Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 11. Sonntag im Lesejahr A 2026 (Matthäus)

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14. Juni 2026 - Heilig Kreuz, Feldafing

Predigt

1. Die keine Hirten haben

  • Es beginnt im Evangelium eher leise. Jesus sieht die Menschen. Er bleibt stehen. Er schaut. Es ist kein oberflächlicher Blick, der ihn Menschen sieht, die wie Schafe sind, die keinen Hirten haben – keine kopflos-hektische Schafsherde. Sondern Menschen, die Orientierung suchen, weil sie – vielleicht noch ganz uneingestanden – merken, dass die alten Gewissheiten nicht mehr tragen. Erfahrungen aus vielen Jahrzehnten, Wege, die gegangen wurden, Fragen, die schon längst beantwortet schienen. Die Unsicherheit erfasst alles.
  • Die erste Interpretation der Stelle aus dem Evangelium wäre einfach. Jesus beruft die Apostel, in ihrer Nachfolge heute Bischöfe, Priester, Diakone, Ordensleute oder Gemeindereferenten, – alle irgendwie Profis –, die wissen wo es lang geht und deswegen die Kirche leiten. Aber vielleicht war das schon damals bei den Aposteln nicht so, die immerhin fast alle als Märtyrer gestorben sind.
  • Ganz sicher gehören heute auch wir, die Hirten, zu der Herde, die sich verloren hat. Wir kennen vielleicht die Botschaft besser, die uns die Bibel anvertraut, haben vielleicht gelernt, mehr das zu reflektieren, was die Seele umtreibt – aber ganz sicher haben die Hirten nicht mehr Glauben als die, die man traditionell "die Gläubigen" nennt.

2. Ruf und Sendung

  • Das Entscheidende ist nicht, dass Jesus alle Unsicherheit beseitigt, indem er spirituelle Helden aussucht, die jetzt entschlossen die Herde auf den rechten Pfad führen. Es ist viel elementarer, grundlegender: ein Ruf. Jesus ruft Menschen in die Nachfolge. Er ruft Menschen zu sich. Nicht besonders ausgewählte, nicht solche mit einem fertigen Plan, sondern Menschen, die bereit sind, sich ansprechen zu lassen.
  • Er nimmt sie hinein in seine eigene Bewegung. Er lässt sie teilhaben an seinem Weg. Und mit der Zusicherung, dass sie nicht allein sind, sendet er sie. Letztlich entsteht aus der Begegnung nur einzige Gewissheit: dass ich gemeint bin. Dass mein Leben angesprochen wird. Dass all das, was geworden ist, einen Platz hat im Blick Gottes. Der Ruf meint mich, mit meinem Leben, wie es mit aller Fragwürdigkeit nun mal ist.
  • Viele von uns haben diesen Weg schon lange begonnen. Es gab Zeiten mit klaren Aufgaben, mit Verantwortung, mit einem festen Ort im Leben. Und dann verändern sich die Gestalten dieses Weges. Manches wird ruhiger, manches wird innerlicher. Manches aber verlangt, dass wir loslassen und unsere Grenzen anerkennen. Und gerade darin zeigt sich eine neue Form von Sendung.

3. Heilung, Integration, Abgrenzung

  • Die Jünger, die Jesus sendet, werden befähigt, diese drei Wunder zu wirken: Kranke zu heilen, durch Aussatz ausgegrenzte Menschen in die Gemeinschaft zurückzuholen und Dämonen auszutreiben sind die Aufträge, die Jesus erteilt. Zu allen Zeiten hat es Menschen gegeben, die das im Namen Gottes als Zeichen seiner Kraft getan haben. Aber nicht diese spektakulären Wunder sind am Ende, wozu Jesus sendet, sondern, um das zu erleben und zu verwirklichen, worauf diese Zeichen verweisen.
  • Wenn unser Glaube, unsere Kirche und unsere Gemeinde hier diese drei Merkmale nicht aufweist, dann müssen wir schauen, ob wir uns nicht verloren haben und uns zurückführen lassen sollten: Wenn der Glaube und die Mitfeier der Gottesdienste nicht heilsam ist, sondern krank macht, wenn wir Aussatz nicht heilen, sondern mit Selbstsicherheit und Selbstgefälligkeit neue Aussätzige schaffen, wenn wir all die Dämonen, die Menschen niederhalten in unserer Mitte nicht widerstehen, sondern sie hoffieren und ihnen die Türen öffnen – dann sind wir nicht mehr die apostolische Kirche, die Jesus berufen hat.
  • Aber vielleicht gibt es eben auch das andere, wozu uns Gott befähigt, damit wir einander in aller Unsicherheit bestärken. Dass hier eine Gemeinschaft des Gebetes ist, die heilsam ist, dass wir nicht ausgrenzen und dass wir uns den Dämonen entgegenstellen, um diejenigen zu schützen, die die Mächte und Machtmenschen beherrschen wollen. Auch das kann Kirche sein und ist es an vielen Orten. Das ist die Kirche, zu der uns Jesus ruft und sendet – uns, die wir selbst nur Suchende sind, aber spüren: er meint mich, wenn er ruft.

Fürbitten

P: Lasst uns beten zu Jesus Christus, der uns sieht in unserer Suche und uns ruft, füreinander da zu sein.

V: Jesus Christus, du siehst die Menschen, die erleben, dass alte Sicherheiten nicht mehr tragen und deren Fragen offen bleiben. Wir bitten dich: Sei ihnen nahe in ihrer Unsicherheit – lass sie erfahren, dass sie gesehen sind und dass ihr Weg nicht ins Leere führt. – Christus, höre uns. A: Christus, erhöre uns.

V: Jesus Christus, auch die, die führen sollen, kennen Zweifel und sind Teil der suchenden Herde. Wir bitten dich: Bewahre alle, die Verantwortung tragen, vor falscher Sicherheit – und schenke ihnen die Demut und das Vertrauen. – Christus, höre uns. A: Christus, erhöre uns.

V: Jesus Christus, du rufst keine fertigen Menschen, sondern solche, die sich ansprechen lassen. Wir bitten dich: Lass uns hören, dass wir gemeint sind – mit unserem Leben, wie es geworden ist, mit allem Unfertigen und Fragwürdigen. – Christus, höre uns. A: Christus, erhöre uns.

V: Jesus Christus, Lebenswege verändern sich: Aufgaben werden kleiner, Kräfte nehmen ab, Neues entsteht im Verborgenen. Wir bitten dich: Lass uns erkennen, dass auch im Loslassen und im Begrenzten eine Sendung liegt – und dass du uns gerade so brauchst. – Christus, höre uns. A: Christus, erhöre uns.

V: Jesus Christus, du sendest uns, damit dein Heil unter den Menschen erfahrbar wird. Wir bitten dich: Lass unsere Gemeinschaft ein Ort sein, der gut tut – in dem Menschen nicht krank gemacht, nicht ausgegrenzt, nicht klein gehalten werden. – Christus, höre uns. A: Christus, erhöre uns.

V: Jesus Christus, du willst den, der ausgegrenzt ist, zurückholen und Menschen neu zueinander führen. Wir bitten dich: Öffne uns füreinander – dass wir niemanden abschreiben, sondern Wege finden, einander wieder in die Gemeinschaft zu holen. – Christus, höre uns. A: Christus, erhöre uns.

V: Jesus Christus, du sendest uns auch, den Mächten zu widersprechen, die Menschen kleinhalten. Wir bitten dich: Schenke uns Klarheit und Mut – dass wir nicht mitlaufen, wo Unrecht geschieht, sondern einstehen für die, die Schutz brauchen. – Christus, höre uns. A: Christus, erhöre uns.

V: Jesus Christus, wir bleiben Suchende, und doch sendest du uns. Wir bitten dich: Stärke unser Vertrauen, dass wir einander tragen können – und dass dein Ruf unser Leben zusammenhält. – Christus, höre uns. A: Christus, erhöre uns.

P: Jesus Christus, Dir vertrauen wir unsere Bitten an – heute und alle Tage. A: Amen.