Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum Auftaktgottesdienst - der Ökumenischen Aktion Glaubenskurse-Hamburg.de

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19. Januar 2014 - Großer Michel - Evangelisch-Lutherische Hauptkirche St. Michaelis (Allianz-Gebetswoche)

Predigt

1. Ereignis Wort Gottes

  • Soeben hat sich etwas ereignet, das Ihrer Aufmerksamkeit entgangen sein könnte. Natürlich haben Sie es irgendwie mitbekommen, aber es lohnt sich, darauf hinzuweisen, was da vor ein paar Minuten tatsächlich passiert ist. Das Ereignis ist nämlich nicht zu unterschätzen. Es ist etwas, das sich viele von uns schon lange gewünscht haben. Da wäre es schade, wenn es jetzt unserer Aufmerksamkeit entgangen wäre.
    In unzähligen Kirchen wird Musik mit Hallelujarufen, werden Kerzen und Weihrauch eingesetzt, damit dieses Ereignis der Aufmerksamkeit nicht entgeht: Gott spricht zu uns sein Wort.
  • Wer nur die Oberfläche sieht, wird enttäuscht sein. Das war doch kein Ereignis. Da hat doch nur ein Pastor aus der Bibel vorgelesen.
    Der Satz ist richtig; lediglich das "nur" ist falsch. Es hat eben nicht "nur" Pastor Endlich aus dem Markusevangelium gelesen, sondern Gott hat uns als sein Volk versammelt, wie er so viele Male schon Israel versammelt hatte, um durch Menschenmund zu seinem Volk zu sprechen. Wo inmitten der Versammlung des Volkes Gottes die Heilige Schrift verkündet wird, da findet kein kollektives Bibelstudium statt, sondern ein Ereignis: Gott spricht zu seinem Volk.
  • Sie merken: Ich setze voraus, dass Sie daran glauben. Wenn ich in meiner, der katholischen, Kirche aus dem Evangelium vorlese, dann küsse ich anschließend das Buch, aus dem gelesen wurde, um mich und die Gemeinde daran zu erinnern, was unser Glaube ist. Wir studieren nicht alte Texte und hören lediglich aus ferner Vergangenheit. Vielmehr ereignet sich die Begegnung von Gott und Mensch, wo Gottes Volk versammelt ist, um sein Wort zu hören. Aus der Vergangenheit wird Gegenwart, weil es Gottes Weise ist, sein Wort zu sprechen.
    Von diesem Ereignis - Gott spricht zu seinem Volk - ist die Bibel nicht zu trennen, wenn ich daran glaube, dass sie Gottes Wort für uns ist. Gott ist in seinem Wort gegenwärtig. Daher ist Gott hier gegenwärtig, in dieser Kirche, die geheiligt ist dadurch, dass hier jeden Sonntag Gottes Volk versammelt ist, um glaubend Gott zu begegnen, sein Wort zu feiern und ihm Lieder des Loben zu singen.

2. Ereignis Heilung eines Blinden

  • Durch die Bibel werden zwei Ereignisse miteinander verbunden. Zwei Punkte der Zeit fallen sozusagen zusammen. Von den vielen Begebenheiten des Lebens Jesu sind einige wenige ausgewählt worden; sie wurden von Anfang an in Gottesdiensten verkündet und haben dadurch - geleitet durch Gottes Geist - ihre ganz knappe und präzise sprachliche Form gefunden. Sie wurden aufgeschrieben und zu Evangelien zusammen gefasst. Die knappe Form der Erzählung öffnet sozusagen den Raum dafür, dass unsere Zeit, unser Leben, dieser Moment hier hineinpasst in das Ereignis, das scheinbar nur Vergangenheit ist. Jesus, Gottes einzig geborener Sohn, hat jeden von uns, der glaubend sein Wort hört, heute in diesem Gottesdienst gefragt, wie er damals Bartimäus gefragt hat: "Was willst du, dass ich für dich tun soll?"
  • Die Antwort will wohl überlegt sein. Was ist es, das wir wirklich wollen. Jesus fragt ja in Worten, in denen ein Sklave seinen Herrn nach dem nächsten Arbeitsauftrag fragen würde. In dieser Haltung fragt uns der Sohn Gottes: "Was willst du, dass ich für dich tun soll?".
    Hier tritt uns Christus entgegen, der uns als seine Kirche fragt, was er für uns tun soll. Bartimäus ist ja ein gläubiger Mensch. Von Anfang an bekennt er Jesus als "Sohn Davids", bekennt also, dass in Jesus der endzeitliche König unter uns ist, Gottes Gesalbter. Und er nennt Jesus "Rabbuni"; damit zeigt er, dass er zum Volk Gottes gehört und Jesus als Meister des Glaubens anerkennt. Dieser gläubige Jude Bartimäus bittet Jesus darum, "wieder sehen" zu können. Und sein eigener Glaube bewirkt die Heilung: "Jesus sagte zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen".
  • Was also ist das Ereignis? Ein glaubender Blinder findet in der Begegnung mit Jesus die Sprache, um seinen Glauben auszudrücken - worin genau er Gott vertrauen möchte - und wird von Jesus berufen, ihm auf seinem Weg zu folgen. Einer, der anfangs am Rande des Weges war und dem sich die anderen in den Weg stellten, als er zu Jesus rief, er ist jetzt "auf dem Weg" - der nach Jerusalem führt. Und, ja, er wurde von seiner Blindheit geheilt, wegen derer er an den Wegrand zum Betteln gesetzt worden war.

3. Ereignis Glaubenskurs

  • Und jetzt sind wir hier. Ein katholischer Jesuitenpater predigt bei einem freievangelischen Gottesdienst in der lutherischen Hauptkirche. Der Anlass ist der Auftakt zu einer gemeinsamen Aktion. Wir wollen Bürger unserer Stadt aufmerksam machen auf unsere jeweiligen Glaubenskurse. Zum Auftakt feiern wir Gottesdienst, um uns von Gott in der Gemeinschaft der einen Kirche aller Getauften senden zu lassen. Und das schärft unsere Aufmerksamkeit für das, was uns Gott durch sein Wort in der Heiligen Schrift sagt. Denn wir sind die "eine große Menge" die mit Jesus unterwegs ist. Das bedeutet aber: Wir stehen zwischen Jesus und dem Blinden.
    Jeder wird das für sich und seine Gemeinschaft ausbuchstabieren können: Wir stehen dazwischen mit Arroganz, nur wir seien wahrhaft Gläubige, die anderen nicht; mit der Nachlässigkeit dem Wort Gottes gegenüber, mit einem Glauben, der in Lobpreis und Bekenntnis - oder aber in Institutionen - gut ist, bei handfestem Einsatz für die Gerechtigkeit aber kleinlaut wird. Und so weiter.
  • Wir könnten aber auch - wie die Menge im Evangelium - zu denen werden, die sagen. "Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!". Wenn das unsere Rolle ist mit den Glaubenskursen, die wir vorhaben, dann würde das bedeuten:
  • die Menschen, die zu uns kommen, sind vielleicht schon Glaubende, wie Bartimäus,
  • nicht wir sind es, die einladen und rufen, sondern Jesus; wir können seinen Ruf nur weiter geben
  • und das Ziel ist nicht eine spektakuläre Heilung, sondern dass Menschen mit Jesus auf dem Weg sind - und auch wir, die wir von Bartimäus lernen können, was glauben heißt.
  • Der Glaube ist nicht unser Besitz. Den Glauben legt Gott selbst in das Herz der Menschen. Vielleicht ist die Aufgabe unserer Glaubenskurse daher nur, dass wir den Menschen die Worte, die Sprache und die Zeichen weiter geben, die wir durch Israel und die Tradition der Kirche empfangen haben, damit der Glaube zum Ausdruck kommt und die Augen öffnet. Wer Glaubenskurse gibt, müsste dann zuerst ein Hörender sein, der auf den Glauben des Bartimäus hört und den Weg frei gibt, damit Menschen ihren Weg mit Jesus gehen können, hin zum Vater, in dessen Hände Jesus sich gibt und zu dem uns, seine die Kirche führt. Amen.