Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zu Neujahr 2016

1. Januar 2016 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

1. Zweifel

  • "Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland." Für diesen letzten Satz, gesprochen am Tag der Deutschen Einheit vor fünf Jahren, hat der damalige Bundespräsident von seinen konservativen Parteifreunden viel Prügel einstecken müssen.
  • Nach dem Sommer und Herbst 2015 hat das "inzwischen auch" wahrscheinlich eine neue Bedeutung gefunden. Damals war es ein Statement. Die Information war nicht neu. Nicht einmal der Satz war neu; den hatte Innenminister Schäuble schon vier Jahre zuvor gesprochen. Jetzt aber war es für manche offenbar unerhört, dass ein Bundespräsident mit diesem Satz offiziell die historische Zugehörigkeit "des Islam" und nicht nur einzelner Muslime zu Deutschland proklamiert hat. Ich aber denke, dass das als ein Fortschritt gewertet werden kann, weil damit Identität nicht mehr nur an irgend welchen verwehten, weit zurück liegenden Epochen fest gemacht wird, sondern auch an der unmittelbaren Vergangenheit und Gegenwart. Was immer daraus folgt: Allein ein Faktum anerkennen zu können ist ein Fortschritt.
  • Zum Beginn des neuen Jahres möchte ich dennoch ein paar skeptische Gedanken an dieses Zitat von Christian Wulff knüpfen - und zwar schon an den ersten Teil der Aussage. Denn hier werden Judentum und Christentum für nationale Geschichte - und das noch "zweifelsfrei" - vereinnahmt. Mir wird zunehmend deutlich, dass hier Zweifel dringend angebracht sind, wenn nicht beide, politische Gesellschaft und Nation auf der einen und Judentum und Christentum auf der anderen Seite, weiter Schaden nehmen sollen. Was das für den Islam bedeutet, wäre ein zusätzliches Thema.

2. Diaspora

  • "Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland." Für Historiker mag das zweifelsfrei sein. Aber ist es das für uns Christen?
    Es gibt einen nicht zu überschätzenden Einschnitt in der Geschichte Israels, an der wir als Christen teilhaben. Sechshundert Jahre vor Christus wurde Jerusalem erobert und zerstört und die Elite des Volkes nach Babylon verschleppt. An die sechzig Jahre dauerte das so genannte Babylonische Exil des Volkes Israel. In diesen Jahren hat sich entschieden, dass der Bund Gottes mit seinem Volk nicht an eine politische Ordnung in einem Land gebunden ist. Spätestens seit dem gab und gibt es das Volk Israel nicht nur im historischen Land Israel, sondern auch in der Diaspora (griechisch 'Zerstreutheit').
  • Diese Glaubenserfahrung war wesentlich auch für diejenigen aus den Völkern des griechisch-römischen Kulturkreises, die sich den christlichen Juden durch die Taufe angeschlossen haben und mit ihnen die Kirche bildeten - Gottes Volk zerstreut unter den Völkern. Diese doppelte Identität, Zugehörigkeit zum Volk Gottes und Zugehörigkeit zu einer Nation unter vielen, ist dem christlichen Glauben tief eingeschrieben. Immer wieder gab und gibt es die Notwendigkeit, an diese Spannung zu erinnern, weil sich die Kirche in ihrer konkreten Form zu sehr mit einer Nation und Kultur verbunden hat.
  • Meine Skepsis gegenüber dem "gehört zweifelsfrei zu Deutschland" hat hier ihren Grund. Ich würde gerne Zweifel aufrechterhalten. Ja, wir Christen können uns nach unserem Selbstverständnis loyal gegenüber dem Staat und der Gesellschaft verhalten, zu der wir gehören, solang diese in ihren Grundsätzen nicht der Würde widerspricht, die Gott jedem Menschen unwiderruflich verliehen hat. Aber gerade deswegen ist ein mitlaufender Zweifel, ein nicht abbrechendes Fragen und Hinterfragen unerlässlich.
    • Die Skepsis gilt für das Jahrtausend, in dem in Europa die Kirche sich eng mit der politischen und wirtschaftlichen Herrschaft verbunden hat - vom Papst bis hin zum letzten Benifiziats-Priester in einer vom örtlichen Herren abhängigen Kapelle. (Vom lutherischen Büdnis mit den Fürsten und Städten ganz zu schweigen.) Diese enge Verbindung von Kirche und Herrschaft hat dem Glauben letztlich Schaden zugefügt, der ihn spätestens in der Neuzeit für allzu viele unglaubwürdig gemacht hat.
    • Die Skepsis gilt aber meiner Meinung nach auch für die seit der Aufklärung einsetzende Vereinnahmung des christlichen Glaubens als Instrument, um in der Gesellschaft und dem Staat die richtigen Werte aufrecht zu erhalten. Und genau in diesem Sinne wird das Christentum und das Judentum immer noch in der deutschen Wertedebatte vereinnahmt. Diese Instrumentalisierung zur Beförderung von Moralität hat den Glauben in den letzten zweihundert Jahren von der anderen Seite her ausgehöhlt. Die gelebte Beziehung zu Gott ist dabei weit zurück getreten und vom Glauben meist nur das übrig gelassen worden, was den moralischen Zwecken der Gesellschaft dienlich erscheint.

3. Umbau

  • Der Umbau der Kirche - zumindest der katholischen -, der derzeit in Deutschland beginnt, steht für mich in diesem Zusammenhang. Die alte Struktur der Pfarreien ist zusammen gebrochen: Strukturen, wo der Pfarrer der Alleinherrscher und Mittelpunkt eines territorial umschriebenen Bereiches ist und unter dessen Verantwortung alles fällt, das kirchlich geschieht. Die Struktur hatte sich teilweise transformiert, indem an die Stelle des Pfarrers andere Hauptamtliche und Gremien getreten sind. Nun aber ist diese Struktur grundsätzlich an ihr Ende gekommen. Sie war in dieser Form im 19. Jahrhundert entstanden und hatte nur unter den besonderen Bedingungen dieser Epoche funktioniert. Die neuen Verwaltungseinheiten, Großpfarreien, Pastorale Räume oder wie auch immer sie heißen mögen, werden anfangs versuchen, wie früher die Pfarreien eine allzuständige Struktur sein. Aber zum Glück wird das an der schieren Größe scheitern, denn dann hat der Heilige Geist Chancen, etwas Neues entstehen zu lassen. Ich halte den Weg zu Pastoralen Räumen daher im Grundsatz für völlig richtig.
  • Die alte Struktur lebte und überlebte nicht zuletzt aus der engen Verbindung mit dem Staat, dem sie nützlich war und immer noch zu sein scheint. Ich habe nicht das geringste Problem damit, wenn der gelebte christliche Glaube hilft, eine freiheitliche demokratische und soziale Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und Politik zu schaffen. Aber wenn wir unseren Zweck und Sinn darin sehen - und vielleicht nur noch darin sehen - einer kalten Welt etwas Nächstenliebe einzuhauchen, dann zerbricht der Glaube, weil nicht mehr Gott ihr Mittelpunkt ist.
    Entsprechend müssen die kirchlichen Strukturen sich von der Illusion der Allzuständigkeit lösen und von der anderen Seite her anfangen: Dort wo gelebter Glaube ist, schafft er sich die Strukturen, die er braucht, um nicht sektiererisch zu sein, sondern die eine katholische Kirche an vielen Orten. In diesem Sinn kann die Eucharistie auch der Mittelpunkt des Glaubens der Menschen aus den vielen Gruppen, Gemeinschafen und Familien sein, statt eine flächende Heilsversorgung. Dann relativiert sich übrigens auch der viel beklagte Priestermangel.
  • Analog dazu sehe ich im Bereich der Lehre die Bemühungen des Papstes, die Glaubenslehre davon zu befreien, ein starres Gehäuse zu sein, das um seiner selbst willen aufrecht erhalten bleibt. Statt dessen ist die katholische Lehre dort stark, wo sie gelebtem Glauben eine Richtung und Form zu geben vermag und im gemeinsamen Bekenntnis die Einheit der Kirche bewahrt. Wenn Papst Franziskus uns einlädt, im Glauben ein Jahr der Barmherzigkeit zu feiern, dann meint er genau dies: Die gelebte Zuwendung, der gelebte Glaube, die Barmherzigkeit ist die Quelle und der Ausgangspunkt für eine Kirche, die unter den Völkern zerstreut Volk Gottes ist und Zeugnis dafür ablegt. Amen.

Nachbemerkung: Ich könnte mir vorstellen, dass auch der deutsche Staat in einer pluralen Welt gut daran täte, keine aktive Religionsförderungspolitik (mehr) zu machen, sondern den Religionen gleichsam absichtslos den Freiheitsraum zu lassen, den sie brauchen. Dafür muss keine Kirchensteuer abgeschafft werden. Aber dazu müssen rechtliche Formen gefunden werden, wie verschiedene Religionsgemeinschaften als Teil der Gesellschaft existieren können. Der Staat muss sich dabei davon befreien, Religionen danach zu bewerten, ob sie moralisch nützlich und dienlich sind. Das kann gleichsam ein willkommener Nebeneffekt sein, nie aber das Resultat gezielten staatlichen Handelns. Der Staat kann und sollte von den Religionsgemeinschaften verlangen, dass sie sich an die Gesetze halten und dass sie sich dazu bekennen, dass man sich daran halten soll. Alles andere geht den Staat nichts an. Die wertmäßigen Überzeugungen des Grundgesetzes können nur durch gelebte Demokratie und solidarische Wirtschaft glaubwürdig werden, nicht durch dafür geförderte Religionen.