Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 19. Sonntag im Lesejahr A 2005 (Matthäus)

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7. August 2005 - Universitätsgottesdienst Frankfurt/Main,

1. Eine Gotteserscheinung

  • Selten viele Details sind spannend und wichtig im heutigen Evangelium. Dass Jesus nicht nur die Leute, sondern auch die Jünger wegschickt, um allein zu sein und zu beten, ist interessant; dass er dazu auf einen Berg geht; dass die Jünger miteinander im Boot heftig zu rudern haben, um gegen die widrigen Wind anzukommen; dass Jesus aus dem Gebet heraus kommend auf dem Wasser geht, als hätte er die Urflut bezwungen; dass die Jünger ihn nicht erkennen, sondern schreien, wie vor einem Gespenst; dass Jesus ihnen antwortet, sie bräuchten keine Angst zu haben, all das ist interessant und kann für den Glauben wichtig sein.
  • Welches Detail oder welcher Teil der Erzählung besonders anspricht, ist wahrscheinlich nicht nur unter uns höchst unterschiedlich. Es gab und gibt auch Zeiten, bei denen mich an diesem Evangelium anderes mehr, anderes weniger beschäftigt. Wenn ich es jetzt lese, scheint mir spontan am spannendsten die eine Frage zu sein: Warum steigt Petrus aus dem Boot? Wie kommt Petrus auf die Idee zu sagen: "Herr, wenn du es bist, so befiel, dass ich auf dem Wasser zu dir komme"?
  • Die Gehversuche Petri auf dem Wasser sind eindrucksvoll. Wie gut versteht man die aufkommende Angst nach dem ersten Entschluss, "als er sah, wie heftig der Wind war". Jesus wird dem Petrus seinen Kleinglauben vorhalten. Erst als beide zusammen wieder im Boot sind, wird aus der ganzen Begebenheit eine Gotteserscheinung: "Die Jünger im Boot fallen vor Jesus nieder und sagen: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn." Davor aber steht der Ausstieg Petri aus dem Boot.

2. Glaube

  • Der Glaube ist eine Frage des Willens. Irgendwann im Laufe einer Glaubensbeziehung und meiner Biographie kommt die Entscheidung, dies zu wollen und zu tun. Nicht immer ist es die große Entscheidung, aufgrund derer alles anders wird. Häufiger sind es viele kleine Entscheidungen, durch die ich Gott im Ablauf meines Tages, meiner Woche und meines Jahres Raum gebe. Hier spricht nicht eine Liebe, die überfallartig meinen Willen außer Kraft setzt, sondern der eigene Wille, sich auf den Weg dieser Liebe zu machen. Dennoch ist der Glaube nicht einfachhin Willenssache. Er ist es wahrscheinlich auch nicht überwiegend.
  • Auch ist der Glaube eine Sache des Verstandes. Keiner kann sich heute davon dispensieren, sich zu fragen, ob es vernünftig ist, an Gott zu glauben und daran, dass Gott in der Geschichte der Welt sich ein Volk beruft, in diesem Volk selbst als Mensch lebt, um so allen Menschen Anteil zu geben an der Bundesgemeinschaft, die die Bibel bezeugt. Die erste Lesung aus dem Römerbrief macht das exemplarisch deutlich. Dort denkt Paulus über den Bund Gottes mit Israel nach und betont, was die Christen in vielen Jahrhunderten verdrängt haben: dass Gott seinem Volk Israel treu bleibt. Deswegen kann auch heute niemand christlich Glauben, der nicht über das Verhältnis Gottes zu den Juden nachdenkt. Ohne Gottes Treue zu Israel wäre Jesus nur ein irregeleiteter Spinner mit ein paar liebenswürdigen Sentenzen. Um christlich zu glauben, können wir auf den Verstand nicht verzichten und nicht auf die Diskussion und die Auseinandersetzung mit dem Glauben anderer Religionen. Dennoch ist der Glaube nicht einfachhin Verstandessache. Er ist es wahrscheinlich auch nicht überwiegend.
  • Zu aller erst ist der Glaube die Berührung einer anderen Wirklichkeit. Der Weg dorthin ist individuell sehr verschieden und hat bei jedem vielfache Facetten. Den einen ergreift das Gespür, dass Liebe eine Kraft ist, von der in jeder Liebe zu einem anderen Menschen und zur Schöpfung die eine größere Liebe aufscheint, die mehr ist als jedes Bruchstück. Den anderen geht im Nachdenken über das Woher und Wohin, im Abwägen der verschiedenen Botschaften und im Reflektieren auf den von den Eltern übernommenen Glauben auf, dass in der Tat die Wirklichkeit mehr ist als das, was wir sehen, messen und wiegen können und dass die Geschichte mehr ist als ein von Psychologie und Soziologie zu bestimmendes Gemenge. Wie auch immer der Weg ist, er führt zur Berührung der Wirklichkeit, die wir Gott nennen.

3. Gottes Wirklichkeit

  • Petrus steigt aus dem Boot, um zu sehen, ob diese Wirklichkeit trägt. Er ist ausgespannt zwischen zwei Erfahrungsreihen. Die eine beginnt bei seiner physikalischen Realität und ist für einen Fischer vielfach erprobt. Über Wasser läuft man nicht. Die andere beginnt bei seinem jüdischen Glauben an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, und dieser Glaube ist auf Jesus gestoßen, der ihn aus seinem Fischerboot heraus berufen hat. Damals schon ist Petrus ausgestiegen.
  • Petrus steigt aus dem Boot, weil er vertraut. "Herr, wenn du es bist, so befiel, dass ich auf dem Wasser zu dir komme." Das ist kein blindes Vertrauen, sondern gewachsen auf der Beziehung zu Jesus. Lange schon hat Petrus gespürt, dass Jesus bevollmächtigter Bote der anderen Wirklichkeit, der Wirklichkeit Gottes ist. Auf sein Wort hin traut sich Petrus. In der bedrängenden Situation des Seesturms hatten die Jünger den auf dem See Wandelnden für ein Gespenst gehalten. Jesus sagt ihnen: "Ich bin es". Darin klingt die Offenbarung des Gottesnamens wider. "Ich bin der 'Ich-bin-da'", hatte der Herr dem Mose offenbart. Gegenwart, Dasein für uns, ist der Name Gottes in der Bibel (Ex 3,14; vgl. Jes 48,12, Jer 27,5, auch Mk 13,6). Gottesbegegnung ist Berührung dieser reinen Gegenwart.
  • Petrus steigt aus, weil Gottes Gegenwart ihn berührt hat. Seine Geschichte geht weiter, aber seit er Jesus begegnet ist, steht sie unter diesem Stern. Nach den ersten Gehversuchen auf dem Wasser, in der ihn die größere Wirklichkeit trägt, überfällt ihn wieder die alte Angst, dass die so real sich gebärdende Wirklichkeit des Sturmes wirklicher sei, als das "sanfte, leise Säuseln", in dem schon der Prophet Elija Gott begegnet ist. Der Sturm ist heftig. Noch einmal überfällt Petrus die Angst, so wie es später angesichts der Verhaftung Jesu die Angst vor der römischen Militärgewalt sein wird. Aber Petrus ist schon jetzt so weit, dass er in seiner Angst einen Namen hat, den er anruft: "Jesus, Herr, rette mich!" Es ist eine Vorahnung von Ostern, wenn Jesus die Hand ausstreckt, um Petrus zu halten. Petrus hat sich nicht falsch entschieden, er hat richtig erkannt und gespürt: Die Wirklichkeit Gottes wird mich tragen. Amen