Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Vertrauen trägt

1. Vertrauen, nicht zu kurz zu kommen

  • Keine Fünftausend, gerade mal Fünfundsiebzig sind für das Hochzeitsessen zu erwarten, einschließlich der Frauen und Kinder. Auch gehe ich davon aus, dass Carmen und Matthias für heute Abend mehr als "fünf Brote und zwei Fische" zur Hand haben werden - es wären sonst dürftig belegte Fischbrötchen.
  • Die Sorge der Jünger Jesu jedoch ist nachvollziehbar. Eigentlich war geplant, dass sie eine ruhige Zeit für sich selber haben. Sie waren zusammen mit Jesus extra "in eine einsame Gegend" gefahren, "um allein zu sein". Sie hatten nach den Aufregungen der letzten Zeit diese Ruhe sicher nötig. Es sollte eine Zeit sein, die sie nur für sich hätten, gemeinsam mit Jesus. Doch der Trubel des Alltags holt sie ein - in Gestalt einer großen Menschenmenge. Der Ort ist abgelegen; es wurde spät. Vorsorge für das große Freiluft-Piquenique war nicht getroffen. Gerade mal "fünf Brote und zwei Fische" ließen sich auftreiben.
  • Die Sorge der Jünger ist nachvollziehbar. Sie selbst hatten sicher auch Hunger. Sie brauchten etwas für sich. Wie sollten sie das mit so vielen anderen teilen? Hier kommt symbolisch zusammen, was jeden Menschen bewegt: Wie bekomme ich genug von dem, was ich brauche? Wie schütze ich meine Zeit und mein Inneres vor den vielen Ansprüchen, in denen ich funktionieren soll? Wird das Leben mit all seinen Beziehungen nicht am Ende dazu führen, dass ich selbst auf der Strecke bleibe? Oder ganz einfach: Bin ich allein oder kann ich auf jemand vertrauen?

2. Vertrauen, dass du bei mir bist

  • Vertrauen ist die wichtigste Ressource für uns Menschen. Vom Vertrauen hängt es ab, ob wir uns öffnen können oder verschließen müssen. Vom Vertrauen hängt es ab, ob wir alles im Leben kontrollieren und benutzen müssen, oder ob wir den anderen die Freiheit geben, die wir uns für uns selbst wünschen. Vom Vertrauen hängt es ab, ob wir das Leben wagen oder im Banalen enden, bevor das Leben überhaupt begonnen hat. Vom Vertrauen hängt es ab.
  • Carmen und Matthias haben deswegen Vertrauen in den Mittelpunkt dieser Hochzeitsfeier gestellt. Sie werden einander vertrauen, wenn erst Matthias und dann Carmen sagen werden: "Ich verspreche dir die Treue!".
    Diese Treue soll nicht abhängig sein, vom benefit, wie ich ein Geschäft danach berechne, ob jederzeit für mich genug dabei herausspringt, und der Ertrag die Kosten übersteigt. Vielmehr versprechen die beiden sich die Treue "in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit", in jeder Lebenssituation. Bedingung ist nicht der Nutzengewinn, sondern dass es diese Frau, dieser Mann ist, dem das Vertrauen geschenkt wird und die oder der mir vertraut.
  • Dieses Vertrauen baut auf Erfahrung auf. Die beiden haben mit einander Erfahrungen gemacht, auf die sie den heutigen Schritt aufbauen. Das ist nicht nur, dass sie einander lieben; als Liebe und Verliebtheit kann sich auch tarnen, was in Wirklichkeit nur romantisch verklärter Egoismus ist, der den anderen fallen lässt, wenn das Gefühl vorbei ist.
    Carmen und Matthias lieben einander, kein Zweifel. Aber der Schritt heute ist mehr als hormonell gesteuertes Bindungsverhalten. Es ist auch mehr als ein Vertrag beim Standesamt, der jederzeit gekündigt werden kann. Vielmehr haben Carmen und Matthias miteinander- über Wasser und unter Wasser - Erfahrungen gemacht, von denen sie sicher sind, dass sie über den Augenblick hinaus weisen. Die einzelnen Erfahrungen wachsen zusammen in ein Grundvertrauen, dass es wert ist, ein Leben miteinander zu wagen.

3. Fest des Vertrauens

  • Carmen bringt in diese Ehe eine besondere Vertrauenserfahrung mit ein. Sie ist getauft. Das bedeutet, dass sie damals als kleines Kind im Alter von drei Monaten erfahren hat, dass Gott ihr vertraut. Ihre Eltern haben auf diese Weise ihr eigenes Vertrauen in den Urgrund des Lebens an ihre Tochter weiter gegeben. Wir kommen nicht aus dem Nichts eines blinden Zufalls. Unser Leben endet nicht in der Belanglosigkeit, sondern ist getragen von Gott, dem Urheber alles Lebens. Er hat jeden einzelnen beim Namen genannt hat und will, dass es uns gibt, so wie er uns geschaffen hat.
    Carmen wurde in dieses Vertrauen hineingetaucht; im Fest der Taufe wurde ausdrücklich, was in der Feier eines jeden Gottesdienstes im Mittelpunkt steht: der Lobpreis des Gottes, dem wir vertrauen. Das Wort "glauben" ist dabei in der Sprache der Bibel das selbe wie das Wort "vertrauen"!
  • Das Evangelium vom Wunder, dass ein wenig Brot und Fisch für viele reicht, war für die Jünger Jesu ein überwältigendes Fest des Vertrauens.
    Manche werden den biblischen Bericht so verstehen, dass durch die Initiative, dass die Jünger ihre "fünf Brote und zwei Fische" verteilt haben, die vielen Menschen begonnen haben, alles, was sie dabei hatten, mit einander zu teilen. So reichte es nicht nur für alle; "alle aßen und wurden satt". Es blieb sogar noch übrig: Es "wurden zwölf Körbe voll"; die Zahl zwölf symbolisiert das ganze Volk Israel und damit letztlich die ganze Menschheit. Von dem, was hier geschieht, können alle Menschen leben.
    Vielleicht hat auch tatsächlich in dem Sinn ein Wunder stattgefunden, dass durch Gottes Wirken das bisschen Brot und die Fische wirklich mehr wurden; dass also hier das wenige wundersam vermehrt wurde, was Menschen großzügig miteinander geteilt haben. Ich traue Gott, der alles geschaffen hat, ein solches Wunder zu, weil ich ahne, was er damit will: ein Zeichen setzen. Gott setzt einen Neuanfang in einer Welt voll Ängstlichkeit und Misstrauen, indem er ein Fest des Vertrauens ermöglicht.
    Die damals dabei waren, haben auf jeden Fall aus dieser Erfahrung genug Vertrauen mitgenommen, um "in guten und schlechten Tagen" treu zu sein. Diese Jünger, wie mit ihnen die ganze Gemeinschaft der Kirche, hatten ihre Fehler und Eigenheiten, aber durch das, was Gott ihnen an Vertrauen geschenkt hat, konnten sie zum Zeichen des Vertrauens für andere werden.
  • Diese Hochzeit ist ein solches Fest des Vertrauens. Im Kern ist es ein Geschenk, eine Neubeginn Gottes. Er wirkt dies durch das Versprechen der Treue, das die beiden einander geben.
    Carmen nimmt Matthias mit hinein in dieser Feier ihres christlichen katholischen Glaubens. Matthias nimmt Carmen mit hinein in das Vertrauen, das ihn im Grunde seines Herzens trägt. Beide haben sicher auch ihre Fehler und Eigenheiten; vielleicht macht sie das erst liebenswert. Sicher aber ist: Gerade dadurch, dass sie Menschen mitten im Leben sind, wird ihre Ehe heute für uns zu einem Fest des Vertrauens. Es ist ein Sakrament, ein heiliges Zeichen, dass dieses Vertrauen einen Grund hat, auf den die beiden bauen. Amen.