Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zu Weihnachten am Morgen 2023

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25.12.2023 - St. Peter, Sinzig

1. Kreppche luure

  • Das Rheinland ist voller Überraschungen. Als Zuwanderer, wie ich einer bin, entdeckt man immer Neues.
    So etwa, dass es im katholischen Rheinland (es gibt auch das evangelische, aber das kenne ich nicht so), nicht wie im Rest der Kirche sieben, sondern zehn Sakramente gebe. Das erstaunt. Wird man doch Christ durch die heilige Taufe und Firmung, vertieft und heilt diese durch die Beichte, empfängt den Leib Christi in der Gemeinschaft des Glaubens in der Heiligen Eucharistie, bezieht die Kranken in diese Gemeinschaft ein durch die Krankensalbung und gibt den Ehepaaren und dem priesterlichen Dienst einen Ort durch die Sakramente von Ehe und Weihe. Das sind sieben.

  • Das zehnte Sakrament in Köln hingegen (bis herauf ins Ahrtal) ist "Kreppche luure" – das andächtig staunende Betrachten der kleinen und großen Weihnachtskrippen in unseren Kirchen1.
    Es gibt zwar noch das achte und neunte Sakrament. Auch sie sind dem Rheinländer heilig, aber leider im Niedergang begriffen, wie auch die sieben Sakramente miteinander. Nummer acht, habe ich gelernt, ist wahlweise oder gemeinsam "Bläsiessäje" (der Blasiussegen) und/oder "Aschekrützje" (das Aschenkreuz). Besonders praktisch für den Glauben ist das neunte Sakrament, weil es dem Rheinländer erlaubt, katholisch zu sein und dennoch nicht so viel beten zu müssen: "Tant em Kluster". Hat man eine Nonne in der Familie, betet die schon für den Rest mit. Aber auch Nonnen sind hierzulande selten geworden.

  • Was aber nach wie vor zahlreich und prächtig ist, sind die Weihnachtskrippen. "Kreppche luure" gehört untrennbar zu Weihnachten dazu. Und so wird das zehnte Sakrament gerne und viel empfangen: Kleine und Große stehen vor der Krippe und wirken verwandelt, still, andächtig und staunend. Ja, was wir mit Andacht bestaunen, kann uns verwandeln!

2. Die Spirale der Gewalt

  • Wer zu sehen vermag, sieht in der Krippe weit mehr, als man anschauen kann. Er sieht die ganze Geschichte, die hier nur angedeutet ist. Das "Kreppche luure" verdankt seine Faszination einem Vorgang, der zum menschlichen Sehen immer hinzugehört. Wir sehen nicht nur, was das zu sehen ist, sondern auch die Geschichte, um die wir wissen, dahinter dem Bild (Phantasmata nennt das die Psychologie).

  • Doch leider ist dieses Phänomen nicht nur beim Betrachten der Weihnachtskrippe anzutreffen. Es ist auch an der Wurzel von unendlich, unselig viel Gewalt. Allzu oft, haben Menschen eine Geschichte im Kopf, die sie meint etwas sehen zu lassen, was weit über das hinausgeht, was tatsächlich zu sehen ist.
    Rassismus und Feindschaft funktionieren genau so. Man hat über 'diese Anderen' etwas gehört. Man hat über einen von 'denen' etwas gelesen. Man hat sich durch ein paar geschickte Posts weiter in diese Richtung treiben lassen, hat nicht gemerkt, wie autokratische Systeme solche Mechanismen anfeuern: Und just sieht der Eine im Anderen nicht mehr einen individuellen Menschen, eine Person, sondern nur noch 'den Anderen': 'den Russen' und 'den Ukrainer', 'den Araber' und 'den Israeli'. Das sind dann keine Menschen mehr und keine Person.
    Ja, selbst wenn ich persönlich einen treffe, 'sehe' ich nur, das was die Geschichte über 'die da' mich zu sehen gelehrt hat. Antisemitismus ist dieser Mechanismus auf die Spitze getrieben, weil hier noch alle Verschwörungsmythen hinzukommen, die aus 'dem Juden' wahlweise einen verachtungswürdigen Untermenschen oder einen gefährlichen Erfolgsmenschen machen1. Und gegen den so zum Objekt der Phantasie herabgewürdigten ist dann schnell Gewalt legitimiert.

  • Mir scheint: So funktioniert die Spirale der Gewalt, deren Zeuge wir immer wieder werden. Indem Menschen „die Anderen“ in ihrem Denken und Sprechen verunmenschlichen, ermächtigen sie sich, selbst zu Unmenschen zu werden3. Bevor die Hamas-Terroristen bestialisch wahllos über Israelis und alle, die sich dort aufgehalten haben, hergefallen sind, hatten sie sich gegenseitig immer wieder darin bestärkt, im Israeli die Bestie zu sehen, zu der sie selber geworden sind. Und da diese Terrorgruppen in ihrem Gebiet erfolgreich Recht und Gesetz zerschlagen haben, gibt es auch kein Recht und keinen Richter, vor dem sie sich verantworten müssten, wie dies auf Seiten Israels der Fall ist (oder war, bis die jetzige Regierung die israelischen Siedler rechtsfrei gestellt zu haben scheint).

3. Gott im Menschen sehen

  • Die biblischen Lesungen vom Weihnachtsfest blenden Vision vom Frieden die Realität der Gewalt nicht aus. Sie erzählen vielmehr von Gottes Antwort darauf. Sie erzählen davon, wie Gott seine Gegengeschichte schreibt, die es den Menschen ermöglicht, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen.

  • Dies beginnt damit, den Anderen Menschen zu entdecken. Dazu ist Gott selbst Mensch geworden. Im Kind im Stall von Betlehem schauen wir den Armen, den Flüchtling, den Fremden, den Anderen. Das Kind in der Krippe beinhaltet bereits das ganze Evangelium: Dieser wird zu denen am Rand gehen, und in der Folge selbst an den Rand gedrängt. Dieser ist es, den wir schauen sollen, sehen und verstehen, wenn wir die Krippe sehen. "Kreppche luure" ist der Weg, auf dem Weihnachten Frieden stiften kann.

  • Weihnachten kann für uns zur Einladung Gottes werden, den Menschen, dem wir begegnen, als unverwechselbar besonderen zu sehen, nicht als Vertreter einer Gruppe von 'Anderen'. Das kann niemand von uns für sich alleine. Das schaffen wir nur gemeinsam, indem wir uns nach unseren unverwechselbaren Geschichten fragen, zuhören, für einander da sind.
    Die russische Familie lebt unter uns wie die ukrainische. Es leben Israelis unter uns und Juden, die für alles mitverantwortlich gemacht werden, was der Staat Israel tut; aber es leben auch viele Palästinenser in Deutschland, christliche und muslimische. Es sind Flüchtlinge unter uns aus Ländern, die der Terror zugrunde gerichtet hat.
    Weihnachten bedeutet daher für mich: Gott lädt mich ein, die Krippe zu sehen und mich durch seine Gegenwart verändern zu lassen. Der so oft schleichende Antisemitismus in unseren Köpfen ist ebenso wie alle anderen Schablonen über Menschen nur zu besiegen, wenn wir vor jedem einzelnen Menschenleben stehen bleiben, schauen, staunend und berührt wie vor dem Kind in der Krippe.


    1 https://www.kirche-im-wdr.de/startseite?tx_krrprogram_pi1%5Bformatstation%5D=2&tx_krrprogram_pi1%5Bprogramuid%5D=87499&cHash=34d11fd4c2fc6a2c8028ec645aee0220
    2 Das ist das Unterscheidende, was den Antisemitismus so einzigartig macht: Nicht nur das Verschwörungstheorien auf kurz oder lang immer auf "den Juden" hinauslaufen, mag es ihn empirisch geben oder nicht. 'Der Jude' kann gleichzeitig bewundert und verachtet werden, ist gleichzeitig der raffende Erfolgsmensch und der erbärmliche Schnorrer.
    3 Für diese Einsicht danke ich den immer wieder beeindruckenden Schneisen, die der Kameruner Achilles Mbembe (Kritik der schwarzen Vernunft, Berlin 2017) in die Strukturen und das Denken unserer Zivilisation schlägt.