Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zu Weihnachten am Tag 2016

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25.12.2016 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

1. Geboren in Geschichte

  • Geboren, mitten in eine Geschichte hinein. Jedem von uns ist das so gegangen. Wir mögen unsere Anfänge kennen oder nicht, da gibt es viel, durch das wir bestimmt sind von Anfang an. Manche Geschichte hängt wie ein schwerer Klotz an uns und zieht ins immer wieder herunter, wenn wir gerade gehofft haben, wir hätten uns frei geschwommen. Auf anderes, das uns mitgegeben ist, schauen wir wie auf ein großes Geschenk, das uns das Leben leichter macht. Wir leben mit unser Geschichte, so oder so, und sind schon mit ihr geboren.
  • Und doch ist jede Geburt ein Anfang. Neues Leben strahlt immer auch etwas von Reinheit aus, dem Zustand der Windeln zum Trotz, denn es ist immer solch ein Neubeginn.
    Mehr als alle die eine Geburt, die wir heute feiern. Wenn das Johannesevangelium beginnt mit den Worten "Im Anfang", dann drückt es den christlichen Glauben aus, dass der Ursprung von allem, Christus das ewige Wort, in der Geburt im Stall von Bethlehem gegenwärtig ist. Inmitten des Flusses der Menschheitsgeschichte ist der absolute Ursprung und Anfang von allem.
  • Dieser Ursprung der Schöpfung ist gut. Das Wort, das dem Anfang innewohnt, ist nicht verlogen, es ist nicht halbherzig und schon gar nicht böse. Es ist gut, denn Gott ist Liebe.
    Wenn also dieser gute Ursprung von allem, unfassbar vor aller Zeit, ganz handgreiflich inmitten der Zeit geboren wird, dann lässt uns Weihnachten den Ursprung erfahren. Auch diese Geburt hat in Maria und dem Volk Gottes eine Geschichte. Dennoch ist diese Geburt mehr als je eines Menschen Geburt neuer Anfang, neue Schöpfung, Licht Gottes inmitten der Zeit.

2. Macht des Lichtes

  • "Die Finsternis hat es nicht erfasst". Das Evangelium weiß um die Finsternis. Es ist nicht naiv. Uns mag unsre Zeit verwirrend oder beängstigend vorkommen. Dabei ist es gerade mal 75 Jahre her, eines Menschen Alter, dass von diesem Land nicht dutzendfach, sondern Millionenfach Terror ausging. Das relativiert nichts, nur sollten wir (und unsere Kinder, die den aktuellen Nachrichten hilflos ausgesetzt wären!) nicht meinen, früher sei alles licht und heiter gewesen. Jeder Mord ist ein Verbrechen und ein öffentlich zelebrierter wie der vom Weihnachtsmarkt in Berlin wegen der ideologischen Verblendung besonders. Doch sollten wir diesem Mord keinen Nimbus des Außergewöhnlichen zubilligen. Das Kreuz der Gewalt ist nicht neu.
  • Das eine ist dieser Blick auf das Kreuz. Viele meiden ihn, weil es schwer ist, das Opfer der Gewalt zu sehen und sich dabei ohnmächtig zu erfahren oder - schlimmer noch - zu ahnen, dass ich mit meiner Lebensweise hinein verwoben bin in das Schicksal von Menschen, die Opfer von Wirtschafts- und Herrschaftsstrukturen sind, die keiner durchschaut und deren Folgen dennoch allzu sichtbar sind.
  • Das ist Finsternis. Aber das "Licht, das jeden Menschen erleuchtet" wird von dieser Finsternis nicht ausgelöscht. Im Gegenteil, wir glauben und bekennen dieses Licht als den Herrn.
    Dieses Bekenntnis ist nicht einfach nur ein theoretischer Glauben und auch nicht nur ein individuelles, privates Beziehungsgeschehen zwischen mir und Gott. Es hat eine eminent politische Dimension, denn ich verweigere damit allen irdischen Mächten, Herr der Geschichte zu sein. Gerade Terroristen sind letztlich nur so wichtig, wie wir ihnen Bedeutung zumessen. Aber auch jene sind nicht Herren der Geschichte, die auf der Gewalt der Anderen ihr eigenes propagandistisches Süppchen kochen wollen. Auch diese Finsternis kann das wahre Licht nicht schrecken.

3. Licht von der Krippe

  • "Die Finsternis hat es nicht erfasst". Der Satz hat Sinn in doppelter Richtung. (Die erstere hat seit Origines mehr die Lesart im griechischen Osten der Kirche geprägt, die letztere mehr den lateinischen Westen).
    Einerseits: Die Finsternis wird das Licht niemals erfassen und überwältigen können. Andererseits: Die Finsternis wird Licht niemals erfassen und begreifen, sie hat das eigene Herz verschlossen und verhärtet. Das ist die alte, immer noch wahre Weihnachtsgeschichte: Ein hartes Herz wird Weihnachten nie erfassen, es nicht verstehen und sich nicht davon berühren lassen.
  • Im Anblick von Gewalt ist mein Glaube nicht nur berührt, weil ich daran glaube, dass das Licht von der Krippe letztlich immer mächtiger ist, als die Finsternis. Das ist meine Hoffnung für alle Opfer der Gewalt auf Erden. Das letzte Wort liegt bei Gott, der ewiges Leben schenkt.
    Es braucht zudem das Licht von der Krippe, um sich das eigene Herz nicht verschließen zu lassen durch Angst und Verunsicherung und durch die Versuche, uns die eigene Unmenschlichkeit aufzuzwingen. Noch nicht einmal gegenüber dem oder den Tätern von Berlin (man scheint sich ja sicher zu sein, dass es der war, der nun in Mailand gestorben ist), noch nicht einmal gegenüber diesem Mann will ich mein Herz verfinstern lassen.
    Denn wenn ich angesichts der erschütternden Erbärmlichkeit seiner Gewalttat nicht irgendwie auch von Trauer über ihn berührt werde, wenn ich angesichts eines Lebens, das er verpfuscht hat und in dem er schwere Schuld auf sich geladen hat, nicht auch die Sehnsucht nach Erbarmen spüre, dann stehe ich in Gefahr blind zu sein für das Licht. Das alles gibt dem Satz des Evangeliums über das in Bethlehem geborene Kind Gewicht und Ernst: "Die Finsternis hat es nicht erfasst". Das gilt für die Opfer der Gewalt immer; überwunden aber wird dort Gewalt, wo es auch den Täter umfasst.
  • Nicht an solchen Erfahrungen vorbei, sondern inmitten dieser Welt, inmitten dessen, was uns bewegt, wird das Kind geboren, das einen neuen Anfang macht. Es nimmt diese Geschichte an, um sie zu verwandeln. Ein Neuanfang, der den Urgrund, den Anfang der ganzen Schöpfung gegenwärtig werden lässt. Deswegen kommen wir zur Krippe und singen hier unsere Lieber der Freude und des Vertrauens. Amen.