Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 17. Sonntag im Lesejahr A 2005 (Matthäus)

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24. Juli 2005 - Universitätsgottesdienst Frankfurt/Main

1. Schatz

  • Stellen Sie sich vor, der Jackpot wäre mit einem sicheren Tipp zu knacken. Der Fall ist irreal, aber man kann es sich ja einmal vorstellen, sie wüssten sicher, es gäbe nur noch tausend Lose und eines davon enthielte die sichere Nummer. Wahrscheinlich würden Sie sich verbotener Weise Insider-Informationen zunutze machen. Auch das sei beiseite gelassen. Ein Los und Sie hätten mit zig Millionen ausgesorgt! Würden Sie nicht alle Sparbücher auflösen, Auto und HiFi-Anlagen verkaufen, Haus und Grundstück belasten und alles zusammenkratzen, um die Lose zu kaufen, da Sie dann mit vielen Millionen alles hätten, was Sie wollen? Sie wären reich und unabhängig. Und, was dann?
  • Stellen Sie sich vor, Sie würden einen Menschen treffen, der alle nur denkbaren Vorzüge in sich vereint, charmant und intelligent, vermögend, fleißig und anpassungsfähig ist. Ja, stellen Sie sich vor, dieser Mensch wäre zugleich die große Liebe Ihres Lebens. Sie lieben ihn und er liebt sie? Sie würden den Menschen heiraten, der Sie wie keinen anderen, den Sie wie keinen anderen lieben. Und, was dann?
  • Jedes erreichbare Glück kann nicht der Sinn des Lebens sein. Immer bleibt die Frage, wie der nächste Tag, die nächsten Monate und Jahre aussehen. Wir Menschen sind vorsichtig alles aufzugeben um des Einen willen - und wo wir es dennoch tun, stellt es sich bald als Dummheit heraus. Deswegen verortet Jesus das Reich, von dem er spricht, in den Himmeln. Zwar ist er überzeugt, dass dieses Reich bereits angefangen hat und diese Wirklichkeit schön gegenwärtig ist. Es kann aber nicht mit einer irdischen Realität oder einem beschreibbaren Glückszustand einfach hin identifiziert werden. Das Himmelreich ist mitten unter uns und ragt doch weit über uns hinaus. Deswegen spricht Jesus von diesem Reich und dieser Wirklichkeit nur in Gleichnissen.

2. Gegenwart

  • Der Kaufmann und der Schatzfinder im Evangelium haben eines gemeinsam. Sie verkaufen alles, um das Eine zu erwerben. Im Kontext der Urgemeinde wurde das ganz konkret verstanden. Aber auch bis heute machen Christen die Erfahrung, dass der Wirklichkeit des Himmels die Kraft innewohnt, dass manche Menschen alles verlassen, und sich etwa einem Orden anschließen. Andere brechen alle Brücken hinter sich ab, um den Ärmsten der Armen zu dienen. Sie geben damit Zeugnis davon, dass sie einer Wirklichkeit trauen und einem Verkünder vertrauen, der Gottes Wirklichkeit unter uns Raum gibt. Darum verkaufen sie alles. Das Gleichnis kann dabei - und wird für die meisten Christen - im übertragenen Sinn verstanden. Denn man kann das Evangelium nicht kaufen wie einen Acker oder eine Perle. Das Gleichnis aber gib einen Geschmack davon, dass es lohnt, dennoch sein ganzes Leben auf diese Karte zu setzen. Das haben Kaufmann und Schatzfinder gemeinsam.
  • Die beiden Gleichnisse zeigen aber auch einen wichtigen Unterschied. Deswegen sind es zwei. Der Kaufmann war eifrig auf der Suche nach einer herausragenden Perle. Der andere Mann ist zufällig auf einen der Schätze gestoßen, die vergraben wurden, um sie vor plündernden Soldaten zu verstecken. Das Himmelreich kann also ganz verschieden gefunden werden. Für die einen ist die Begegnung mit der Verkündigung Jesu das Ergebnis einer langen Suche. Anderen passiert es. Sie lernen einen Christen kennen, merken, dass hier eine Wirklichkeit aufscheint, der zu öffnen sich lohnt.
  • Schatz und Perle stehen beide für eine diesseitige Erfahrung. Bei "Himmelreich" mehr noch als bei "Reich Gottes" sind wir leicht geneigt, es jenseits des Todes zu platzieren. Jesus aber verkündigt ein Reich, das schon mitten unter uns ist. Es harrt auf Vollendung und Offenbar-Werdung. Das Himmelreich, das Königreich der Himmel, ist eine Wirklichkeit unter uns.

3. Vollendung

  • Springen wir ans Ende des Abschnitts. "Jeder Schriftgelehrte", sagt Jesus, "der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt." Alt und neu, das meint die Erfahrung des Alten Bundes, Gesetz und Propheten, und die neue Wirklichkeit, die das Alte erfüllt. Das Neue hebt das Alte nicht auf, es erfüllt es. Vor allem bringt Jesus sein Volk Israel und jeden Menschen in die Entscheidung. Radikaler als dies im Alten Testament der Fall ist, steht Jesus, der Menschensohn, für die Entscheidung zwischen Leben und Tod. Jesus bringt die Krisis, die Entscheidung: Gottes Liebe oder die Verweigerung, in der sich der Mensch aus dieser Liebe ausschließt.
  • lm Schleppnetz des Fischers findet sich vieles. Dies ist ein Bild für uns, die Kirche. In einem der Gleichnisse hatte Jesus deutlich gemacht, dass es nicht an uns und nicht hier die Zeit ist, dass wir uns anmaßen über Heil oder Unheil zu entscheiden. Wir sollen nicht den Fehler Adams wiederholen und vom Baum der Einteilung in "gut" und "böse" essen. Wohl aber sollen wir uns entscheiden. Um dieser Entscheidung willen wählt Jesus das drastische Wort: "Die Engel werden kommen und die Bösen von den Gerechten trennen und in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen."
  • All das macht deutlich, dass sich an Jesus und seiner Botschaft unser Leben entscheidet. Was das inhaltlich bedeutet, wird er in einem anderen Gleichnis sagen: "Was ihr dem geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan", wird der Weltenrichter sprechen. Der Schatz, den zu heben sich lohnt, ist diese Hinwendung zu den Menschen, diese Liebe, die allein erst alles andere wirklich wertvoll macht. Amen.