Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 2. Fastensonntag Lesejahr A 2023 (2. Timotheus)

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5. März 2023 - St. Peter, Sinzig

1. Unter Armen

  • "Erzählt niemand von dem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist." – Jesus ist kein Geheimniskrämer. Geheimniskrämer halten mit Krämerseele etwas geheim. Jesus will stattdessen Hüter des Geheimnisses: Menschen die seine Wahrheit hüten als etwas, das wertvoll ist. Was die drei Jünger auf dem Berg der Verklärung gesehen haben, müssen sie erst leben lernen, bevor sie es verkünden können.
  • "… bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist", markiert die Zeit, in der das Kreuz als Zeichen des Glaubens aufgerichtet ist. Das Kreuz ist dabei etwas, für das man sich eigentlich schämt. Die Scham für den, dem wir vertraut haben, und der als Verbrecher hingerichtet wurde. Erst wenn klar ist: Die Herrlichkeit und das Licht, die Petrus, Jakobus und Johannes geschaut haben, ist das Licht des Kreuzes, erst dann kann darüber christlich gesprochen werden.
  • Davor ist die Gefahr viel zu groß, dass wir nur eine weitere Stimme sind, die Reichtum und Macht, Erfolg und Ansehen preisen und den Mächtigen dieser Welt nachrennen. Dann sind es doch wieder die Menschen die alles machen wollen – und doch nur Unheil anrichten. Eine Kirche, in der die Sehnsucht nach Anerkennung und Status größer ist als die Sehnsucht, dem Gekreuzigten nahe zu sein, verdunkelt das Geheimnis der Herrlichkeit Christi, statt das Geheimnis zu hüten und als Glaubenszeugnis zu leben.

2. Sehnsucht

  • Christen haben eine merkwürdige Sehnsucht. Allerdings ist uns das oft nicht bewusst. Wir haben, glaube ich, alle eine Sehnsucht, Gott nah zu sein, uns von seiner Gegenwart und Liebe tragen zu lassen und daraus zu leben.
  • Aber Gott ist uns in Christus nahe. Christus aber ist der Gekreuzigte. Paulus, als er den Brief schreibt, ist ebenfalls unter Anklage im Gefängnis. Er wird ebenfalls als Verbrecher hingerichtet werden. Ich ahne, dass für die Christen der ersten Stunde wie Timotheus das noch sehr schwer zu verdauen war. Auf einer gewissen Ebene schämen sie sich für ihren Glauben. Als gesetzestreue Bürger schämen sie sich.
    Doch als Christus glauben sie: Die Gesetze, aufgrund derer Christus hingerichtet wurden, sind nicht Gottes Gesetz des Lebens, sondern die Gesetze menschlicher Anmaßung. Wenn Paulus von Christus schreibt, dass er "seinetwegen im Gefängnis" ist, dann kann er auf diese Schmach stolz sein.
  • Die Sehnsucht, Gott nah zu sein, erfüllt sich für Christen in der Nähe zu Christus. Über die Herrlichkeit des Christus, die Jakobus, Johannes und Petrus auf dem Berg geschaut haben, können und dürfen sie erst reden, wenn sie diesem Christus nahe sind im Menschensohn, der krank ist, obdachlos oder im Gefängnis. "… das habt ihr mir getan" überliefert Matthäus als Kriterium beim Weltgericht. Die christliche Sehnsucht nach Gottes Nähe und Liebe ist also im Tiefsten die Sehnsucht, "seinetwegen im Gefängnis", seinetwegen nicht geachtet, seinetwegen schwach zu sein.

3. Demut

  • Christus "hat uns gerettet; mit einem heiligen Ruf hat er uns gerufen, nicht aufgrund unserer Werke". Diesen Ruf anzunehmen bedeutet Demut. Nicht um der Anerkennung willen, nicht um aufgewertet zu werden, nicht um Rat gefragt zu werden, nicht um Zustimmung zu finden, nicht um gelobt zu werden.
  • Allzu oft wurde die Forderung nach Demut benutzt, um Menschen klein zu machen. Daher hat der Begriff so einen merkwürdigen Klang der Nähe zum klerikalen Denken. Dabei waren es die Theologen, die Christus verurteilt haben, und waren es Apostel, die vom Kreuz geflohen sind.
  • Wenn Christen um Demut beten, dann nicht aus Minderwertigkeitskomplexen, sondern weil sie sich schon "aus Gnade" Gottes und "schon vor ewigen Zeiten" berufen fühlen, Gottes Herrlichkeit zu schauen und daraus zu leben. Allein aus dieser Gewissheit, dass Gott mein Vater ist, kann ich um Demut bitten.
    Und ich werde entdecken, wovon der "Retter Christus Jesus" zu retten vermag: Von der Angst, verachtet zu werden und keine Anerkennung zu finden, ausgelacht zu werden und Unrecht zu erleiden. Sind wir von dieser Angst befreit, sind wir frei, zu lieben, wie Gott uns liebt. Das ist meine Sehnsucht.