Dies sind die Namen derer, mit denen Gott seine Geschichte des Heils beginnt. Israel ist der Name des Volkes, dem Gott sich offenbart, um unter Menschen und mit Menschen für die Menschen sichtbar zu machen, dass ein anderer Weg möglich ist.
  • Der andere Weg wird nicht aufgezwungen. Gott will die Freiheit des Menschen wieder herstellen. Das geht nur in Freiheit. So wird die Geschichte des Volkes Israel zu einer Gesichte des Suchens und Scheiterns, aber eben auch der wachsenden Gnade. Gerade dort, wo Israel scheitert, scheitert das Volk an allen Versuchen seiner Herrscher, mit Macht und Gewalt das Heil zu erzwingen. Im Scheitern findet Israel den Weg, dass Heil nur möglich ist, wenn Menschen wieder lernen zu vertrauen. Die Freiheit das Gute zu erwählen kommt aus dem Vertrauen, dass Gott uns trägt.
  • So wird Israel zum Volk, in dem Gottes Gnade wächst. Die Erfahrungen dieses Volkes werden zum Lernort der Menschheit. Die Gebete dieses Volkes werden zur Einübung in das Vertrauen auf Gott. Nicht an der Spitze der Hierarchie, sondern unter den Armen des Volkes wird die Gnade Gottes erfahrbar und mächtig. Sie läuft auf den einen Punkt zu: Auf das Mädchen aus Israel, das seinen Eltern und seinem Volk verdankt, dass sie Gott angenommen haben. Maria hat, wie der Engel sagt "Gnade gefunden vor Gott". Sie ist die Frucht der Geschichte Israels mit seinem Gott. Diese Geschichte führt hin zu dem Augenblick, wo das junge Mädchen ihr 'Ja' sagt: "Mir geschehe, wie du es gesagt hast."

3. Die neue Gnade

  • Das heutige Fest feiert diesen Wendepunkt der Geschichte. Der Augenblick, in dem die Mutter Mariens, das Kind in ihrem Leib empfangen hat, ist dieser Moment. Durch den Weg, den Gott sein Volk geführt hat, kann ein Mädchen empfangen und geboren werden, das nicht mehr durch die Übertretung von Grenzen, sondern durch die Freiheit geprägt ist. Maria ist von Anfang an getragen durch das Gebet und den Glauben ihrer Eltern, nach der Tradition waren das Anna und Joachim. Dieses Gebet und diesen Glauben hat Gott ermöglicht, indem er Israel auf den Weg des Glaubens und des Gebetes geführt hat: Ein Volk mitten unter den Völkern und für alle Völker. Hier konnte Gott selbst Mensch werden, "Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein Ende haben."
  • Es lohnt sich das Fest zu feiern, denn es befreit. Es markiert den Weg der Freiheit. Es zeigt, wie es möglich ist, aus den vielen inneren und äußeren Abhängigkeiten heraus zu kommen, um das zu tun und so zu leben, wie es mir zuinnerst entspricht. Dies ist die Freiheit, über Gerechtigkeit und Liebe nicht nur zu reden (was schon mal was ist), sondern sie auch zu leben. Der Weg dazu ist, aus der Gemeinschaft mit Gott zu leben, die für alle Menschen offenbar möglich geworden ist. Aus dieser Gemeinschaft kann ich leben, weil sie unter Menschen durch Gottes Gnade gewachsen ist: im Gebet und im Glauben Israels und der Kirche.
  • Gott hat es unter Beweis gestellt, dass er uns zur Freiheit geschaffen und auch berufen hat. Die Weise, wie Gott den Ort vorbereitet hat, um selbst Menschen zu werden, ist dieser Beweis. Nicht in Missachtung der menschlichen Freiheit, sondern in höchster Achtung vor diesem höchsten Gut seines Geschöpfes ist Gott mit Menschen den Weg gegangen, bis hin zu dem Augenblick, wo mit Maria ein Mädchen geboren werden konnte, getragen durch die Glaubenserfahrung und das Gebet Israels, ein Mädchen, das zur Mutter Gottes selbst werden konnte, durch das gnadenhafte, gandenreiche 'Ja', "mir geschehe, wie du es gesagt hast." Amen.