Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 30. Sonntag im Lesejahr A 2026 (Exodus)

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25. Oktober 2026 - St. Pius, Pöcking

Predigt

1. Tür an Tür

  • In den Vereinigten Staaten gibt es Wohnviertel, die man „gated communities" nennt: Siedlungen mit Zaun, Tor und Wachdienst. Man kann verstehen, warum Menschen dort wohnen wollen. Sie wollen sicher sein, ihre Kinder sollen draußen spielen können. Aber es entsteht eine eigene, abgeschottete Welt. Morgens öffnet sich das Tor, der große Wagen fährt hinaus, die Kinder werden zur Privatschule gebracht, dann geht es ins Büro. Die Außenwelt sieht man durch die Fensterscheibe. Sie zieht vorbei, aber sie kommt einem nicht nahe. Ich kann das verstehen, auch wenn ich nicht so leben will.
  • Weniger verstehen konnte ich, was ich in Russland gesehen habe. Mitten zwischen ärmlichen Hütten standen dort Anwesen wie kleine Paläste, rundherum eine hohe Mauer. Ich habe mich gefragt: Wie fühlt man sich wohl, wenn man so lebt? Tür an Tür mit der Armut, nur eine Mauer dazwischen. Vielleicht gewöhnt man sich daran. Vielleicht sieht man irgendwann nicht mehr hin.
  • Die Lesung aus dem Buch Exodus zeigt uns einen Gott, der sich daran nicht gewöhnt. Er sagt von dem Armen, der im Winter seinen Mantel hergeben musste: „Wenn er zu mir schreit, höre ich es, ich habe Mitleid." Gott fühlt sich nicht wohl, wenn neben ihm einer friert. Er hat Mitleid. Und das ist keine Randbemerkung im Gesetz, das ist eine Selbstoffenbarung: So ist Gott.

2. Gerechtigkeit und Liebe wächst

  • Es ist gerecht, geliehenes Geld zurückzubekommen. Das stellt die Bibel nicht in Frage. Aber Gerechtigkeit hat immer zwei Seiten. Da ist mein berechtigter Anspruch. Und da ist der andere, der in der Nacht frieren wird, wenn ich auf meinem Recht bestehe. Gerechtigkeit braucht die Balance zwischen beidem. Wir sehen bei der Gerechtigkeit gerne nur das, was wir meinen, verdient zu haben. Das ist menschlich. Wer viel arbeitet, will auch etwas davon haben. Aber Gott ruft uns von der anderen Seite her an. Er steht neben dem Fremden, der Witwe, dem Waisenkind, neben dem Mann ohne Mantel. Und von dort aus fragt er nicht: Was hast du verdient? Sondern: Was haben diese Menschen verdient? Sie haben es verdient, menschenwürdig behandelt zu werden. Darin liegt ihr Anspruch, und er gilt vor Gott nicht weniger als meiner.
  • Als Jesus gefragt wird, welches Gebot das wichtigste sei, nennt er zwei: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken." Und: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Daran, sagt er, „hängt das ganze Gesetz samt den Propheten" – also auch die Bestimmungen über Pfand und Zins, die wir gerade gehört haben. Aber kann man Liebe gebieten? Wenn wir an romantische Verliebtheit denken, sicher nicht. Die überkommt einen, oder sie bleibt aus. Doch die Liebe, von der Jesus spricht, ist keine Verliebtheit. Sie ist eine gewachsene Liebe. Und wie alles Gewachsene braucht sie Zeit und Boden.
  • Sie wächst zunächst aus einer Erfahrung: dass Gott gut zu mir ist und dass Menschen gut zu mir sind. Mehr, als ich verdient habe. Wer erlebt hat, dass ihm vergeben wurde, dass jemand ihm geholfen hat, ohne zu rechnen, dem fällt es leichter, selbst nicht kleinlich zu rechnen. Und sie wächst durch Gewohnheit. Durch die immer wieder eingeübte Gewohnheit, den anderen zu sehen. Das Gegenteil von Liebe ist hier nicht der Hass, sondern die Abstumpfung. Man kann über das Elend vor der eigenen Tür buchstäblich hinwegsehen. Dafür braucht es keine Mauer und keine getönte Scheibe, das gelingt auch so. Aber man kann sich auch angewöhnen, hinzusehen. Den Menschen am Bahnhof wahrzunehmen. Die Nachbarin zu bemerken, die seit Wochen nicht mehr vor die Tür kommt. Das ist zunächst nicht viel. Aber daraus wächst etwas.

3. Gott lieben – an einem Ort, in einer Gemeinschaft

  • Auch die Liebe zu Gott ist in diesem Sinn etwas, das wächst. Sie wächst an einem bestimmten Ort und in einer bestimmten Gemeinschaft. Für uns ist das die Kirche, diese Gemeinde, diese Menschen, mit denen wir hier jeden Sonntag zusammenkommen. Man kann auch die Kirche nicht romantisch lieben, dafür kennen wir sie zu gut. Aber man kann in sie hineinwachsen – und sie als der Ort der eigenen Erfahrung mit Gott lieben.
  • Hier will Gott uns stärken. Wofür? Damit wir nicht nur Angst um uns selbst haben. Die gated community ist im Grunde eine Antwort auf Angst. Die Mauer um das Anwesen auch. Und jeder von uns kennt diese Angst, die nur noch das Eigene sichern will. Die Gemeinschaft der Kirche ist der Ort, an dem wir eingeübt werden in etwas anderes: in die Sorge füreinander. Weil wir selbst getragen sind, müssen wir uns nicht mehr nur um uns selbst drehen.
  • So wird unsere Liebe dem ähnlich, was Gott in der Lesung von sich sagt: „ich habe Mitleid." Gott liebt, indem er hinsieht und hinhört. Er hört den Schrei dessen, der friert. Wenn wir lernen, ein wenig so zu hören und zu sehen, dann lieben wir Gott und den Nächsten nicht mehr als zwei getrennte Aufgaben. Dann ist es eine Liebe, mit der wir hineinwachsen in das Mitgefühl Gottes selbst. Amen.

Fürbitten

P: Gott, du hörst, wenn die Armen zu dir schreien, denn du bist mitfühlend. Im Vertrauen auf dein Erbarmen bringen wir unsere Bitten vor dich:

V: Für alle, die hinter Mauern und Zäunen leben, weil sie Angst haben. Nimm ihnen die Angst um sich selbst und öffne ihren Blick für die Menschen draußen. – Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.

V: Für alle, die in dieser Nacht frieren: die Obdachlosen in unseren Städten, die Geflüchteten in den Lagern, die Menschen in der Ukraine und allen den Kriegsgebieten ohne Strom und Heizung. Lass sie Menschen finden, ihre Not sehen. – Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.

V: Für alle, die über Geld und Schulden, über Löhne und Rechte entscheiden. Lass sie nicht nur auf das sehen, was ihnen zusteht, sondern auch auf das, was andere zum Leben brauchen. – Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.

V: Für Zuwanderer unter uns, die Witwen und Waisen, die Alleinstehenden und Übersehenen in unserer Nachbarschaft. Lass sie erfahren, dass sie bei uns menschenwürdig behandelt werden. – Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.

V: Für unsere Gemeinde und für die ganze Kirche. Lass uns aneinander wachsen in der Liebe zu dir und in der Sorge füreinander. – Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.

V: Für unsere Verstorbenen, die mit uns gelebt und uns Gutes getan haben, mehr als wir verdient haben. Nimm sie auf in deine Liebe, die kein Ende hat. – Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.

P: Du, Herr Jesus Christus, bist Mensch geworden, damit wir in Dir Gott erkennen und Gott in Dankbarkeit lieben, heute und in Ewigkeit. A: Amen

Orationen

Tagesgebet

Gott, du hörst den Schrei der Armen, denn du hast Mitleid. Du hast uns gut getan, mehr als wir verdienen. Lass aus dieser Erfahrung in uns eine Liebe wachsen, die nicht wegsieht, sondern den Menschen wahrnimmt, der neben uns wohnt. Darum bitten wir durch Jesus Christus,…

Gabengebet

Herr, unser Gott, wir bringen dir unsere Gaben, die du sie uns geschenkt hast. Nimm sie an und verwandle sie, und mache uns zu einer Gemeinschaft in Dir. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Schlussgebet

Gott, unser Vater, du hast uns an deinen Tisch geladen und gestärkt. Wenn wir nun in unseren Alltag zurückkehren, lass uns nicht nur um uns selbst besorgt sein. Öffne uns die Augen für die Liebe in der du uns begegnest. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. A: Amen.

Präfation

In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, Herr, heiliger Vater, allmächtiger, ewiger Gott, immer und überall zu danken.

Denn du bist ein Gott, der hört. Du hörst den Fremden, der die geliebte Heimat verlassen musste, die Witwe und das Waisenkind, den Armen, der ohne Mantel in die Nacht geht. Du schaust nicht weg, denn du hast Mitleid.

In Jesus Christus, deinem Sohn, bist du uns ganz nahe gekommen.

In ihm hast du uns geliebt, mehr als wir verdienen, und aus dieser Liebe wächst die unsere, zu dir und zueinander.

Darum preisen wir dich mit allen Engeln und Heiligen und singen vereint mit ihnen das Lob deiner Herrlichkeit:

A: Heilig, heilig, heilig …