Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum Palmsonntag im Lesejahr A 2017 (Matthäus)

9. April 2017 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

1. Sie jubeln ihm zu. Sie verdammen ihn ans Kreuz.

  • Sie jubeln ihm zu. Sie verdammen ihn ans Kreuz. Die Emotionen sind deutlich in den langen Berichten der Evangelien über die letzten Tage Jesu in Jerusalem. Die Stadt zum Fest mit Massen von Pilgern aus aller Herren Länder. Draußen, vor der Stadt riesige Zeltlager, drinnen in der Stadt die Straßen überfüllt.
  • Es ist leicht nachvollziehbar, dass in solch einer Atmosphäre Stimmungen schnell gewaltige Ausmaße annehmen. Sie jubeln ihm zu. Sie verdammen ihn ans Kreuz. Vielleicht sind beides Mal viele dabei, die gar nicht so genau wissen, worum es geht. Menschen schnappen ein paar Informationen auf. Das reicht ihnen für ein "Hosianna! Hosianna!" oder "Ans Kreuz mit ihm! Ans Kreuz mit ihm!" Ein großer Button: "Like it" oder "Hate him"!
  • Meist ist das, was da im Evangelium vom Palmsonntag berichtet wird, Anlass über die Wankelmütigkeit nachzudenken, wie schnell eine Stimmung umschlägt. In der Tat: Stimmungen können umschlagen, vor allem dann, wenn jemand zuerst in den Himmel gelobt und mit Erwartungen überfrachtet wird - und dann sich weigert oder nicht in der Lage ist, diese Erwartungen zu erfüllen. Da schlägt schnell Bewunderung in Verachtung um.

2. Tief gespaltene Stadt

  • Genau besehen steht aber im Evangelium nicht, dass es die selben Menschen waren, die Jesus zugejubelt hatten und durch die er später verdammt wird. Das kann so sein. Es kann aber auch anders sein: Dass es die einen waren, die gejubelt hatten, und die anderen, die "Ans Kreuz mit ihm!" brüllten.
  • Jerusalem wäre dann das Bild einer zutiefst gespaltenen Stadt. Auf der einen Seite die Menschen, die als Pilger aus Galiläa gekommen sind, zusammen mit anderen aus vielen Städten rund um das Mittelmeer. Auf der anderen Seite Jerusalem, wo immer schon das Zentrum war.
  • Auf der einen Seite alle, die in der Zerstreuung leben mitten unter anderen Völkern, Kulturen und Religionen. Auf der anderen Seite die Einwohner Jerusalems, die den gigantischen Tempel in der Mitte ihrer Stadt wissen und die ihr Selbstbewusstsein daran festmachen, Hüter dieses Tempels zu sein.

3. Menschen und Jesus

  • Nach Ostern wird es sowohl Menschen aus Jerusalem als auch Menschen aus Galiläa und von überall her geben, die sich zu Jesus bekennen. Es haben dann nicht die einen gewonnen und die anderen verloren. Alle mussten erst durch das Kreuz in ihren je eigenen Abgrund geführt werden. Die einen wie die anderen müssen im Blick auf das Kreuz und die Botschaft von der Auferstehung begreifen, dass sich gerade in diesem Jesus von Nazareth die alte Verheißung erfüllt und Gott in der Mitte seines Volkes ist.
  • Wir feiern die Karwoche. Wir sollten uns - wieder einmal - nicht so sicher sein, wo wir stehen. Allzu leicht geht das Kreuz an uns vorüber, weil wir uns schon zu sicher waren, zu den einen oder den anderen zu gehören. Dabei ist es egal, ob wir zu den Einwohnern gehören, die immer schon da waren und sich ihres Erbes sicher sind, oder zu denen, die aus der Verunsicherung einer Zeit kommen, in der vieles durcheinander gerät.
  • Jede und jeder von uns sollte auf ihre und seine Weise versuchen, in die nun kommenden Tage zu gehen. Ein geistliches Konzert, Gelegenheit zur Stille und zur Beichte, ab Donnerstag dann die großen Liturgien des Triduums - Gründonnerstag, Karfreitag, Osternacht. Die Frage nach mir selbst, meine Begeisterung oder meine Skepsis, meine Hoffnung oder mein Dunkel, mein Fragen oder die mich tragenden Sicherheiten, meine Schuld und mein Verleugnen, und mein Vertrauen, dass alles vor Gott anzuschauen, mitzunehmen in die Heiligen Feiern, in die er selbst mich einlädt, damit Altes in mir sterben und Neues in mir geboren werden kann. Amen.