Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 4. Fastensonntag Lesejahr A 2026

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15. März 2026 - St. Andreas, Groß-Bieberau

Predigt

1. Sehen und Blindheit – Licht und Dunkel

  • "Um zu richten", sagt Jesus, ist er "in diese Welt gekommen". An ihm entscheidet sich, ob wir wirklich sehen, wirklich im Licht sind, oder ob wir zwar fromm und bibelfest alles wissen, aber nicht merken, dass das uns herausfordert. Davon erzählt die Konfliktgeschichte im Johannesevangelium rund um die Heilung eines Blindgeborenen.
  • "Lebt als Kinder des Lichts!" – hieß es dazu im Epheserbrief, der uns vom Apostel Paulus überliefert ist. Das klingt klar. Licht, nicht Dunkel! Und doch verdichtet sich hier die ganze Dynamik des christlichen Lebens. Nicht weil die Welt aus klaren, einfachen Fronten bestünde. Sondern weil Gott uns ruft, unsere Entscheidungen im Licht Christi zu treffen – Entscheidungen, die unser Herz formen und unsere Wege verwandeln.
  • Der Epheserbrief beschreibt dieses Licht nicht als grelle Strahlkraft, die alles sofort und endgültig erhellt. Sondern als einen Weg, der gegangen werden will. "Einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn." Das ist kein Triumphruf über andere, sondern ein Ruf zur Wachheit über uns selbst: Wo lasse ich das Licht Christi in mein Denken, Fühlen und Handeln hinein – und wo weiche ich ihm aus? Wo habe ich den Mut vom anderen Menschen her zu denken, statt von meinem Bedürfnis nach klaren Regeln in einem starren Weltbild? Das ist das "Licht im Herrn", von dem Paulus spricht.

2. Verlockung des Autoritarismus

  • Der Gegensatz von Licht und Dunkel ist christlich kein starres Schwarz-Weiß-Schema. Das unterscheidet die Bibel von denen, die gerade jetzt wieder erfolgreich damit Stimmung machen, dass sie die Welt einteilen, "wir" gegen "die", Licht gegen Dunkel, Gut gegen Böse. Sie bieten einfache Erklärungen für komplexe Probleme und verheißen Sicherheit durch klare Feindbilder.

    Auf den ersten Blick ist eine Verwechslung möglich. Die Populisten und Autoritären greifen tatsächlich bekannte biblische Begriffe auf. Doch sie verdrehen deren Sinn. Der Epheserbrief ruft uns nicht in eine Welt des einfachen Urteils, sondern in eine Welt der verantwortlichen Unterscheidung. "Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist", heißt es. Prüfung – nicht Aburteilung. Licht – nicht Selbstgerechtigkeit.

  • Es gibt die Verlockung des Autoritarismus: Menschen suchen in Krisenzeiten nach Halt, Orientierung und Eindeutigkeit. Wer verspricht, die Welt sei in klare Gegensätze aufgeteilt, bietet eine emotionale Entlastung – aber zur falschen Währung. Autoritäre Dualismen spalten Gemeinschaft und verflachen das Denken. Denn wo nur Licht und Dunkel gelten, da haben Fragen keinen Platz, Zweifel keine Berechtigung, Grautöne keinen Wert.

  • Genau hier bringt das Evangelium eine andere Bewegung ins Spiel. Das Licht Christi ist nicht das Spotlight, das alles und alle bloßstellt. Es ist das Licht, das uns herausruft – nicht zur Verhärtung, sondern zur Verwandlung. Nicht zum Kampf gegen andere, sondern zum Kampf gegen das, was in uns selbst zur Finsternis gehört: Angst, Härte, Gleichgültigkeit, Hochmut.

3. Offenheit in Christus

  • "Alles, was offenbar wird, ist Licht." Das heißt: Gottes Licht dringt dort in uns ein, wo wir nicht hart und glatt sind, sondern uns verletzlich zeigen. Nicht dort, wo wir uns als moralische Sieger präsentieren. Wir müssen nicht glänzen, um Kinder des Lichts zu sein – wir müssen uns öffnen. Daher ist christlicher Glaube kein Rückzug in geschlossene Gruppen, die sich in ihrer eigenen Erleuchtung sicher fühlen. Die frühen Gemeinden lebten in einer Welt voller Uneindeutigkeiten, voller unklarer Linien. Und sie konnten darin leben, weil sie wussten: Christus ist mitten in dieser Welt – nicht außerhalb von ihr, nicht gegen sie.

  • Populistisches Denken – ob von links oder rechts – erkennt man daran, dass sie einfache Kategorien von Licht und Dunkel anbieten. Doch das Evangelium kennt die Entscheidung zwar zwischen Licht und Dunkel, aber nicht die Feststellung: Dies in der Welt ist ganz Dunkelheit, jenes ganz Licht. Das Evangelium kennt nur Menschen, die gerufen sind. Es kennt nur einen Gott, der ruft.

    • Erstens: Wir dürfen uns nicht von der Sehnsucht nach einfachen Antworten verführen lassen. Christlicher Glaube schenkt Orientierung – aber er schenkt sie durch Unterscheidung, nicht durch Vereinfachung.

    • Zweitens: Wir sind eingeladen, das Licht Christi im eigenen Leben zu suchen. Im Zuhören. Im Fragen. Im Sich-Berühren-Lassen.

    • Drittens: Wir tragen Verantwortung dafür, wie wir selbst über Licht und Dunkel sprechen. Jeder dualistische Satz, den wir leichtfertig sagen – über andere, über Gruppen, über "die da draußen" – hat eine Wirkung. Vielleicht eine verletzende. Vielleicht eine spaltende. Vielleicht eine, die dem Licht Christi widerspricht.

  • "Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein!" Der alte Hymnus aus dem Epheserbrief meint: Lass dich wecken aus der Komfortzone, aus der Selbstgewissheit, aus der Versuchung zur Vereinfachung. Lass dich wecken in die Freiheit eines Christen. Amen.


Fürbitten

P: Gott, du rufst uns, im Licht Christi zu leben. In einer Welt, die sich nach einfachen Gewissheiten sehnt, öffne unser Herz für deine Wahrheit, die uns frei macht. Voll Vertrauen bringen wir dir unsere Bitten.

V: Für alle, die sich in Dunkelheiten verloren fühlen — in Angst, Erschöpfung oder Mutlosigkeit. Lass dein Licht Wege öffnen, wo Menschen keinen Ausweg sehen. – Du Gott des Lichtes. A: Wir bitten dich, erhöre uns.

V: Für unser Land und unsere Gesellschaft: Bewahre uns vor der Versuchung einfacher Gegensätze und stärke jene, die den Dialog und gute Kompromisse suchen. – Du Gott des Lichtes. A: Wir bitten dich, erhöre uns.

V: Für alle, die Verantwortung tragen in Kirche und Gesellschaft: Gib ihnen ein hörendes Herz, das prüft und unterscheidet – frei von Härte, offen für dein Licht. – Du Gott des Lichtes. A: Wir bitten dich, erhöre uns.

V: Für die Menschen, die unter Ausgrenzung, Verurteilung oder ideologischer Spaltung leiden: Schenke Heilung, Versöhnung und den Mut, neue Schritte aufeinander zuzugehen. – Du Gott des Lichtes. A: Wir bitten dich, erhöre uns.

V: Für uns selbst: Dass wir nicht in Selbstgewissheit verharren, sondern uns wecken lassen – hin zu einem Glauben, der fragt, hört und liebt. – Du Gott des Lichtes. A: Wir bitten dich, erhöre uns.

V: Für unsere Verstorbenen, besonders für NN. Führe sie aus dem Dunkel des Todes in das Licht deiner Herrlichkeit. – Du Gott des Lichtes. A: Wir bitten dich, erhöre uns.

P: Gott, du bist größer als Licht und Dunkel. Uns rufst du, Kinder des Lichts zu werden – mitten in dieser Welt. Dir vertrauen wir uns an, heute und alle Tage. A: Amen.