Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zu Karfreitag 2022

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15. April 2022 - St. Johannes Baptist, Delbrück (Kreuzweg-Station 10 Uhr)

Predigt 1 (Kreuztracht)

Predigt zur Station auf dem Kreuzweg am Karfreitag – Kreuztracht Delbrück

1. Die Momente zum Innehalten

  • Während vor dem Thron des Pilatus über ihn verhandelt wird, ist Jesus im Gefängnis. In diesen Stunden zwischen der Verhaftung im Garten Getsemani und seiner Hinrichtung am Kreuz ist dies einer der wenigen Augenblicken, in denen er die Möglichkeit hat, sich zu sammeln. Er sieht klar, was ihn erwartet. Jetzt hat er zumindest kurz Zeit, sich zu fragen, ob es das ist, worauf er sich einlassen wollte. – Ein Augenblick nur auf diesem harten Weg.
  • Keines der Evangelien berichtet darüber, was Jesus in diesen Minuten durch den Kopf gegangen ist. Worum hat er gebetet, worum hat er gerungen?
    Was wir aus den Evangelien wissen, ist, dass Jesus mit vielen Zitaten aus der Bibel gebetet hat. Was ihm seine jüdische Familie und Gemeinde mit gegeben hat, trägt ihn jetzt und gibt ihm Worte zu denken und zu wollen und zu beten.
  • Jesus war ein Mensch wie wir. Er hatte Angst wie wir und hat Schmerzen gespürt wie wir. Und auch in dem einen, entscheidenden, Punkt war er wie wir alle – plus dem einen: Was jedem von uns Menschen möglich ist, hat Jesus mit jeder Faser gelebt: Ganz aus dem Vertrauen in Gott zu leben. Jeder von uns kann vertrauen, Jesus hat es ganz gelebt.
    Dafür brauchte auch Jesus diese Zeiten. In den Evangelien wird öfters davon berichtet, wie Jesus betet. Auch auf dem Kreuzweg machen wir dafür Station: Damit das Vertrauen in Gott wachsen kann. Damit wir das in den Blick bekommen, was unser Leben trägt. Diese eine Beziehung zu Gott, unserem Vater.

2. Der Dünne Faden des Vertrauens

  • Darin war Jesus Gottes Sohn, dass er sich sogar in der größten Verlassenheit, dort wo auch sein Gottvertrauen nur noch ein ganz dünner Faden war, ganz an diesen dünnen Faden gehalten hat. "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen" – ist in der Verlassenheit ein Gebet, gefasst in Worten der Bibel aus dem Psalm 22.
  • Statt sich der erdrückenden Macht derer zu beugen, die ihn erniedrigt und getötet sehen wollen, ruft Jesus zu Gott. Jesus hat diesen dünnen Faden des Vertrauens in Gott, der in solch einer Situation noch bleibt, vorgezogen: der naheliegenden Lösung, sich aus der Affäre zu ziehen oder mit den Wölfen zu heulen; darauf hatte er bewusst verzichtet.
  • Es hatte ihn gefreut, dass die Menschen ihn mit Jubel in Jerusalem begrüßt haben. Ja, ohne Frage. Doch für diesen Jubel wollte er nicht seine Seele verkaufen. Er war ein junger Mann, wohl 33 Jahre alt. Vermutlich lebensfroh und gesund. Ja, davon gehe ich aus. Doch die Gesundheit war ihm nicht wichtiger als die Treue zur Wahrheit.
    Für diese Wahrheit legt Jesus mit seinem Leben Zeugnis ab. Die Wahrheit ist: Bei aller Armseligkeit und Ohnmacht ist die Liebe stärker als der Tod. Bei aller Angst und allem Zittern ist die Ohnmacht dieser Liebe größer als jede Macht, mit der Menschen übereinander herrschen.

3. Christ sein

  • In diesen wenigen stillen Minuten im Kerker des Prätorium des Pilatus scheint Jesus noch einmal ganz klar entschlossen gewesen zu sein. Das merkt man daran, dass er Ideen und Bilder aus der Bibel zitiert, wenn er in den folgenden Stunden spricht und betet.
  • Christ sein bedeutet daher für mich, aus diesem Schatz der jüdischen Tradition, aus dem Jesus selbst gelebt hat, und aus dem Schatz, den nun sein Leben für uns ist, auch für mich selbst Orientierung zu finden. Ohne diesen Blick auf Jesus kann keiner von uns Christ sein.
  • Im Blick auf Jesus kann jeder von uns lernen, was es bedeutet zu vertrauen. Zu vertrauen, dass nichts uns trennen kann der Liebe Gottes, die in diesem Jesus von Nazareth erschienen ist. Zu vertrauen, dass ich nicht selbst herrschen muss, um zu siegen. Zu vertrauen, dass es nicht das gute Ansehen von mir selbst oder meiner Kirche ist, das Zeugnis ablegt für Gott. Nicht eine Institution, Bischöfe oder Priester sind glaubwürdig, sondern die Erfahrung: Die Erfahrung, dass selbst ein dünner Faden von Glauben und Vertrauen reichen kann, um an der ganzen Fülle der Liebe Gottes anknüpfen zu können und der Kraft, die er im entscheidenden Augenblick gibt. Diese Erfahrung Jesu vom Morgen des Karfreitag können unzählige glaubende Menschen aus allen Zeiten bestätigen.

 

 

 

 


Predigt 2 (15 Uhr)

1. Mitgefühl

  • Mehr als einmal ist es mir in den vergangenen Wochen besonders aufgefallen: Wie unpassend das ist, wenn ich daheim im Sessel sitze und Bilder vom Krieg sehe. Der Widerspruch ist nicht neu, aber jetzt besonders intensiv, denn ich lebe in einem Haus zusammen mit 150 Menschen, die durch diesen Krieg aus der Ukraine vertrieben wurden.
  • Meine privilegierte Situation passt nicht. Ich sehe ein Leid. Doch zugleich ist es ganz deutlich nicht meine Erfahrung. Die Bilder berühren mich. Doch meine Lebenssituation könnte nicht verschiedener sein.
  • Diese Distanz muss ich – sollte ich – aushalten. Das Leiden ist nicht meines. Ich werde durch das sehen am Fernsehen nie mitleiden, auch nicht, wenn ich Menschen begegne und zuhöre. Mitleid ist ein Wort, das mehr verschleiert als es sagt. Doch gibt es so etwas zu Mitgefühl. Mitfühlen respektiert das Opfer der Gewalt und ist dem Herzen nach dem Menschen doch nahe.

2. Aneignung

  • Ich kann verstehen, wenn Menschen dadurch verletzt werden, dass andere sich ihre Situation oder Kultur gleichsam "aneignen". Als Mann etwa kann ich nur bedingt nachvollziehen, was es für eine Frau bedeutet, Gewalt ausgesetzt zu sein – einfach, weil Gewalt gegen Frauen auch in unserer Gesellschaft ungleich häufiger ist. Ich kann abends entspannt durch den Park gehen. Frauen können das oft nicht.
  • Besonders in den USA, in England und Frankreich, aber auch bei uns wird darüber diskutiert. Was bedeutet das für Menschen, die benachteiligt sind, wenn andere meinen, sie könnten sich ihre Kultur und Perspektive aneignen, obwohl sie selber nie diese Benachteiligung erfahren haben (cultural appropriation)?
  • Für uns Christen ist das kein nebensächliches Thema, schon gar nicht am Karfreitag. Denn an diesem Tag üben wir uns immer wieder darin ein, auf das Kreuz und damit auf das Opfer von Gewalt und Willkür zu schauen. Es gibt viel zu viel oberflächliche Rede über das, was das Kreuz bedeutet. Das Kreuz wird irgendwie spiritualisiert. Es gibt aber Menschen, die wirklich schlimmste Gewalt und Erniedrigung erfahren.

3. Kreuzweg

  • Gerade die katholische Tradition kennt viele Formen, den Kreuzweg Jesu innerlich mitzugehen. Die Kreuztracht hier in Delbrück gehört dazu.
  • Im Angesicht des Kreuzes aber sollte jede und jeder für sich selbst den Standort bestimmen: In welchem Maß schaue ich auf das Kreuz, die Gewalt und die öffentliche Erniedrigung als jemand, der dies selbst erleidet oder erlitten hat – oder eben nicht. Denn je nach dieser "Standortbestimmung" bedeutet das Kreuz etwas ganz Verschiedenes. Dabei gibt es oft nicht nur schwarz oder weiß, Gewalt erlitten haben oder nicht. Der Standort wird oft irgendwo entlang dieser Linie sein.
  • Je nachdem, wo ich mich finde erfahre ich heute entweder, dass Gott in Jesus Christus den Schmerz und die Erniedrigung mit mir teilt – oder ich spüre, dass ich dazu berufen bin, mit zu empfinden und überhaupt erst zu sehen, was hier geschieht. Die Armen haben von je her das Evangelium vom Karfreitag meist gut verstanden. Wir als Kirche jedoch – ich als Priester, aber auch wir in unserer kirchlichen Kultur – haben in der Vergangenheit viel zu oft darin versagt, ernsthaft das Opfer der Gewalt zu sehen. Das aber bedeutet: Wo wir weggesehen, verleugnet oder gar vertuscht haben, haben wir Gott nicht gesehen, Gott verleugnet, sein Leiden vertuscht.
    Heute ist die Gelegenheit, neu empfindlich zu werden für Gottes Gegenwart.