Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt 2001 zum 5. Sonntag im Lesejahr C (Alfred Delp)

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04.02.2001 - khg Göttingen, Universitätskirche St. Nikolai

Predigt

Menschenfurcht und Gotteschrecken: "Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder. Denn er und alle seine Begleiter waren erstaunt und erschrocken, weil sie so viele Fische gefangen hatten."

1. Gottesschrecken

  • Die Texte aus Jesaja, aus dem Korintherbrief und aus dem Lukas-Evangelium, sie spiegeln bei aller Verschiedenheit die selbe Atmosphäre: Erschrecken vor Gott. Erschrecken hier nicht im Sinne des Überraschenden, Unerwarteten, sondern in dem Sinne eines Schreckens, der den Menschen befällt, wenn er dessen gewahr wird, vor dem er steht.
  • Jesaja, Paulus, Petrus - in verschiedenen Situationen die Erfahrung des Gottesschreckens.
    Jesaja, der Mystiker, sieht in einer Vision die Herrlichkeit Gottes und wehrt sich dagegen, dass er von Gott künden soll.
    Paulus, der Verkünder, sieht auf sein Leben zurück und sieht, wie wenig er selbst das Apostelamt verdient hat.
    Petrus, der Mann spontaner Reaktionen. Als er sieht, was das Wort Gottes bewirkt, fällt er vor Jesus auf die Knie und bittet ihn: "Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder".
    Drei Menschen die Gott so nahe gekommen sind, dass es sie überfällt: Wie unangemessen ist das, was ich bin, in der Nähe Gottes.
  • Es gibt unendlich viele andere, viele alltäglichere Beispiele. Allen ist gemeinsam, dass Gott Menschen anrührt. Die Ahnung der Größe der Schöpfung, das Unverdiente einer Liebe, der Abgrund einer Schuld. In all diesen Situationen werden Menschen von Gott angerührt - und von Schrecken erfasst. Heilsamen Schrecken.

2. Schrecken menschlicher Gewalt

  • Den Wert des Erschreckens vor Gott mögen wir ahnungsweise ermessen, wenn wir die Gestalt des Angeklagten Pater Alfred Delp vor dem Volksgerichtshof 1944 sehen. Aufrecht und konzentriert steht er vor seinen Richtern. Nach dem gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 war Delp verhaftet worden, weil er im Kreisauer Kreis mit gearbeitet hatte am Entwurf eines neuen Deutschland nach der Barbarei. Dafür wird er vor das "Volks"-Gericht des Roland Freisler gestellt.
  • Es gibt genug Bild- und Filmdokumente, um die Atmosphäre dieses Tribunals auch heute noch nachvollziehen zu können. Da verbreitet einer in der Selbstsicherheit einer Ideologie Schrecken. Da weiß sich einer auf der Seite der Stärkeren und macht andere nieder, das Rechtssystem zur Farce degradierend. Die lange Reihe der Todesurteile sind das Instrument dieses Schreckens.
  • Noch aus den letzten Zeilen, die Delp mit gefesselten Händen im Gefängnis im Warten auf die sichere Hinrichtung schrieb, spricht ein lebendiger Patriotismus. Es ist seine immer wieder ausgesprochene Liebe zu seinem Volk, die ihm die Augen öffnet für den Unterschied zwischen dem angemaßten Schrecken des Roland Freisler und dem Schrecken, der die einzig angemessene Reaktion auf die Begegnung mit Gott ist. In der Sorge um den Menschen erkennt Gott das Heilsame des Gottesschecken - der den Schrecken der Diktatur besiegt, weil er den Menschen Stärke gibt.

3. Widerstand

  • Die Bibel schildert oft das Erschrecken des Menschen vor Gott. In diesem Erschrecken wird ahnbar, wer Gott ist. Es wird erfahrbar, wer der Mensch ist. Es wird offenbar, wie Gott gegenwärtig wird - Nicht gegen, sondern durch den Menschen, der so ganz anders ist als Gott. Gerade dadurch, dass die Erfahrung Gottes Menschen zu erschüttern vermag, gerade dadurch, dass Menschen durch Gott aus der Bahn der Selbstsicherheit geworfen werden - gerade dadurch gewinnen sie die Chance auf Halt.
  • Auf Betreiben vor allem Frankreichs wurde verhindert, dass die neue Charta für die Europäische Union auf Gott Bezug nimmt. Die Warnung des Papstes diesbezüglich trifft den Punkt: Die Erben der Revolutions-Guillotine meinen, es genüge, sich auf "die Werte" der Europäischen Tradition zu berufen. Bei der wirtschaftlichen Verwertung von Embryonen in England kann man sehen, worin diese Werte bestehen. All diese Normen, Konventionen, Schranken sind im entscheidenden Augenblick nichts Wert, weil der Aussicht auf Profit nichts gegenüber steht.
    Ohne den Gottesschrecken droht auf kurz oder lang jeder Wert zusammenzufallen, weil der Mensch den Interessen des Menschen verfügbar gemacht wird, wo nur der Nutzen groß genug erscheint. Um der Gesundheit oder um des Wohlstandes der einen willen werden andere geopfert: Sterbende, Ungeborene, Schwache.
  • Petrus ist in dem Prediger, der sich sein Boot ausgeliehen hatte, um von dort aus zur Menge zu sprechen, Gott begegnet. Petrus musste noch viel lernen, er hat manches Mal daneben gegriffen. Aber er hat nie mehr etwas von der unbedingten Größe vergessen, die ihm in Gott gegenüber tritt.
    "Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder" war die Reaktion des Simon Petrus. Jesus hat sich eben diesen Simon als Fels seiner Kirche erwählt. Alfred Delp wurde nie Heilig gesprochen. Er hatte wohl zu viele Kanten und Ecken. In der entscheidenden Stunde aber, hat er die Größe Gottes gespürt und so im Angesicht des Todes das Leben gesehen. Amen.

Fürbitten

L: Herr unser Gott, würden wir deine Größe erfassen, der Schrecken würde über uns kommen vor dir, dem großen Gott.
Würden wir deine Liebe erfassen, es gäbe nichts in unserem Leben, das wir nicht dir anvertrauen wollten. So beten wir:

V: Dass sich Menschen ergreifen lassen von deinem Wort, um es anderen zu verkünden.
A: Wir bitten dich, erhöre uns.

V: Dass die Wunder deiner Schöpfung Menschen erschüttern und öffnen für dich.
A: Wir bitten dich, erhöre uns.

V: Dass im Vertrauen auf dich Menschen den Mächten widerstehen, die uns für sich vereinnahmen wollen.
A: Wir bitten dich, erhöre uns.

V: Dass im Bewusstsein deiner Größe Menschen der Ungerechtigkeit Widerstand leisten.
A: Wir bitten dich, erhöre uns.

V: Dass von dir erfüllt Menschen im Angesicht des Todes für das Leben Zeugnis geben.
A: Wir bitten dich, erhöre uns.

L: Wo Du gegenwärtig bist, beginnen Menschen neu zu leben. Darauf wollen wir vertrauen, heute und in Ewigkeit.
A: Amen.


Gebete

Tagesgebet
Allmächtiger Gott, du unser Vater,
an den Grenzen unseres Lebens
stoßen wir auf dich, der uns geschaffen hat
und uns im Dasein erhält.
Auf dich sind wir zurück geworfen.
So bleibe uns nahe mit deiner Gnade,
damit keine Menschenfurcht uns niederdrückt.
So bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn und Gott,
der in der Einheit des Heiligen Geistes
mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit. Amen.