Predigt am Jahrestag des Todes einer verunglückten Schülerin
4. Juni 2022 - Aloisiuskolleg, Kollegskirche Bonn-Bad Godesberg
Predigt (Hebr)
1.
- Ein Jahr ist vergangen. Vermutlich ist niemand unter uns, für den das ja nicht Veränderungen gebracht hat für manche sogar viele. Es ist das erste Jahr nach Ihrem Abitur, ein Jahr mit Ortswechsel, neuem Schub der Pandemie, Eskalation des Kriegs in der Ukraine – und wahrscheinlich vielen persönlichen Erlebnissen.
- Heute müssen wir feststellen, dass sich zwar vieles verändert hat, eines aber gleich geblieben ist: N. fehlt. Alle Abiturienten des letzten Jahres "fehlen" in der Wahrnehmung hier in der ehemaligen schulen. Zu manchen nur ist manchmal Kontakt. Aber N. fehlt, auch wenn sie eingeladen wäre. Sie ist heute vor einem Jahr gestorben. Ihrer Familie fehlt sie bis heute jeden Tag. Auch viele von ihnen sind daheim ausgezogen, aber N. wird nicht zurückkommen.
- Der Tod hat etwas von Ewigkeit. Er nimmt Menschen, die leben sollten und sie werden immer fehlen.
2.
- Die Verstorbenen, so hoffe ich als Christ, sind 'bei Gott im Himmel'. Auch Muslime sind von dieser Zuversicht getragen, dass es eine Wirklichkeit gibt, in der wir leben, auch wenn wir auf Erden gestorben sind. Vorstellen können wir uns das nie. Die Vorstellungen, die es gibt, sind meist unzureichend oder gar kitschig.
- Die Brücke, die mir hilft zu verstehen, was meine Hoffnung ist heißt: Leben ist immer Beziehung. Gelungenes Leben ist Liebe. Wenn es also so etwas gibt wie das ewige Leben, dann besteht es darin, dass es eine Beziehung gibt, die stärker ist als der physische Tod, ein Sturz vom Dach. Ich vertraue darauf, dass Gott eine so starke Beziehung zu uns Menschen haben kann – eine liebende Beziehung zu jedem Menschen! – dass dies den Tod überwindet, wo wir uns nicht dagegenstellen.
- Die Verstorbene im Himmel ist irgendwie zwischen unserem wechselvollen Leben hier und Gottes ewigem Leben.
3.
- Wir Menschen verändern uns durch Begegnungen mit anderen – können verändern, wenn wir nicht sehr abweisend sind. Wie viel sich in Ihrem Leben dadurch verändert hat, dass Sie Jahre Ihrer Schulzeit mit N. verbracht haben? Nicht einmal einem selbst wird das ganz bewusst sein. Oder doch? Vielleicht können unter Ihnen einige sagen, dass ihr Leben anders geworden wäre ohne die Begegnung mit N.. Wir Menschen verändern uns durch Begegnungen mit anderen.
- Vielleicht das größte Mysterium des christlichen Glaubens ist dies: Auch Gott wandelt sich in Beziehungen. Gott – sie oder er – ist unwandelbar ein Gott, der sich wandelt. Die Menschwerdung in Jesus Christus ist die Verwandlung Jesu in Beziehungen zu Menschen hinein. Das gehört zu Gottes ewigem Wesen. Im Hebräerbrief haben wir gehört: "Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und auch in Ewigkeit!" – derselbe bedeutet; derselbe, den seine Freunde damals erlebt haben: der, der mit ihnen geht, der sich berühren lässt und verletzlich ist. So ist Gott auf ewig.
- N. fehlt. Vielleicht können Sie vertrauen, dass sie in dem, was wir 'Himmel' und 'Paradies' nennen, lebt. Ich hoffe so sehr für ihre Familie, dass sie das kann. Dass wir darauf vertrauen, dass die Beziehung zu N. eine lebendige sein kann, bis heute, für alle, die ihr im Vertrauen auf Gottes Wirklichkeit verbunden sind: Dass auch eine liebe Verstorbene auf diese Weise mit Gott unseren Weg begleitet.