Predigt zum Abiturgottesdienst 2012 der Sophie-Barat-Schule, Hamburg
15. Juni 2012 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg
Predigt
1. Nachfolgen
- "Sie folgten Jesus", heißt es am Ende des Evangelium. Wer sich da zwei Leute vorstellt, die mit dumpf-verklärtem Gesichtsausdruck hinter Jesus herdackeln, oder zwei, die mit hysterischen Halleluja-Rufen einen auf erlöst machen, hat nicht mitbekommen, was in dem Evangelium erzählt wird.
- Da starten tatsächlich zwei junge Leute in ein neues Leben.
Jakobus und Johannes sind keine
Kinder mehr. Aber sie leben noch daheim. Sie arbeiten in dem väterlichen
Fischereibetrieb.
Niemand hatte sie gefragt, ob sie das wollen. Sie sind
selbstverständlich in den Familienbetrieb eingegliedert worden. Immerhin
sind sie nicht arbeitslos.
Aber die Perspektive für ihr Leben ist auch vorgeschrieben. Ein Leben lang Kleinunternehmer als Fischer. Irgendwann, wenn das Geld reicht, dürfen sie heiraten. Wenn sie dann selbst Vater geworden sind, können sie ihrerseits über das Leben ihrer Kinder bestimmen. Und so weiter. Das war die ganze Perspektive. Und jetzt kommt einer und ruft ihnen zu: "Kommt her, folgt mir nach!" - Jesus hat sich beim Vater der beiden sicher nicht beliebt gemacht. "Er rief sie, und sogleich
verließen sie das Boot und ihren Vater", notiert der Evangelist. Was in den Köpfen der beiden
vorgegangen ist, wird nicht verraten. Aber es ist ganz deutlich, dass sie alle Sicherheiten, die
sie bisher hatten, aufgegeben haben.
Wenn ich mir den Satz im Kopf verfilme, dann sehe ich den Vater, wie er in stumme Panik den beiden hinterherschaut. Seine ganze Autorität und sein Angebot einer gesicherten wirtschaftlichen Zukunft werden ausgeschlagen. Ob die beiden zurückschauen, diesem Blick des Vaters standhalten, da bin ich mir nie ganz sicher. Aber in meiner Vorstellung der Szene gehen die beiden weg, ihre Körperhaltung ist zunehmend aufrecht, ihre Schritte werden selbstbewusster, ausgreifend. Sie folgen Jesus nicht einfach, sondern sie haben für ihr Leben ein Projekt; sie richten sich ganz darauf aus. Sie sind mutig und lassen sich auf ein unbekanntes Abenteuer ein. Nur eines haben sie als Reisegepäck: Ihr Vertrauen in diesen Jesus und den Gott, den Jesus seinen Vater nennt, mit dem gemeinsam sie sich auf den Weg machen. Ihren Vater und den väterliche Betrieb lassen sie zurück.
2. So sehr dabei
- Der äußere Aufbruch muss nicht so radikal sein. Ein neuer Lebensabschnitt kann auch mit fließenden Übergängen gelingen. Wenn die Schulzeit zu Ende geht, kann niemand der Frage wirklich ausweichen, wie es weiter gehen soll. Für manche ist die Ungewissheit unheimlich belastend. Für andere ist gerade das der Kick.
- Dieser Abigottesdienst soll Mut machen. Es geht etwas zu Ende, aber es beginnt auch etwas Neues. Nicht jeder hat die wirtschaftliche Freiheit, zu tun, was sie oder er will. Aber vieles liegt an Euch. Es ist möglich, etwas zu riskieren, auch mal barfuß über Glas zu gehen. Es muss nicht alles so bleiben wie es ist. Es muss auch nicht gleich schon alles, das perfekte Leben sein. Wer den Kopf frei bekommt von all dem, was "man" so sagt, der wird mehr entdecken und erleben, als diejenigen, die sich nach allen Seiten absichern wollen.
- Entscheidend ist, wie sehr Du selbst dabei bist. Es ist Dein Leben. Wer überall dabei sein und alles haben will, hat nichts wirklich. Entscheidend ist mit ganzem Herzen dabei zu sein bei dem, was Du machst. Wer auch nur versucht, wovon er träumt, der kann so sehr dabei sein, dass das alle Rückschläge und Umwege aufwiegt. Es lohnt sich fast immer.
3. Vertrauen
- Für mich ist die Zusage Gottes entscheidend: Gott will Euch sagen: Ich bin dabei, ich halte
zu Euch!
Daher gehört die Lesung aus dem Buch des Propheten Hosea für mich zu den Lieblingstexten aus der Bibel. Da ist sozusagen der Extremfall von Beziehung. Der Prophet Hosea schreibt diesen Text, als gerade Jerusalem von den Babyloniern zerstört wurde. Es ist so ziemlich alles schief gegangen. Hosea ist der Überzeugung: Das ist kein Zufall. Vielmehr haben die Könige von Israel ihre Machtspiele gemacht, statt für Gerechtigkeit im Land zu sorgen. Dabei hatte Gott doch alles versucht, seinem Volk die Chance zu geben, anders zu leben als andere Staaten, wo Machtmissbrauch und Ungerechtigkeit normal sind. Die Israeliten haben jetzt das Gefühl: Gott bestraft uns. Hosea aber sagt: Gottes Liebe ist stärker. Ja, Gott ist zornig, wenn er zusehen muss, wie die Armen um ihr Recht gebracht werden. Aber auch in dieser Extremsituation gilt "Wie könnte ich dich preisgeben, wie dich aufgeben?" - Wenn Ihr nun aufbrecht, dann baut auf diese Zusage. Auch wenn zwischendurch etwas schief gehen sollte, selbst wenn jemand ganz vom Weg abkommt: Gott wird sich nicht beirren lassen. Und sollte es jemanden bis an's Ende der Welt verschlagen, so wird er selbst dort eine Kirche finden, in die er sich hinten reinsetzen kann, um sich an dieses Wort zu erinnern: "Wie könnte ich dich preisgeben, wie dich aufgeben?"
- Dann gilt wie heute: Richte dich auf. Verlass das Gewohnte. Vertrau nicht auf falsche Sicherheiten. Höre den Ruf: "Kommt her, folgt mir nach!" Folgt ihm nach auf Euren ganz eigenen Wegen. So sehr dabei, wie Ihr nur könnt!
Fürbitten
P: Wir beten zu Gott, der uns in Jesus Christus gerufen hat, und der uns immer nahe ist:
Lehrer/in: Für die Abiturientinnen und Abiturienten. Begleite sie auf ihrem Lebensweg, gib ihnen Mut, Neues zu versuchen, und gib ihnen Menschen zur Seite, die ihnen vertrauen. - Gott, heilig in unserer Mitte:
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
Schüler/in: Für unsere Eltern, die uns bis hierher begleitet haben und denen wir dankbar sind. Lass diesen Tag auch für sie zu einem Neuanfang werden, auf den sie sich voll Vertrauen einlassen können. - Gott, heilig in unserer Mitte:
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
Lehrer/in: Für alle Schülerinnen und Schüler der Sophie-Barat Schule Hilf ihnen über dem Schulalltag nicht zu vergessen, dass Gott selbst ihnen nahe ist und sie in das Leben führen will. - Gott, heilig in unserer Mitte:
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
Schüler/in: Für die Lehrerinnen und Lehrer der SBS. Gib ihnen Freude an ihrer Arbeit und an der Gemeinschaft mit Kindern und Jugendlichen. - Gott, heilig in unserer Mitte:
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
P: Gott, unser Vater. Leben lebt vom Aufbruch. Wir danken dir, dass du diesen Aufbruch stärkst und begleitest und dass du uns nahe bist in Zeit und Ewigkeit.
A: Amen
Liedimpuls
Vor dem Beginn des Gottesdienstes
ein Lied von Clueso:
Hier und da komm ich auf die Idee
ein' andern Weg zu gehen,
mal verspielt und mal gefasst.
Manchmal macht mir der Nase nach
einfach das unbeholf'ne Spaß.
Beweg mich gerne in meinem Kreis
Doch jeder noch so kleine Teich,
sollte verbunden sein zum Meer
Immer wenn ich was Neues ausprobier,
lauf ich wie Barfuß über Glas.
Doch ich fühl mich federleicht
weil es sich fast immer lohnt.
Und so erscheint, dass nichts so bleibt, wie's ist,
fast schon, wie gewohnt.
Wenn mich das Neue dann berührt,
tanz ich zuerst für mich allein
Dann mach ich all die andren' wach.
Doch immer wenn was neu beginnt,
sagt auch etwas in mir: das war’s.
© Clueso, http://www.clueso.de