Predigt zum Erntedank-Fest 2026
4. Oktober 2026 - St. Pius, Pöcking
Predigt
1. Wir sind abhängig
- Das ist eine einfache und zugleich unbequeme Wahrheit: Wir müssen essen. Jeden Tag. Wer drei Tage nichts gegessen hat, denkt an nichts anderes mehr. Der Magen kann den Menschen beherrschen. Mit dieser Abhängigkeit kann man auf verschiedene Weise umgehen. Man kann sie übersehen, weil es so selbstverständlich ist wie Luft zum Atmen: das Brot aus dem Laden, das Wasser aus der Leitung. Man lebt, als hinge man von nichts ab. Die alte Tradition hat dafür ein hartes Wort: Hochmut. Sie hielt ihn für das tiefste aller Laster. Denn wer so tut, als trüge ihn nichts, hat sich gedanklich von dem Boden gelöst, der ihn tatsächlich trägt. Er ist nicht mehr bei sich selbst.
- Wir können statt sie zu ignorieren, diese Abhängigkeit annehmen. Nicht resigniert, sondern weil gerade in ihr etwas aufleuchtet: die Kostbarkeit jedes Stücks Brot und jedes Schlucks sauberen Wassers. Am Strand liegen unzählige Muscheln. Aber die eine, die ein Mensch, der mich liebt, für mich aufhebt und mir schenkt, gibt es nur einmal. Die gebe ich nicht mehr her. Kostbar wird etwas, wenn es mir gegeben ist, und wenn ich weiß, dass es nicht selbstverständlich ist. Die Hörer des Propheten Joëls wussten das. Sie hatten Zeiten des Hungers erlebt.
- Geschöpf sein heißt genau das: abhängig sein, verwiesen auf einen Ursprung, den ich mir nicht selbst gegeben habe. Das kann man als Kränkung empfinden. Man kann es aber auch als Geborgenheit erfahren: sich fallen lassen und spüren, dass der Grund trägt. Die Kirche nennt diese Haltung Demut. Das lateinische Wort humilitas kommt von humus, der Erde. Demütig ist, wer weiß: Ich bin von der Erde genommen, ich lebe von ihr, und ich kehre zu ihr zurück. Das ist keine gebückte Haltung. Es ist eine nüchterne Erdverbundenheit, die weiß, dass sie die Welt nicht aus den Angeln hebt, und trotzdem kraftvoll handelt.
2. Dankbarkeit macht frei
- „Ihr werdet essen und satt werden und den Namen eures Gottes, preisen." So verheißt es Joël. Die Bibel weiß sehr genau, dass Sattsein auch vergesslich macht. Das Buch Deuteronomium warnt das Volk vor dem Einzug ins Gelobte Land gleich zweimal: „Wenn du isst und satt wirst, dann nimm dich in Acht, dass du den Herrn nicht vergisst." (Dtn 6,11-12) Darin liegt eine merkwürdige Spannung. Nichts kann so dankbar machen wie eine gute, sättigende Mahlzeit. Und nichts kann so selbstzufrieden machen wie eine gute, sättigende Mahlzeit. Es ist dasselbe Brot. Es kommt darauf an, wie ich es esse.
- Darum ist das Tischgebet vielleicht das ursprünglichste Gebet überhaupt. In manchen Familien ist es das letzte, was vom gemeinsamen Glauben noch übrig ist; in vielen ist auch das verschwunden. Es ist ja nur ein kurzer Moment. Aber er unterbricht die Selbstverständlichkeit. Er erinnert daran, wie gut es der Schöpfer mit uns meint.
- Und Dankbarkeit verändert das Handeln. Wer dankbar ist, schaut auf das, was er empfangen hat. Solche Menschen geben weiter, weil ihnen gegeben wurde. Sie wissen, dass sie nie so viel geben können, wie sie selbst schon bekommen haben. Gerade deswegen können solche Menschen geben und helfen und sich engagieren. Dankbarkeit macht frei zum Handeln.
3. Fürchte dich nicht
- Bevor Joël zum Jubeln aufruft, sagt er: „Fürchte dich nicht." Das ist nicht überflüssig. Zwar können wir gerade heute am Erntedankfest dankbar sehen, dass es uns gut geht. Darüber liegt aber die Sorge, ob das so bleibt. Wir ahnen, dass nicht selbstverständlich ist, was wir haben. Die meisten wissen, dass Versprechen, die Ernte werde immer so reich sein wie bisher, schon jetzt auf tönernen Füßen steht.
- Daher sollte die Ernte jetzt ein Fest des Dankes sein, das uns nicht hochmütig macht, sondern Vertrauen lehrt. Vertrauen, das uns fähig macht zur Demut, die Gaben als Geschenk anzunehmen. „Ihr werdet erkennen, dass ich mitten in Israel bin." Gott ist nicht nur der ferne Geber des Regens. Er ist in der Mitte seines Volkes, dort, wo gegessen und gedankt wird. Die Erfahrung seiner Gegenwart wächst in Dankbarkeit, sie kann auch tragen, wenn die Ernte mühseliger wird.
- Gleich bringen wir Brot und Wein zum Altar, „Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit". Das Wort Eucharistie heißt Danksagung. Was wir hier feiern, ist das große Tischgebet der Kirche: Wir nehmen an, dass wir leben von dem, was uns gegeben ist. Und wir lassen uns darin von dem beschenken, der sich selbst gibt. Amen.
Anregung zu der Predigt verdanke ich dem Buch von Michael Rosenberger: "Im Brot der Erde den Himmel schmecken. Ethik und Spiritualität der Ernährung", Kapitel 3.1 „Einverleiben und Prestige: Abhängigkeit schätzen" (S. 68–72): die drei Wege mit der Abhängigkeit umzugehen, Humilitas/Humus und „Dankbarkeit macht frei" (2014 oekom-Verlag, München).
Fürbitten
P: Gott, Schöpfer der Welt, du schickst den Regen, du lässt das Korn wachsen, und von dir leben wir alle. Mit dem, was uns fehlt, und mit dem, was anderen fehlt, kommen wir zu dir und bitten:
V: Für alle, die säen, ernten und unser Brot herstellen: in der Landwirtschaft, in den Bäckereien und Betrieben, auf den Märkten. Lass sie für ihre Arbeit gerechten Lohn und Anerkennung finden. – Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.
V: Für die Menschen, deren Felder in diesem Jahr verdorrt oder überschwemmt sind, und für alle, die heute hungrig schlafen gehen, obwohl genug für alle da ist. Gib uns den Mut und die Fantasie, das zu ändern. – Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.
V: Für die von uns, die satt sind. Bewahre uns davor, zu vergessen, wem wir unser Leben verdanken. Lass uns dankbar werden und frei, weiterzugeben, was wir empfangen haben. – Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.
V: Für alle, die in allem Wohlstand voller Angst sind, weil es ihnen genommen werden könnte. Schenke ihnen Vertrauen, dass du größer bist als jede Gabe. – Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.
V: Für die Erde, die uns trägt und nährt, und für alle Geschöpfe, mit denen wir sie teilen. Lehre uns, sorgsam mit ihr umzugehen. – Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.
V: Für unsere Verstorbenen, die mit uns am Tisch gesessen haben. Besonders für …. Lass sie teilhaben am Festmahl deines Reiches. – Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.
P: Gott, du bist mitten unter deinem Volk, wo es isst und dir dankt. Dir sei Lob und Dank für alles, was du uns schenkst, durch Christus, unseren Herrn. A: Amen.
Gebete
Tagesgebet
Gott, Schöpfer der Welt,
du hast uns aus der Erde genommen,
und von ihren Früchten leben wir.
Wir hängen an deiner Güte
wie das Feld am Regen.
Lass uns darin nicht Enge spüren, sondern Halt,
und freudig erkennen, dass der Grund trägt,
auf dem wir stehen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus,
deinen Sohn, unseren Herrn und Gott,
der in der Einheit des Heiligen Geistes
mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
Gabengebet
Herr, unser Gott,
wir legen Brot und Wein auf deinen Altar,
Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit.
Nichts davon haben wir uns selbst gegeben.
Nimm diese Gaben an
und mach sie zum Zeichen deiner Nähe,
damit wir in ihnen schmecken,
wie kostbar ist, was du uns schenkst.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
Schlussgebet
Gütiger Gott, wir haben gegessen und sind satt geworden. Du warst in unserer Mitte, als wir Dank gesagt haben. Bleibe bei uns, wenn wir an unsere Tische zurückkehren, damit jedes Brot, das wir brechen, uns an dich erinnert, der uns mit allem Guten beschenkt. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
Präfation
In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, Herr, heiliger Vater, allmächtiger, ewiger Gott, immer und überall zu danken.
Denn du sprichst zur Erde: Fürchte dich nicht! Du schickst den Regen im Herbst und im Frühjahr, du lässt das Gras in der Steppe grünen und den Baum seine Frucht tragen. Die Tiere des Feldes leben von deiner Güte, und auch wir, vom Staub der Erde genommen, empfangen aus deiner Hand unser tägliches Brot.
Was wir essen, haben wir nicht gemacht; was uns nährt, ist uns geschenkt. So lehrst du uns, die Gaben der Erde zu schätzen und in ihnen dich zu finden, den Geber allen Lebens.
Und in Jesus Christus, deinem Sohn, ist das Brot selbst zur Gabe deiner Liebe geworden. An seinem Tisch werden wir satt, an seinem Tisch erkennen wir: Du bist mitten unter uns.
Darum preisen wir dich mit allen Engeln und Heiligen und singen vereint mit ihnen das Lob deiner Herrlichkeit:
A: Heilig, heilig, heilig …