Predigt zum 15. Sonntag im Lesejahr A 2011 (Römerbrief)
10.Juli 2011 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg
Predigt
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In "The Tree of Life" entfaltet der Regisseur Terrence Malick ein kosmisches Panorama: Der Verlust eines Kindes in einer Familie der 50er Jahre in den USA wird kontrastiert mit dem Werden des Kosmos und verhaltenen, doch deutlichen Bildern der Hoffnung, der Geborgenheit und des Heils. Der Film folgt weniger einer Handlung, als dass er fast traumartige Sequenzen mit großen Bildern der Natur - beginnend beim Entstehen des Universums mit dem Urknall - verbindet und den Stimmen der Eltern des Kindes aus dem Off unterlegt. Eine Sequenz, auf die die Predigt Bezug nimmt, zeigt eine Dinosaurier-Echse, die ein daniederliegendes Tier verschont. |
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1. Werden, Scheitern, Gelingen
- Ein Teil fällt auf harten, dornigen Boden. Es erstickt und verdorrt.
Ist es nicht zynisch darüber hinwegzugehen und nur auf jenen Teil zu schauen, der auf guten Boden fällt und Frucht bringt? Auch hundertfache Frucht macht nicht einfach ungeschehen, dass anderer Samen vergeblich gesät wurde. Auch das Scheitern soll benannt und nicht vergessen werden. Der Schmerz über den Verlust hat sein Recht auch gegen die hundertfache Frucht. - Menschen leben und schaffen großartige Werke. Andere aber sterben viel zu früh oder scheinen
nie eine Chance bekommen zu haben. Dem Leben ist die Vergänglichkeit und scheint allzu oft die
Vergeblichkeit eingeschrieben. Zumindest ist das unser Erleben.
Vom Beginn an, seit dem Urknall und dem Werden des Universums, gibt es auch das Vergehen. Womöglich ist es in der ganzen Weite des Alls nur ein winziger Planet, an dem Leben entstehen konnte. Wie viele Anläufe hat es gegeben, wie viele Arten sind entstanden und untergegangen, bis der Mensch wurde. Weit war der Weg vom ersten lebendigen Wesen bis zu dem Menschen, der Gottes Ruf vernahm und ihm in den Aufbruch folgte. - Doch liegt hier eine Richtung, die das Gleichnis Jesu andeutet. Der Sämann, der sät, ist nur die
eine Seite. Die andere ist der Boden, der bereit ist, den Samen aufzunehmen.
Vielleicht wäre eine Welt denkbar, in der jedes Samenkorn auf fruchtbaren Boden fällt. Es wäre sogar eine Schöpfung denkbar, in der Gott alles fix und fertig bereit gestellt hätte. Die Welt aber, wie wir sie kennen, ist geworden und ist im Werden. Sie kennt die Vergeblichkeit und den Schmerz. Und sie trägt zugleich die Möglichkeit des fruchtbaren Bodens in sich.
2. Hoffnung
- Paulus wusste noch nichts vom Werden des Universums und der Natur. Die Jahrmilliarden der Entstehung des Alls waren für die Menschen damals so unvorstellbar, wie sie es, genau betrachtet, auch für uns noch sind. Paulus wusste nichts von Dinosauriern, die die Erde bevölkerten, lange bevor der Mensch kam. All das wussten die Menschen früherer Jahrhunderte und Jahrtausende nicht.
- Dennoch kann Paulus die Schöpfung in einer Tiefe sehen, die wir erst heute langsam wieder entdecken. "Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Erben Gottes. Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat; aber zugleich gab er ihr Hoffnung: Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes." Nicht nur wir Menschen, die ganze Schöpfung hat eine Richtung, und wir spielen dafür die zentrale Rolle. Zumindest was unseren Planeten anbelangt ist in unserem Zeitalter der Mensch eng mit dem Wohl und Wehe der Kreatur verbunden. Unsere Hoffnung gilt nicht nur uns.
- Dieser Blick auf die Welt ist der Naturwissenschaft nicht möglich. Sie kann und wird immer mehr
die Mechanismen des Werdens erforschen. Die Perspektive, was der Sinn hinter all dem ist,
entzieht sich hingegen ihrer Methode.
Paulus sieht die Sehnsucht und Hoffnung, weil er in der Begegnung mit dem unendlichen Gott erfahren hat, dass die Vergänglichkeit, die wir beobachten können, nicht alles ist. Von Anfang an gehört die Hoffnung auf Vollendung zu ihr. Ein Bild dafür könnte sein sich vorzustellen, dass schon die Dinosaurier auf eine ihnen unbewusste Weise ahnten, dass die Schöpfung mehr ist als Fressen und Gefressenwerden?
3. Empfangen und Frucht bringen
- Auf dieses "mehr" verweist die Hoffnung. Für Paulus zeigt sich in der Hoffnung, dass Gott die
Schöpfung auf ein Gegenüber angelegt hat: den Menschen, der seinWort hört und seinen Weg
geht. "Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen", weil auf diese Weise aus der Empfänglichkeit des Menschen heraus dem Schöpfer liebende Antwort gegeben werden kann.
Die Schöpfung ist eben darum auch gefährdet. Gott hat sein Werk in die Hände des Menschen gelegt und ihm zugleich seinen Bund angeboten. Wo der Mensch statt dessen nur sich und seine Ziele sieht, ist die Schöpfung gefährdet. - Schon in dem Kind, das seine Mutter empfangen hat, können wir dies sehen. Das Kind ist seinen
Eltern nur anvertraut. Es ist nicht dazu da, dass seine Eltern sich selbst verwirklichen. Wie oft
schon hat ein Vater, wohlmeinend vielleicht, in seinem Sohn nur den gesehen, der schafft, was er
selber nicht geschafft hat; dann wird das Kind mit strenger Erziehung zur Leistung getrimmt und
getrieben. Aber dies ist nicht die einladende Liebe des himmlischen Vaters, sondern das zähe
Ringen des irdischen Vaters mit seinem eigenen Scheitern und seiner tief sitzenden Angst, zu kurz
gekommen zu sein.
Um Vergängliches wird dann in einer vergänglichen Welt gerungen, statt sich Gottes Ewigkeit zu öffnen. Der Samen der Unvergänglichkeit trifft hier auf dornigen, unfruchtbaren Boden. Wo nichts ist als Vergänglichkeit, bliebe nichts als der Tod.
Wenn das Vergängliche jedoch Gott anvertraut wird, offenbaren sich die Schmerzen als "Geburtswehen" der Liebe, die wir empfangen. - Dies ist die Vision, die Paulus im Römerbrief entfaltet. Er sieht uns Menschen berufen, Kinder Gottes und Erben seines Reiches zu sein. Die Taufe ist die "Erstlingsgabe des Geistes". Sie macht die Getauften nicht zu Superhelden, die die Welt retten. Der Geist befreit vielmehr dazu, dass in unseren Herzen die Sehnsucht wächst, Gott zu begegnen, empfänglich zu werden für seine Liebe, sich von dieser Liebe verwandeln zu lassen, damit die Liebe Frucht bringt zum Heil der ganzen Schöpfung. Amen.
Der Film Inception von Christopher Nolan (2010) handelt von einer Gruppe Krimineller, die sich in Träume anderer einschalten können und dort anderen Geheimnisse entlocken, die diese sonst nicht preisgegeben hätten. Nun versuchen sie umgekehrt, jemanden einen neuen Gedanken einzupflanzen: dass sein verstorbener Vater gewollt hätte, dass er das Firmenimperium aufsplittet. In den daraus entstehenden Traumbildern entfesselt Nolan das ganz große Kino. | ![]() |
Fürbitten
P: Rufen wir zu unserem Schöpfer und Herrn, und bringen wir unsere Bitten vor unseren himmlischen Vater.
V: Alles, was ist, hast du geschaffen. (kurze Stille) Führe deine Schöpfung zur Vollendung und lass in ihr deine Güte offenbar werden. - Gott, Ursprung und Ziel.
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
V: In der Taufe hast du uns berufen, unter allen Völkern dein Volk zu sein. (kurze Stille) Stärke in uns die Hoffnung, dass du jeden Menschen erschaffen hast und wir in deiner Liebe geborgen sind. - Gott, Ursprung und Ziel.
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
V: Durch das Geschenk der Taufe hast du uns als Erstlingsgabe der neuen Schöpfung deinen Geist geschenkt. (kurze Stille) Lass dein Leben in uns wirksam werden, dass an unserem Leib und in unserem Leben deine Barmherzigkeit offenbar wird. - Gott, Ursprung und Ziel.
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
V: Du hast uns deinen Willen offenbart. (kurze Stille) Gib uns den Mut, uns ganz dir zu öffnen, und befreie uns von der Versuchung, unsere Vergänglichkeit zum Maß unseres Lebens zu machen. - Gott, Ursprung und Ziel.
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
V: Alles Leben ist dein Geschenk. (kurze Stille) Wecke in allen Kulturen die Ehrfurcht vor der Würde eines jeden menschlichen Lebens und vor der Schönheit der Schöpfung, die zu bewahren du uns aufgetragen hast.- Gott, Ursprung und Ziel.
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
V: Das Weizenkorn, das in die Erde gesät wird, vermag hundertfältig Frucht zu bringen. (kurze Stille) Gib du unserem Leben Sinn und Ziel und führe auch unsere Verstorbenen vom Tod zum Leben. - Gott, Ursprung und Ziel.
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
P: Dein Geist ist es, der in uns betet. Wir danken dir für deine Güte, die uns nie verlässt in Zeit und Ewigkeit.
A: Amen.

