| http://www.Martin-Loewenstein.de |
Apokalyptiker sind Optimisten |
![]() |
| Vortrag bei: Signale & Szenarien - Management-Symposion Interlaken 22.-24.Mai 2003 | |
1. Wenn es um Aussagen über die Gesellschaft und den Menschen
geht, liegt dem immer ein Werturteil zu Grunde. Bei Zukunftsaussagen ist dies
sogar der entscheidende Faktor
Historiker sind schlauer als Zukunftsforscher. Denn hinterher ist man immer
schlauer. Aber auch bei Historikern reicht es nicht, einfach zu beschreiben
"was war". Zuvor steht immer die Entscheidung, was wichtig ist und
unter welcher Rücksicht es betrachtet wird. Das ist schon so, wenn zwei
Menschen ein und das selbe Ereignis, an dem beide beteiligt waren, berichten.
Achten Sie darauf, wie viel Streitgespräche in einer Partnerschaft darum
gehen "wie es war". Es ist auch nicht so, dass der eine Recht hat
und der/die andere nicht. Die Sache ist komplizierter.
Wenn es um Zukunftsszenarien geht, ist die Frage, welchen Standpunkt ich habe,
sogar der entscheidende Faktor. Jeder, der Ihnen etwas anderes erzählt,
verdient Ihr Misstrauen.
Die meisten "Klassiker" der zeitgenössischen Szenarien beziehen
sich auf Zukunftstechnologien. Nur scheinbar geht es dabei um "objektive"
Perspektiven, die mit "objektiven" Methoden aus der Gegenwart und
Vergangenheit hochgerechnet werden. In Wirklichkeit geschieht nichts anderes,
als dass Menschen von dem, was sie machen (Technik) und was sie für herausragend
halten (positiv oder negativ) erwarten, dass das die Zukunft bestimmt.
Auch Trendscouter können ihren Job nur machen, wenn sie das, was sie als
den kommenden Trend ausmachen, selber letztlich hipp finden. Denn von einem
unabhängigen Standpunkt aus, völlig "objektiv" messen zu
können, welches Teil in dem großen gesellschaftlichen Mobile sich
nach oben bewegt und welches nach unten, das kann niemand. Nur wenn der Zug
mit großer Geschwindigkeit und Masse bereits in eine Richtung fährt,
ist es leicht zu sehen, dass er nicht so schnell zu stoppen ist. Wo ein Zug
neu losfährt - das zu erkennen ist das wirklich spannende Ziel der Beschäftigung
mit Zukunfts-Szenarien. Denn dazu muss man die Signale lesen können, die
gesellschaftliche Trends anzeigen.
2. Die klassische Fassung von Zukunftsszenarien ist die Apokalypse
- die Offenbarung.
Es gehört nicht viel dazu festzustellen, dass genuin christliche Zukunftsforschung
ihre Probleme hat. In den Kirchen ist es hierzulande heute weit verbreiteter,
sich mit der Vergangenheit - gern verklärend - zu beschäftigen - als
mit der Zukunft. Und in der Tat hat man auf den ersten Blick dabei die Bibel
auf seiner Seite: Denn zu großen Teilen ist die jüdisch-christliche
Bibel ein Buch der Erinnerung. Gläubige Menschen erinnern sich, was Gott
getan hat, und erzählen sich die Geschichten aus Zeiten und Vorzeiten.
Auffällig ist das in der evangelikalen oder gar fundamentalistischen Variante
derzeit in den USA, wo das "Zeugnis" über eigne Glaubenserfahrung
umschlägt in den Wahn berufen zu sein (George W. Bush).
Der Irrtum liegt darin zu meinen, dass dies in der Bibel vergangenheitsorientiert
gemeint sei. Gerade die späteren Teile des Alten Testamentes und eigentlich
das gesamte Neue Testament sind vehement zukunftsorientiert. Schon die Erinnerung
an die Vergangenheit ist nicht nostalgisch gemeint, sondern dient der Selbstvergewisserung,
Ermutigung und Orientierung. Restlos aber sind andere Schriften der Bibel zukunftsorientiert:
All das, was man zur Apokalyptik zählt.
Das Wort ist griechisch und bedeutet: Enthüllung, Offenbarung dessen, was
schon begonnen hat und sich durchsetzen wird. Liest man die entsprechenden Stellen
in der Bibel, dann findet man Zukunftsbeschreibungen. Diese sind zumeist in
einer so komplexen Symbolsprache verfasst, dass sie Uneingeweihten nur rätselhaft
vorkommen mag. Es ist eine Geheimsprache, in der diese Schriften verfasst sind.
Ein Buch voller Bildern und Zahlenmystik ist das letzte Buch der Bibel, die
Apokalypse. Die verhüllende Sprache jedoch hat eine eindeutige Ursache:
Es ist ein Schutz. Nur die sollen verstehen können, worum es geht, die
mit der ganzen Bibel vertraut sind und denen die Gebete aus dem Gottesdienst
bekannt sind. Mit dieser Verklausulierung haben sich die Christen vor sehr realer
Bespitzelung und Verfolgung geschützt.
Damit sind wir beim Kern christlicher Apokalyptik. Die hat etwas zum Inhalt,
das Verfolgung auf sich zieht. Die Christen des Neuen Testaments (und vor ihnen
die jüdische Apokalyptik) hat eine Zukunftserwartung, die denen gefährlich
werden konnte, die die politische und wirtschaftliche Macht haben. Gerade weil
die Anhänger dieser Lehre diese nicht als theoretische Spekulation verstanden,
sondern ihre Lebensgestaltung danach ausrichteten, war es eine akute Bedrohung
des Mainstreams, an dessen Ungestörtheit die anderen ein Interesse hatten.
Studiert man die Riten des römischen Staatskultes und liest anschließend
das Buch der Offenbarung, dann fällt einem auf, dass da in literarischer
Form die Entmachtung des Kaisers propagiert wird. Haben die Römer durchgesetzt,
dass dem Kaiser "Kyrie eleison!" zugerufen wird, dann propagieren
die Christen ihren Jesus als Gegenherrscher, wenn sie es ihm zurufen. Das ist
ungemein gefährlich, weil mit der Autorität des Kaisers die Legitimität
des gesamten Herrschafts- und Wirtschaftssystems steht und fällt. Das Lukasevangelium
lässt Maria einen Psalm singen, in dem es heißt:
"Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer
ausgehen." (Lk 1,52f).
Die Apokalyptik schreibt diesen Ansatz ins Kosmische fort. An was man heutzutage
denkt, wenn man Apokalypse hört und was zum Grundrepertoire vieler Hollywood-Filme
gehört, ist nur der erste Teil: Gott stürzt die Mächtigen vom
Thron, er stürzt die gesamten Verhältnisse um, Berge werden eingeebnet
und Fixsterne vom Himmel geholt. Der zweite Teil ist das eigentliche Ziel der
Aussage: Die Niedrigen werden erhöht und die Hungernden mit Gaben beschenkt.
Apokalyptiker sind Optimisten. Sie glauben an den Erfolg ihrer Sache.
Als das aufgeschrieben wurde, war das nicht naiv-spirituell gemeint, sondern
drückte sehr konkret eine Zukunftsvision aus. Diese beginnt bei einer Gegenwartsanalyse
die sagt: Die bestehenden Verhältnisse sind ungerecht. Sie schaffen Armut
und Ohnmacht. Sie widersprechen dem, was Gott ist und will: Gerechtigkeit. Nun
aber, so die Schlussfolgerung, ist Gott treu. Er wird also denen Recht geben,
die auf seine Gerechtigkeit vertrauen. Das Unrecht wird nicht die Übermacht
behalten. Der Glaube an die Auferstehung des Gekreuzigten wurde so unmittelbar
zur festen Erwartung, dass mit dem Kreuz auch die anderen Unrechtsverhältnisse
überwunden werden. Darauf stellte sich die junge Christengemeinde ein.
Danach gestalteten sie ihr Zusammenleben, das prägte ihr Verhältnis
zum Staat und ihr Konsumverhalten.
3. Struktur apokalyptischer Zukunftsszenarien
In soziologischer Sicht erwarte ich nicht für die nächsten Monate
oder Jahre das Ende der Welt. Aber ich finde in der Apokalyptik ein wichtiges
Strukturmodell dafür, wie Zukunft sich entwickeln kann, wenn bestimmte
Faktoren gegeben sind. Technische Entwicklung ist ein zentrales Element von
gesellschaftlicher Entwicklung. Wofür hingegen die Technik eingesetzt werden
wird, muss mit anderen Mitteln erforscht werden.
Eine apokalyptische Dynamik kann dort entstehen, wo Verhältnisse nicht
stimmen und konkrete Menschen Leidtragende dieser Unstimmigkeit sind. Unzufriedenheit
kann Macht entfalten. Erlittenes Unrecht und erzwungene Ohnmacht können
dem herrschenden Recht gefährlich werden.
Aus der Erfahrung von Unrecht wird dann eine apokalyptische Bewegung, wenn Menschen
in größerer Zahl und in wachsenden Kommunikationszusammenhängen
der Überzeugung sind, dass das Unrecht, das sie erleiden, nicht das letzte
Wort behalten wird. Es wird nicht immer die große kosmische Umwälzung
sein, in der alle Sterne vom Himmel gefegt werden, aber es reicht schon, wenn
einzelne Himmelskörper ins Wanken geraten.
Unsere westlichen Gesellschaften sind tief von der jüdisch-christlichen
Tradition geprägt, denn sie basieren auf dem Versprechen von Gerechtigkeit.
Recht das es nicht schafft, Gerechtigkeit erfahrbar zu machen, wird es schwer
haben in einer Kultur, die die Erinnerung an die Verheißung einer besseren
Welt internalisiert hat. Die Vision des vergehenden Unrechts und des sich durchsetzenden
Rechts gehört zum gehüteten Mythenbestand der Aufklärung und
wird in Hollywood unermüdlich reproduziert. Der Kulturvergleich erst macht
deutlich, wie sehr dieses Denken in historischen Kontinuitäten ein, wenn
ich das Spezifikum der westlichen Kultur ist.
4. Konkretisierung
Ich komme aus einer Stadt, in der innert der letzten zwei Jahre an die 20.000
hochqualifizierte Arbeitsplätze, zumeist im Finanzdienstleistungsbereich,
abgebaut wurden. Seit letztem Jahr ist dies nach meiner Erfahrung das Gesprächsthema
Nummer eins; der Golfkrieg war nur eine Unterbrechung. Bei vier bis sechs Millionen
Arbeitslosen in Deutschland mögen die vielleicht ein- bis zweihunderttausend
Hochqualifizierten, die dazu gekommen sind, marginal sein. Für das gesellschaftliche
Bewusstsein von Arbeitslosigkeit sind sie es nicht.
Weswegen jedoch die Arbeitslosigkeit von vor zwei Jahren nicht die selbe ist
wie heute, liegt nicht daran, dass die Statistik sich geändert hätte.
Ob Leute aufgrund von Arbeitslosigkeit in Armut geraten, ist für die Betroffenen
zwar schlimm, dürfte aber noch keine gravierenden gesellschaftlichen und
politischen Folgen haben. Aber dass es heute Leute erwischt, die nach geltenden
Maßstäben "alles richtig gemacht haben", kann viel verändern.
Das Weltbild einer ganzen Generation von Leistungs- und Entscheidungsträgern
könnte ins Rutschen kommen.
Denn bisher wurde letztlich der Arbeitslose selbst für verantwortlich erklärt
- und wurde diese Sicht von den Betroffenen vielfach geteilt. Arbeitslos ist,
wer schlecht ausgebildet, alt, krank Ausländer oder aus Ostdeutschland
ist. Die Fitten hatten nichts zu befürchten. Wenn heute ein 36jähriger
Banker mit Musterkarriere entlassen wird, dann wird vielleicht noch er selbst
darüber grübeln, was er falsch gemacht hat. Seine Kollegen aber, die
noch einen Job haben, sehen das schon anders. Der Fixstern Marktwirtschaft hat
für die Helden des Frankfurter Bankenviertels an Leuchtkraft verloren.
In der Zukunftsforschung kann es Zukunft nur im Plural als „Zukünfte" geben (Opaschewski, 21). Manches wird sehr heftig auf uns zukommen, manches schleichend. Ich bin mir auch nicht sicher, in welche Richtung die neue Erfahrung in ein neues Denken einmünden wird. Deswegen komme ich gar nicht darum herum, mich zu entscheiden, welcher Richtung ich die größere Kraft zutraue. Zukunftswissenschaft basiert auf Wertüberzeugungen. Ich sehe momentan Ansatzpunkte dafür, dass wir es nicht mit einer saisonalen Konsumzurückhaltung zu tun haben. Vielmehr fragen sich immer mehr Leute in den wirtschaftlichen Zentren, wofür sie sich achtzig Stunden die Woche einsetzen, wenn das System nicht mehr so funktioniert, wie in den prägenden 90er Jahren. Ich treffe immer mehr Menschen, die sich dem Zwang entziehen, einem globalen, abstrakten System dienen zu wollen - in ihrer Arbeit wie in ihrem Konsum. Weder in den Statistiken noch unter jungen Leuten, die ich kenne, finde ich einen Rückgang an Leistungsbereitschaft. Im Gegenteil. Es leisten sich aber mehr Leute die Freiheit, selbst entscheiden zu wollen, wofür sie etwas leisten.
Die Ideenanreger für die Zukunft sind - und werden es verstärkt sein! - die Menschen, die sich Freiräume geschaffen haben gegen den in der Gegenwart vorherrschenden Trend. Es sind die Menschen, die die Widersprüche in der Gegenwart wahrnehmen und den Schmerz an sich heranlassen. Noch fehlen die großen zündenden Ideen. Vielleicht werden es auch nur viele kleinere Ideen sein, die zündeln.
Sie müssen sich auf die Zukunft einstellen. Hören sie aufmerksam auf die Leute in ihrer Umgebung und nehmen sie wach war, was sich verschiebt. In Ihrem Verantwortungsbereich können sie Ihre Kraft darauf verwenden, systemfremde Trends zu unterdrücken. Zukunftsmenschen sind aber immer Außenseiter. Es liegt an Ihnen, welchen Raum sie diesen Außenseitern lassen. Sie müssen mit Umsturz rechnen. Sollte er kommen, sind sie gut dran, wenn sie sich nicht zu sehr an die Vergangenheit und ihre vergangenen Positionen binden.
Veröffentlicht nur im Internet vorbehaltlich einer Überarbeitung
Anregungen und Kritik bitte an Martin.Loewenstein@Jesuiten.org