Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 24. Sonntag im Lesejahr A 2026 (Mathäus)

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13. September 2026 - St. Bartholomäus, Klein Zimmern

Predigt

1. Barmherzigkeit

  • Das Evangelium ist sonnenklar. Mit einem Gleichnis schafft es Jesus, jedem deutlich zu machen, wie selbstverständlich es sein sollte, dass wir Menschen einander vergeben müssen. Barmherzigkeit sollte für uns eine Selbstverständlichkeit sein.
  • Warum also schaffe ich es trotzdem nicht, in so vielen Kleinigkeiten "meinem Bruder oder meiner Schwester zu vergeben, wenn sie sich gegen mich versündigen"?
  • Vielleicht bin ich einfach nur überzeugt, dass mir niemand etwas vergeben muss, schon gar nicht Gott. Was ich habe und will, steht mir zu. Ich schulde Gott nicht die Abermillionen, die der erste Knecht im Gleichnis seinem Herrn schuldet. Mir steht das zu. Das ist nur gerecht.

2. Gerechtigkeit

  • Die Gerechtigkeit gibt es nicht. Gerechtigkeit ist ein Ideal, das wir anstreben. Aber wie unser Leben in Bewegung ist, muss auch um Gerechtigkeit immer neu gerungen, gestritten, vielleicht auch gekämpft werden. Gerechtigkeit als Zustand gibt es nicht – und wer das Gegenteil behauptet, schafft meist die größte Ungerechtigkeit.
  • Das ist wie "das Volk". Das ist auch keine feste Größe. Das Volk, behaupten manche, wolle dies oder wolle das – und natürlich sehen sie sich selbst als Vertreter für diesen Volkswillen. Aber selbst wenn 51 % derer, die an einer Wahl teilgenommen haben, für einen Kandidaten gestimmt haben, waren die anderen 49 % dagegen. Der Präsident, der behauptet, mit ihm seien die Parteien zu Ende und regiere das Volk, begründet Unrecht. Wie auch, wer für sich in Anspruch nimmt, er (allein) vertrete "die Gerechtigkeit". Gerechtigkeit gibt es nicht.
  • Ohnehin sollte man im Blick haben, dass es drei Beziehungen gibt, in denen Gerechtigkeit gesucht wird: Da ist die Suche nach Gerechtigkeit in der Beziehung zwischen zwei Personen. Bei der Tauschgerechtigkeit muss immer wieder ein Ausgleich gefunden werden. Aber genauso bei der ganz anderen Form, der zu- oder austeilenden Gerechtigkeit. Da geht es oft genug um die Größe des Kuchens und wie viel ich davon abbekomme. "Die" Gerechtigkeit gibt es nicht. Aber es gibt viele, die überzeugt sind, ihnen geschehe Unrecht. Dieselben werden aber still, wenn es um die soziale oder geschuldete Gerechtigkeit geht: Was trage ich gerechterweise zum Gelingen unserer Gemeinschaft bei? Und gänzlich kompliziert wird es, wenn wir zudem fragen, ob es so etwas wie eine ökologische Gerechtigkeit gibt.

3. Geschuldet

  • Es sind erstaunlich oft die anderen, die mir etwas schulden, die zu viel bekommen, die nichts beitragen – und obendrein den ganzen Planeten ruinieren. Und dann kommt das Evangelium und suggeriert, dass ich Gott etwas schulde?
  • Ja. Nichts weniger behauptet die Bibel: Dass wir Gott unendlich viel verdanken. Dass unsere Schuld ihm gegenüber gewaltig ist. Dass wir Gott unser Leben verdanken. Es gibt den Fehlschluss, daraus folge, dass wir nichts wert seien. Bei Luther etwa klingt das durch. Aber das steht nicht in der Bibel.
  • Im Gegenteil: Das Evangelium sagt doch, dass Gott diese Schuld nicht einfordert und uns damit einlädt, es ihm gleich zu tun. "Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!" (Lk 6,36). Nicht weil Gott etwas bräuchte, schulden wir es ihm, sondern weil nur der Blick auf die unbegreifliche Liebe und Barmherzigkeit Gottes uns Menschen vor der Gerechtigkeit bewahrt, die die schlimmste ist von allen: Der Selbstgerechtigkeit.

Fürbitten

P: Christus, hat uns gelehrt, dass Barmherzigkeit Gottes das Maß ist, an dem auch wir uns messen sollen. Zu ihm bringen wir unsere Bitten:

V: Für alle, die sich schwertun, Kleinigkeiten zu verzeihen: Schenke uns ein Herz, das nicht nachträgt, sondern loslassen kann. – Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.

V: Für alle, die um Gerechtigkeit ringen – in ihren Beziehungen, in unserer Gesellschaft, unter den Völkern: Bewahre sie davor, sich selbst zur letzten Instanz zu machen. – Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.

V: Für alle, die überzeugt sind, ihnen stehe alles zu, und die eigene Schuld gerne übersehen: Öffne ihnen – öffne uns – den Blick für das, was wir dir verdanken. – Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.

V: Für unsere Gemeinde und die ganze Kirche: Mache uns zu Menschen, an denen man deine Barmherzigkeit ahnen kann. – Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.

V: Für die Verstorbenen und für uns alle in der Stunde unseres Todes, besonders für NN. Rechne nicht auf, was wir dir schuldig bleiben, sondern nimm uns auf in dein Erbarmen. – Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.

P: Herr Jesus Christus, du kennst unsere Sehnsucht. Dir vertrauen wir an, was uns bewegt – heute und alle Tage unseres Lebens

A: Amen.


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