Predigt zum 26. Sonntag im Lesejahr A 2026 (Mathäus)
27. September 2026 - Mariä Geburt, Traubing
Predigt
1. Ambiguitätstoleranz
- Der eine sagt "ja!" und macht nichts. Der andere sagt "Nein!", gibt sich dann aber einen Ruck und tut den Willen des Vaters. Jesus hat es oftmals erklärt: Bei Gott zählt, was wir tun und wie wir leben, nicht die frommen Reden.
- So sagte Jesus auch: Hört denen aufmerksam zu, die vorne stehen und predigen, aber ahmt um Himmels Willen nicht nach, was sie tun (Mt 23, 23). – Kluge Psychologen, zu denen ich mich nicht zähle, benennen das mit dem schönen Fremdwort "Ambiguitätstoleranz", aushalten können, wenn im Leben Dinge nicht immer zusammenpassen. Das ist eine nützliche Fähigkeit auch im Glauben. Jesus wusste, dass geistliche Autorität auch in Gewalt gegen Schutzbefohlene münden kann (Mt 18,6; Lk 17,2). Aber er mutet zu, dennoch in der Kirche das Evangelium zu hören.
- Vor allem macht Jesus deutlich: Es ist kompliziert, auch bei dem scheinbar so einfachen "Ja" oder "Nein". Es kommt auf die elementare Bereitschaft an, den Willen Gottes zu tun. Aber was das konkret bedeutet, ist in einer komplizierten Welt kompliziert.
2. Gräben zwischen uns
- Die westlichen Gesellschaften spaltet seit Jahren eine Frage, die nicht so recht zu fassen ist. Da sind rechts- und linksextreme Bewegungen und Parteien, manchmal mit erschütternd schlechtem Personal, das nicht ansatzweise zu den Positionen passt, die von ihnen erwartet werden – man erinnere sich nur an den Präsidenten, den Christen unterstützen, obwohl er offensichtlich von zweifelhaftem Charakter und er und seine Familie schamlos korrupt sind (im Falle Ungarns: waren). Doch die Anhänger haben offenbar Ambiguität-Toleranz.
- Deswegen kommen wir als Kirche und als demokratische Gesellschaft nicht damit aus, auf diese offensichtlichen Widersprüche hinzuweisen und Verfassungsschutzberichte zu zitieren. Vielmehr müssen wir uns – gerade auch wir als Christen wie die Verantwortlichen in den Kirchen – bemühen zu verstehen, entlang welcher Linie der Konflikt wirklich läuft. Es ist nicht dumm versus klug, nicht gut versus böse, nicht aufgeklärt versus rückwärtsgewandt.
- Kann ich die Jesus-Regel "Tun, nicht Reden" auf das Problem übertragen? Vielleicht. Denn sich für offene Grenzen und Migranten einzusetzen, ist das eine. Anzuerkennen, dass es Verlierer gibt, dass es Menschen gibt, denen etwas verloren geht, ist das andere. Offene Märkte und freien, regelbasierten Handel befürworten, ist das eine. Aber zu sehen, wem diese Regeln nicht helfen, ist das andere. Nicht Reden, sondern Tun bedeutet dann: Die Folgen der Reden in der Praxis sehen. Zu sehen, wo wirklich die Gräben unter uns verlaufen und anerkennen, dass man da verschiedener Ansicht sein kann, müssen wir uns gemeinsam üben.
3. Heute hingehen
- Ich habe in diesen Fragen eine Meinung. Die gebe ich auch gerne kund. Es muss aber nicht von der Kanzel sein. Aber von der Kanzel darf ich sagen: Es ist kompliziert, und Jesus wusste das. Etwas sagen, ist das eine. Was wir tun, ist das andere. Worauf wir achten, ist das andere. Wo wir auch das NichtOffensichtliche versuchen zu verstehen, ist das andere. Aushalten, dass die Dinge nicht eindeutig sind. Ambiguitätstoleranz ist hilfreich.
- Das Ende des Gleichnisses von den beiden Söhnen klingt härter, als es ist. "Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr." Wörtlich heißt es "Zöllner und Dirnen gehen euch voran“. Das heißt also nicht, dass die anderen draußen bleiben. Andere gehen voraus, und der Weg ist offen. Ezechiel sagt es heute von der anderen Seite: Wer umkehrt, wird leben. Und im Philipperbrief geht Christus selbst hin, dorthin, wo es mühsam ist.
- Wie es mit dem zweiten Sohn weitergeht, erzählt niemand. Vielleicht reut es ihn am Nachmittag. Der Weinberg ist dabei nicht die große Weltanschauung, sondern das Nächstliegende: die zugesagte Hilfe, das versprochene Gespräch. Über die richtigen Werte zu reden, ist wenig. Heute hinzugehen, ist mehr.
Fürbitten
P: Gott, unser Vater, du willst nicht schöne Worte, sondern unser Leben. Du lässt uns Zeit, umzukehren und hinzugehen. Voll Vertrauen bitten wir dich:
V: Für die Kirche, für alle, die predigen und Verantwortung tragen: Dass ihr Tun ihren Worten nicht widerspricht. Und für alle, die durch Menschen der Kirche Gewalt erfahren haben: Dass ihnen Gerechtigkeit und Heilung zuteilwerden. – Gott, unser Vater! A: Wir bitten dich, erhöre uns.
V: Für unsere Gesellschaft, in der tiefe Gräben verlaufen: Dass wir einander verstehen wollen, statt uns gegenseitig abzuurteilen, und aushalten, dass vieles nicht eindeutig ist. – Gott, unser Vater! A: Wir bitten dich, erhöre uns.
V: Für alle, die in Politik und Wirtschaft, in sozialen Medien und im Internet entscheiden: Dass sie die Folgen ihrer Entscheidungen im Blick behalten, besonders für die, denen dabei etwas verloren geht. – Gott, unser Vater! A: Wir bitten dich, erhöre uns.
V: Für alle, die sich übersehen und abgehängt fühlen, und für alle, die ihre Heimat verlassen mussten: Dass sie Menschen finden, die ihnen zuhören und beistehen. – Gott, unser Vater! A: Wir bitten dich, erhöre uns.
V: Für uns selbst: Dass wir unser Ja nicht nur sagen, sondern heute helfen, wo es uns möglich ist, und dass wir umkehren, wo wir zu Dir Nein gesagt haben. – Gott, unser Vater! A: Wir bitten dich, erhöre uns.
V: Für unsere Verstorbenen und für alle, um die wir trauern: Dass sie in deinem Reich vollenden dürfen, was sie hier begonnen haben. – Gott, unser Vater! A: Wir bitten dich, erhöre uns.
P: Gott, unser Vater, du rechnest nicht auf, sondern hältst den Weg zu dir offen. Dir vertrauen wir uns an durch Christus, unseren Herrn. A: Amen.