Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum Valentinssegen 2011 (Jesus Sirach)

13. Februar 2011 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

Dies ist die Mauskriptvorlage zur Predigt. Im Gottesdienst wurde die Predigt mit einem Kontrapunkt durch den Kaberetisten Matthias Brodowy versehen. Klicken Sie auf Podcast-Predigt und hören Sie den Mitschnitt! Direkt anschließend an die Predigt wurde in dem Gottesdienst der Valentinssegen gespendet.

1. Euer Ja sei ein Ja

  • "Euer Ja sein ein Ja, euer Nein ein Nein." Wer möchte diesem Rat aus der Bergpredigt widersprechen. Aber ist das Leben nicht oft zu kompliziert dafür?
    Stellen Sie sich, meine Herren, nur einen einzigen Tag, ja, nur einen Abend zusammen mit ihrer Frau (oder Freundin) vor, an dem sie gemäß dieser Maxime miteinander sprächen. Stellen Sie sich vor, auf die Frage, ob sie dieses oder jenes wolle, würde ihre Frau mit 'Ja' oder 'Nein' antworten. Statt dessen kommt ein 'Ja, aber' oder eine Gegenfrage: 'Warum willst du das von mir wissen?'. Die Männer sind darin auch nicht besser. Manche Ehemänner sollen schon mit der Frage überfordert sein, ob ihnen ein Viereinhalb-Minuten Frühstücksei recht ist.
  • Sicherlich hatte Jesus, der zölibatäre Jungeselle, nicht die Abgründe ehelicher Konversation vor Augen. Er bringt seine Forderung im Zusammenhang des Themas 'Schwören'. Menschen bringen es fertig bei den heiligsten Schwüren - "read my lips!" - das Gegenteil dessen zu versprechen, was sie tun. Oder, sollten sie Rechtsanwälte sein, halten sie sich so viele Hinterausgänge frei, dass ihr Schwur nicht mehr viel hergibt. Darauf zielt die Forderung Jesu: "Euer Ja sein ein Ja, euer Nein ein Nein."
  • Aber das Mit- oder Gegeneinander der Geschlechter ist doch noch immer die Experimentierstube der Kommunikation. Vielleicht darf ich daher die These wagen, dass das Problem tiefer liegt als eine einfache moralische Forderung, an die man sich einfach hält: von nun an 'Ja' zu sagen, wenn man 'Ja' meint.
    Es ist weniger, dass jemand von uns der Forderung widersprechen würde. Vielmehr ist das Leben schon so zu kompliziert und in der Seele zu viel Chaos, um dieses einfache 'Ja' zu schaffen. Dazu müsste ich erst einmal selber wissen, was ich will, und dann in der Lage sein, dies dem anderen so zu vermitteln, dass daraus nicht noch größeres Missverstehen wird.

2. Freiheit zum Ja und Nein

  • Ist es nicht oft so? Ich weiß selbst nicht genau, was ich will. Und dennoch verteidige ich es, als ginge es um alles. Was will ich, suche ich, begehre ich? Wenn das schon nicht klar ist, wie kann ich mich dann in Freiheit entscheiden? Das Buch aus dem Alten Testament, dem unsere heutige Erste Lesung entnommen ist, handelt davon. Jesus wird diesen Text seines berühmten Namensvetters, des Jesus Ben Sirach, gekannt haben. Er verweist uns auf die tiefere Schicht. "Der Mensch hat Leben und Tod vor sich; was er begehrt, wird ihm zuteil." Vor allen Einzelfragen liegt die entscheidende, die ich doch eigentlich nur mit 'Ja' beantworten kann: Will ich das Leben?
  • Nicht Gott, nicht ein Schicksal, erst recht nicht die Sterne entscheiden über "Leben und Tod", sondern der Mensch selbst. Ben Sirach ist dabei optimistisch: Wir Menschen können herausfinden, was wir wollen. Wir sind nicht zur Unentschiedenheit verdammt (1). Mehr noch: Wir können das erhalten und finden, was wir suchen und begehren. Zwar können uns andere Steine in den Weg legen; nicht jeder Wunsch geht in Erfüllung. Aber über das Letzte angesichts von Leben und Tod bestimmen wir selbst.
  • "Was er begehrt, wird ihm zuteil," dieser Satz wird dem zynisch vorkommen, dessen Liebe enttäuscht und dessen Engagement herunter gemacht wird. Aber auch noch im Scheitern, auch noch in der Enttäuschung ist es an uns, zu entscheiden, wie wir uns gegenüber den Enttäuschungen verhalten und ob sie Macht über uns haben.

3. Begehren

  • Gerade in einer Beziehung gilt: Wenn der eine einfach alles bekäme, was er begehrt, dann kann das nie klappen. Aber gerade ein solches oberflächliches Begehren ist von Jesus Sirach nicht gemeint. Vielmehr können wir tief in uns Bedürfnisse und Begehren entdecken, die nicht habsüchtig und verwerflich sind, sondern ganz der Güte entsprechen, in der uns Gott geschaffen hat.
  • Viele Konflikte rühren daher, dass wir auf dieses oder jenes Mittel zur Stillung unserer tiefsten Bedürfnisse fixiert sind. Wir sind uns nicht im Klaren über unsere Ziele und setzen daher die Mittel absolut.
    Häufig geht es dabei um Anerkennung. Ich will respektiert und geliebt sein. Das ist das tiefe Bedürfnis und Begehren. Aber es gibt viele Formen, in denen ich das erfahren könnte. Dennoch verrenne ich mich leicht. Diese eine Form der Anerkennung muss es jetzt sein. Aber vielleicht würde das andere verletzen oder erniedrigen. Dann ist der Beziehungskrieg da.
    Wenn es gelänge, dahin zu kommen, nicht das Mittel zur Bedürfnisbefriedigung, sondern dieses Bedürfnis selbst als Grund zu entdecken und anzunehmen, dann könnten wir miteinander nach Wegen suchen, es zu stillen. Wenden Sie dieses Muster auf Ihre Konflikte an, und Sie werden erstaunt sein, wie oft es genau so ist.
  • Liebe ist, einander zu helfen, das behutsam freizulegen, was unsere tiefsten Bedürfnisse sind. Dies geht nur, wenn zwei Menschen 'Ja' und nicht 'Ja, aber' zu einander sagen. Wenn dies gelingt, dann werden wir merken, dass vor allen unseren Entscheidungen Gott zu uns 'Ja' gesagt hat, indem er ein gutes Wollen in unsere Seele gesenkt hat. Die Gebote, die Jesus in der Bergpredigt ohne Einschränkung bestätigt, sind nicht gegen unser eigenes Wollen gerichtet, sondern legen die Bedürfnisse und die Sehnsucht frei, die wir annehmen dürfen, und die liebende Menschen einander zugestehen können. Dann gilt in dieser Beziehung das 'Ja' - und wo es einmal nötig sein sollte auch das 'Nein'. Amen.

Anmerkung

1. Ich denke, auf eine eigene Weise gilt das auch für Menschen, die mit einer psychischen Erkrankung zu kämpfen haben, die sie vorderhand daran hindert.