Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Ein Wohlgefallen

1. Für einander leben

  • Hochzeiten pflegen eine ansehnliche Sache zu sein. Die Damen und Herren zeigen sich in bester Kleidung und von ihrer besten Seite - zumindest in den Zeiten, in denen der abendliche Alkoholgenuss noch nicht zu viel Wirkung zeigt. Hochzeiten sind also ein höchst sinnlicher Genuss. Die Zeiten, in denen protestantischem Puritanismus solcherlei Barock als eitler Tand galt, sind sicher vorbei. Die Braut kann daher in ihrem Kleide glänzen und eine Augenweide sein für jedermann. Als verbohrter Schuft gälte zu Recht, wer das als Eitelkeit und Selbstgefälligkeit kritisieren wollte. Denn Schönheit ist immer - oder kann es zumindest immer sein - ein Geschenk, das Menschen einander machen. Was anderen gefällt, sollte nicht schlecht gemacht werden.
  • Ich verdanke diese Einsicht Martin Luther. Die Lesung aus der Bibel, die wir aus dem Römerbrief gehört haben, haben die Brautleute selbst ausgesucht. Ich verrate kein Geheimnis, dass die Verschiedenheit der Brautleute, was die Bibel-Kundigkeit anbelangt, bei diesem Aussuchen zum Tragen gekommen ist - die eine Seite hat mehr ausgesucht, die andere hat mehr zugestimmt. Das verdanken wir ja der heute so freundschaftlichen Gemeinschaft von evangelischen und katholischen Christen, dass wir letztere gelernt haben, die Bibel mehr zu Hand zu nehmen und als freie Christenmenschen darin zu lesen - und sich die Lesung zur Hochzeit selbst auszusuchen.
    Auf jeden Fall wurde von den Beiden das Stück aus dem Römerbrief anhand der katholischen "Einheitsübersetzung" gewählt, die den Bibeltext in ein eher flüssiges modernes Deutsch übersetzt. Da heißt es, es käme darauf an, dass wir "nicht für uns selbst leben". Das, genau das, ist Friedrich und Henrike im Blick auf ihre Ehe wichtig, dieses: "Nicht für uns selbst leben". Auch der Kontext, in dem der Römerbrief das bringt, passt in einen Gottesdienst: "Denn auch Christus hat nicht für sich selbst gelebt."
    Dieser zweite Satz unterscheidet das Ganze von einer platten moralischen Ermahnung, dem erhobenen Zeigefinger: Du darfst aber jetzt nicht mir für dich selber leben! Sonst bist du keine gute Ehefrau oder kein guter Ehemann! Mit dem zweiten Satz, "Denn auch Christus hat nicht für sich selbst gelebt", erinnert Paulus vielmehr die Christen in Rom daran, warum sie Christen sein wollen: Weil sie fasziniert sind von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus sichtbar geworden ist. Die Leute machen sich ja allerlei Vorstellungen von Gott. Nachdem Gott aber sein Angesicht in Jesus Christus gezeigt hat, können wir sehen: So ist Gott! Einer, der nicht für sich selbst lebt, wie die heidnischen Götter, sondern ein Liebender, so hat "auch Christus nicht für sich selbst gelebt". Im Blick auf diesen Gott sagt Paulus: Wenn es das ist, was dich an Gott fasziniert, dann lebe auch selbst so.
  • So weit dieses Stück aus dem Römerbrief, wie es mir Henrike und Friedrich vorgelegt haben. Dann aber kam Martin Luther. Denn vor ein paar Tagen ist die neu überarbeitete Lutherübersetzung der Bibel erschienen. Und Friedrich hat noch mal betont, wie wichtig ihm Luther sei. Und da fand ich es selbstverständlich, die Lesung nach der Lutherbibel zu lesen. Und siehe da: Da steht etwas, das bei ersten Hören ganz anders klingt. Luther hat immer versucht, dann, wenn im griechischen Original der Bibel das selbe Wort verwendet wird, auch im Deutschen das selbe Wort zu verwenden Dafür hat er jeweils mit viel Mühe ein passendes Wort gesucht und oft genug dadurch die deutsche Sprache entscheidend geprägt. Die beiden genannten Sätze heißen bei Doktor Martinus auf jeden Fall: "Wir (...) sollen (...) nicht Gefallen an uns selber haben. Denn auch Christus nicht an sich selber Gefallen hatte ...".

2. Einander zu Gefallen

  • "Gefallen haben" ist ein interessanter Ausdruck. Denn was fällt denn da? Es ist wohl die Freude, die dem anderen zu-fällt. Die Freude nimmt man sich nicht, sie fällt zu. Man kann dazu disponiert sein, wie man Wohlgefallen an etwas nur in dem Maße hat, in dem man dafür bereit und offen ist. Wohlgefallen kann nur finden, dessen Wert und Schönheit geschätzt wird. Dennoch ist es das Letzte und Entscheidende, das ich nicht machen und allein herstellen kann: Es fällt dem Menschen zu. Es ist ein Geschenk, nicht zufällig, sondern in Liebe. Die Liebe dessen, der lebt um dem Anderen zu gefallen.
  • Liebe Henrike, lieber Friedrich, Ihr merkt, wie nahe das an dem ist, was Ihr heute feiert und unter Gottes Segen stellt. Ihr mögt die statistische Wahrscheinlichkeit gesteigert haben, indem ihr an Studienorte gegangen seid, wo man interessante Menschen trifft.
    Viele heute lernen sich über digitale Portale und Netzwerke kennen; vor wenigen Jahren tat man das noch schamhaft, heute ist es etwas ganz normales. Landwirte haben ihre Bäuerin auch früher schon über Zeitungsannoncen gesucht. Den Weg musste Friedrich nicht gehen. Sie haben sich auch so gefunden (so weit ich weiß).
    Aber bei allem, was wir tun können, ist es im Letzten und Eigentlichen ein Geschenk, dass zwei Menschen einander so lieben, dass sie ihr Leben an einander binden und mit einander teilen wollen. Liebe kann man nicht machen und schon gar nicht kaufen. Sie ist ein Geschenk. Und nur wo sie als ein solches empfangen wird, bleibt sie fruchtbar.
    Vielleicht wird das irgendwann ein Geschäftsmodell, Hochzeitsfeiern für Selbstverliebte anzubieten, die sich feierlich selbst versprechen dürfen, sich zu lieben zu achten und zu ehren. Aber das würde nur endgültig deutlich machen, wie im Grunde traurig Selbstverliebtheit ist- so wie auch Selbstgefälligkeit. In ihr ist der Mensch in sich selbst verkrümmt. Im Gegensatz dazu ist das, was Friedrich und Henrike heute feierlich zum Ausdruck bringen wollen: Dem jeweils anderen zu gefallen, in Liebe zu einander leben.
  • Da Friedrich mich bat, auf Luther einzugehen: Vielleicht können Sie im Rückblick auf den heutigen Tag sich immer erinnern, was Rechtfertigung eigentlich meint: Denn wie, bitte, rechtfertigen Sie, dass Sie heute neben dieser strahlenden Braut stehen? Gut Golste mag ein solides Erbe sein. Es ist aber keine Rechtfertigung. Dass Sie Henrike mit allen Ihren Gaben umworben haben, steht außer Frage. Aber es ist noch keine Rechtfertigung. Einzig und allein, dass diese Frau Ihnen ihre Liebe schenkt und Ihnen ihr Ja-Wort geben will, rechtfertigt Sie, hier neben ihr zu sein.
    So auch vor Gott: Dankt mit einander diesem Gott, der die Welten erschaffen hat und daher durch nichts zu beeindrucken ist, was Menschen meinen Großes zu sein und zu schaffen. Danken Sie Gott, der Ihnen beiden in Liebe begegnen will, wie Sie einander in Liebe begegenen. Einander zum Wohlgefallen. Diese große Gnade, dieses Geschenk Gottes allein ist Ihrer beider Rechtfertigung, vor Gottes Altar zu treten und seinen Segen zu erbitten.

3. Mit einander aufbrechen

  • Als Trauspruch haben Sie sich einen Vers aus dem Buch Ruth im Alten Testament ausgesucht. Er steht vorne im Liedblatt: "Wohin du gehst, dahin gehe auch ich. Und wo du bleibst, da bleibe auch ich." Es würde zu weit führen, die ganze Geschichte zu erzählen, die hinter dieser Zeile steht. (Es ist ein Dialog unter Flüchtlingen; Armutsflüchtlingen, um genau zu sein. - Aber die Braut hat mir streng verboten, über Politik zu predigen!).
  • Im Grund haben wir bislang nur über die Grundlage gesprochen: Das Geschenk der Liebe, das die beiden einander machen, aufbauend auf der Liebe, mit der Gott sie trägt und begleitet. Erst mit dem Trauspruch jedoch kommt so richtig in den Blick, worauf hin das zielt: Um sich mit einander auf den Weg zu machen.
    Gerade bei einer Ehe, die ihren Ort vermutlich auf Dauer auf der Heide-Scholle haben wird, ist es wichtig daran zu erinnern: Einander Liebe zu schenken, bedeutet immer auch das Wagnis, aufzubrechen und an Orte zu gehen, die nicht die eigenen sind.
    Wir werden nachher als Worte zur Ehe hören, dass die Bibel eigentlich davon spricht, "Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen". Da Friedrich den Hof mit in die Ehe bringt, wird es äußerlich eher umgekehrt sein: Die Frau verlässt ihr (räumlich bisher eher bewegtes) Leben, um ihren Manne anzuhangen. Ich denke aber, umso wichtiger ist es, den Satz ""Wohin du gehst, dahin gehe auch ich!" auch im übertragenen Sinn zu verstehen. Es ist auch für Friedrich der Weg, zu dem er aufbricht und nicht einfach die Rückkehr in das alte Zuhause seines Vaters und seiner Mutter. Dazu ist Henrike eine zu prägende Persönlichkeit - und deswegen doch liebt Friedrich sie.
  • Mit einander brechen Sie auf in diese Zukunft und wollen das nicht ohne Gottes Segen tun. Damit holen sie sich nicht einen Dritten in Ihren Bund. Mit Gottes Segen kommt das mit dem Dritten im Bunde später, vielleicht auch mit dem Vierten und dem Fünften und dem ....
    Doch Gott ist nicht der Dritte im Bund, sondern der Grund von allem und die Liebe, auf die Sie bauen können. Es ist Gottes Schönheit, die Ihnen beiden in der Schönheit des anderen begegnen will. Es ist die Geborgenheit in Gott, die Ihnen die Kraft geben will, Vertrautes loszulassen um miteinander aufzubrechen. Einander und uns allen zum Wohlgefallen. Amen.