Predigt zu Pfingsten 2016 (Apostelgeschichte)
15. Mai 2016 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg
Predigt
1. Sprachwandel
- Sprachlehrbücher veralten. Ich habe noch so zwei alte Sprachkurse aus den siebziger oder achtziger Jahren. Die kann ich getrost entsorgen. Die Sprache, die dort vorgestellt wird, hat sich viel zu stark verändert. - Das selbe wird auch bei Deutsch der Fall sein. Doch der Wandel der Sprache fällt einem daheim, in der eigenen Muttersprache, nicht so auf. Er verläuft schleichend.
- Genau genommen verändert sich das große Gewebe einer Sprache ein winziges Bisschen mit jedem Einzelnen, der diese Sprache lernt. Vor allem dann, wenn sie oder er zuvor eine andere Muttersprache spricht. Es ist eben nicht so, dass Integration nur eine Richtung hat: Wer dazu kommt, hat sich an das anzupassen, was er vorfindet. Sicher, das steht im Vordergrund und ist wichtig. Aber es gibt eben auch das andere.
Die Membran einer Sprache und Kultur ist durchlässiger, als man sich das vorstellt, wenn man ein Sprachlehrbuch vor sich hat. Da nimmt man die Sätze und Vokabeln, die dort gedruckt sind als gegeben hin. Und sollte man sich unsere heutigen Sprachkurse aus dem Internet in dreißig Jahren noch downloaden können, dann wird das bei diesen Kursen mindestens ebenso sein. - Wie also sollen wir uns das Ereignis vorstellen, in dem die Apostelgeschichte uns den Beginn der Kirche unter den vielen Völkern schildert? Juden, die im Ausland in verschiedensten Sprachen und Kulturen leben, sind zum Schawuot-Fest 50 Tage nach Ostern nach Jerusalem gekommen. Die Wallfahrt hat sie alle zusammen gebracht, obwohl sie viele Sprachen sprechen und die Verständigung wohl mehr als schwierig war. All diese Menschen strömen zusammen, als Petrus und die Gruppe der Jünger öffentlich den Glauben an Jesus verkünden. Voll Staunen stellen alle fest: "Jeder hörte sie in seiner Sprache reden"
2. Pfingsten
- Wir haben Bilder im Kopf, die die zwölf Apostel mit Maria zeigen. Sie sind versammelt, als der Geist "mit Zungen wie von Feuer" sich auf sie verteilten. In diesem Bild stehen sowohl Maria als auch die Apostel in verschiedener Weise für die ganze Kirche. Alle die vielen Jünger Jesu waren dort versammelt. Alle "wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen in fremden Sprachen zu reden." Pfingsten betrifft daher immer alle Christen.
- Das bedeutet: Wo immer ein Mensch von Gottes Geist erfüllt wird, verändert sich Sprache. Es verändert sich die Sprache, die gesprochen wird. Es verändert sich die Sprache, die verstanden wird. "Wieso kann sie jeder in seiner Muttersprache hören?" Die Antwort steht da: Die Jünger "begannen in fremden Sprachen zu reden, wie es der Heiligen Geist eingab."
- Es ist also eine Wirkung des Heiligen Geistes, dass wir dadurch lernen, den engen Raum unserer eigenen Sprache und Welt zu verlassen und uns für die Sprache und Welt des anderen zu öffnen. Wir lernen das Leben der Anderen wie eine Sprache.
3. Sprachenwunder
- Pfingstlich ist dieses Sprache-Lernen immer dann und nur dann, wenn es im Heiligen Geist geschieht. Sonst ist es Kolonialismus: Die Sprache des anderen lernen, um ihn zu beherrschen und ausbeuten zu können. - Der Heilige Geist aber macht sich darin kund, dass am Anfang die Grundhaltung der dienenden Liebe und des Respektes steht.
- Wer im Heiligen Geist die Sprache des Anderen lernt, der fragt und hört zu. Wen Gottes Heiliger Geist erfüllt, der stülpt anderen die Frohe Botschaft nicht über, sondern lässt den anderen in die eigene Welt eintreten. Christliche Mission steht immer in der Gefahr, Kolonialismus zu sein. Diese Gefahr besteht immer, wenn Menschen sich in die Welt eines anderen begeben. Aber einfach nomadenhaft sich von einander abzuschotten, ist auch keine Alternative. Die Alternative ist vielmehr, sich von Gottes Heiligen Geist erfüllen zu lassen.
- Pfingsten ist die Chance, dass wir uns und unsere Weise zu denken und zu sprechen durch andere verändern lassen. Diese Veränderung geschieht, indem wir den anderen mit liebendem Respekt begegnen. Es ist das Evangelium von dem Gott, der in die Welt der Menschen eintritt, nicht um zu herrschen, sondern um zu dienen. Das ist die Weise, wie Jesus die Welt verändert. Der Geist, den er uns als Beistand sendet, führt deswegen in diese und nur in diese Haltung.
Es wird meistens so sein, dass wir uns dabei nur in langsamen Schritten verändern, so wie sich eine Sprache nur langsam, kaum merklich verändert. Aber manchmal gibt es doch dieses Brausen, diesen Sturm, diesen Aufbruch. Wie an Pfingsten. Amen.
Fürbitten
P: Lasst uns zu Christus beten, der uns von Gott, dem Vater, den Heiligen Geist gesandt hat, der uns erfüllen und verwandeln möchte:
1. Sur Ton Eglise que Tu appelles dans l’unité à témoigner de Ta Miséricorde infinie, de Ta paix et de Ton Règne, donne un cœur de chair, donne un cœur nouveau !
Sur tous ceux Père que tu choisis par le baptême et la confirmation pour répandre l'Evangile, en reprenant l'aventure des disciples, envoie ton Esprit, un Esprit nouveau ! Viens remplir jusqu’à l’intime le cœur de tes fidèles.
[1. Für die Kirche, die in der Vielfalt der Gaben und der Erfahrungen den einen Heiligen Geist in ihrer Mitte begrüßt und sich durch seine Kraft immer mehr reinigen lässt von alle Engherzigkeit, damit Christus in allem der Anfang und das Ziel sei.]
2. Für alle jungen Menschen unter uns und alle aus den verschiedenen kulturellen Traditionen am Kleinen Michel, stärke sie darin, ihre eigene Erfahrung deiner Gegenwart einzutragen in die gemeinsame Sprache des Gebetes der Kirche, damit wir uns immer mehr durch die Kraft des Heiligen Geistes verwandeln in eine Gemeinschaft, in der Christus unter uns gegenwärtig ist.
3. Sur ce monde que tu fais chaque jour avec tendresse, pourtant traversé par la haine et de violence, par la guerre et la souffrance, donne un cœur de chair, donne un cœur nouveau !
Sur les hommes de ce temps que révolte la misère, sur les hommes que tu rends fraternels et solidaires, Envoie ton Esprit, un Esprit nouveau ! Lave ce qui est souillé, baigne ce qui est aride, guéris ce qui est blessé.
[3. Für eine Welt in der alte Mauern wieder errichtet werden, weil die Menschen in Sorge leben vor dem, was die Zukunft bringt, in einer Welt die gezeichnet ist von Hass, Leid und Krieg und in der auch Christen in Gefahr sind zu vergessen, wozu wir berufen sind und was das große Geschenk des Heiligen Geistes ist, den Gott allen Menschen senden will.]
4. Für die Menschen, die müde geworden sind im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe, zeige ihnen die Vielfalt und Schönheit der göttlichen Gegenwart und lass sie das Geheimnis spüren, dass du, dreifaltiger Gott, größer und weit mehr voll Barmherzigkeit bist, als wir uns das in unserem begrenztem Leben hier auf Erden vorzustellen vermögen.
P: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
A: Amen.