Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt 1. Adventssonntag Lesejahr C 1991 (Lukas)

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30.11.1991 - St. Evergislus, Bonn Bad-Godesberg

Predigt

Filmpredigt zum Film: Denys Arcand: Jésus de Montréal (1989)

Jésus de Montréal (1989)

1. Advent und Angst

  • Allenthalben wird bereits adventliche Stimmung verbreitet, nicht nur im Radio und im Fernsehen, nicht nur in der Fußgängerzone, sondern häufig auch in der Familie und in der Kirche. Es ist halt Advent.
    Dagegen dürften die Meisten das heutige Evangelium als stimmungsmäßig unpassend empfinden: Die Endzeitrede Jesu passt so gar nicht in unseren Advent.
  • Der Anlass für die Rede Jesu war eine naive Bewunderung der Jünger für den Tempelbau in Jerusalem. Die Antwort Jesu auf den ungetrübten Architekturgenuss der Jünger ist: Not wird über die Erde kommen. Der Tempel wird zerstört werden. Die Kirche wird verfolgt werden. Der Kosmos wird erschüttert werden.
  • Angst, Erschütterung, Not, das sind die Themen Jesu am Beginn dieses Advents. Advent, das ist dieses Jahr im Evangelium nicht nicht besinnlich, sondern Ankunft Gottes wie unter schmerzhaften Wehen.

2. Kriegszeiten

  • Der Film Jesus von Montreal nimmt einige Motive aus dem Evangelium auf und setzt sie in einen neuen Kontext. So findet sich dort auch die Endzeitrede Jesu. Hier ist die Szene in einen futuristischen U-Bahnhof verlegt, dessen großartige Architektur unwillkürlich an einen modernen Tempel gemahnt: modernste Technik, gelungene Ästhetik und darin integriert dezente Werbung. Es schreit aus der Kulisse geradezu: "Seht, was wir alles erreicht haben: Technik, Fortschritt, Humanität"
  • Vor dieser Kulisse wirkt die Rede von der Not dieser Welt, von Elend, Zerstörung und Krieg, ganz widersinnig und unpassend. Ähnlich, wie es auch in Jerusalem angesichts des prächtigen Tempels gewesen sein mag.
  • Der Karneval wurde 1991 abgesagt wegen des einsetzenden Zweiten Golfkriegs. So tief traf uns der Schock, dass die Friedenshoffnung von 1989 sich nicht erfüllte. Ich bin mir sicher, der nächste Karneval wird wieder stattfinden.
    Dennoch bleibt ein Gefühl, das sagt: Wie kann man feiern, wenn..., wenn die Welt nicht in Ordnung ist.

3. Christus kommt

  • Es ist nicht einmal unser Leid. Es ist das Leid der anderen. Es ist das Leid in anderen Teilen der Welt, fern, fremd. Wir nennen es die Dritte Welt. Dieser Name sagt alles: Wir definieren von uns her, unserer Auswahl an Nachrichten im Fernsehen, Katastrophen. Es sind die Meldungen über das Ferne, Andere. Uneingestanden steht womöglich das Urteil: Eigentlich darf in dieser Dritten Welt nicht gelacht werden.
  • So entlarvt sich die Humanität als eine Mischung aus Arroganz und Unsicherheit. Das aber ist ein typisches Zeichen des Unglaubens: Der Mensch will sein wie Gott und ist dennoch zutiefst ohne Halt.
    Denn das Evangelium am heutigen Evangelium ist in diese Zustandsbeschreibung der Welt hineingesprochen: "Richtet Euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe!" Nicht apathisch oder ängstlich, sondern aufrechten Hauptes sollen wir auf Gott hoffen.
    Das Evangelium mutet uns zu die Naherwartung, dass Christus kommt, nicht historisch abtun sondern existenziell ernst nehmen.
  • Es ist nicht einfach nur irgendwie doch erlaubt, Advent und Weihnachten zu feiern, weil halt auch in Auschwitz Weihnachten gefeiert wurde. Es ist ein Zeichen, dass wir das Heil von Gott erwarten, wenn wir in unserer Welt die Ankunft Gottes feiern.
    Deswegen sollten wir nach einem wahrhaft besinnlichen Advent suchen: Nicht mit schlechtem Gewissen, sondern in Dankbarkeit und Hoffnung und Wachsamkeit.
    Was letztlich trägt, ist sein Wort: "Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen". Amen.

Fürbitten

P: Advent, Ankunft des Herrn, ist etwas, das uns verbindet, das uns die Möglichkeit gibt, gemeinsam zu feiern, gemeinsam auf Weihnachten zu warten. Darum bitten wir:

V: Lass uns aufmerksam werden für Menschen in unserer Umgebung, die sich über ein nettes Wort, eine kleine Geste freuen würden.
Christus, höre uns

V: Hilf uns aus der Unrast der vorweihnachtlichen Tage zu dir zu kommen, um bei dir Ruhe und Frieden zu finden.
Christus, höre uns.

V: Lass uns gemeinsam feiern lernen und gib uns die Gabe, wirklich Freude empfinden zu können.
Christus, höre uns.

V: Gib uns den Sinn, das Schöne in der Adventszeit zu entdecken. Lass uns innehalten, still werden und ein wenig dankbar sein für alles, was wir jetzt erleben dürfen.
Christus, höre uns.

P: So bitten wir dich, Herr, weil wir wissen dass du beim Vater eintritts, heute, alle Tage bis in Ewigkeit. Amen.


Gebete

Tagesgebet

Herr, unser Gott,
du bist es, der alles trägt
und von dem wir alles erhoffen dürfen.
Hilf uns, dass wir in der Zeit des Advents
Christus entgegengehen
und uns durch Taten der Liebe
auf seine Ankunft vorbereiten.

Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn und Gott, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit. Amen.

Gabengebet

Allmächtiger Gott,
vieles hast du geschenkt,
damit wir Menschen leben können.
Nimm diese Gaben auf unserem Altar
als Zeichen der Dankbarkeit
und lass sie für uns zu Gaben des Heils werden.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Schlussgebet

Herr unser Vater,
du hast uns in der Feier der Eucharistie Anteil gegeben
an Deinem Sohn, der für uns gelebt hat.
Gib, dass diese Gemeinschaft sich in unserem Alltag auswirkt
und so dein Reich in unserer Geschichte voranschreitet.
Darum bitten wir durch ihn, Christus unseren Herrn.