Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zu Aschermittwoch 2010 (Matthäus)

1. Großzügigkeit

  • Die Familien-Regeln klingen gerecht: Jeder soll gleich viel zur Hausarbeit beitragen. Jeder soll seinen Dreck selber wegräumen. Das ist nur fair und kann erheblich zum Familienfrieden beitragen, wenn alle sich daran halten. Trotzdem gibt es noch einen anderen Weg, den keine Regel vorschreiben kann.
  • Aber Liebe ist doch, dem anderen das größere Stück Kuchen zu gönnen, und zwar einfach nur deswegen, weil es Freude macht, wenn der andere sich freut. Das öffnet auch das eigene Herz, denn diese Haltung ist einfach nur großzügig, ohne zu berechnen.
  • Berechnung ist das Gegenteil von Liebe. Wer nicht großmütig sein will, wird vom Gift der Kleinlichkeit angefressen und irgendwann auch kleinmütig. Denn wer selbst nie schenkt, wird es bald nicht mehr für möglich halten, dass ein anderer ihn beschenken will. Am Ende wird so jemand Gott selbst unterstellen, seine Gnade aus Berechnung, nicht aus Liebe zu schenken. Dann sind nicht nur das Herz, sondern auch Himmel und Erde sehr klein geworden.

2. Frömmigkeit

  • Aus der Großzügigkeit atmet die Bergpredigt. Wenn du nur Gutes tust, um gelobt und beachtet zu werden, dann ist das einfach nur schade. Natürlich freut sich der Almosenempfänger, wenn ihm gegeben wird, und sei es nur aus Prestigesucht. Aber er spürt vielleicht auch, dass er nur benutzt wird.
  • In der Bergpredigt will Jesus die Menschen befreien. Er befreit aus der klein, kleinen Sicht der Berechnung auf den jeweils eigenen Vorteil zu einer Haltung, die traditionell Frömmigkeit heißt, aber einfach Großherzigkeit in der Gegenwart Gottes bedeutet. Jesus bringt Gott den Menschen so nahe, dass wir einfach darauf bauen können, dass Gott mit seiner Barmherzigkeit und Liebe uns trägt. So können wir nicht aus dem berechnenden Ziel, sondern aus dem tragenden Grund heraus leben.
  • Gottes Gegenwart ist berückend. Frömmigkeit ist die Haltung, die aus dieser Gegenwart lebt und aus diesem tragenden Grund dem Mitmenschen begegnet. Deswegen tadelt Jesus weder das Gebet, noch das Almosengeben noch das Fasten. Es ist gut, weil es die Gemeinschaft mit Gott und dem Menschen vertieft. Gebet, Almosen und Fasten geschehen dann nicht aus Pflicht, sondern aus einer Freude an der Nähe Gottes.

3. Vater Unser

  • Doch auch hier lauert die Versuchung. Leicht verwischt der Unterschied zwischen der Großherzigkeit und der Berechnung, wenn auch die Frömmigkeit zur Berechnung verkommt. Das Rechnen auf die Gegenleistung und Anerkennung der Menschen wird dabei einfach nur ersetzt durch die Berechnung auf einen Lohn im Himmel.
  • Traurig ist, welches Gottesbild dahinter zum Vorschein kommt. Gott wird zu einem himmlischen Buchhalter herab gestuft. Die Kleinlichkeit wird in den Himmel projiziert. Das könnte man leicht aus dem Evangelium heraus lesen, wenn man ein wichtiges Detail übersieht: Ganz dezidiert spricht Jesus in jedem Abschnitt der Bergpredigt, den wir gehört haben, vom himmlischen Vater. Das heißt: Die vertraute Nähe zu Gott ist die Grundlage von allem.
  • In der Mitte des Kapitels steht denn auch das Vater Unser. All das Beten, Almosengeben und Fasten im Verborgenen soll geschehen in der Gegenwart Gottes. Nicht um Lohn auf dem himmlischen Lohnkonto bete ich, sondern weil nirgend meine Mitte so sehr bei sich selber ist, wie dort, wo es bei Gott ist. Nicht um himmlischen Lohn nach dem Tode gebe ich Almosen, sondern weil in der Liebe des Armen, dem ich gebe, ein Stück des Himmels selber erfahrbar wird. Nicht damit mein Sündenkonto im Himmel ausgeglichen würde faste ich, sondern weil das Fasten und der Verzicht mir helfen kann, aufmerksam zu werden für die Gegenwart meines himmlischen Vaters, der den Augen verborgen ist und doch so nah und gegenwärtig. Amen.