Predigt zum Fest Christi Himmelfahrt Lesejahr C 2000
1. Juni 2000 - St. Michael Göttingen
Predigt
1. Erkenntnis
- "Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?"
Die Frage richtet sich am Himmelfahrtstag an die zwölf Apostel - und damit an die ganze Kirche.
Die Antwort lautet natürlich: Sie schauen zu Jesus empor, der eben vor ihren Augen von einer Wolke aufgenommen worden war. Kein Wunder, dass die Apostel nach oben schauen. Obwohl, es ist schon verwunderlich, wie geradezu nebenbei das Ereignis der Himmelfahrt erzählt wird, hier am Anfang der Apostelgeschichte, aber genauso am Ende des Lukas- und des Markus-Evangeliums. Es wird merkwürdigerweise in der Hl. Schrift nicht viel Aufhebens darum gemacht. "Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?". - Dass dies so wenige betont wird, hängt offensichtlich damit zusammen, dass die Himmelfahrt für den nichts sonderlich Neues und Aufregendes ist, der Jesus, den Christus, erkannt hat. Es passt. Es gehört zu Christus. Es ist nichts völlig Neues. Ja, es ist ganz sicher so, dass man Jesus nicht erkennen und verstehen kann, wenn man nur die Himmelfahrt vor Augen hat, aber das davor nicht kennt - und das danach!
- Denn viel stärker und genauer als das Bild von der Wolke, die Jesus aufnimmt, ist die Lesung aus dem Epheserbrief. Dort betet Paulus inständig darum, dass die Christen vom Geist Gottes erfüllt seien, "damit ihr ihn erkennt". Dazu, genau dazu brauchen wir den "Geist der Weisheit und Offenbarung", weil die Erkenntnis Jesu Christi das auslösende Moment für unser Leben sein soll.
"Ihn erkennen", das heißt, zu erkennen, dass Gott sich der Welt zugewandt hat, indem er selbst Mensch geworden ist. "Ihn erkennen" ist also nicht ein Studium interessanter theologischer Sachverhalte, sondern von der Gegenwart Gottes im Menschen Jesus von Nazareth überwältigt zu werden - so sehr, dass unser eigenes menschliches Leben gar nicht mehr denkbar ist - "erkennbar ist" - ohne Gott.
2. Herrschaft
- "Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?" Die Frage beantwortet Paulus im Epheserbrief ein zweites Mal. Gott hat seine Macht "an Christus erwiesen, den er von den Toten auferweckt und im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hat, hoch über alle Fürsten und Gewalten, Mächte und Herrschaften und über jeden Namen, der nicht nur in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen genannt wird. Alles hat er ihm zu Füßen gelegt und ihn, der als Haupt alles überragt, über die Kirche gesetzt. Sie ist sein Leib und wird von ihm erfüllt, der das All ganz und gar beherrscht."
- Die Jünger schauen auf zu Jesus Christus, den sie erkannt haben, als den, der mit ihnen gelebt hat; als den, der in der Einsamkeit des Kreuzes gestorben ist; als den, an dem Gott den Tod überwunden hat. Und damit hat sich die ganze Hierarchie des Kosmos umgewälzt.
- All die Mächte und Gewalten, die den Kosmos und unsere Erde beherrschen, sind klein und unbedeutend im Vergleich zu dem einen Christus, dem Gesalbten, den Gott "hoch über alle" erhoben hat.
- All die Namen, vor denen die Unwissenden noch zittern, weil sie meinen, von diesen hänge ihr Heil ab - all die Namen verflüchtigen sich vor dem Namen des einen, den wir als Herr anrufen dürfen - Kyrie eleison! -, weil Gott ihn "zu seiner Rechten" gesetzt hat.
- Gott hat ihn "zu seiner Rechten erhoben", das ist gegenüber der Himmelfahrt das eigentliche Ereignis. Der am Kreuz Gehängte ist auferstanden und von Gott erhoben worden. Nicht seine Richter und Henker behalten Recht. Den in seiner Liebe Ohnmächtigen hat Gott erhoben, vor den Augen seiner Jünger.
Aber dadurch, dass sein Leib zum Himmel erhoben wurde, ist er nicht entrückt. Er herrscht als König. Aber nicht fern von allem, wie ein japanischer Kaiser in einem fernen Palast, sondern er ist das gegenwärtige Haupt über allem. Und er hat einen Leib, der "von ihm ganz erfüllt" wird, die Kirche.
Und wir dachten, die Kirche sei das, was wir aus ihr machen! "Was schaut ihr nach oben?" Entdeckt seine Gegenwart hier! Lacht über die, die meinen das Haupt von allem zu sein! Vergesst die Meinungsmacher, die alles mit ihrem Trend überziehen wollen! Längst hat ein anderer die Herrschaft angetreten! Er ist von Gott selbst erhoben worden.
3. Ausblick
- "Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?". Die Frage wird vom Engel in der Apostelgeschichte selbst beantwortet. Die Antwort lautet nicht, dass die Apostel nicht nach oben schauen sollen. Die Antwort ist geradezu das Gegenteil. Ja, schaut nach oben. Ja, erkennt, was da geschehen ist und habt den "Geist der Erkenntnis und Offenbarung" um Christus zu erkennen. Aber: "Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen."
- Genau darin gipfelt auch das Gebete des Paulus. "Gott erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid!"
Alle Erkenntnis Gottes und alle Erkenntnis Christi ist dumpfes Starren in einen leeren Himmel, wenn sich dadurch nicht die Augen des Herzens auftun, die die Hoffnung erkennen. Hoffnung! Eure ganze Existenz reckt und streckt sich dann nach der Zukunft, die uns in diesem Ereignis von Himmelfahrt angedeutet ist. All das, was sich als Kraft, Macht und Stärke verkauft, reicht nicht weit. Es reicht nie und nimmer bis in den Himmel, bis in die Sphäre, die die Augen des Herzens sehen, weil nur dort der Horizont offen ist, der Himmel offen ist, und wir nicht Scheuklappen tragen müssen, kurzsichtig sein, um zu meinen, dass die Hoffnung hinreicht, die uns noch etwas mehr Wissenschaft, noch etwas mehr Wohlstand, gerade mal das Überleben am nächsten Tag verspricht. - Am Himmelfahrtstag schauen wir aus nach dem Kommenden. Wir tun dies während wir mit den Füßen fest auf dem Boden stehen. Wir laufen nicht weg. Wir nicht verschließen nicht die Augen. Aber wir schauen aus nach dem Kommenden. Denn jemand muss auf dieser Erde zu Hause sein und Ausschau halten nach dem, der auf der Erde gelebt und gelitten hat, jetzt aber erhöht ist zur Rechten Gottes. Amen.
Fürbitten
P: Gepriesen sei Jesus Christus, der von der Erde erhöht wurde, um gegenwärtig zu sein in seiner Kirche. In seinem Geist lasst uns beten:
V: Für die Menschen, die unter der Herrschaft und Willkür anderer
leiden. Schenke ihnen im Blick auf dich, den Herrn,
Kraft zum Widerstand.
Christus, höre uns - A: Christus, erhöre uns.
V: Für die Menschen, die Herrschaft ausüben auf dieser Erde. Lass sie
dich als Herrn über alles erkennen.
Christus, höre uns - A: Christus, erhöre uns.
V: Für die Kirche hier auf Erden. Erfülle du sie und lass sie als
deinen Leib sichtbar werden vor den Menschen.
Christus, höre uns - A: Christus, erhöre uns.
V: Für alle, die auf dich hoffen. Erleuchte die Augen unseres
Herzens, damit wir auf dich vertrauen, als den der wiederkommt.
Christus, höre uns - A: Christus, erhöre uns.
V: Für unsere Verstorbenen. Lass sie teilhaben an deiner Nähe zum
Vater.
Christus, höre uns - A: Christus, erhöre uns.
P: Du, Herr, erweist deine Macht überragend und groß an den Gläubigen, die auf dich allein ihr Vertrauen setzen. Erfülle uns immerfort mit deinem Geist, damit wir in dir leben, heute und in Ewigkeit. - A: Amen.
Gebete
Tagesgebet
Allmächtiger ewiger Gott,
in der Himmelfahrt deines Sohnes hast du den Menschen erhöht.
Erfülle uns mit dem Geist der Erkenntnis und Offenbarung,
damit wir voll Freude Christus erkennen,
und öffne die Augen unseres Herzens,
damit wir verstehen zu welcher Hoffnung wir berufen sind
da du ihn zu deiner Rechten erhoben
und als Haupt über alles gesetzt hast,
Jesus Christus, der mit dir in der Einheit des Heiligen Geistes
lebt und herrscht in Ewigkeit.
Jemand muss zu Hause sein, Herr, wenn du kommst.
Jemand muss dich erwarten, unten am Fluss vor der Stadt.
Jemand muss nach dir Ausschau halten
Tag und Nacht.
Wer weiß denn, wann du kommst?
Herr, jemand muss dich kommen sehen
durch die Gitter seines Hauses,
durch die Gitter -
durch die Gitter deiner Worte, deiner Werke,
durch die Gitter der Geschichte,
durch die Gitter des Geschehens
immer jetzt und heute in der Welt.
Jemand muss wachen unten an der Brücke,
um deine Antwort zu melden, Herr,
du kommst ja doch in der Nacht wie ein Dieb.
Wachen ist unser Dienst. Wachen.
Auch für die Welt.
Sie ist oft so leichtsinnig,
läuft draußen herum,
und nachts ist sie auch nicht zu Hause.
Denkt sie daran, dass du kommst?
Dass du ihr Herr bist und sicher kommst?
Herr,
und jemand muss dich aushalten,
dich ertragen, ohne davonzulaufen.
Deine Abwesenheit aushalten,
ohne an deinem Kommen zu zweifeln.
Dein Schweigenaushalten
und trotzdem singen.
Dein Leiden, deinen Tod mit aushalten
und daraus leben.
Das muss immer jemand tun mit allen andern
und für sie...(1)
Quellenangabe
1. © Walter, Silja: Das Kloster am Rande der Stadt. Zürich (Verlags AG Die Arche) 1980. 2 Auflage. Zitiert nach: Kehl, Medard: Und was kommt nach dem Ende? Von Weltuntergang und Vollendung, Wiedergeburt und Auferstehung. Freiburg, Basel, Wien (Herder) 1999, S. 111f.