26 Thesen zum Ablass im Jubiläumsjahr 2000
6. März 2014 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg
Thesen
Vorbemerkung: Wie viele andere meiner Generation hat mich das Thema Ablass im Zusammenhang mit dem Jubiläumsjahr erstmals beschäftigt, weil ich zuvor nie darauf angesprochen wurde und selbst nur sehr Rudimentär-Allgemeinbildendes dazu wusste. Auch jetzt schätze ich die Freiheit, die schon Papst Paul VI in Bezug auf Praktizieren oder Nicht-Praktizieren des Ablasses gelegt hat, indem er seine Konstitution als Einladung verstanden wissen wollte.
Der Ablass ist aber Bestandteil der Lehre der Kirche. Daher möchte ich als Priester eine gute Erklärung geben können, was das sei. Hinzu kommt, dass ich bei bestimmten innerkirchlichen Gruppen viel zum Thema Ablass gefunden habe, was mir in eine falsche Richtung zu gehen scheint. Wie auch bei anderen Themen weigere ich mich, diese Fragen denen zu überlassen, die sich selbst als "katholischer" oder "konservativ" einschätzen. Solche Leute übersehen bei diesem Thema wie bei anderen, dass durch das II. Vatikanische Konzil und durch Papst Johannes Paul II. erhebliche neue Akzente gesetzt wurden. Hier lege ich also den Versuch vor, diese Lehre der Kirche ernst zu nehmen.
Auf dieser Seite wird zunächst in 26 Thesen der Ablass in seiner traditionellen Form dargestellt, aber im Zusammenhang mit dem Schuldbekenntnis der Katholischen Kirche zum Jubiläumsjahr 2000 und der damit verbundenen Erneuerung der Ablasstheologie. Anschließend wird versucht, das in einem leicht verständlichen Bild zu vermitteln. Abschließend wird der Versuch zur Diskussion gestellt, diese neue Ablass-Theologie so zu formulieren, dass diese in ihrer Begrifflichkeit aus sich heraus verständlich ist.
Eine katholische Vorbemerkung: Für den Ablass gilt ein Prinzip, das für vieles aus dem geistlichen Reichtum der Kirche gilt: Man kann, man muss nicht. Umgekehrt folgt aber daraus, dass man mit Respekt davon sprechen soll. - Im Nachfolgenden wird häufig und zwanglos der Begriff "Sünde" verwendet. Was konkret Sünde sei muss natürlich an anderem Ort diskutiert werden. Ich weiß aber, dass viele ältere Katholiken durch die Weise, wie früher häufig über "Sünde" gesprochen wurde, seelisch tief verletzt wurden. Mir und weitestgehend meiner Generation ist diese Erfahrung erspart geblieben. Uns ist es eher umgekehrt ergangen, dass man sich nicht getraute, darüber zu reden. Ich bitte diesen biographischen Hintergrund in Rechnung zu stellen.
ökumenische Vorbemerkung: Meine Erfahrung ist, dass Christen andere Konfessionen dann mit Interesse und Verständnis mir in der Ökumene begegnen, wenn sie die Grundlagen ihrer eigenen Konfession achten und pflegen. Minimalismus ist uninteressant.
| 26 Thesen zum Ablass in der Katholischen Kirche im Jubiläumsjahr 2000 |
Schuldbekenntnis und Ablass
- Der Ablass zum Jubiläumsjahr 2000 und das Schuldbekenntnis, das der Hl. Vater zu Beginn der Fastenzeit 2000 für die Kirche abgelegt hat, sollten zusammen gesehen werden. Das Thema Ablass erhält durch den Zusammenhang, in dem der Papst es gestellt hat, wesentlich neue Akzente, die nicht verloren gehen dürfen, sondern weiter entwickelt werden sollten.
- Die Söhne sowohl wie auch Töchter der Kirche haben gesündigt. Jeder Mensch muss seine Sünde vor Gott und den Menschen verantworten. Wer aber als Getaufter den Namen Christi trägt und zum Leib der Kirche gehört, hat besondere Verantwortung, weil ihm das Zeugnis der Gegenwart Gottes unter den Menschen aufgetragen ist.
- "Die Kirche ist zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig, sie geht immerfort den Weg der Buße und Erneuerung", schreibt der Hl. Augustinus. Ihre Heiligkeit rührt von Gott her in Jesus Christus. Ihre Sündigkeit ist die Folge daraus, dass alle Glieder der Kirche Sünder sind. Indem der Papst vor Gott um Verzeihung für die Sünden der Glieder der Kirche in ihrer Geschichte bittet, erkennt er an, dass wir nicht nur als Christen "individuell" sündigen, sondern immer der ganze Leib der Kirche betroffen ist, den Christus doch erbaut und zusammengefügt hat, damit Gottes Heiligkeit unter den Menschen sichtbar werde im angebrochenen Reich Gottes.
- Wer in der Kirche besondere Verantwortung trägt, dessen Sünde wiegt entsprechend schwerer (Lk 12,48: "Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man um so mehr verlangen."). Daher kommt den Sünden der Hirten der Kirche besonderes Gewicht zu. Der Papst hat dies dadurch zum Ausdruck gebracht, dass er und eine Gruppe Kardinäle der Kirche zu Beginn der Fastenzeit im Heiligen Jahr 2000 das schmerzvolle Sündenbekenntnis für viele Sünden und Verbrechen abgelegt haben, die im Laufe der Kirchengeschichte von Christen begangen wurden.
- Das Schuldbekenntnis spricht nicht von den "Sünden der Kirche", sondern nur von den Sünden einzelner Christen. Nur wenn man betont, dass dadurch die Hirten, weil auch Söhne der Kirche, nicht ausgeschlossen sind, und sie im Gegenteil wegen ihrer Stellung besonders gemeint sein müssen, ist diese Formulierung gegen die Missverstände zu verteidigen, die gegen das Bekenntnis vorgebracht worden waren. Durch die klare Unterscheidung zwischen der durch Christus geheiligten Kirche einerseits und den einzelnen Christen in ihr andererseits konnte innerkirchlicher Widerstand gegen dieses Bekenntnis beschwichtigt werden. Insbesondere sollte die Frage vermieden werden, wo die Kirche durch die Lehre (etwa von Bischöfen oder Päpsten) gesündigt hat.
- Der Papst und, durch die Weise wie er sie in die Liturgie eingebunden hat, auch seine engsten Mitarbeiter haben es als Teil ihres Amtes übernommen, sich unter die sündigen Glieder der Kirche einzureihen und für die ganze Kirche vor Gott um Vergebung dieser Sünden zu bitten. Auch wenn die Sünden also immer individuell sind, so gehen sie doch in das kollektive Gedächtnis der Kirche ein, das zu Reinigen Aufgabe der Hirten der Kirche ist. Diese Reinigung geschieht nicht durch Verdrängung und Vergessen sondern durch Bekenntnis. Der Papst stellvertretend für die Kirche distanziert sich von den Sünden ihrer Gegenwart und Geschichte, nicht von den Sündern, zu denen alle Christen zu rechnen sind.
Was ist ein Ablass ? Eine traditionelle Erklärung.
- Was ist Sünde? Der Mensch ist berufen, aus der Liebe Gottes zu leben. Gott schenkt uns seine Liebe. Dankbar sollen wir daher Gott lieben und unseren Nächsten wie uns selbst. Wo es an dieser Liebe fehlt, und wo wir gegen diese Liebe leben, ist Sünde. Die Sünde wendet unser Herz von Gott ab.
Die Todsünde zerstört die Liebe zu Gott durch einen willentlichen und bewussten Verstoß gegen Gottes Gebot (d.h. wenn der Mensch weiß, dass er gegen die 10 Gebote verstößt und dies auch will).
In der lässlichen Sünde versucht der Mensch zwar weiter Gott und den Nächsten zu lieben, verletzt aber diese Liebe durch seine Gedanken, Worte oder Werke. Lässliche Sünden sind Nachlässigkeit in der Liebe. - Was bewirkt die Sünde? In der Zeit. Die Sünde verletzt unsere Beziehung gegenüber anderen Menschen und immer auch uns selbst. Jeder Mensch, auch wir selbst, stehen in einem großen zeitlichen Zusammenhang mit anderen Menschen, weil das freie Handeln jedes Menschen durch andere beeinflusst wird. Dies meint die Rede von der "Erblichkeit der Sünde" ("Erbsünde"): Dort, wo Sünde sichtbar geworden ist, breitet sie sich aus. Sie rückt als Möglichkeit in das Blickfeld des Menschen. Die Sünde des einen baut im Herzen der anderen die erste Brücke zur anderen Seite des Grabens, der den Menschen von der Verleugnung seiner Gotteskindschaft trennt, auch wenn es in dessen Freiheit liegt, diese Brücke zu beschreiten. Wo die Sünde in die Welt gekommen ist, gebiert sie ihre Kinder.
- Was bewirkt die Sünde? Gegenüber Gott. Durch die Sünde trennen wir uns zudem von Gott, weil er die Quelle des Lebens ist. Durch die Todsünde trennen wir uns ganz von Gottes Liebe, aber auch durch die lässliche Sünde stören wir die Liebe, mit der Gott uns lieben will. Im Bild gesprochen kehrt der Mensch Gott in der Todsünde den Rücken zu und macht es damit Gott unmöglich, diesen Menschen anzusprechen; in der lässlichen Sünde liegt keine solche Abkehr von Gott, aber er verunklart das Angesicht Gottes.
- "Sündenstrafe" oder "Sündenfolge"? In der Tradition und noch im Dokument Pauls VI. von 1967 wird immer wieder von der Auferlegung der Sündenstrafen Weise gesprochen. Es wird dadurch nahelegt, dass Gott jeweils einzeln, in der Folge einer Sünde, diese beurteilt und eine Strafe aussucht und auferlegt. Hier ist das Bild irritierend und wird daher von Johannes Paul II. klar zurückgenommen, indem ausdrücklich gesagt wird, dass diese "Strafen" als Folge aus der Sünde selbst folgen (Vgl. auch KKK 1472). Konsequenterweise soll man das Wort der Sündenstrafe ganz fallen lassen und nur von den Folgen der Sünde (innerhalb der von Gott "weise, heilig und gerecht" geschaffenen Ordnung der Welt) sprechen. So wird deutlich, dass die dreifache Bezogenheit des Menschen - auf Gott, sich selbst und die Mitmenschen - in jedem menschlichen Handeln präsent ist und daher in alle drei Richtungen Folgen hat.
- Die Rede von der Sündenstrafe hat nur insofern eine Berechtigung, als es darum geht, die Folgen der Sünde bewusst an sich heranzulassen, sie als Strafe zu erleiden. Wenn ein Mensch hier also danach sucht, "Leiden" auf sich zu nehmen, sei es real, sei es in direktem Zusammenhang mit einer sündigen Tat, sei es, dass dieser direkte Zusammenhang nicht möglich ist, dann handelt es sich nicht um lustvollen Masochismus sondern darum, eine Realität der Welt an sich heranzulassen aus einer Grundhaltung wiedergewonnener Liebe heraus. Es handelt sich also weniger um eine Strafe aus der Richtung des Strafenden, sondern aus der Richtung dessen, der die Strafe annimmt. Insgesamt ist es aber weit weniger missverständlich konsequent nur vom Annehmen der Folgen zu sprechen.
- Wer kann Sünden vergeben? Wo wir gegen andere Menschen gesündigt haben, müssen wir diese um Verzeihung bitten und den angerichteten Schaden wieder gutmachen.
Weil aber jede Sünde sich auch gegen Gott richtet, brauchen wir auch Gottes Vergebung. Da Jesus Christus Gottes Sohn ist, hat er die Vollmacht, hier auf Erden Sünden zu vergeben (Mk 2,10). Diese Vollmacht hat er seiner Kirche weitergegeben (Joh 20,23; Mt 18,18). Daher kann die Kirche die Form regeln, in der für die Getauften Sünden vor Gott vergeben werden und ihre Folgen vor Gott getilgt werden. Die Kirche kann dies nicht aus eigener Vollmacht oder Heiligkeit, weil alle Glieder der Kirche selbst Sünder sind. Sie kann das nur aus der Vollmacht und Heiligkeit, die Gott in Jesus Christus uns schenkt. - Vergebung der Sünde im Sakrament der Versöhnung (Beichte). Der Hl. Augustinus sagt: "Gott hat uns erschaffen ohne uns, er wollte uns aber nicht retten ohne uns". Im Sakrament der Versöhnung empfangen die Getauften die Vergebung der Sünden und werden dadurch von der selbstauferlegten Trennung von Gott befreit. Dazu sind vier Dinge notwendig:
| Was ist ein Ablass - ein Bild zum Vergleich (...auch wenn Vergleiche immer hinken!) |
Wir wohnen mit sechs Jesuiten in einer Kommunität. Am Sonntag bleibt die Küche kalt, da gehen wir zum Essen aus. Man stelle sich nun folgende Begebenheit vor (die natürlich frei erfunden ist).
Wir sitzen im Gasthaus. Das Essen wird gebracht. Ich hatte Pfannekuchen bestellt, aber mir etwas ganz anderes darunter vorgestellt. Da treibt mich eine Missachtung gegenüber meiner Erziehung, Mangel an Disziplin und Rücksichtnahme auf andere dazu, meinen Unwillen dadurch auszudrücken, dass ich selbigen Pfannekuchen samt dem Teller dem Kellner ins Gesicht schleudere. Kein Zweifel: Dies Verhalten soll nicht sein. Hier liegt Sünde vor. Was ist zu tun?
Zunächst muss ich, hoffentlich zur Besinnung gekommen, mich aufrichtig beim Kellner entschuldigen und etwaigen Schadensersatz leisten. Eine weitere Bitte um Entschuldigung ist gegenüber den Mitbrüdern fällig, denen ich die Freude am Mittagessen verdorben habe, und wenn das möglich ist auch eine Entschuldigung gegenüber anderen Beteiligten. Schließlich sollte ich nicht zu lange warten, dieses grobe Fehlverhalten zu beichten, um auch vor Gott Vergebung zu finden.
Der Kellner und die Mitbrüder werden mir hoffentlich noch mal verzeihen; Gott wird mir - aufrichtige Reue vorausgesetzt - ganz sicherlich die Schuld vergeben. Es ist zu hoffen, dass ich meinem Vorsatz treu bleibe und dererlei Schandtaten künftig abhold bin. Der Priester wird mir bei der Beichte als Zeichen des Neubeginns auftragen, dass ich ein bestimmtes Gebet spreche oder ähnliches.
Auch wenn mein Verhalten unvereinbar ist mit dem Stand eines Getauften, ist durch das Sakrament der Versöhnung das, was mich durch die Sünde von Gott getrennt hat, aufgehoben. Die Schuld ist getilgt. Das bedeutet aber nicht, dass die Schuld folgenlos gemacht werden könnte, so als ob nie etwas gewesen wäre.
(a) Für mich selbst hat die Sünde - vor allem wenn es etwas über lange Zeit Gewohnheitsmäßiges gewesen wäre - die Folge, dass ich mich wieder daran gewöhnen muss, Freude am Guten und an der Liebe zu Gott und den Menschen zu finden.
(b) Jede Veränderung meiner selbst ist Abschied von Gewohnheit und damit schmerzvoll. Wenn Gott mich in der Erfüllung meines Lebens ganz in seine Gegenwart und Liebe hineinnehmen will, werde ich freiwillig und gerne mich durch seine Liebe von all dem reinigen lassen, was alte Gewohnheit war. Die Tradition nennt das Purgatorium.
(c) Schließlich und vor allem hat meine Pfannkuchen-Untat aber Folgen, die außerhalb von mir liegen. Vielleicht habe ich kleine Kinder, die mich beobachtet haben, auf dumme Gedanken gebracht, vielleicht träumen sie aber auch künftig schrecklich vom bösen Pfannkuchenschmeißer. Für den Kellner, auch wenn er mir aufrichtig vergeben hat, wird dieses Erlebnis ein Teil seiner Biographie werden. Für die Jesuiten aber wird das Ereignis die Konsequenz haben, dass so und so viele Leute, manche nur indirekt vom Hörensagen, den Eindruck haben werden, dass "diese Jesuiten" so gar nicht nach dem Evangelium, das sie verkünden, leben. Das Zeugnis für die Liebe Christi, das ich, der Orden und die ganz Kirche geben soll, ist verdunkelt.
An diesen drei genannten Punkten, vor allem aber am letzten setzt der Ablass an. Denn der Pfannkuchenwurf wurzelt ja letztlich in einem Mangel an Liebe meinerseits. Er ist die Stelle, an der die negative Grundhaltung ihren Ausdruck findet - und gerade dadurch ihre verheerende Wirkung entfaltet. Ebenso ist es wichtig, dass die durch Buße und Vergebung erneuerte Grundhaltung wächst und ihren Ausdruck findet. Solche besonderen Zeichen des erneuerten Lebens sind nicht notwendig, aber hilfreich. Sie helfen mir selbst auf dem Weg der Besserung. Sie helfen aber vor allem auch, den Schaden zu reduzieren, der durch das Anti-Zeugnis gegen die Liebe Christi entstanden ist, durch ein positives Zeugnis zu mildern. Natürlich muss ein solches Zeichen des erneuerten Lebens ehrlich und aus sich heraus gut sein; es darf nicht auf den Effekt spekulieren, reine Show sein. Nur echtes Leben kann die Liebe bezeugen. Aber gerade schlichte Zeichen der Frömmigkeit, als Gebet, als Wallfahrt oder als Werk der Nächstenliebe zu den Armen, können die durch die Sünde verunreinigte Luft wieder etwas reinigen. Sie helfen damit, dass die böse Tat keine Schule macht. Diese Zeichen helfen vor allem, dass anderen Menschen durch mein Fehlverhalten nicht der Weg versperrt wird, selbst die Kraft der Liebe Christi zu entdecken.
Gerade bei dem unendlich wichtigen letzten Punkt zeigt sich, dass nicht nur ich selbst ein solches Zeichen setzen kann, sondern auch andere. Auch wenn sie gar nicht konkret auf diesen Vorfall Bezug nehmen, hat es doch letztlich sehr direkt damit zu tun, wenn sie öffentlich erklären: Dieser Pfannkuchenschänder ist einer von uns. Wir alle sind, ganz konkret gemeint, Sünder und tragen Mitschuld daran, dass Christus nicht so verkündet werden kann, wie es sein sollte. Zu diesem Schuldbekenntnis kommt dann hinzu, dass konkrete einzelne Jesuiten Zeichen der Frömmigkeit und Liebe setzen, die helfen, dass Christi Liebe weniger verdunkelt wird.
Und ein Letztes wird an dem hier konstruierten Beispiel deutlich. Jedes gute Werk hat seinen Wert in sich, ob es Zeichen für andere ist oder nicht. Das besondere des Zeichens ist aber, dass es im Zusammenhang der Gemeinschaft geschieht, die zum Zeugnis berufen ist. Daher ist es sinnvoll, dass die Gemeinschaft bestimmte Zeichen auch öffentlich benennt, die helfen sollen, die Folgen der Sünde zu bewältigen.
| Entwurf einer erneuerten Ablass-Theologie zur Diskussion |
Es ist auffällig, dass sich die Kirche in Westeuropa besonders schwer tut, ihre Botschaft zu verkündigen. Zum Teil mag dies damit zusammenhängen, dass Wohlstandsgesellschaften in ihrer sozialen Dynamik die Menschen hindern, ihre Freiheit in tragenden und verbindlichen Existenzformen zu verwirklichen. Die Verlängerung der Pubertät ist dafür ein Signal. Der Verlust tragender Religiosität gehört zu den sozialen Folgekosten der Modernisierung. In Westeuropa und abgeschwächt anderen Ländern, die von dieser Kultur beeinflusst sind, gibt es jedoch ein weiteres zentrales Hindernis, die Botschaft der Kirche zu hören. Über gut tausend Jahre war die Kirche in Europa so sehr mit der herrschenden Kultur verbunden, dass vieles (oder gar alles) was diese Kultur an Negativem hervorgebracht hat, dem Christentum oder konkret der Kirche angelastet wird.
Zweifellos ist es gegenüber der vorherrschenden Pauschalisierung wichtig, durch solide historische Forschung und differenzierende ethische Bewertung zu erarbeiten, was an den Vorwürfen über diese "Kriminalgeschichte" der Kirche, ihrer Lehre und ihren Institutionen, anzulasten ist. Nicht nur angesichts der Mechanismen der Mediengesellschaft, sondern auch aus theologischen Gründen ist es aber daneben unumgänglich, dass sich die Kirche uneingeschränkt dazu bekennt, dass sie selbst und ihre Geschichte in Schuld verstrickt ist. So sehr daran festzuhalten ist, dass die Kirche von Christus auf dem Fundament der Apostel gegründet und vom Heiligen Geist getragen ist, so sehr kann kein Zweifel daran bestehen, dass diese in Christus heilige Kirche eine Kirche der Sünder ist. Diese "Kirche der Sünder" trägt Schuld an den Verbrechen der von ihr geprägten Gesellschaft und Kultur des "christlichen Abendlandes". Jeder Versuch, als Kirche diese Verstrickung zu ignorieren und sich als nicht betroffen hinzustellen ist abzulehnen, da die handelnden Personen dieser Epochen Getaufte waren und von der Kirche auch als dazugehörig betrachtet wurden.. Auch verbietet sich in diesem Zusammenhang jeder Versuch aufzurechnen, ob die positiven Beiträge zur Entwicklung Europas nach der Völkerwanderung die negativen überwiege.
Mit dem Schuldbekenntnis zu Beginn der Fastenzeit im Jubiläumsjahr 2000 hat die katholische Kirche öffentlich und als Institution in ihren Repräsentanten diese Verantwortung auf sich genommen. Dieses Ereignis sollte eine Zäsur in der Geschichte der Kirche darstellen. Auch zuvor gab es keinen Zweifel, dass die Kirche "semper reformanda" ist, der ständigen Erneuerung bedarf, auch wenn es immer schwierig sein wird, dass die jeweils in der Verantwortung stehenden Repräsentanten der Kirche sehen, wo sie in ihrer eigenen Praxis der Umkehr bedürfen. Dass dies nicht Thema des Schuldbekenntnisses war ist kein Mangel. Statt dessen wurden exemplarisch schmerzliche Punkte aus der Geschichte der Kirche benannt: Inquisition, Intoleranz, Spaltung, Leid des jüdischen Volkes, Kolonialisierung nach außen und gegen Minderheiten im Inneren, Diskriminierungen verschiedener Art und Missbrauch von Medizin und Technik. Es ging nicht darum eine christliche Form stalinistischer Schauprozesse zu veranstalten. Vielmehr hat die Kirche sich zu ihrer Verantwortung für die gesellschaftliche Kultur gerade in ihrem Versagen bekannt. Der Papst hat mit diesem Bekenntnis, stellvertretend für die Kirche sich von den Sünden der Christen distanziert, nicht von den Sündern, zu denen er selbst gehört. Keinen Zweifel daran lassend, dass es einzelne Christen sind, die ihre Taten zu verantworten haben, hat die Kirche Christi in ihrem obersten Amtsträger die Schuld bekannt und damit als auch die ihre anerkannt. Ein solches Bekenntnis vor Gott in einer öffentlichen Liturgie hatte es noch nie gegeben.
Es ist Aufgabe der Theologie, die Konsequenzen zu reflektieren und zu erarbeiten, wo in der Gestaltung der kirchlichen Praxis dies seinen Niederschlag finden kann. An einem Punkt ist dies durch den Papst selbst bereits geschehen. In der Verkündigung des Jubiläumsjahres hat er zugleich den Ablass als Teil der kirchlichen Praxis in der lateinischen Kirche wieder in Erinnerung gebracht und hat zugleich in der konkreten Gestaltung des Jubiläumsablasses erhebliche Neuakzentuierungen vorgenommen, die sich nun langfristig in der Theologie und Praxis des Ablasses niederschlagen müssen. Die Theologie sollte nun Vorschläge machen, wie diese Erneuerung auch terminologisch gefasst werden kann, denn es fällt auf, dass schon Paul VI 1967 und jetzt Johannes Paul II verschiedentlich Begriffe aus der alten Ablasstheologie gegen naheliegende, aus der umgangssprachlichen Bedeutung der Wörter rührende Missverständnisse in Schutz nehmen müssen ("Sündenstrafen", "Kirchenschatz", dies gilt auch für "Beleidigung Gottes", "Genugtuung" etc.). Das Wort "Ablass" selbst wird man wohl beibehalten müssen, auch wenn dieses Wort ausschließlich historisch, durch seine Herkunft aus der vormittelalterlichen Bußpraxis, und kaum aus der gemeinten Sache selbst heraus erklärbar ist. Auch hier muss die Kirche bei allem Bemühen um Erneuerung zu ihrer Tradition stehen.
Die im Schuldbekenntnis genannten Vergehen der Christengeschichte sind herausragende Beispiele, denen gemeinsam ist, dass sie sich in besonderer Weise akut dahingehend auswirken, dass die Botschaft Christi verdunkelt wird. Es handelt sich vor allem um Taten, die explizit im Namen des Glaubens und der Kirche oder durch ihre höchsten Repräsentanten begangen wurden. Dabei ist natürlich klar, dass in derselben Weise jedes Vergehen gegen die Gerechtigkeit und die Liebe, das von einem Christen verübt wird, eine Verdunkelung dessen ist, wozu Christus seine Kirche berufen und geheiligt hat. Immer aber handelt es sich um Schuld, die zu allererst vor Gott und den Menschen persönlich zu verantworten ist. Deswegen ist es auch immer nur dem jeweiligen Einzelnen möglich, sich der Liebe Gottes und der in Christus sich ereignenden Rechtfertigung zu öffnen. Unter Berufung auf die ihr von Christus verliehene Vollmacht übt die Kirche im Sakrament der Versöhnung das Amt aus, das Bekenntnis und die Reue des Sünders anzunehmen und die Vergebung Gottes zuzusagen. Hatte sich also der Einzelne durch seine Schuld auf den Weg des Unheils, der Abwendung von Gott, begeben, so eröffnet ihm Gott aufs Neue den Weg des Heiles. Dies ist ein höchst individuelles Geschehen und zugleich ein Geschehen, in dem der Einzelne sich als Glied des Volkes Gottes erfährt, da die Abkehr vom Heil durch die Sünde ja ein Hinausgehen aus dieser von Gott berufenen Gemeinschaft ist und die Rechtfertigung des Sünders durch Gott bewirkt, dass dieser wieder uneingeschränkt ein Glied des Volkes Gottes wird. Daher ist der Weg, den der Sünder geht, nachdem er von Gott die Vergebung der Schuld erhalten hat, ein Weg in und mit der Kirche.
Der neu eröffnete Weg, den der Sünder geht, fängt nicht bei Null an. Die Vergangenheit ist hinsichtlich ihrer Schuld getilgt, nicht aus der Biographie des Einzelnen gestrichen. "Da hat sich einer aufrichtig zu Gott bekehrt, in der Mitte seiner Freiheit, befreit durch die Gnade Gottes, sich ´umgestellt´ und sein Dasein auf die Gnade Gottes gegründet. Auch dann kann es immer noch so sein, dass ´ich´ in vieler Hinsicht der Alte, der noch Unbekehrte oder nicht ganz Verwandelte bin. Da kann ´ ich ´ immer noch ich sein mit meinem Egoismus, den ich gar nicht merke, mit dem ich immer noch in vieler Hinsicht einverstanden bin, ich mit meiner Hartherzigkeit, mit meinem Pharisäertum, mit meiner Feigheit und mit all den andern in der früheren (und jetzt bereuten) Schuld verwirklichten Haltungen und Befindlichkeiten, so dass ich es gar nicht merke und gar nicht fertig bringe, mich von all dem zu distanzieren. Eine solche Umwandlung der ganzen Unermesslichkeit des Menschen kann also noch eine lange schmerzliche Geschichte bedeuten. Welche Qual, welche unabsehbare seelische Entwicklung, welche tödlichen Schmerzen eines seelischen Verwandlungsprozesses sind da noch zu bestehen, bis das alles anders ist. Wie unerlässlich ist dies aber auch! Wie könnte man ohne das ´vollendet´ sein?" Was Rahner so beschreibt (1967, 474), ist die existenzielle Dimension der Folgen einer Schuld, die vergeben ist. Er hat damit den Ausgangspunkt für den individuellen Heilungsprozess beschrieben, der Teil des Lebensweges dieses Menschen werden muss, damit das, was in der Vergebung begonnen hat, im konkreten Leben des Menschen an sein Ziel kommt.
Jede Handlung gegen die Ordnung der Liebe wirkt sich auch auf die Welt aus, in der diese Tat begangen wurde. Auch wenn sie als Un-Tat benannt, bereut und vergeben ist, so ist die Welt, in der sie geschehen ist, durch sie unwiderruflich verändert. Je nach dem Gewicht der Tat und je nach dem sozialen und historischen Ort, an dem sie geschah und sich auswirkte, wird sie sich tiefer oder weniger tief in das Gedächtnis der Geschichte eingraben. Jeder Mensch steht in einem großen zeitlichen Zusammenhang mit anderen Menschen, weil das freie Handeln jedes anderen Menschen dadurch beeinflusst wird. Dies meint die Rede von der "Erblichkeit der Sünde" ("Erbsünde"): Dort, wo Sünde sichtbar geworden ist, breitet sie sich aus. Wo sie erfahren wurde, lockt sie zur Reaktion. Sie rückt als Möglichkeit in das Blickfeld des Menschen. Die Sünde des einen baut im Herzen der anderen die erste Brücke zur anderen Seite des Grabens, der den Menschen von der Verleugnung seiner Gotteskindschaft trennt, auch wenn es in dessen Freiheit liegt, diese Brücke zu beschreiten. Wo die Sünde in die Welt gekommen ist, gebiert sie ihre Kinder.
Fürbitte-Absolution Die Kirche legt dem einzelnen Sünder die Strafe auf - nimmt ihn in Haft für die Folgen seiner Sünden
Dass Gott handelnd gegenwärtig ist in den Zeugen. Er gibt den Geist und historisch den Kairos /Gelegenheit
In der Zuwendung des Ablasses durch die Kirche geschieht daher das Doppelte: Das durch die Gnade in der Geschichte gewirkte Zeugnis der Liebe wird aktualisiert und vor Gott wird in der Zuversicht auf die durch Christus gewonnene Nähe zum Vater die Fürbitte wirksam.
| Literaturhinweise |
Die kirchenamtlichen Dokumente sind oben verzeichnet.
Baur, Franz-Joseph: Jubiläumsablaß im Heiligen Jahr 2000. Die freudvolle Seite der geistlichen Erneuerung. In: Geist und Leben. Zeitschrift für Aszese und Mystik. Heft 1/2000. 73 Jg. , S. 54-63.
Böttigheimer, Christoph: Jubiläumsablaß - ein ökumenisches Ärgernis? In: Stimmen der Zeit. Bd. Heft 3/2000. 125 Jg. , S. 167-180.
Düren, Peter Christoph: Der Ablass in Lehre und Praxis. Die vollkommenen Ablässe der katholische Kirche. Buttenwiesen (Stella Maris) 2000. 2. Auflage.
Müller, Gerhard Ludwig; Fuchs, Ottmar ; Kremsmair, Josef ; Messner, Reinhard: Ablass. In: Lexikon für Theologie und Kirche. Dritte, völlig neue bearbeitete Auflage. Hrsg. von Walter Kasper u.a., Freiburg (Herder) 1993, Sp. 51-58. (dort weitere Literaturangaben)
Rahner, Karl: Kleiner Theologischer Traktat. Einsiedeln, Zürich, Köln (Benziger) 1967. In: Schriften zur Theologie. Bd. VIII, S. 472-487.
Rahner, Karl: Zur heutigen kirchenamtlichen Ablasslehre. Einsiedeln, Zürich, Köln (Benziger) 1967. In: Schriften zur Theologie. Bd. VIII, S. 488-518. (Erläuterung des o.g. Traktates nach Veröffentlichung von Indulgentiarum Doctrina 1967.
Rahner, Karl(Hrsg.): Herders Theologisches Taschenlexikon. Band 1. Freiburg (Herder) 1972, S. 26-35.
Veröffentlicht nur im Internet vorbehaltlich einer Überarbeitung
Anregungen und Kritik bitte an Martin.Loewenstein@Jesuiten.org
Dokumente
"Der Ablass - ein Schuldbekenntnis"
Neuner, Josef; Roos, Heinrich: Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung. Neu bearbeitet von Karl Rahner und Karl-Heinz Weger. Regensburg (Friedrich Pustet) 1986. 12 Auflage, Seite 430ff.
Aus dieser Sammlung sind die nachfolgende Texte (außer Katechismus) entnommen.Die Gewalt, Sünden zu vergeben, schließt notwendig auch die Gewalt, die ewigen Sündenstrafen nachzulassen, ein. Doch bleiben für die Sünden noch zeitliche Sündenstrafen abzubüßen. Neben der Vollmacht, die Sünden und die ewigen Sündenstrafen zu erlassen, hat nun Christus seiner Kirche auch die Vollmacht zur Vergebung zeitlicher Sündenstrafen übergeben. Bei dieser Vergebung zeitlicher Sündenstrafen, beim Ablass, geht es nicht mehr um die Gewinnung des Gnadenstandes, um die wesentlichen Güter der übernatürlichen Ordnung, die uns durch die Sakramente und in der objektiven Wirkweise der Sakramente "ex opere operato", das heißt unabhängig von den eigenen Verdiensten und den Verdiensten der Kirche nur in der Kraft Christi, die in den sakramentalen Zeichen wirksam ist, vermittelt wird, sondern um eine Erleichterung der Strafen, die für die Sünden abzutragen sind. Dieser Erlass einer sühnenden Strafe geschieht aufgrund des genugtuenden Wertes der Werke und des Leidens Christi und aller, die in der Gnade Christi solche Werke vollbringen können, d.h. aller Menschen, die im Stande der Gnade leben. Die Zuwendung dieses genugtuenden Wertes geschieht aber nicht durch ein sakramentales Zeichen, das aus sich wirkt, sondern sie ist an bestimmte Werke geknüpft, die von der Kirche vorgeschrieben werden können. So ist die doppelte Grundlage der Lehre vom Ablass: erstens: der genugtuende und übernatürlich verdienstliche Wert aller Werke, die in der Gnade getan sind, und zweitens die Gemeinschaft der Heiligen, d.h aller, die durch Christus erlöst sind und in seiner Gnade leben und wirken, mit Christus und untereinander.
Da mit der Gewinnung des Ablasses bestimmte Werke verknüpft sind, konnte es zu schweren Missbräuchen und Ärgernissen führen. So war die teilweise sehr missbräuchliche Ablasspraxis am Ende des Mittelalters für die Reformatoren das Symbol einer Mechanisierung des übernatürlichen Lebens, der Verweltlichung und Habsucht in der Kirche, die das Heilige wie eine Ware auf den Markt warf. So kam es, dass sie grundsätzlich die Existenz oder die Möglichkeit eines Ablasses leugneten. Ihnen gegenüber hat die Kirche die Vollmacht, Ablässe zu gewähren, und den Nutzen der Ablässe für die Gläubigen betont, aber auch den Kampf gegen die Missbräuche mit aller Kraft aufgenommen.
Die Kirche lehrt also, dass ihr von Christus die Vollmacht übergeben wurde, aufgrund des Reichtums seiner Verdienste den Gläubigen unter bestimmten Bedingungen Ablässe zu gewähr e n, d.h. zeitliche Sündenstrafen zu erlassen (678, 680-684, 688, 692, 937.). Sie können auch den Verstorbenen zugewendet werden (687, 692). Missbrauche sind dabei zu vermeiden (68g). Der Gebrauch der Ablässe ist für das christliche Volk segensvoll (685-687, 690-692,937).
Jubiläumsbulle Papst Clemens' VI. "Unigenitus Dei Filius" (1343)
Für das Jahr 1300 hatte zum erstenmal Bonifaz VIII, ein allgemeines, alle 100 Jahre zu feierndes Jubiläum für die gesamte Christenheit verkündet, d. h, einen vollkommenen Ablass für alle, die nach Rom pilgern und dort bestimmte Bedingungen erfüllen. 1343 bestimmte Clemens VI., dass jedes 50. Jahr ein Jubeljahr sein solle. Bei dieser Gelegenheit legte der Papst die Grundwahrheiten vom Ablass dar. Der Lehrgehalt dieser Bulle umfasst drei Punkte: Christi Verdienste sind überreich; den Schatz der Verdienste hat Christus seiner Kirche anvertraut; mit diesem Schatz der Verdienste Christi vereinen sich die Verdienste der Heiligen.
Der einziggeborene Gottessohn [..], der uns von Gott her geworden ist: Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung (l Kor i, 30), ist nicht mit dem Blut von Böcken und Rindern, sondern durch sein eigenes Blut ein für allemal in das Allerheiligste eingetreten und hat für alle Ewigkeit Erlösung erwirkt (Hebr 9,12); denn nicht mit vergänglichem Gold und Silber, sondern mit seinem eigenen kostbaren Blut, als dem Blut des Lammes ohne Makel und Fehl, hat er uns losgekauft (1 Petr 1,18 f). Am Altar des Kreuzes hat er, unschuldig geopfert, nicht etwa nur einen Tropfen Blut - das hätte wegen der Vereinigung mit dem (göttlichen) Wort zur Erlösung des ganzen Menschengeschlechts genügt -, sondern im Übermaß gleichsam Ströme dieses Blutes vergossen, so dass von der Fußsohle bis zum Scheitel des Hauptes nichts Heiles mehr an ihm gefunden wurde (Jes 1,6). Wenn nun dieses erbarmungsvolle Blutvergießen nicht unnütz, sinnlos und überflüssig sein sollte, wie groß ist dann der Schatz, den er der streitenden Kirche erwarb. Seine Söhne wollte der gute Vater reich machen, auf dass die Menschen einen unermesslichen Schatz besäßen, und wer ihn gebrauchte, der sollte der göttlichen Freundschaft teilhaftig sein.
Diesen Schatz hat er durch den heiligen Petrus, den Schlüsselträger des Himmels, [..] und durch dessen Nachfolger, seine Stellvertreter auf Erden, bereitgestellt zu heilsamer Verteilung an die Gläubigen bei besonderen und sinnvollen Anlässen, bald zu vollständigem, bald zu teilweisem Erlass der zeitlichen Sündenstrafen, um ihn allgemein oder in besonderen Fällen, wie es vor Gott gut scheint, wirklich reumütigen Menschen, die gebeichtet haben, barmherzig zu spenden.
Nun wissen wir, dass die Verdienste der seligen Gottesmutter und aller Erwählten vom ersten bis zum letzten Gerechten den Reichtum dieses Schatzes noch fördern. Um seinen Verbrauch oder um seine Minderung braucht man wirklich nicht zu bangen, sowohl wegen der unendlichen Verdienste Christi, von denen wir sprachen, als auch deshalb, weil die Fülle der Verdienste um so mehr anwächst, je mehr Menschen aus ihrem Empfang zur Gerechtigkeit gelangen.
Die Allgemeine Kirchenversammlung zu Konstanz (1414-1418)
Fragen, die den Anhängern des Wyclif und Hus vorgelegt wurden
Da Wyclifs System keine sichtbare Kirche kennt, leugnet er auch die kirchliche Vollmacht, Sündenstrafen zu erlassen.
26. Ob er glaube, dass der Papst allen Christen, die ihre Sünden wirklich bereut und bekannt haben, aus einem guten und gerechten Grund Ablässe zur Nachlassung der Sündenstrafen gewähren kann, vor allem wenn sie heilige Orte besuchen oder dazu ihre hilfreiche Hand bieten.
27. Und ob er glaube, dass diejenigen, die auf die Gewährung eines solchen Ablasses hin die Kirchen besuchen und dazu ihre Hilfe leisten, diese Ablässe erhalten können.
Von Papst Leo X. verurteilte Sätze Martin Luthers (1520)
17. Die Schätze der Kirche, aus denen der Papst die Ablässe austeilt, sind nicht die Verdienste Christi und der Heiligen.
18. Die Ablässe sind ein frommer Betrug an den Gläubigen und ein Versäumnis guter Werke; sie gehören zu dem, was erlaubt ist, aber nicht zu dem, was nützt.
19. Die Ablässe bedeuten für den, der sie wirklich gewinnt, vor der göttlichen Gerechtigkeit keinen Nachlass der persönlichen Sündenstrafen.
20. Wer glaubt, die Ablässe brächten Segen und geistliche Frucht, der ist irregeführt.
21. Ablässe sind nur für öffentliche Verbrechen notwendig und werden eigentlich nur den Verhärteten und Ungeduldigen gewährt.
22. Für sechs Arten von Menschen sind Ablässe weder notwendig noch nützlich: für die Toten oder Sterbenden, für die Schwachen, die rechtmäßig Verhinderten, für die, die kein Verbrechen begangen haben, für die, die zwar Verbrechen begangen haben, aber keine öffentlichen, für die, die Besseres tun.
Die Allgemeine Kirchenversammlung zu Trient, 25. Sitzung (1563)
Lehrentscheid über den Ablass
Die 25. Sitzung der Kirchenversammlung zu Trient hatte sich noch mit verschiedenen Fragen zu befassen, die in der Auseinandersetzung mit den Reformatoren von Bedeutung waren:
mit der Lehre vom Fegfeuer, von der Verehrung der Heiligen, der Reliquien, der Bilder und zuletzt von den Ablässen. Missbräuche auf allen diesen Gebieten, besonders aber im Ablasswesen, waren ja Anlass zum großen Abfall gewesen. Außerdem waren in den Jahren des erbitterten Kampfes die gröbsten Missverständnisse über den Ablass in Umlauf gekommen.
Doch drängten die schwere Erkrankung Papst Pius' IV. und andere Gründe zu einem möglichst raschen Abschluss der Kirchenversammlung. So beschränkte sie sich wegen der Unmöglichkeit einer eingehenderen Vorbereitung fast nur auf disziplinäre Bestimmungen. Das damals erlassene Ablassdekret verurteilt die Leugnung der kirchlichen Vollmacht, Ablässe zu gewähren, und die Leugnung des Nutzens der Ablässe für das gläubige Volk.
Da von Christus der Kirche die Vollmacht gegeben wurde, Ablässe mitzuteilen, und da die Kirche diese von Gott gegebene Vollmacht seit den ältesten Zeiten gebrauchte, so lehrt und gebietet die heilige Kirchenversammlung, dass der Gebrauch von Ablässen, der für das christliche Volk überaus segensvoll ist und durch Entscheidungen heiliger Kirchenversammlungen gutgeheißen wurde, in der Kirche beibehalten werden muss. Und sie verurteilt diejenigen mit Ausschluss, die sie für unnütz erklären oder die der Kirche das Recht absprechen, sie zu verleihen.
Doch wünscht die heilige Kirchenversammlung, dass man bei der Verleihung von Ablässen nach altem bewährtem Brauch der Kirche Maß halte, damit nicht bei zu großer Nachgiebigkeit die kirchliche Zucht entkräftet werde. [..] [Missbräuche müssen abgestellt werden. Jede Gewinnsucht soll ausgeschlossen sein. Die Sorge um die rechte Aufklärung des Volkes und um die Einführung einer entsprechenden Ordnung obliegt den Bischöfen. Auftauchende Fragen sind in Zusammenarbeit mit dem Apostolischen Stuhl zu lösen.]
Katechismus der Katholischen Kirche (1993)
X • Die Ablässe
1471 Die Lehre über die Ablässe und deren Anwendung in der Kirche hängen eng mit den Wirkungen des Bußsakramentes zusammen.
Was ist der Ablass?
"Der Ablass ist Erlass einer zeitlichen Strafe vor Gott für Sünden, die hinsichtlich der Schuld schon getilgt sind. Ihn erlangt der Christgläubige, der recht bereitet ist, unter genau bestimmten Bedingungen durch die Hilfe der Kirche, die als Dienerin der Erlösung den Schatz der Genugtuungen Christi und der Heiligen autoritativ austeilt und zuwendet."
"Der Ablass ist Teilablass oder vollkommener Ablass, je nachdem er von der zeitlichen Sündenstrafe teilweise oder ganz freimacht." Ablässe können den Lebenden und den Verstorbenen zugewendet werden (Paul VI., Ap. Konst. "Indulgentiarum doctrina" normae 1-3).
1472 Um diese Lehre und Praxis der Kirche zu verstehen, müssen wir wissen, dass die Sünde eine doppelte Folge hat. Die schwere Sünde beraubt uns der Gemeinschaft mit Gott und macht uns dadurch zum ewigen Leben unfähig. Diese Beraubung heißt "die ewige Sündenstrafe". Andererseits zieht jede Sünde, selbst eine geringfügige, eine schädliche Bindung an die Geschöpfe nach sich, was der Läuterung bedarf, sei es hier auf Erden, sei es nach dem Tod im sogenannten Purgatorium [Läuterungszustand]. Diese Läuterung befreit von dem, was man "zeitliche Sündenstrafe" nennt. Diese beiden Strafen dürfen nicht als eine Art Rache verstanden werden, die Gott von außen her ausüben würde, sondern als etwas, das sich aus der Natur der Sünde ergibt. Eine Bekehrung, die aus glühender Liebe hervorgeht, kann zur völligen Läuterung des Sünders führen, so dass keine Sündenstrafe mehr zu verbüßen bleibt.
1473 Die Sündenvergebung und die Wiederherstellung der Gemeinschaft mit Gott bringen den Erlass der ewigen Sündenstrafen mit sich. Zeitliche Sündenstrafen verbleiben jedoch. Der Christ soll sich bemühen, diese zeitlichen Sündenstrafen als eine Gnade anzunehmen, indem er Leiden und Prüfungen jeder Art geduldig erträgt und, wenn die Stunde da ist, den Tod ergeben auf sich nimmt. Auch soll er bestrebt sein, durch Werke der Barmherzigkeit und der Nächstenliebe sowie durch Gebet und verschiedene Bußübungen den "alten Menschen" gänzlich abzulegen und den "neuen Menschen" anzuziehen.
In der Gemeinschaft der Heiligen
1474 Der Christ, der sich mit der Gnade Gottes von seiner Sünde zu läutern und sich zu heiligen sucht, steht nicht allein. "Das Leben jedes einzelnen Kindes Gottes ist in Christus und durch Christus mit dem Leben aller anderen christlichen Brüder in der 795 übernatürlichen Einheit des mystischen Leibes Christi wie in einer mystischen Person in wunderbarem Band verbunden" (Paul VI., Ap. Konst. "Indulgentiarum doctrina" 5).
1475 In der Gemeinschaft der Heiligen "besteht unter den Gläubigen - seien sie bereits in der himmlischen Heimat oder sühnend im Reinigungsort oder noch auf der irdischen Wanderschaft - in der Tat ein dauerhaftes Band der Liebe und ein überreicher Austausch aller Güter" (ebd.). In diesem wunderbaren Austausch kommt die Heiligkeit des einen den anderen zugute, und zwar mehr, als die Sünde des einen dem anderen schaden kann. So ermöglicht die Inanspruchnahme der Gemeinschaft der Heiligen dem reuigen Sünder, dass er von den Sündenstrafen früher und wirksamer geläutert wird.
1476 Diese geistlichen Güter der Gemeinschaft der Heiligen nennen wir auch den Kirchenschatz. "Er ist nicht so etwas wie eine Summe von Gütern nach Art von materiellen Reichtümern, die im Lauf der Jahrhunderte angesammelt wurden. Vielmehr besteht er in dem unendlichen und unerschöpflichen Wert, den bei Gott die Sühneleistungen und Verdienste Christi, unseres Herrn, haben, die dargebracht wurden, damit die gesamte Menschheit von der Sünde frei werde und zur Gemeinschaft mit dem Vater gelange. Der Kirchenschatz ist Christus, der Erlöser, selbst, insofern in ihm die Genugtuungen und Verdienste seines Erlösungswerkes Bestand und Geltung haben" (ebd.).
1477 "Außerdem gehört zu diesem Schatz auch der wahrhaft unermeßliche, unerschöpfliche und stets neue Wert, den vor Gott die Gebete und guten Werke der seligsten Jungfrau Maria und aller Heiligen besitzen. Sie sind den Spuren Christi, des Herrn, mit seiner Gnade gefolgt, haben sich geheiligt und das vom Vater aufgetragene Werk vollendet. So haben sie ihr eigenes Heil gewirkt und dadurch auch zum Heil ihrer Brüder in der Einheit des mystischen Leibes beigetragen" (ebd.).
Gott erlässt Sündenstrafen durch die Kirche
1478 Der Ablass wird gewährt durch die Kirche, die kraft der ihr von Jesus Christus gewährten Binde- und Lösegewalt für den betreffenden Christen eintritt und ihm den Schatz der Verdienste Christi und der Heiligen zuwendet, damit er vom Vater der Barmherzigkeit den Erlass der für seine Sünden geschuldeten zeitlichen Strafen erlangt. Auf diese Weise will die Kirche diesem Christen nicht nur zu Hilfe kommen, sondern ihn auch zu Werken der Frömmigkeit, der Buße und der Nächstenliebe anregen.
1479 Da die verstorbenen Gläubigen, die sich auf dem Läuterungsweg befinden, ebenfalls Glieder dieser Gemeinschaft der Heiligen sind, können wir ihnen unter anderem dadurch zu Hilfe kommen, dass wir für sie Ablässe erlangen. Dadurch werden den Verstorbenen im Purgatorium für ihre Sünden geschuldete zeitliche Strafen erlassen.
Bulle
| "Incarnationis mysterium" Verkündigungsbulle des Großen Jubiläums des Jahres 2000, 29. November 1998 |
| Anweisungen für die Erlangung des Jubiläumsablasses Rom, aus der Apostolischen Pönitentiarie, am 29. November 1998 |
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | Anweisungen |
Johannes Paul Bischof
Diener der Diener Gottes
an alle Gläubigen
auf dem Weg ins dritte Jahrtausend
Gruß und Apostolischer Segen!
1. Den Blick fest auf das Geheimnis der Menschwerdung des Gottessohnes gerichtet, schickt sich die Kirche an, die Schwelle des dritten Jahrtausends zu überschreiten. Wie nie zuvor empfinden wir es in diesem Augenblick als unsere Pflicht und Schuldigkeit, uns das Lob- und Danklied des Apostels zu eigen zu machen: "Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel. Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott; er hat uns aus Liebe im voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen. […] Er hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im voraus bestimmt hat: Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist" (Eph 1,3-5.9-10). Aus diesen Worten geht klar hervor, dass die Heilsgeschichte in Jesus Christus ihren Höhepunkt und letzten Sinn findet. In ihm haben wir alle "Gnade über Gnade" (Joh 1,16) empfangen; so wurde es uns gewährt, mit dem Vater versöhnt zu werden (vgl. Röm 5,10; 2 Kor 5,18). Die Geburt Jesu in Betlehem ist kein Ereignis, das sich in die Vergangenheit verbannen ließe. Denn vor ihm steht die ganze Menschheitsgeschichte: unsere Gegenwart und die Zukunft der Welt werden von seinem Dasein erleuchtet. Er ist "der Lebendige" (Offb 1,18), "der ist und war und der kommt" (Offb 1,4). Vor ihm muss jeder im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sein Knie beugen, und jeder Mund muss bekennen, dass er der Herr ist (vgl. Phil 2,10-11). Durch die Begegnung mit Christus entdeckt jeder Mensch das Geheimnis seines eigenen Lebens.1
Jesus ist die wahre Neuheit, die jede Erwartung der Menschheit übersteigt. Er wird es durch die aufeinander folgenden Geschichtsepochen hindurch für immer bleiben. Die Menschwerdung des Gottessohnes und das Heil, das er durch seinen Tod und seine Auferstehung gewirkt hat, sind daher das eigentliche Kriterium für die Beurteilung der zeitlichen Wirklichkeit und jedes Vorhabens, das sich zum Ziel setzt, das Leben des Menschen immer menschlicher zu machen.
2. Das Große Jubiläum des Jahres 2000 steht vor der Tür. Seit meiner ersten Enzyklika Redemptor hominis habe ich auf dieses Datum mit der alleinigen Absicht hingewiesen, die Herzen aller darauf vorzubereiten, sich auf das Wirken des Geistes einzulassen.2 Es wird ein festliches Ereignis sein, das gleichzeitig in Rom und in allen, über die Welt verstreuten Teilkirchen stattfindet. Es wird gleichsam zwei Zentren haben: einerseits die Stadt, in der nach dem Willen der Vorsehung der Stuhl des Nachfolgers Petri steht, und andererseits das Heilige Land, in dem der Sohn Gottes durch die Annahme unserer fleischlichen Gestalt von einer Jungfrau namens Maria als Mensch geboren wurde (vgl. Lk 1,27). Daher wird das Jubeljahr außer in Rom mit gleicher Würde und Bedeutung in dem Land gefeiert werden, das mit Recht "heilig" heißt, hat es doch Jesus zur Welt kommen und sterben sehen. Jenes Land, in dem sich die erste christliche Gemeinde gebildet hat, ist der Ort, wo sich die Offenbarungen Gottes an die Menschheit ereignet haben. Es ist das Gelobte Land, das die Geschichte des jüdischen Volkes geprägt hat und das auch von den Anhängern des Islam verehrt wird. Möge uns das Jubiläum einen weiteren Schritt im wechselseitigen Dialog voranbringen, bis wir eines Tages alle - Juden, Christen und Muslime - miteinander in Jerusalem den Friedensgruß austauschen können.3
Die Jubiläumszeit führt uns in jene kraftvolle Sprache ein, welche die göttliche Pädagogik des Heiles anwendet, um den Menschen zu Umkehr und Buße anzuhalten; sie ist Anfang und Weg seiner Rehabilitierung und die Voraussetzung für die Wiedererlangung dessen, was der Mensch mit seinen Kräften allein nicht erreichen könnte: die Freundschaft Gottes, seine Gnade, das übernatürliche und damit das einzige Leben, in dem sich die tiefsten Sehnsüchte des menschlichen Herzens erfüllen können. Der Eintritt in das neue Jahrtausend ermutigt die christliche Gemeinschaft dazu, bei der Verkündigung des Reiches Gottes im Glauben auf neue Horizonte hinauszublicken. Aus diesem besonderen Anlass verlangt es die Pflicht, mit Festigkeit und Treue auf die Lehre des II. Vatikanischen Konzils zurückzugreifen, die in den missionarischen Einsatz der Kirche neues Licht gebracht und dabei die heutigen Erfordernisse der Evangelisierung berücksichtigt hat. Auf dem Konzil ist sich die Kirche auf sehr lebendige Weise ihres Geheimnisses und der apostolischen Aufgabe bewusst geworden, die ihr von ihrem Herrn übertragen wurde. Dieses Bewusstsein verpflichtet die Gemeinschaft der Gläubigen, in der Welt zu leben, wohl wissend, dass sie "der Sauerteig und die Seele der in Christus zu erneuernden und in die Familie Gottes umzugestaltenden menschlichen Gesellschaft"4 sein muss. Um dieser Verpflichtung wirksam zu entsprechen, muss sie in der Einheit bleiben und in der von ihr gelebten Communio wachsen.5 Das bevorstehende Jubiläumsereignis stellt einen starken Ansporn in dieser Richtung dar.
Der Gang der Gläubigen in das dritte Jahrtausend leidet keineswegs unter einer Ermüdung, wie sie die Last von zweitausend Jahren Geschichte mit sich bringen könnte; vielmehr fühlen sich die Christen ermuntert durch das Bewusstsein, der Welt das wahre Licht zu bringen: Jesus Christus, den Herrn. Wenn die Kirche Jesus von Nazaret als wahren Gott und vollkommenen Menschen verkündet, eröffnet sie jedem Menschen die Aussicht, "vergöttlicht" und damit mehr Mensch zu werden.6 Das ist der einzige Weg, durch den die Welt die hohe Berufung, zu der sie ausersehen ist, entdecken und in dem von Gott gewirkten Heil leben kann.
3. In diesen Jahren der unmittelbaren Vorbereitung auf das Jubeljahr bereiten sich in Übereinstimmung mit dem, was ich in meinem Schreiben Tertio millennio adveniente geschrieben habe,7 die Ortskirchen durch Gebet, Katechese und Einsatz in den verschiedenen Formen der Seelsorge auf diesen Termin vor, der die gesamte Kirche in eine neue Zeit der Gnade und Sendung hineinführt. Das Näherrücken des Jubiläums ruft zudem wachsendes Interesse bei denjenigen hervor, die nach einem geeigneten Zeichen suchen, das ihnen hilft, die Spuren der Gegenwart Gottes in unserer Zeit zu erkennen.
Die Vorbereitungsjahre auf das Große Jubeljahr wurden unter das Zeichen der Heiligsten Dreifaltigkeit gestellt: durch Christus - im Heiligen Geist - zu Gott Vater. Das Geheimnis der Dreifaltigkeit ist der Ursprung des Glaubensweges und sein letztes Ziel, wenn unsere Augen endlich auf ewig das Antlitz Gottes schauen werden. Während wir die Menschwerdung Gottes feiern, heften wir den Blick unverwandt auf das Geheimnis der Dreifaltigkeit. Jesus von Nazaret, der Gott geoffenbart hat, hat den im Herzen jedes Menschen verborgenen Wunsch nach Gotteserkenntnis erfüllt. Was die Schöpfung wie ein Siegel bewahrte, das ihr von Gottes Schöpferhand eingeprägt worden war, und was die Propheten des Alten Testaments als Verheißung angekündigt hatten, das tritt in der Offenbarung Christi endgültig in Erscheinung.8
Jesus enthüllt das Antlitz Gottes des Vaters "voll Erbarmen und Mitleid" (Jak 5,11) und macht mit der Aussendung des Heiligen Geistes das dreifaltige Geheimnis der Liebe offenbar. Es ist der Geist Christi, der in der Kirche und in der Geschichte wirkt: auf ihn muss man unablässig hören, um die Zeichen der neuen Zeit zu erkennen und im Herzen der Gläubigen die Erwartung der Wiederkunft des verherrlichten Herrn immer lebendiger zu machen. Das Heilige Jahr wird daher ein einziger, ununterbrochener Lobgesang auf die Dreifaltigkeit, auf den Allerhöchsten, sein müssen. Zu Hilfe kommen uns dabei die poetischen Worte des hl. Kirchenlehrers Gregor von Nazianz:
"Ehre sei Gott dem Vater und dem Sohn,
König des Universums.
Ehre sei dem Geist,
lobenswürdig und allheilig.
Die Dreifaltigkeit ist ein einziger Gott,
der alles schuf und ausfüllte:
den Himmel mit himmlischen Wesen
und die Erde mit irdischen.
Das Meer, die Flüsse und die Quellen
füllte er mit Wasserpflanzen,
während er alles mit seinem Geist belebte,
auf dass jede Kreatur .ihren weisen Schöpfer preise,
den einzigen Grund des Lebens
und Fortbestehens.
Mehr als jedes andere verherrliche
das vernunftbegabte Geschöpf ihn stets
als großen König und gütigen Vater".9
4. Möge sich dieser Hymnus an die Dreifaltigkeit zum Dank für die Menschwerdung des Sohnes gemeinsam erheben von all denen, die durch den Empfang der einen Taufe denselben Glauben an den Herrn Jesus Christus teilen. Der ökumenische Charakter des Jubeljahres möge ein konkretes Zeichen für den Weg sein, den die Gläubigen der verschiedenen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften vor allem in diesen letzten Jahrzehnten zurückgelegt haben. Das Hören auf den Geist soll uns alle dazu befähigen, endlich in voller Gemeinschaft die Gnade der von der Taufe eröffneten Gotteskindschaft sichtbar zu bekunden: wir alle sind Kinder eines einzigen Vaters. Der Apostel versäumt es nicht, auch für uns heute die verpflichtende Mahnung zu wiederholen: "Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist" (Eph 4,4-6). Um es mit den Worten des hl. Irenäus zu sagen: Wir können es uns nicht leisten, vor der Welt das Bild eines ausgedörrten Bodens abzugeben, nachdem wir das Wort Gottes als Regen vom Himmel empfangen haben; noch werden wir uns jemals anmaßen können, zu einem einzigen Brot zu werden, wenn wir verhindern, dass das Mehl mit Hilfe des Wassers, das in uns ausgegossen worden ist, zu einem Teig verknetet wird.10
Alle Jubeljahre sind wie eine Einladung zu einem Hochzeitsfest. Aus den über die Welt verstreuten verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften eilen wir alle zu dem Fest, das vorbereitet wird; wir bringen mit, was uns schon verbindet, und der allein auf Christus gerichtete Blick lässt uns an die Einheit glauben, die Frucht des Geistes ist. Als Nachfolger des Petrus ist der Bischof von Rom hier, um die Einladung zur Feier des Jubiläums zu bekräftigen, damit nun die zweitausendste Wiederkehr des zentralen Geheimnisses des christlichen Glaubens als Weg der Versöhnung und als Zeichen echter Hoffnung für alle erlebt werde, die auf Christus und seine Kirche, das Sakrament "der innigsten Vereinigung mit Gott und der Einheit der ganzen Menschheit",11 blicken.
5. Wie viele historische Ereignisse ruft das Jubiläumsereignis in uns wach! In Gedanken gehen wir zurück in das Jahr 1300, als Papst Bonifatius VIII., dem Wunsch des ganzen Volkes von Rom entsprechend, feierlich das erste Jubeljahr der Geschichte ausrief. Indem er auf eine uralte Überlieferung zurückgriff, wonach allen, die die Petersbasilika in der Ewigen Stadt besuchten, "reiche Nachlässe und Ablässe der Sünden" gespendet wurden, gewährte er aus jenem Anlass "nicht nur volle und reichliche, sondern sogar vollste Vergebung aller Sünden".12 Von da an hat die Kirche das Jubeljahr stets als einen bedeutsamen Abschnitt ihres Schreitens auf die Fülle Christi zu gefeiert.
Die Geschichte zeigt, mit welch leidenschaftlichem Aufbruch das Volk Gottes die Heiligen Jahre stets gelebt hat. Es sah in ihnen eine wiederkehrende Gelegenheit, bei der die Aufforderung Jesu zur Umkehr auf intensivste Weise spürbar wird. Missbräuche und Verständnislosigkeit sind im Verlauf dieses Weges nicht ausgeblieben, bei weitem größer waren aber die Zeugnisse echten Glaubens und aufrichtiger Liebe. Das beweist auf beispielhafte Weise die Gestalt des hl. Philipp Neri, der anlässlich des Jubeljahres 1550 als greifbares Zeichen für die freundliche Aufnahme der Pilger die "Caritas romana" ins Leben rief. Ausgehend von der Durchführung des Jubeljahres und den Früchten der Bekehrung, welche die Gnade der Vergebung in unzähligen Gläubigen hervorgebracht hat, ließe sich eine lange Geschichte der Heiligkeit schreiben.
6. Ich hatte während meines Pontifikates im Jahre 1983 die Freude, das außerordentliche Jubeljahr anlässlich der 1950-Jahr-Feier der Erlösung des Menschengeschlechtes auszurufen. Dieses Geheimnis, das sich im Tod und in der Auferstehung Jesu vollzogen hat, stellt den Höhepunkt eines Ereignisses dar, das mit der Menschwerdung des Gottessohnes seinen Anfang nimmt. So kann dieses Jubiläum zu Recht als "Großes Jubiläum" angesehen werden, und die Kirche äußert den lebhaften Wunsch, alle Gläubigen in ihre Arme zu schließen, um ihnen die Freude der Versöhnung anzubieten. Aus der ganzen Kirche wird der Lob- und Dankhymnus zum Vater emporsteigen, der uns in seiner unvergleichlichen Liebe in .Christus zugestanden hat, "Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes" (Eph 2,19) zu sein. Anlässlich dieses großen Festes sind auch die Anhänger anderer Religionen sowie auch alle, die dem Glauben an Gott fernstehen, herzlich eingeladen, sich an unserer Freude zu beteiligen. Als Brüder und Schwestern der einen Menschheitsfamilie überschreiten wir gemeinsam die Schwelle eines neuen Jahrtausends, das den Einsatz und die Verantwortung aller einfordern wird.
Für uns Gläubige wird das Jubiläumsjahr mit aller Klarheit die von Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung vollbrachte Erlösung herausstellen. Niemand kann nach diesem Tod von der Liebe Gottes getrennt werden (vgl. Röm 8,21-39), es sei denn durch eigene Schuld. Die Gnade der Barmherzigkeit kommt allen entgegen, damit alle, die versöhnt wurden, auch "gerettet werden [können] durch sein Leben" (Röm 5,10). Ich lege daher fest, dass das Große Jubiläum des Jahres 2000 in der Weihnachtsnacht 1999 mit der Öffnung der Heiligen Pforte der Petersbasilika im Vatikan beginnt, die der in Jerusalem und in Betlehem vorgesehenen Eröffnungsfeier und der Öffnung der Heiligen Pforte in den anderen Patriarchalbasiliken in Rom um einige Stunden vorausgehen wird. Für die Basilika Sankt Paul vor den Mauern wird die Öffnung der Heiligen Pforte auf Dienstag, 18. Januar, den Beginn der Gebetswoche für die Einheit der Christen, verlegt, um auch auf diese Weise den besonderen ökumenischen Charakter zu unterstreichen, der dieses Jubiläum kennzeichnet. Darüber hinaus lege ich für die Teilkirchen fest, dass die Eröffnung des Jubiläumsjahres am heiligen Tag des Geburtsfestes des Herrn mit einer festlichen Eucharistiefeier unter dem Vorsitz des Diözesanbischofs in der Kathedrale und auch in der Konkathedrale begangen wird. In der Konkathedrale kann der Bischof den Vorsitz der Feier einem von ihm bevollmächtigten Vertreter übertragen. Da der Ritus der Öffnung der Heiligen Pforte der Vatikanbasilika und den Patriarchalbasiliken vorbehalten ist, sind für die Eröffnung der Jubiläumszeit in den einzelnen Diözesen, entsprechend den Hinweisen im "Rituale für die Feier des Großen Jubiläums in den Teilkirchen", folgende liturgische Handlungen vorgesehen: die statio in einer anderen Kirche, von der sich dann der Pilgerzug zur Kathedrale bewegt, die liturgische Hervorhebung des Evangelienbuches und die Lesung einiger Abschnitte dieser Bulle.
Weihnachten 1999 möge für alle ein leuchtender Festtag, das Präludium zu einem besonders tiefen Erlebnis göttlicher Gnade und Barmherzigkeit sein, das bis zum Abschluss des Jubiläumsjahres andauern soll: dem Fest der Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus am 6. Januar 2001. Jeder Gläubige nehme die Einladung der Engel an, die unaufhörlich verkünden: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade" (vgl. Lk 2,14). So wird die Weihnachtszeit das pulsierende Herz des Heiligen Jahres sein, das in das Leben der Kirche die Fülle der Gaben des Geistes für eine Neuevangelisierung einbringen wird.
7. Die Einrichtung des Jubeljahres ist im Laufe ihrer Geschichte reicher geworden an Zeichen, die den Glauben des christlichen Volkes bezeugen und eine Hilfe für seine Frömmigkeit sind. Unter diesen Zeichen ist vor allem die Wallfahrt zu erwähnen. Sie spielt auf die Situation des Menschen an, der sein Leben gern als einen Weg beschreibt. Von der Geburt bis zum Tod ist es jedem Menschen eigen, homo viator zu sein. Die Heilige Schrift ihrerseits bezeugt mehrmals die Bedeutung des Brauches, dass man sich auf den Weg zu den heiligen Stätten macht; es war Brauch, dass der Israelit in die Stadt pilgerte, wo die Bundeslade aufbewahrt wurde, oder dass er entweder das Heiligtum in Bet-El (vgl. Ri 20,18) oder jenes in Schilo besuchte, wo das Gebet Hannas, der Mutter Samuels, erhört worden war (vgl. 1 Sam 1,3). Auch Jesus unterwarf sich willig dem Gesetz und zog mit Maria und Josef hinauf in die heilige Stadt Jerusalem (vgl. Lk 2,41). Die Geschichte der Kirche ist das lebendige Tagebuch einer niemals endenden Pilgerschaft. Unterwegs zur Stadt der heiligen Petrus und Paulus, zum Heiligen Land oder zu den alten und neuen Heiligtümern, die der Jungfrau Maria und den Heiligen geweiht sind: das ist das Ziel vieler Gläubiger, die auf diese Weise ihre Frömmigkeit fördern.
Die Wallfahrt ist seit jeher ein bedeutsamer Vorgang im Leben der Gläubigen gewesen, der in den verschiedenen Epochen unterschiedliche kulturelle Ausdrucksformen angenommen hat. Sie erinnert an den persönlichen Weg des Glaubenden auf den Spuren des Erlösers: eine Übung tätiger Askese, der Reue über die menschlichen Schwächen und der inneren Vorbereitung auf die Erneuerung des Herzens. Durch Wachen, Fasten und Gebet kommt der Pilger auf dem Weg der christlichen Vollkommenheit voran, indem er sich bemüht, mit Hilfe der Gnade Gottes "zum vollkommenen Menschen [zu] werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt dar[zu]stellen" (Eph 4,13).
8. Zur Wallfahrt gesellt sich das Zeichen der Heiligen Pforte, die zum ersten Mal während des Jubeljahres 1423 in der Basilika des heiligsten Erlösers im Lateran geöffnet wurde. Sie erinnert an den Übergang von der Sünde zur Gnade, den zu vollziehen jeder Christ aufgerufen ist. Jesus hat gesagt: "Ich bin die Tür" (Joh 10,7), um anzuzeigen, dass niemand zum Vater Zugang hat, außer durch ihn. Diese Selbstbestimmung Jesu bezeugt, dass er allein der vom Vater gesandte Erlöser ist. Es gibt nur einen Zugang, der den Eintritt in das Leben der Gemeinschaft mit Gott aufschließt: dieser Zugang ist Jesus, der einzige und absolute Heilsweg. Auf ihn allein lässt sich das Wort des Psalmisten in vollem Ausmaß anwenden: "Das ist das Tor zum Herrn, nur Gerechte treten hier ein" (Ps 118,20).
Der Hinweis auf die Tür erinnert an die Verantwortung jedes Gläubigen, deren Schwelle zu überschreiten. Durch jene Tür gehen, heißt bekennen, dass Jesus Christus der Herr ist, und den Glauben an ihn stärken, um das neue Leben zu leben, das er uns geschenkt hat. Es ist eine Entscheidung, welche die Freiheit der Wahl und zugleich den Mut zum Loslassen voraussetzt im Wissen darum, dass man das göttliche Leben gewinnt (vgl. Mt 13,44-46). In diesem Geist wird der Papst als erster in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1999 durch die Heilige Pforte gehen. Während er ihre Schwelle überschreitet, wird er der Kirche und der Welt das Heilige Evangelium zeigen, die Quelle des Lebens und der Hoffnung für das bevorstehende dritte Jahrtausend. Durch die Heilige Pforte, die in symbolischer Hinsicht am Ende eines Jahrtausends größer ist,13 wird uns Christus tiefer in die Kirche, seinen Leib und seine Braut, einführen. So verstehen wir, wie bedeutungsvoll der Hinweis des Apostels Petrus ist, wenn er schreibt, dass, vereint mit Christus, auch wir uns "als lebendige Steine zu einem geistigen Haus, zu einer heiligen Priesterschaft aufbauen lassen, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen" (1 Petr 2,5).
9. Ein weiteres, den Gläubigen wohlbekanntes besonderes Zeichen ist der Ablass, der eines der wesentlichen Elemente des Jubiläumsereignisses ausmacht. In ihm offenbart sich die Fülle des Erbarmens des Vaters, der mit seiner Liebe, die zuallererst in der Vergebung der Schuld zum Ausdruck kommt, allen entgegenkommt. Üblicherweise gewährt Gott Vater seine Vergebung durch das Sakrament der Buße und Versöhnung. 14 Denn der Gläubige, der sich bewusst und aus freien Stücken der schweren Sünde überlässt, trennt sich damit vom Gnadenleben mit Gott und schließt sich selbst von der Heiligkeit aus, zu der er berufen ist. Die Kirche, gestützt auf die ihr von Christus verliehene Vollmacht, in seinem Namen Schuld zu vergeben (vgl. Mt 16,19; Joh 20,23), stellt in der Welt die lebendige Gegenwart der Liebe Gottes dar, der sich über jede menschliche Schwäche niederbeugt, um sie aufzunehmen in die Umarmung seines Erbarmens. Ja, durch den Dienst seiner Kirche breitet Gott in der Welt seine Barmherzigkeit aus durch jene kostbare Gabe, die mit dem uralten Namen "Ablass" bezeichnet ist.
Das Bußsakrament bietet dem Sünder "eine neue Möglichkeit, sich zu bekehren und die Gnade der Rechtfertigung wiederzuerlangen",15 die durch das Opfer Christi erwirkt worden ist. So wird er wieder in das Leben Gottes und in die volle Teilnahme am Leben der Kirche zurückgeführt. Wenn der Gläubige seine Sünden bekennt, erhält er wirklich die Vergebung und kann, als Zeichen für die wiedergewonnene Gemeinschaft mit dem Vater und mit seiner Kirche, wieder an der Eucharistie teilnehmen. Die Kirche ist jedoch von alters her immer zutiefst davon überzeugt gewesen, dass die von Gott ungeschuldet gewährte Vergebung als notwendige Folge eine tatsächliche Lebensänderung, einen zunehmenden innerlichen Abbau des Bösen und eine Erneuerung der eigenen Existenz einschließt. Der sakramentale Akt sollte mit einer existentiellen Handlung, mit einer tatsächlichen Reinigung von der Schuld, die eben Buße genannt wird, einhergehen. Vergebung heißt nicht, dass dieser existentielle Prozeß überflüssig würde, sondern vielmehr, dass er einen Sinn erhält, dass er angenommen und aufgenommen wird.
Die eingetretene Versöhnung mit Gott schließt nämlich nicht aus, dass gewisse Folgen der Sünde zurückgeblieben sind, von denen man geläutert werden muss. Gerade in diesem Bereich gewinnt der Ablass, durch den das "Vollgeschenk des göttlichen Erbarmens"16 zum Ausdruck gebracht wird, an Bedeutung. Mit dem Ablass wird dem reuigen Sünder die zeitliche Strafe für Sünden erlassen, die hinsichtlich der Schuld schon getilgt sind.
10. Auf Grund ihrer Eigenschaft, die Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes zu verletzen sowie die persönliche Freundschaft, die Gott für den Menschen hegt, zu verachten, zieht die Sünde in der Tat eine doppelte Folge nach sich. Einerseits bringt sie, wenn es sich um eine schwere Sünde handelt, den Entzug der Gemeinschaft mit Gott und somit den Ausschluss von der Teilhabe am ewigen Leben mit sich. Dem reuigen Sünder gewährt jedoch Gott in seinem Erbarmen die Vergebung der schweren Sünde und den Nachlass der "ewigen Sündenstrafe", die sie eigentlich nach sich ziehen würde.
Außerdem "zieht jede Sünde, selbst eine geringfügige, eine schädliche Bindung an die Geschöpfe nach sich, was der Läuterung bedarf, sei es hier auf Erden, sei es nach dem Tod im sogenannten Purgatorium [Läuterungszustand]. Diese Läuterung befreit von dem, was man ,zeitliche Sündenstrafe' nennt",17 eine Sühne, durch die getilgt wird, was der vollen Gemeinschaft mit Gott und mit den Brüdern und Schwestern im Wege steht.
Auf der anderen Seite lehrt die Offenbarung, dass der Christ auf seinem Bekehrungsweg nicht allein gelassen ist. In Christus und durch Christus ist sein Leben durch ein geheimnisvolles Band mit dem Leben aller anderen Christen in der übernatürlichen Einheit des mystischen Leibes verbunden. So kommt es zwischen den Gläubigen zu einem wunderbaren Austausch geistlicher Güter, kraft dessen die Heiligkeit des einen den anderen zugute kommt, und zwar mehr als die Sünde des einen den anderen schaden kann. Es gibt Menschen, die geradezu ein Übermaß an Liebe, an ertragenem Leid, an Reinheit und Wahrheit zurücklassen, das die anderen einbezieht und aufrichtet. Es ist die Wirklichkeit der "Stellvertreterschaft", auf die sich das ganze Geheimnis Christi gründet. Seine überreiche Liebe rettet uns alle. Trotzdem gehört es zur Größe der Liebe Christi, dass sie uns nicht im Zustand passiver Empfänger belässt, sondern in sein heilbringendes Wirken und insbesondere in sein Leiden einbezieht. Das besagt die bekannte Stelle aus dem Kolosserbrief: "Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt" (1,24).
Wunderbar ausgedrückt ist diese tiefgründige Wirklichkeit auch an einer Stelle der Geheimen Offenbarung, wo die Kirche als die Braut beschrieben wird, die mit einem Gewand aus weißem Linnen, aus blendend reinem Leinen bekleidet ist. Und der hl. Johannes sagt: "Das Leinen bedeutet die gerechten Taten der Heiligen" (Offb 19,8). Denn im Leben der Heiligen wird das blendend weiße Leinen gewoben, welches das Kleid der Ewigkeit ist.
Alles kommt von Christus, aber da wir sein Eigentum sind, wird auch das, was uns gehört, zu seinem Eigentum und gewinnt eine heilbringende Kraft. Das ist gemeint, wenn man vom "Schatz der Kirche" spricht, der aus den guten Werken der Heiligen besteht. Für die Erlangung des Ablasses beten heißt, in diese geistliche Gemeinschaft eintreten und sich damit ganz den anderen öffnen. Denn auch im geistlichen Bereich lebt keiner nur für sich allein. Und die heilsame Sorge um das eigene Seelenheil wird erst dann von Furcht und Egoismus befreit, wenn sie zur Sorge auch um das Heil des anderen wird. Das ist die Wirklichkeit der Gemeinschaft der Heiligen, das Geheimnis der "stellvertretenden Wirklichkeit" und des Gebetes als Weg zur Vereinigung mit Christus und mit seinen Heiligen. Er nimmt uns zu sich, damit wir zusammen mit ihm das makellose Gewand des neuen Menschengeschlechtes weben, das Gewand der Braut Christi aus blendend weißem Leinen.
Diese Lehre über die Ablässe macht also zunächst deutlich, "wie traurig und bitter es ist, sich von Gott dem Herrn abgewandt zu haben (vgl. Jer 2, 19). Denn wenn die Gläubigen die Ablässe erwerben, begreifen sie, dass sie aus eigener Kraft nicht fähig wären, das Übel, das sie durch die Sünde sich selbst und der ganzen Gemeinschaft zugefügt haben, wiedergutzumachen; so werden sie zu heilbringenden Taten der Demut angespornt".18 Die Wahrheit von der Gemeinschaft der Heiligen, welche die Gläubigen mit Christus und untereinander verbindet, sagt uns außerdem, wie sehr ein jeder den anderen - Lebenden wie Verstorbenen - dabei helfen kann, immer inniger mit dem Vater im Himmel verbunden zu sein. Indem ich mich auf diese Lehraussagen stütze und den mütterlichen Sinn der Kirche deute, verfüge ich, dass alle Gläubigen, sofern sie angemessen vorbereitet sind, während des ganzen Jubiläumsjahres in den reichlichen Genuss des Ablassgeschenkes kommen können, wie es den dieser Bulle beigefügten Anweisungen entspricht (vgl. Dekret).
11. Diese genannten Zeichen gehören schon zur Tradition der Jubiläumsfeier. Das Volk Gottes soll es aber nicht versäumen, mit wachem Geist noch andere mögliche Zeichen für das im Jubeljahr wirksame Erbarmen Gottes zu erkennen. In dem Apostolischen Schreiben Tertio millennio adveniente habe ich auf einige solcher Zeichen hingewiesen,19 die in angemessener Weise dazu dienen können, die außerordentliche Gnade des Jubiläums intensiver zu erleben. Ich führe sie hier kurz an.
Da ist vor allem das Zeichen der Reinigung des Gedächtnisses: es verlangt von allen einen mutigen Akt der Demut, nämlich die Verfehlungen zuzugeben, die von denen begangen wurden, die den Namen Christen trugen und tragen.
Das Heilige Jahr ist seinem Wesen nach eine Zeit des Aufrufes zur Umkehr. Das ist auch das erste Wort der Verkündigung Jesu, das sich auf vielsagende Weise mit der Bereitschaft zum Glauben verbindet: "Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,15). Der Imperativ, den Christus hier setzt, folgt aus der Bewusstwerdung des Umstandes, dass "die Zeit erfüllt ist" (ebd.). Das Sich-Erfüllen der Zeit Gottes setzt sich in den Aufruf zur Umkehr um. Diese aber ist vor allem Frucht der Gnade. Der Geist ist es, der jeden dazu drängt, "in sich zu gehen" und zu merken, dass er zum Haus des Vaters zurückkehren muss (vgl. Lk 15,17-20). Die Gewissenserforschung ist also einer der bedeutsamsten Vorgänge der persönlichen Existenz. Denn durch sie wird jeder Mensch mit der Wahrheit des eigenen Lebens konfrontiert. So entdeckt er, wie weit seine Handlungen von dem Ideal entfernt sind, das er sich zuvor gesteckt hat.
Die Geschichte der Kirche ist eine Geschichte der Heiligkeit. Das Neue Testament bestätigt nachdrücklich folgende charakteristische Eigenschaft der Getauften: Sie sind in dem Maße "heilig", wie sie sich von der dem Bösen unterworfenen Welt trennen und der Verehrung des einzigen und wahren Gottes hingeben. Tatsächlich tritt diese Heiligkeit in den wechselvollen Lebensgeschichten vieler von der Kirche anerkannter Heiliger und Seliger ebenso in Erscheinung wie im Leben einer unendlichen Schar unbekannter Männer und Frauen, deren Zahl sich unmöglich errechnen lässt (vgl. Offb 7,9). Ihr Leben gibt Zeugnis von der Wahrheit des Evangeliums und bietet der Welt das sichtbare Zeichen für die Möglichkeit der Vollkommenheit. Man muss jedoch eingestehen, dass die Geschichte auch viele Ereignisse verzeichnet, die ein Antizeugnis gegenüber dem Christentum darstellen. Wegen jenes Bandes, das uns im mystischen Leib miteinander vereint, tragen wir alle die Last der Irrtümer und der Schuld derer, die uns vorausgegangen sind, auch wenn wir keine persönliche Verantwortung dafür haben und nicht den Richterspruch Gottes, der allein die Herzen kennt, ersetzen wollen. Aber auch wir haben als Söhne und Töchter der Kirche gesündigt, und es wurde der Braut Christi verwehrt, in ihrer ganzen Schönheit zu erstrahlen. Unsere Sünde hat das Wirken des Geistes im Herzen vieler Menschen behindert. Unser schwacher Glaube hat viele der Gleichgültigkeit verfallen lassen und sie von einer echten Begegnung mit Christus abgehalten.
Als Nachfolger Petri fordere ich, dass die Kirche, gestärkt durch die Heiligkeit, die sie von ihrem Herrn empfängt, in diesem Jahr der Barmherzigkeit vor Gott niederkniet und von ihm Vergebung für die Sünden ihrer Kinder aus Vergangenheit und Gegenwart erfleht. Alle haben gesündigt, und niemand kann sich vor Gott gerecht nennen (vgl. 1 Kön 8,46). Man möge ohne Furcht wiederholen: "Wir haben gesündigt" (Jer 3,25), doch soll die Gewissheit lebendig erhalten werden, dass dort, "wo die Sünde mächtig wurde, die Gnade übergroß geworden ist" (Röm 5,20). Die Umarmung, die der Vater demjenigen vorbehält, der ihm reumütig entgegengeht, wird der gerechte Lohn für das demütige Eingeständnis der eigenen und der Schuld anderer sein; es stützt sich auf das Bewusstsein von dem tiefen Band, das alle Glieder des mystischen Leibes Christi untereinander vereint. Die Christen werden aufgefordert, vor Gott und vor den Menschen, die ihr Verhalten verletzt hat, zu den von ihnen begangenen Fehlern zu stehen. Das sollen sie tun, ohne irgendetwas dafür einzufordern, stark allein durch die "Liebe Gottes, die in unsere Herzen ausgegossen ist" (Röm 5,5). Es wird nicht an Personen fehlen, die ohne Vorurteile fähig sind anzuerkennen, dass die vergangene und gegenwärtige Geschichte häufig Fälle von Ausgrenzung, Ungerechtigkeiten und Verfolgungen gegenüber den Söhnen und Töchtern der Kirche vermerkt hat und weiter vermerkt.
Niemand möge sich in diesem Jubeljahr von der Umarmung des Vaters ausschließen. Niemand verhalte sich wie der ältere Bruder im Gleichnis des Evangeliums, der sich weigert, das Haus zu betreten, um am Fest teilzunehmen (vgl. Lk 15,25-30). Die Freude über die Vergebung möge stärker und größer sein als jeder Groll. Wenn das geschieht, wird die Braut vor den Augen der Welt in jener Schönheit und Heiligkeit erstrahlen, die aus der Gnade des Herrn stammen. Seit zweitausend Jahren ist die Kirche die Wiege, in die Maria Jesus legt und ihn allen Völkern zur Anbetung und Betrachtung anvertraut. Möge durch die Demut der Braut die Herrlichkeit und Kraft der Eucharistie, die sie in ihrem Schoß feiert und bewahrt, noch stärker strahlen. Im Zeichen der konsekrierten Gestalten von Brot und Wein offenbart der auferstandene und verherrlichte Jesus Christus als Licht der Heiden (vgl. Lk 2,32) die Kontinuität seiner Menschwerdung. Er bleibt lebendig und wahrhaftig mitten unter uns, um die Gläubigen mit seinem Leib und seinem Blut zu speisen.
Der Blick sei daher fest auf die Zukunft gerichtet. Der barmherzige Vater stellt die Sünden, die wir wirklich bereut haben, nicht in Rechnung (vgl. Jes 38,17). Er vollbringt nun etwas Neues und nimmt in verzeihender Liebe den neuen Himmel und die neue Erde vorweg. Im Hinblick auf einen erneuerten Einsatz für das christliche Zeugnis in der Welt des nächsten Jahrtausends möge der Glaube erstarken, die Hoffnung wachsen und die Liebe immer tätiger werden.
12. Ein Zeichen der Barmherzigkeit Gottes, das heute besonders nötig ist, stellt die Liebe dar, die uns die Augen für die Bedürfnisse derer öffnet, die in Armut und am Rande der Gesellschaft leben. Diese Zustände erfassen heute weite gesellschaftliche Räume und bedecken mit ihrem Todesschatten ganze Völker. Die Menschheit steht neuen und subtileren Formen von Sklaverei gegenüber, als wir sie aus der Vergangenheit kennen; für allzu viele Menschen bleibt Freiheit weiterhin ein Wort ohne Inhalt. Nicht wenige Nationen, besonders die ärmsten, werden von einer Schuldenlast förmlich erdrückt, die solche Ausmaße angenommen hat, dass eine Rückzahlung praktisch unmöglich ist. Es ist allerdings klar, dass ohne die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen den Völkern aller Sprachen, Rassen, Nationalitäten und Religionen kein wirklicher Fortschritt erreicht werden kann. Es müssen Formen der Unterdrückung beseitigt werden, die zur Vorherrschaft der einen über die anderen führen: wir haben es dabei mit Sünde und Ungerechtigkeit zu tun. Wem es darum geht, nur hier auf der Erde Schätze anzuhäufen (vgl. Mt 6,19), der "ist vor Gott nicht reich" (Lk 12,21).
Außerdem muss man eine neue Kultur internationaler Solidarität und Zusammenarbeit schaffen, in der alle - besonders die reichen Länder und der private Bereich - ihre Verantwortung für ein Wirtschaftsmodell übernehmen, das jedem Menschen dient. Es darf der Zeitpunkt nicht weiter hinausgezögert werden, an dem sich auch der arme Lazarus neben den reichen Mann setzen kann, um an demselben Mahl teilzunehmen, und nicht mehr gezwungen ist, sich von dem zu ernähren, was vom Tisch des Reichen herunterfällt (vgl. Lk 16,19-31). Die extreme Armut ist Quelle von Gewalt, Groll und Skandalen. Abhilfe schaffen kann man hier nur durch aktiven Einsatz für die Gerechtigkeit und damit für den Frieden. Das Jubeljahr ist ein weiterer Aufruf zur Umkehr des Herzens durch die Änderung der Lebensweise. Es erinnert alle daran, dass sie weder die Güter der Erde absolut setzen dürfen, weil sie nicht Gott sind, noch die Herrschaft oder den Herrschaftsanspruch des Menschen, weil die Erde Gott und nur ihm allein gehört: "Das Land gehört mir, und ihr seid nur Fremde und Halbbürger bei mir" (Lev 25,23). Möge dieses Gnadenjahr das Herz derer berühren, die das Schicksal der Völker in Händen haben!
13. Ein dauerndes, aber heutzutage besonders beredtes Zeichen für die Wahrheit der christlichen Liebe ist das Gedächtnis der Märtyrer. Ihr Zeugnis soll nicht vergessen werden. Sie sind diejenigen, die das Evangelium verkündet haben, indem sie aus Liebe ihr Leben hingaben. Der Märtyrer ist vor allem in unseren Tagen Zeichen jener größeren Liebe, die jeden anderen Wert einschließt. Sein Dasein spiegelt die letzten von Christus am Kreuz gesprochenen Worte wider: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lk 23,34). Der Gläubige, der seine christliche Berufung, für die das Martyrium eine schon in der Offenbarung angekündigte Möglichkeit ist, ernsthaft erwogen hat, kann diese Perspektive nicht aus seinem Lebenshorizont ausschließen. Die zweitausend Jahre seit der Geburt Christi sind von dem beständigen Zeugnis der Märtyrer geprägt. Unser nunmehr zu Ende gehendes Jahrhundert hat vor allem als Folge des Nationalsozialismus, des Kommunismus und der Rassen- oder Stammeskämpfe zahllose Märtyrer hervorgebracht. Menschen aller Gesellschaftsschichten haben für ihren Glauben gelitten, indem sie ihr Festhalten an Christus und der Kirche mit dem Leben bezahlten oder mutig endlose Jahre der Gefangenschaft und Entbehrungen aller Art auf sich nahmen, um nicht vor einer Ideologie zurückzuweichen, die sich in das Regime einer grausamen Diktatur verwandelt hatte. Vom psychologischen Gesichtspunkt her ist das Martyrium der eindrucksvollste Beweis für die Wahrheit des Glaubens, die selbst dem gewaltsamsten Tod ein menschliches Gesicht zu geben vermag und ihre Schönheit auch in den grausamsten Verfolgungen zum Ausdruck bringt.
Erfüllt von der Gnade des kommenden Jubeljahres werden wir mit größerer Kraft den Dankhymnus zum Vater erheben und singen können: Te martyrum candidatus laudat exercitus. Ja, das ist das Heer derer, die "ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht [haben]" (Offb 7,14). Darum wird die Kirche überall auf der Erde im Zeugnis der Märtyrer verankert bleiben und ihr Gedächtnis sorgsam verteidigen müssen. Möge das Volk Gottes, das durch das Beispiel dieser glaubwürdigen Kämpfer jeden Alters, jeder Sprache und Nationalität im Glauben gestärkt ist, mit Zuversicht die Schwelle des dritten Jahrtausends überschreiten. Die Bewunderung für ihr Martyrium verbinde sich im Herzen der Gläubigen mit dem Wunsch, mit Gottes Gnade ihrem Beispiel folgen zu können, falls es die Umstände erfordern würden.
14. Die Freude über das Jubiläum wäre nicht vollkommen, wenn sich der Blick nicht derjenigen zuwendete, die in vollem Gehorsam gegenüber dem Vater für uns den Sohn Gottes leibhaftig hervorgebracht hat. In Betlehem kam für Maria "die Zeit ihrer Niederkunft" (Lk 2,6); vom Geist erfüllt, brachte sie den Erstgeborenen der neuen Schöpfung zur Welt. Nach ihrer Berufung, die Mutter Gottes zu sein, hat Maria vom Tag der jungfräulichen Empfängnis an ihre Mutterschaft voll gelebt und sie auf Golgota zu Füßen des Kreuzes gekrönt. Hier ist sie durch das wunderbare Geschenk Christi auch zur Mutter der Kirche geworden, die allen den Weg zeigt, der zum Sohn führt.
Die Jungfrau Maria war eine Frau, die sich der Stille aussetzte, die zuhören konnte und sich in die Hände des Vaters gab. Deshalb wird sie von allen Generationen als "selig" angerufen, weil sie die vom Heiligen Geist an ihr vollbrachten Wunder zu erkennen vermochte. Niemals werden die Völker aufhören, die Mutter des Erbarmens anzurufen, und immer werden sie unter ihrem Schutz Zuflucht finden. Sie, die mit ihrem Sohn Jesus und ihrem Mann Josef zum heiligen Tempel Gottes pilgerte, beschütze den Weg aller, die in diesem Jubiläumsjahr zu Pilgern werden. Besonders eindringlich möge in den nächsten Monaten ihre Fürbitte für das christliche Volk sein, damit es die Fülle der Gnade und Barmherzigkeit erlange, während es sich über die zweitausend Jahre freut, die seit der Geburt seines Erlösers vergangen sind.
An Gott Vater im Heiligen Geist gehe das Lob der Kirche für das Geschenk der Erlösung im Herrn Jesus Christus jetzt und in Ewigkeit. Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 29. November, dem ersten Adventssonntag des Jahres des Herrn 1998, im einundzwanzigsten Jahr meines Pontifikates.
Johannes Paulus PP II.
Anweisungen für die Erlangung des Jubiläumsablasses
Mit vorliegendem Dekret, das in dem vom Heiligen Vater in der Verkündigungsbulle des Großen Jubiläums des Jahres 2000 zum Ausdruck gebrachten Willens verfasst ist, und kraft der ihr von demselben Papst übertragenen Vollmacht legt die Apostolische Pönitentiarie die Ordnung fest, die für die Erlangung des Jubiläumsablasses einzuhalten ist.
Alle Gläubigen können, wenn sie entsprechend vorbereitet sind, während des ganzen Jubeljahres gemäß den im folgenden ausgeführten Bestimmungen in den reichlichen Genuss des Ablassgeschenkes gelangen.
Unter der Voraussetzung, dass die sowohl in allgemeiner Form wie auf besonderes Reskript hin gewährten Ablässe während des Großen Jubiläums in Kraft bleiben, wird daran erinnert, dass der Jubiläumsablass den Seelen der Verstorbenen durch Fürbittgebet zugewendet werden kann: mit diesem Angebot wird eine hervorragende Übung übernatürlicher Liebe vollbracht, kraft des Bandes, durch das im mystischen Leib Christi die noch auf Erden pilgernden Gläubigen mit jenen vereint sind, die ihren irdischen Lebensweg schon abgeschlossen haben. Auch während des Jubeljahres bleibt überdies die Regelung in Geltung, dass ein vollkommener Ablass nur einmal am Tag gewonnen werden kann.1
Der Höhepunkt des Jubiläums ist die Begegnung mit Gott Vater durch den Erlöser Jesus Christus, der in seiner Kirche besonders in ihren Sakramenten gegenwärtig ist. Deswegen hat der ganze Weg des Jubeljahres, von der Wallfahrt vorbereitet, als Ausgangs- und Endpunkt die Feier des Bußsakramentes und der Eucharistie, des Paschamysteriums Christi also, der unser Friede und unsere Versöhnung ist: das ist die verwandelnde Begegnung, die auf das Geschenk des Ablasses für sich und für andere hin öffnet.
Nach Ablegung der sakramentalen Beichte, die ordentlicherweise nach can. 960 CIC und nach can. 720 § 1 CCEO persönlich und vollständig sein muss, kann der Gläubige durch Erfüllung der verlangten Anordnungen das Geschenk des vollkommenen Ablasses während einer angemessenen Zeitfrist auch täglich empfangen oder zuwenden, ohne die Beichte wiederholen zu müssen. Es ist jedoch besser, dass die Gläubigen häufig die Gnade des Bußsakramentes empfangen, um in der Bekehrung und Reinheit des Herzens zu wachsen.2 Die Teilnahme an der Eucharistie, die für jeden Ablass notwendig ist, soll am selben Tag erfolgen, an dem die vorgeschriebenen Werke erfüllt werden.3
Mit diesen zwei herausragenden Momenten müssen vor allem das Zeugnis der Gemeinschaft mit der Kirche einhergehen, das durch ein Gebet nach Meinung des Heiligen Vaters bekundet wird, sowie auch die Ausführung von Handlungen der Nächstenliebe und der Buße nach den weiter unten gegebenen Anweisungen: solche Handlungen sollen jene echte Umkehr des Herzens zum Ausdruck bringen, zu der die Gemeinschaft mit Christus in den Sakramenten hinführt. Denn Christus ist unsere Vergebung und die Sühne für unsere Sünden (vgl. 1 Joh 2,2). Indem er den Heiligen Geist, der "die Vergebung aller Sünden ist",4 in die Herzen der Gläubigen ausgießt, bringt er jeden zu einer kindlichen und vertrauensvollen Begegnung mit dem Vater des Erbarmens. Dieser Begegnung entspringen die Bemühungen um Umkehr und Erneuerung, um kirchliche Gemeinschaft und Liebe zu den Brüdern und Schwestern. Auch für das kommende Jubiläum wird die Regelung bestätigt, wonach die Beichtväter für diejenigen, die rechtmäßig verhindert sind, sowohl das vorgeschriebene Werk als auch die geforderten Bedingungen ändern können.5 Die klausurierten Ordensmänner und Ordensfrauen, die Kranken und alle, die nicht imstande sind, ihre Wohnung zu verlassen, können statt des Besuches einer bestimmten Kirche die Kapelle ihres Hauses aufsuchen; sollte auch das nicht möglich sein, können sie den Ablass dadurch erlangen, dass sie sich geistig mit denen verbinden, die das vorgeschriebene Werk in ordentlicher Weise erfüllen, und dass sie Gott ihre Gebete, Leiden und Entbehrungen aufopfern.
Was die Erfüllung der Bedingungen betrifft, so werden die Gläubigen den Jubiläumsablass erlangen können:
1) In Rom, wenn sie eine Wallfahrt zu einer der Patriarchalbasiliken - der Basilika Sankt Peter im Vatikan oder der Erzbasilika des Heiligsten Erlösers am Lateran oder der Basilika Santa Maria Maggiore oder der Basilika Sankt Paul an der Via Ostiense - unternehmen und dort mit Andacht an der hl. Messe oder an einer anderen liturgischen Feier, wie den Laudes oder der Vesper, oder an einer Frömmigkeitsübung (z. B. Kreuzweg, Rosenkranz, Gebet des Hymnus Akathistos zu Ehren der Muttergottes) teilnehmen; außerdem, wenn sie als Gruppe oder einzeln eine der vier Patriarchalbasiliken besuchen und dort für eine angemessene Zeit in Verehrung der Eucharistie und in andächtiger Betrachtung verweilen und diese dann mit dem "Vaterunser", mit einer anerkannten Form des Glaubensbekenntnisses und mit der Anrufung der seligen Jungfrau Maria abschließen. Zu den vier Patriarchalbasiliken kommen bei diesem besonderen Anlass des Großen Jubiläums folgende andere Stätten zu denselben Bedingungen hinzu: die Basilika Santa Croce in Gerusalemme, die Basilika San Lorenzo al Verano, das Heiligtum der Muttergottes von der Göttlichen Liebe (Madonna del Divino Amore), die christlichen Katakomben.6
2) Im Heiligen Land, wenn sie unter Beachtung derselben Bedingungen die Grabeskirche in Jerusalem oder die Geburtskirche in Betlehem oder die Verkündigungsbasilika in Nazaret besuchen.
3) In den anderen kirchlichen Jurisdiktionsbereichen, wenn sie eine Wallfahrt zur Kathedrale oder zu anderen vom Bischof bestimmten Kirchen oder Orten machen und dort andächtig an einer liturgischen Feier oder einer anderen Frömmigkeitsübung teilnehmen, wie sie oben für die Stadt Rom angegeben wurden; außerdem, wenn sie als Gruppe oder einzeln die Kathedrale oder ein vom Bischof bestimmtes Heiligtum besuchen, dort für eine angemessene Zeit in andächtiger Betrachtung verweilen und diese dann mit dem "Vaterunser", mit einer anerkannten Form des Glaubensbekenntnisses und mit der Anrufung der seligen Jungfrau Maria abschließen.
4) An jedem Ort, wenn sie (1) für eine angemessene Zeit Brüder und Schwestern, die sich in Not oder Schwierigkeiten befinden (Kranke, Gefangene, einsame alte Menschen, Behinderte usw.), besuchen, dabei gleichsam zu Christus pilgern, der in diesen Menschen gegenwärtig ist (vgl. Mt 25, 34-36), und die üblichen geistlichen und sakramentalen Bedingungen, einschließlich der vorgeschriebenen Gebete, erfüllen. Die Gläubigen werden sicher solche Besuche im Laufe des Heiligen Jahres wiederholen; bei jedem dieser Besuche können sie den vollkommenen Ablass erlangen, natürlich nur einmal am Tag.
Den vollkommenen Jubiläumsablass kann man auch (2) durch Unternehmungen erlangen, welche die Bußgesinnung, die gleichsam die Seele des Jubiläums ist, konkret und hochherzig in die Tat umsetzen. Sie bestehen unter anderem darin, dass die Gläubigen sich wenigstens einen Tag lang überflüssigen Konsums enthalten (z. B. nicht rauchen, keine alkoholischen Getränke zu sich nehmen, entsprechend den allgemeinen Normen der Kirche und den Einzelbestimmungen der Bischofskonferenzen fasten oder Enthaltsamkeit üben) und eine angemessene Geldsumme den Armen zuwenden; (3) dass sie mit einem ansehnlichen Beitrag Werke religiösen oder sozialen Charakters unterstützen (besonders zu Gunsten verwahrloster Kinder, in Schwierigkeiten geratener Jugendlicher, bedürftiger alter Menschen und Fremder in den verschiedenen Ländern auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen); (4) dass sie einen angemessenen Teil ihrer Freizeit Tätigkeiten widmen, die der Gemeinschaft zugute kommen, oder dass sie andere ähnliche Formen persönlichen Opfers auf sich nehmen.
Rom, aus der Apostolischen Pönitentiarie, am 29. November 1998, dem ersten Adventssonntag.
WILLIAM WAKEFIELD Kard. BAUM
Großpönitentiar
+LUIGI DE MAGISTRIS
Regens
Anmerkungen zu "Incarnationis mysterium"
1Vgl. II. VAT. KONZIL, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 22.
2 Vgl. Nr. 1: AAS 71 (1979), 258.
3 Vgl. JOHANNES PAUL II., Apostol. Schreiben Redemptionis anno (20. April 1984): AAS 76 (1984), 627.
4 II. VAT. KONZIL, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 40.
5 Vgl. JOHANNES PAUL II., Apostol. Schreiben Tertio millennio adveniente (10. November 1994), 36: AAS 87 (1995), 28.
6 Vgl. II. VAT. KONZIL, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 41.
7 Vgl. Nr. 39-54: AAS 87 (1995), 31-37.
8 Vgl. II. VAT. KONZIL, Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum, 2.4.
9 Lehrgedichte, XXXI, Hymnus alias: PG 37, 510-511.
10 Vgl. Adversus haereses, III, 17: PG 7, 930.
11 II. VAT. KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 1.
12 Bulle Antiquorum habet (22. Februar 1300): Bullarium Romanum III/2, S. 94.
13 Vgl. JOHANNES PAUL II., Apostol. Schreiben Tertio millennio adveniente (10. November 1994), 33: AAS 87 (1995), 25.
14 Vgl. JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Reconciliatio et paenitentia (2. Dezember 1984), 28-34: AAS 77 (1985), 250-273.
15 Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1446.
16 JOHANNES PAUL II., Bulle Aperite portas Redemptori (6. Januar 1983), 8: AAS 75 (1983), 98.
17 Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1472
18 PAUL VI., Apostol. Konstitution Indulgentiarum doctrina (1. Januar 1967), 9: AAS 59 (1967), 18.
19 Vgl. Nr. 33.37.51: AAS 87 (1995), 25-26; 29-30; 36.
Anmerkungen zu den Anweisungen für die Erlangung des Jubiläumsablasses
1 Vgl. Enchiridion indulgentiarum, LEV 1986 norm. 21, § 1.22
2 Vgl. ebd., norm. 23, §§ 1-2.
4 "Quia ipse est remissio omnium peccatorum": Missale Romanum, Super oblata, Sabbato post Dominicam VII Paschae.
5 Vgl. Ench. indulg., norm. 27.
6 Vgl. Ench. indulg., conces. 14
Liturgie
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Liturgie der Feier auf dem Petersplatz am 12. März 2000 zum Beginn der Fastenzeit im Heiligen Jahr |
ALLGEMEINES GEBET
SCHULDBEKENNTNIS UND VERGEBUNGSBITTE
Gebetseinladung
Der Heilige Vater:
Liebe Brüder und Schwestern, lasst uns vertrauensvoll zu Gott unserem Vater rufen, der barmherzig und langmütig ist, reich an Erbarmen, Liebe und Treue. Er möge die Reue seines Volkes annehmen, das in Demut seine Schuld bekennt, und ihm seine Barmherzigkeit schenken.
Alle verharren im stillen Gebet.
I. ALLGEMEINES SCHULDBEKENNTNIS
Ein Vertreter der Römischen Kurie:
Lass unser Bekenntnis und unsere Reue vom Heiligen Geist beseelt sein. Unser Schmerz sei ehrlich und tief. Und wenn wir in Demut die Schuld der Vergangenheit betrachten und unser Gedächtnis ehrlich reinigen, dann führe uns auf den Weg echter Umkehr.
Stilles Gebet.
Der Heilige Vater:
Herr unser Gott, du heiligst deine Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit immerfort im Blut deines Sohnes. Zu allen Zeiten weißt du in ihrem Schoß um Glieder, die durch ihre Heiligkeit strahlen, aber auch um andere, die dir ungehorsam sind und dem Glaubensbekenntnis und dem heiligen Evangelium widersprechen. Du bleibst treu, auch wenn wir untreu werden. Vergib uns unsere Schuld und lass uns unter den Menschen wahrhaftige Zeugen für dich sein. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.
R. Amen.
Kantor:
R. Kyrie, eleison; Kyrie, eleison; Kyrie, eleison.
Die Gemeinde antwortet: Kyrie, eleison; Kyrie, eleison; Kyrie, eleison.
Vor dem Kruzifix wird ein Licht entzündet.
II. BEKENNTNIS DER SCHULD IM DIENST DER WAHRHEIT
Ein Vertreter der Römischen Kurie:
Lass jeden von uns zur Einsicht gelangen, dass auch Menschen der Kirche im Namen des Glaubens und der Moral in ihrem notwendigen Einsatz zum Schutz der Wahrheit mitunter auf Methoden zurückgegriffen haben, die dem Evangelium nicht entsprechen. Hilf uns Jesus Christus nachzuahmen, der mild ist und von Herzen demütig.
Stilles Gebet.
Der Heilige Vater:
Herr, du bist der Gott aller Menschen. In manchen Zeiten der Geschichte haben die Christen bisweilen Methoden der Intoleranz zugelassen. Indem sie dem großen Gebot der Liebe nicht folgten, haben sie das Antlitz der Kirche, deiner Braut, entstellt. Erbarme dich deiner sündigen Kinder und nimm unseren Vorsatz an, der Wahrheit in der Milde der Liebe zu dienen und sich dabei bewusst zu bleiben, dass sich die Wahrheit nur mit der Kraft der Wahrheit selbst durchsetzt. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.
R. Amen.
R. Kyrie, eleison; Kyrie, eleison; Kyrie, eleison.
Vor dem Kruzifix wird ein Licht entzündet.
III. BEKENNTNIS DER SÜNDEN GEGEN DIE EINHEIT DES LEIBES CHRISTI
Ein Vertreter der Römischen Kurie:
Lass das Eingeständnis der Sünden, die die Einheit des Leibes Christi verwundet und die geschwisterliche Liebe verletzt haben, den Weg ebnen für die Versöhnung und die Gemeinschaft aller Christen.
Stilles Gebet.
Der Heilige Vater:
Barmherziger Vater, am Abend vor seinem Leiden hat dein Sohn darum gebetet, dass die Gläubigen in ihm eins seien: Doch sie haben seinem Willen nicht entsprochen. Gegensätze und Spaltungen haben sie geschaffen. Sie haben einander verurteilt und bekämpft. Wir rufen inständig dein Erbarmen an und bitten dich um ein reumütiges Herz, damit alle Christen sich in dir und untereinander aussöhnen. In einem Leib und einem Geist vereint, sollen sie die Freude über die volle Gemeinschaft wieder erleben dürfen. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.
R. Amen.
R. Kyrie, eleison; Kyrie, eleison; Kyrie, eleison.
Vor dem Kruzifix wird ein Licht entzündet.
IV. SCHULDBEKENNTNIS IM VERHÄLTNIS ZU ISRAEL
Ein Vertreter der Römischen Kurie:
Lass die Christen der Leiden gedenken, die dem Volk Israel in der Geschichte auferlegt wurden. Lass sie ihre Sünden anerkennen, die nicht wenige von ihnen gegen das Volk des Bundes und der Seligpreisungen begangen haben, und so ihr Herz reinigen.
Stilles Gebet.
Der Heilige Vater:
Gott unserer Väter, du hast Abraham und seine Nachkommen auserwählt, deinen Namen zu den Völkern zu tragen: Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen. Wir bitten um Verzeihung und wollen uns dafür einsetzen, dass echte Brüderlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.
R. Amen.
R. Kyrie, eleison; Kyrie, eleison; Kyrie, eleison.
Vor dem Kruzifix wird ein Licht entzündet.
V. SCHULDBEKENNTNIS FÜR DIE VERFEHLUNGEN GEGEN DIE LIEBE, DEN FRIEDEN, DIE RECHTE DER VÖLKER, DIE ACHTUNG DER KULTUREN UND DER RELIGIONEN
Ein Vertreter der Römischen Kurie:
Lass die Christen auf Jesus blicken, der unser Herr ist und unser Friede. Gib, dass sie bereuen können, was sie in Worten und Taten gefehlt haben. Manchmal haben sie sich leiten lassen von Stolz und Hass, vom Willen, andere zu beherrschen, von der Feindschaft gegenüber den Anhängern anderer Religionen und den gesellschaftlichen Gruppen, die schwächer waren als sie, wie etwa den Einwanderern und Zigeunern.
Stilles Gebet.
Der Heilige Vater:
Herr der Welt, Vater aller Menschen, durch deinen Sohn hast du uns gebeten, auch den Feind zu lieben, denen Gutes zu tun, die uns hassen, und für die zu beten, die uns verfolgen. Doch oft haben die Christen das Evangelium verleugnet und der Logik der Gewalt nachgegeben. Die Rechte von Stämmen und Völkern haben sie verletzt, deren Kulturen und religiösen Traditionen verachtet: Erweise uns deine Geduld und dein Erbarmen! Vergib uns! Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.
R. Amen.
R. Kyrie, eleison; Kyrie, eleison; Kyrie, eleison.
Vor dem Kruzifix wird ein Licht entzündet.
VI. BEKENNTNIS DER SÜNDEN GEGEN DIE WÜRDE DER FRAU UND DIE EINHEIT DES MENSCHENGESCHLECHTES
Ein Vertreter der Römischen Kurie:
Lasst uns für alle beten, die in ihrer menschlichen Würde verletzt und deren Rechte unterdrückt wurden. Lasst uns beten für die Frauen, die allzu oft erniedrigt und ausgegrenzt werden. Wir gestehen ein, dass auch Christen in mancher Art Schuld auf sich geladen haben, um sich Menschen gefügig zu machen.
Stilles Gebet.
Der Heilige Vater:
Herr unser Gott, du bist unser Vater. Du hast den Menschen als Mann und Frau erschaffen, nach deinem Bild und Gleichnis. Die Verschiedenheit der Völker in der Einheit der Menschheitsfamilie hast du gewollt. Doch mitunter wurde die gleiche Würde deiner Kinder nicht anerkannt. Auch die Christen haben sich schuldig gemacht, indem sie Menschen ausgrenzten und ihnen Zugänge verwehrten. Sie haben Diskriminierungen zugelassen aufgrund von unterschiedlicher Rasse und Hautfarbe. Verzeih uns und gewähre uns die Gnade, die Wunden zu heilen, die deiner Gemeinschaft aufgrund der Sünde noch immer innewohnen, damit wir uns alle als deine Söhne und Töchter fühlen können. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.
R. Amen.
R. Kyrie, eleison; Kyrie, eleison; Kyrie, eleison.
Vor dem Kruzifix wird ein Licht entzündet.
VII. BEKENNTNIS DER SÜNDEN AUF DEM GEBIET DER GRUNDRECHTE DER PERSON
Ein Vertreter der Römischen Kurie:
Lasst uns beten für alle Menschen auf der Erde, besonders für die Minderjährigen, die missbraucht wurden, für die Armen, Ausgegrenzten und Letzten. Lasst uns für diejenigen beten, die am wenigsten Schutz genießen, für die ungeborenen Kinder, die man im Mutterleib tötet, oder jene, die gar zu Forschungszwecken von denen benützt werden, die Missbrauch getrieben haben mit den von der Biotechnologie gebotenen Möglichkeiten. So haben sie die Ziele der Wissenschaft entstellt.
Stilles Gebet.
Der Heilige Vater:
Gott unser Vater, du hörst stets auf den Schrei der Armen. Wie oft haben dich auch die Christen nicht wiedererkannt in den Hungernden, Dürstenden und Nackten, in den Verfolgten und Gefangenen, in den gerade am Anfang ihrer Existenz schutzlos Ausgelieferten. Für all jene, die Unrecht getan haben, indem sie auf Reichtum und Macht setzten und mit Verachtung die "Kleinen" straften, die dir so am Herzen liegen, bitten wir um Vergebung: Erbarme dich unser und nimm unsere Reue an. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.
R. Amen.
R. Kyrie, eleison; Kyrie, eleison; Kyrie, eleison.
Vor dem Kruzifix wird ein Licht entzündet.
Schlussgebet
Der Heilige Vater:
Barmherziger Vater, dein Sohn Jesus Christus, der Richter über Lebende und Tote, hat in der Niedrigkeit seines ersten Kommens die Menschheit aus der Sünde befreit. Wenn er wiederkommt in Herrlichkeit, wird er für alle Schuld Rechenschaft fordern von unseren Vätern, von unseren Brüdern und Schwestern und von uns, deinen Dienern. Vom Heiligen Geist bewegt, kehren wir mit reumütigem Herzen zu dir zurück. Schenke uns dein Erbarmen und die Vergebung der Sünden. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.
R. Amen.
Zum Zeichen der Reue und Verehrung umarmt und küsst der Heilige Vater das Kruzifix.